Schweden Nachrichten zu Corona mit Empfehlugen

Nachrichten zu Corona mit Empfehlungen © Nordanstigs Kommun

Schweden 2021: Nur halb so viele Intensivbetten*

Urs P. Gasche /  Frappante Unterschiede: In Schweden kommt man mit viel weniger Spitalbehandlungen aus als in der Schweiz und in Deutschland.

Im Gegensatz zu Deutschland und der Schweiz hat Schweden fast keine Zwangsmassnahmen verordnet, sondern stets klare und nachvollziehbare Empfehlungen verbreitet. Die seit dem Dezember 2021 gültigen Empfehlungen sind auch auf Englisch veröffentlicht (hier klicken).

Vor der Pandemie verfügten Schwedens Spitäler über nur 5,1 Betten mit künstlicher Beatmungsmöglichkeit pro 100‘000 Einwohner. Dagegen gab es in der Schweiz mit 11,8 zertifizierten Betten mehr als doppelt so viele, in Deutschland mit 33,9 Intensivbetten sogar über sechsmal so viele Intensivbetten wie in Schweden – jedenfalls wenn man der Statistik der OECD und der European Society of Anaesthesiology and Intensive Care ESAIC vertrauen darf. Statistiken mit internationalen Vergleichen sind jeweils mit Vorsicht zu geniessen, weil sich die Erhebungskriterien trotz Vorgaben der OECD von Land zu Land etwas unterscheiden können.

100000-einwohner Kopie
Zahl der Betten auf Intensivstationen pro 100’000 Einwohner

Ein Vergleich der täglichen Todesfälle seit Beginn der Pandemie zeigt deutlich, dass Schweden zu Beginn der Pandemie schlecht dastand. Vor allem in Alters- und Pflegeheimen sowie unter den Immigranten kam es zu heftigen Ausbrüchen.

Immerhin konnten die Spitäler damals in kurzer Zeit die Zahl der Intensivbetten auf mehr als das Doppelte aufstocken. Diese Zusatzbetten wurden unterdessen wieder abgebaut. Laut der European Society of Anaesthesiology and Intensive Care ist Schweden auch auf dem Höhepunkt der ersten Welle nicht an seine Kapazitäts­grenzen gestossen.

Doch wegen des schlechten Starts in die Pandemie beklagt Schweden bisher insgesamt 9 Prozent mehr Verstorbene (an oder mit Corona) pro 100‘000 Einwohner als die Schweiz (147 im Vergleich zu 135 in der Schweiz und 131 in Deutschland). 

Tägliche Todesfälle seit Beginn.Schweden
Tägliche Todesfälle an oder mit Corona in Schweden
Todesfälle seit Beginn.Schweiz
Tägliche Todesfälle an oder mit Corona in der Schweiz (gleicher Massstab wie oben)

Vergleicht man jedoch nur die zweite Hälfte des Jahres 2021, beklagt die Schweiz mehr Corona-Tote als Schweden.

Im reichen Schweden braucht es viel weniger Betten nicht nur auf den Intensivstationen, sondern auch nur halb so viele Spitalbetten überhaupt wie in der Schweiz und sogar nur einen Drittel so viele wie in DeutschIand. Das liegt nicht etwa daran, dass die Einwohner Schwedens gesündere Menschen wären. Oder auch nicht daran, dass Schweden viel weniger dicht bevölkert ist. Denn 88 Prozent der Einwohner Schwedens leben in Städten, mehr als in Deutschland.
Es gibt einen anderen wesentlichen Grund: Das schwedische Gesundheitssystem bietet Spitälern und Ärzten wenig finanzielle Anreize, um mit unzweckmässigen Operationen Geld zu verdienen. Ärzte in Schweden können ihre Einnahmen nicht erhöhen, wenn sie häufiger operieren – im Gegensatz etwa zu den vielen Belegärzten und teilweise auch zu den angestellten Chirurgen in der Schweiz und in Deutschland.

Die erfreuliche Folge davon: Die Schwedinnen und Schweden werden weniger häufig operiert als die Schweizerinnen und Schweizer, sie liegen insgesamt weniger Tage im Spital und schlucken auch weniger Medikamente. Ihr Gesundheitszustand ist jedoch mindestens gleich gut wie derjenige der vergleichbaren Schweizerinnen und Schweizer mit jeweils dem ähnlichen sozio-ökonomischen Status.

