Ethnic Armenians of Nagorno-Karabakh enclave: a never-ending displacement since the '90s

Sonntagsmesse im Kloster Gandsassar im Januar 2021: Knapp drei Jahre später mussten die Armenier aus Bergkarabach fliehen. Heute erklärt Baku das armenische Kloster zum Erbe der kaukasischen Albaner. © EPA/Christophe Petit Tesson

Geschichtsfälschung mit Diplomaten-Begleitung

Amalia van Gent /  Baku erklärt armenische Klöster in Bergkarabach zu «kaukasisch-albanischem» Erbe. Die EU schaut zu – aus «Realpolitik».

Mitte September hat die aserbaidschanische Regierung das diplomatische Korps des Landes zu einem zweitägigen Besuch in Bergkarabach eingeladen. Mit rund 150 Vertretern aus 58 Ländern und neun internationalen Organisationen reisten aus der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku in diese ferne, gebirgige Region praktisch alle diejenigen mit, die in der Diplomatie des Südkaukasus eine Rolle spielen wollten.

Stalins vergiftetes Erbe

Die internationale Diplomatie zählte den Konflikt um Bergkarabach jahrzehntelang zu den sogenannten «frozen conflicts», den «ruhig gestellten» Konflikten. Wie bei vielen anderen Konflikten im Raum der Ex-Sowjetunion handelte es sich auch bei Bergkarabach um ein Erbe Josef Stalins. Obwohl sich die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung (damals bis zu 90 Prozent) aus Armeniern zusammensetzte, ordnete Stalin die kleine Enklave in den 1920er Jahren dem Territorium Aserbaidschans zu. Die Rechnung für diese «Teile-und-Herrsche»-Strategie zahlten die Völker im Südkaukasus 70 Jahre später.

Der erste Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach brach aus, als ein sogenanntes «Austrittsgesetz» der UdSSR vom 3. April 1990 die sowjetischen Republiken sowie autonomen Regionen dazu ermächtigte, über ihre Zukunft selbst zu entscheiden. Bergkarabach, das eine autonome Region war, entschied sich im Dezember 1991 für die Unabhängigkeit.

Seit der Gebietssowjet von Bergkarabach im Februar 1988 beschlossen hatte, sich von der Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik abzuspalten und mit der Armenischen Sozialistischen Sowjetrepublik zu vereinigen, war Bergkarabach von Einheiten der Sowjetarmee und aserbaidschanischen Milizen de facto umstellt. Der bekannte polnische Journalist Ryszard Kapuściński schreibt in «Imperium»: «Sie kontrollierten alle Zufahrten, Strassen, Wege und Pfade, sie kontrollierten die Schluchten und die Felsvorsprünge, Gebirgspässe, Klüfte und Berggipfel. (…) Dieser gottverlassene Winkel ist hermetisch abgeriegelt.»

Recht gegen Recht

Aserbaidschan machte umgehend sein Recht auf territoriale Integrität und Unverletzlichkeit seiner Grenzen geltend und begann den Krieg. Dieses Recht ist im Völkerrecht verankert. Im Schatten des Konflikts trieb Baku dabei seine rund 400 000-köpfige armenische Minderheit gnadenlos in die Flucht. Die Pogrome in Sumgait (Februar 1988), Kirowabad (November 1988) und Baku (Januar 1990) und der grosse Exodus der einheimischen Armenier – darunter viele einflussreiche Wissenschaftler, Sportler und Künstler – gingen als die erste Kollektivstrafe wegen des aufmüpfigen Bergkarabach in die Geschichte des Südkaukasus ein.

Es sollte nicht dabei bleiben. Seit Kriegsbeginn berief sich Armenien auf das Recht der Völker auf Selbstbestimmung, das ebenfalls im Völkerrecht verankert ist. Dabei nützte auch die armenische Führung die Wirren des Kriegs, um die rund 200’000-köpfige aserbaidschanische Minderheit des Landes kollektiv zu bestrafen und sie schliesslich gnadenlos zu vertreiben.

Zur Armee der Verstossenen kamen nach 1993 noch eine halbe Million Aserbaidschaner hinzu, die gezwungen wurden, die sieben von Armeniern besetzten Provinzen Aserbaidschans rund um Bergkarabach zu verlassen.

Ab 1994 zählte die internationale Diplomatie den Konflikt um Bergkarabach zu den «frozen conflicts». Der gegenseitige Hass und das Misstrauen zwischen den beiden Völkern waren inzwischen so gross, dass Historiker den Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan oft mit dem schwer lösbaren Konflikt zwischen Israel und Palästina verglichen.

Drohnen, Blockade, Exodus

Bergkarabach konnte seine Selbstverwaltung bewahren, bis Aserbaidschan im September 2020 in enger Allianz mit der Türkei und Israel die Region massiv mit Drohnen angriff. Armenien hatte gegen eine solche militärische Übermacht keinerlei Chancen und erlitt eine vernichtende Niederlage.

