9387989102_bb743a7927_c

Drei von vier Nutzpflanzen auf der Welt sind zumindest teilweise von Bestäubern wie dieser Biene abhängig. © cc-by-sa -col-/Flickr

Europas Gift in alle Welt

Daniela Gschweng /  Neonicotinoide sind in der EU und in der Schweiz verboten. Die Pestizid-Produzenten hindert das nicht, sie auswärts zu verkaufen.

Seit 2013 ist die Verwendung der Neonicotinoide Imidacloprid, Clothianidin und Thiametoxam in der EU eingeschränkt. Seit 2018 ist ihre Anwendung in der EU und in der Schweiz im Freiland verboten, weil sie Bestäuberinsekten schaden. Dennoch verkaufen sich die in Europa produzierten Gifte bestens. Die EU-Staaten und Grossbritannien exportierten 2020 in nur vier Monaten 3800 Tonnen davon in alle Welt, fand eine Recherche von «Public Eye» und «Unearthed», dem Investigativteam von Greenpeace Grossbriannien.

Grösster Abnehmer: Brasilien

Die verbotenen Neonicotinoide erfreuten sich vor allem in Ländern mit mittlerem und geringerem Einkommen grosser Beliebtheit. Allein die Hälfte der Neonicotinoid-Exporte ging nach Brasilien. Es folgen Russland, Ukraine, Argentinien, Iran, Südafrika, Singapur, Indonesien, Ghana und Mali. Länder, in denen viel Landwirtschaft betrieben wird und die deshalb eine wichtige Rolle bei der Erhaltung der globalen Biodiversität spielen.

Diese Daten stammen aus Unterlagen der EU-Behörden, die die beiden Organisationen über Öffentlichkeitsgesetze erlangt haben. Seit September 2020 müssen Unternehmen, die Neonicotinoide exportieren, ihre Exporte bei der EU bekanntmachen. Vom 1.September bis zum 31. Dezember 2020 wurden demnach in nur vier Monaten 3900 Tonnen Neonicotiniode für den Export angemeldet. Dafür stellte die EU 299 Genehmigungen aus.

Drei Viertel der Exporte stammen von Syngenta

Eine Menge, die laut Carla Hoinkes von «Public Eye» ausreicht, um Frankreichs Agrarflächen komplett zu spritzen. Der bedeutenste Hersteller dieser in Europa verbotenen «Neonics» war das Schweizer Unternehmen Syngenta mit 3426 Tonnen Insektiziden, die laut «Public Eye» 551 Tonnen Thiametoxam enthielten, gefolgt von Bayer mit 137,5 Tonnen Imidacloprid- und Clothianidinprodukten und der BASF mit 95,5 Tonnen eines Clothainidin-Mittels.

Produziert wurde unter anderem in Belgien, Frankreich und Grossbritannien – Ländern, die es als erwiesen ansehen, dass Neonicotinoide Bestäuber töten und die deren Nutzung erst eingeschränkt und dann weitgehend verboten haben.

«Novichok für Bienen»

Neonics können jahrelang im Boden oder in den Pflanzen bleiben und ins Wasser gelangen. Der Kollateralschaden, den Neonics anrichteten, sei kaum zu überschätzen, sagt Dave Goulson, ein Experte für die Ökologie und den Schutz von Insekten, gegenüber «Unearthed». Der Wissenschaftler hält Neonicotinoide für «das Äquivalent von Novichok für Bienen». In Ghana und Kenia beispielsweise würden die bestäubenden Insekten rarer, Bauern müssten ihre Pflanzungen teilweise von Hand bestäuben.

Auf Seiten der Importländer gebe es selten ausgefeilte Systeme zu Risikobewertung, sagt Layla Liebetrau, Projektleiterin der kenianischen Initiative «Route to Food». Umweltschäden so zu exportieren, sei ein globales ethisches Problem.

Einzig Frankreich will Export verbieten

Die meisten EU-Länder scheint das nicht zu stören. Einzig Frankreich hat bisher angekündigt, im eigenen Land verbotene Pestizide nicht mehr exportieren zu wollen. Der nach Belgien zweitgrösste Exporteur von verbotenen Neonics hat bereits ein nationales Ausfuhrverbot verabschiedet, das Anfang 2022 in Kraft tritt.

Ein Exportverbot in der EU wäre auch nicht notwendigerweise das Ende der Neonics. Anwender könnten sie alternativ in anderen Herstellerländern kaufen, beispielsweise bei der australischen Firma NuFarm oder der indischen UPL.

Die alte Leier von der ordnungsgemässen Anwendung

Die Hersteller hingegen bestehen weiterhin darauf, das Neonicotinoide «bei sachgemässer Anwendung» sicher seien. «Die blosse Tatsache, dass ein Pflanzenschutzmittel in der EU nicht zugelassen oder verboten ist, sagt nichts über seine Sicherheit aus», zitiert der «Guardian» einen Sprecher des Bayer-Konzerns. Die vielen Nofallzulassungen der entsprechenden Pestizide sprächen eine deutliche Sprache, sagte ein Sprecher von Syngenta.

In Form von Nahrungsmitteln wie Mais, Soja und Mangos komme die chemische Last wieder zu uns zurück, warnt die deutsche «Tagesschau». Auch solche, von denen man es eigentlich gar nicht erwarte. «Das Lamm» publizierte beispielsweise im vergangenen Winter eine Recherche darüber, wo die als Raclette-Beilage so beliebten Mini-Maiskölbchen angebaut werden.

Neonicotinoide schädigen womöglich auch Menschen

Es gibt Hinweise darauf, dass Neonics nicht nur Insekten schädigen. Imidacloprid, oder besser: ein Metabolit des Insektengifts, wirkt auch auf menschliche Nervenzellen, stellte die jüngste Studie fest. Selbst kleine Mengen könnten sich auf die Gehirnentwicklung von Un- und Neugeborenen auswirken, sagt der Hauptautor Marcel Leist, der an der Universität Konstanz forscht.  

Mittelfristig überlegt die EU, Exporte von in der EU verbotenen Pestiziden nicht nur zu stoppen, sondern auch den Import von Lebensmitteln, die verbotene Pestizide enthalten, einzuschränken oder zu verbieten. Ein entsprechender Gesetzesentwurf ist laut «Unearthed» aber vor 2023 nicht zu erwarten.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

Bienen_Befruchtet

Bienen werden Opfer von Pestiziden

Viele Nutzpflanzen brauchen Bienen zur Befruchtung. Doch Pestizide von Agrar-Konzernen machen sie krank.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.



Die Redaktion schliesst den Meinungsaustausch automatisch nach zehn Tagen oder hat ihn für diesen Artikel gar nicht ermöglicht.

2 Meinungen

  • am 27.12.2021 um 10:20 Uhr
    Permalink

    Schön zu wissen, dass sich Europa etwas überlegt. Wie steht es in der Schweiz ?

    0
    • am 28.12.2021 um 19:50 Uhr
      Permalink

      Nach meinen Informationen kaufen einzelne Südtiroler/ italienische Bauern in Italien verbotene Gifte wie DDT in der Schweiz ein. Eine der heiligen Kühe in der Schweiz ist die Freiheit des Handels. Und in Südtirol (aber nicht nur hier): was der Bauer in die Böden hineinwirft ist seine Freiheit, er wird schon nicht erwischt werden. Allerdings muss er für die «Pflanzenschutzmittel», die er in Italien einkauft, einen Giftpass führen. Aber wer kontrolliert den schon…? Über uns allen die uns großzügig vor «Schädlingen» schützende Hand der Agrakonzerne und der Bauernbundspitzen. Denn dafür kann ja mehr produziert und deshalb billiger verkauft werden, was die Verbraucher freut.

      0

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...

Die Schlagzeilen der täglich drei neusten Artikel erhalten Sie nach Wunsch täglich oder wöchentlich.

Vielen Dank, dass Sie unseren Newsletter abonnieren!

Der Bestätigungslink ist nicht mehr gültig.