Zwei Jahre später nahm Baku den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine zum Anlass – respektive zum Vorbild –, um armenisches Kernland anzugreifen und weitere Gebiete zu besetzen.

Ein Jahr später griff die aserbaidschanische Armee das inzwischen völlig wehrlose Bergkarabach erneut an. Die gesamte Bevölkerung von rund 120’000 Menschen floh in Panik. Karabach-Armenier konnten sich ein Leben unter der Kontrolle Ilham Alijews kaum vorstellen. Wie schon Ende der 1980er-Jahre hatte Baku Bergkarabach zuvor abgeriegelt – neun lange Monate, in denen Kinder, Frauen und alte Menschen ohne ausreichend Nahrung, Medikamente und Heizung ausharren mussten.

Spendenbalken grün

Der Krieg in Bergkarabach hat das geopolitische Machtverhältnis im Südkaukasus inzwischen grundlegend verändert. Der Einfluss von Russland und Armenien schrumpfte dabei auf ein Minimum. Die «türkische» Achse zwischen Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew und der Türkei wurde dagegen zum unbestrittenen Machtfaktor der Region. Ilham Alijew, der zudem über enorme Energievorkommen verfügt, fühlt sich nun stark genug, um die Geschichte des Südkaukasus neu zu schreiben.

Geschichtsstunde im Kloster

Dreissig Jahre lang galt Bergkarabach für die internationale Diplomatie als eine Art «No-Go-Area». Kaum ein Diplomat wagte sich dorthin. Diesmal wurden die zahlreiche Delegation aber vom Präsidentenberater Hikmet Hajiyew persönlich begleitet. Hajiyew führte seine hochrangigen Gäste durch die Viertel der regionalen Hauptstadt und zeigte ihnen voller Stolz, wie riesige Baumaschinen emsig ständig neue Viertel aus dem Boden stampfen. Er schwärmte, die Bauindustrie werde das Antlitz von Khankendi (armenisch Stepanakert) bald radikal verändert haben.

Gemeinsam besuchten sie schliesslich das berühmte Kloster Gandsassar (auf Armenisch «Schatzberg»). Das architektonische Juwel aus dem Mittelalter, so machte Hikmet Hajiyew seinen Gästen klar, sei nicht «armenisch», wie die Armenier immer behaupteten, sondern in Wahrheit «kaukasisch-albanisch». Überhaupt seien Kirchen und Klöster im Südkaukasus «kaukasisch-albanische» Bauten. Hikmet Hajiyew gilt in Baku als begnadeter Propagandist. Hatte er die Tour der Diplomaten bewusst als raffiniertes Instrument konzipiert, um die «Albanisierungsthese» vor Ort zu propagieren?

Die Erfindung der Ahnen

Die «Albanisierungsthese» bildet jedenfalls den Kern von Aserbaidschans neuer Kulturpolitik. Sie geht auf den aserbaidschanischen Historiker und Offizier Zia Buniatov (1923–1997) zurück, der sie in den 1960er Jahren entwickelte. Ihr zufolge errichtete das autochthone christliche Volk der «kaukasischen Albaner»* die Sakralbauten im Südkaukasus. Die Armenier seien dagegen erst im 19. Jahrhundert im Zuge der russischen Expansion als späte Invasoren aufgetaucht und hätten die albanischen Sakralbauten durch nachträglich angebrachte Inschriften und Spuren verfälscht.

Zia Buniatov erklärte die heutigen Aserbaidschaner ausserdem zu den direkten und alleinigen Nachfahren der christlichen kaukasischen Albaner. Zugegebenermassen braucht es eine gewisse Fantasie, um Buniatovs Geschichtsverständnis nachzuvollziehen. Das Gebiet, auf dem sich heute der Staat Aserbaidschan befindet, war seit dem 8. Jahrhundert überwiegend von Muslimen besiedelt.

Die internationale Geschichtsforschung lehnt das in Baku vertretene Geschichtsnarrativ als nationalistisches Konstrukt ab. Ihrer Einschätzung nach dient es der politischen Führung vor allem dazu, territoriale Ansprüche gegenüber den schwächeren Nachbarstaaten zu rechtfertigen.

Mit dem Bagger gegen Erinnerung

Seit die ersten Bilder aus Bergkarabach in den sozialen Medien kursieren, wächst in Armenien die Sorge um das zurückgelassene Kulturerbe.

Dass es sich in Bergkarabach um vornehmlich armenische Denkmäler handelt, steht in zahlreichen internationalen Dokumenten festgeschrieben. In der Resolution des Europäischen Parlaments vom 10. März 2022 ist beispielsweise die Rede von «1456 armenischen Denkmälern, die nach dem Krieg 2020 unter aserbaidschanischer Kontrolle» stehen. Der Internationale Gerichtshof (IGH) verfügte in seiner Anordnung vorläufiger Massnahmen vom 7. Dezember 2021 zudem, dass Aserbaidschan alle erforderlichen Massnahmen ergreifen müsse, um Akte des Vandalismus und der Schändung am armenischen Kulturerbe zu verhindern und zu bestrafen, darunter an Kirchen, Denkmälern, Wahrzeichen, Friedhöfen und Artefakten**.

In der armenischen Bevölkerung macht sich ein Gefühl der Ohnmacht breit. Der amerikanisch-armenische Politikwissenschaftler Johnny Melikyan hält in einem Bericht fest: «Ganze historische Wohnviertel in Stepanakert werden systematisch planiert, jahrhundertealte armenische Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und Friedhöfe geschändet. All dies stimmt mit Lemkins Rahmenkonzept für kulturelle Zerstörung überein. Auf die physische Vertreibung einer Bevölkerung folgt die systematische Auslöschung ihrer historischen Spuren. Dem entvölkerten Gebiet wird die Identität des Eroberers aufgezwungen.» Raphael Lemkin prägte 1944 den Begriff Genozid und trug massgeblich dazu bei, ihn als Verbrechen im internationalen Recht zu verankern.

Krim nein, Karabach ja

Setzt sich am Ende das Recht der Macht durch – oder doch die Macht des Rechts? Nach dem zweiten Wahlsieg Donald Trumps setzen die USA und Russland ihre Interessen durch, indem sie sich unverhohlen am Recht des Stärkeren orientieren. Ihr Beispiel findet überall treue Nachahmer.

Politiker der Europäischen Union werden oft der Doppelmoral bezichtigt. Im Falle der Ukraine treten sie für Werte und Prinzipien der Demokratie und für die Macht des Rechts ein. Gegenüber Ilham Alijew sind sie hingegen elastisch und zeigen Verständnis selbst für seine abwegige Albanisierungsthese. Magdalena Grono, die EU-Sonderbeauftragte für den Südkaukasus, schrieb nach ihrem Besuch in Bergkarabach in ihrem Beitrag auf X: «Tief divergierende Ansichten und Erzählungen bleiben bestehen, zum Beispiel über die Herkunft einiger Stätten in der Region.»

Dass Grono, begleitet vom engsten Berater von Wladimir Putin, auf die Krim reisen und sich vom neuen russischen Geschichtsnarrativ überzeugen lassen würde, erscheint vorläufig höchst unwahrscheinlich. Diese Diskrepanz wird in Brüssel als «Realpolitik» bezeichnet.

Um den russischen Autokraten zu schwächen, hofiert die EU Aserbaidschans Präsidenten Alijew. Alijew wird von internationalen Menschenrechtsorganisationen und Institutionen allerdings zu den schlimmsten Autokraten der Welt gezählt.

Freie Hand für Autokraten

Seit dem zweiten Wahlsieg Trumps wiederholt sich ein Phänomen mit erschreckendem Tempo am Rande Europas. Um die Demokratie in Westeuropa angeblich vor autokratischen Regimen zu schützen, werden von den USA, der EU und der Nato Regime unterstützt, die selbst wenig mit Demokratie zu tun haben.

In den letzten zwei Jahren konnte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan seine politische Opposition kritikfrei hinter Gitter bringen, selbst die Überbleibsel der unabhängigen Presse ausschalten und die Justiz ganz seiner Kontrolle unterwerfen. Autokraten ahmen in der Regel Autokraten nach. Sie werden nicht liberaler. So wurden in der Türkei allein im September 1270 digitale Accounts gesperrt. Darunter befand sich auch die Website der Nachrichtenplattform T24, die sich in den letzten 17 Jahren als grosses unabhängiges Medienunternehmen behaupten konnte.

Ganz nach dem Vorbild Putins liess Erdoğan Anfang Oktober ausserdem ein neues Gesetz gegen Obszönität erlassen. Die Büros der LGBTI+-Gemeinschaft wurden gestürmt und über 100 Personen festgenommen. Die Operation lief unter dem Namen «Meine Familie – in Sicherheit».

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* Kaukasisches Albanien: Auf dem Gebiet des heutigen Südkaukasus hat tatsächlich ein christliches «Albanien» existiert. Die albanische Kirche war eng mit der armenischen Kirche verbunden. Bezeichnenderweise residierte ihr Kirchenoberhaupt im 14. Jahrhundert im Kloster Gandsassar. Die Spuren dieser Völkergemeinschaft sind heute allerdings verschwunden.
** Tessa Hofmann: «Der Schutz materieller armenischer Kulturgüter in Arzach». In: Andreas Müller, Harutyun G. Harutyunyan, Dagmar Heller, Martin Tamcke (Hg.): Das kulturelle Erbe von Arzach. Armenische Geschichte und deren Spuren in Berg-Karabach. Universitätsverlag Kiel, 2024.


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