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Betten in Akutspitälern pro 100’000 Einwohner. Die OECD verwendet eine breitere Definition des Begriffs «Akutpflege», weshalb die Zahlen für die Schweiz hier ganz leicht höher sind als in den Statistiken des BFS.

Dass in der Schweiz – häufig zum Schaden von Patientinnen und Patienten – viele unzweckmässige Eingriffe vorgenommen werden, zeigen auch Vergleiche innerhalb der Schweiz: Von Region zu Region wird bei vergleichbarer Bevölkerungsstruktur sehr unterschiedlich häufig operiert. Die Faustregel lautet: Je mehr Chirurgen eines bestimmten Fachgebiets in einer Region tätig sind, desto häufiger wird die dortige Bevölkerung operiert. Ob zum Nutzen oder Schaden wird wissenschaftlich nicht abgeklärt.

Diese Tatsache relativiert den häufig gehörten Vorwurf, in der Schweiz seien zu viele Spitalbetten abgebaut worden. Diese Tatsache zeigt auch, dass es an manchen Orten nicht so gravierend ist, wenn nicht dringliche Wunschoperationen wegen Corona verschoben werden müssen. Dazu zählen selbstverständlich nicht die medizinisch notwendigen Eingriffe und Behandlungen.

Über unzweckmässige, für Patientinnen und Patienten kontraproduktive Überbehandlungen wegen falscher finanzieller Anreize von Ärzten und Spitälern hat Infosperber regelmässig informiert:

25.8.2021:
Chefärzte operieren auch mal, um die Zielvorgabe zu erfüllen.

14.9.2019:
Schwere Körperverletzungen von Ärzten: Medizinische Überbehandlungen sind Delikte, die meist ungeahndet bleiben.

10.2.2019:
Postleitzahl entscheidet über Operationen.

21.12.2017:
Unnötige Operationen: Ärzte gehen in die Offensive.

31.10.2016:
Mit unzweckmässigen, weil unnötigen Operationen erhöhen Spitäler und Chirurgen ihre Einkommen.

7.10.2014:
In einigen Kantonen doppelt so viele Operationen.

14.9.2014:
Bei gleichen Diagnosen werden Patienten je nach Ort bis zu achtmal (!) häufiger an Prostata, Blinddarm oder Mandeln operiert.

19.8.2011:
Mit Unnötigem können Ärzte und Spitäler ihre Einnahmen optimieren, weil die finanziellen Anreize falsch sind.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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NACHTRAG vom 27.12.2021

Ursprünglich hiess der Titel «Schweden 2021: Halb so viele Intensivbetten und Corona-Tote». Es stimmt jedoch nicht, dass es in Schweden im Jahr 2021 pro 100’000 Einwohner weniger Todesfälle gegeben hat.

Zum Infosperber-Dossier:

Coronavirus_1

Coronavirus: Information statt Panik

Covid-19 fordert Behörden und Medien heraus. Infosperber filtert Wichtiges heraus.

Blutdruck_messen

Unnütze Abklärungen und Operationen

Behandeln ohne Nutzen ist verbreitet. Manchen Patienten bleiben Nebenwirkungen oder bleibende Schäden.

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7 Meinungen

  • am 27.12.2021 um 12:09 Uhr
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    Zu prüfen wäre, wie sich ein Saunagang 3x pro Woche auswirkt. Meines Wissens sterben Viren bei mehr als 60 ~ 70 Grad ab. In Schweden gibt es eine sehr hohe Dichte an Saunas, evtl. ist das auch ein Grund?

    0
  • am 27.12.2021 um 14:08 Uhr
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    Ein herrliches Land, Schweden. Ich liebe das Land, ich reise regelmäßig nach Schweden und habe sogar schwedisch gelernt.
    Ich finde den Vergleich betreffend Stadtbevölkerung Schweden und Schweiz sehr unglücklich. Gemäß https://de.statista.com/statistik/daten/studie/284879/umfrage/groesste-staedte-in-schweden/ hat Schweden mit Stockholm eine richtige urbane Region (1.8 Mio. Einwohner von insgesamt 10.4 Mio.). Reist man durch Schweden wird man feststellen, dass nur das Einzugsgebiet um Stockholm in etwa der Besiedelung der Schweiz entspricht. Der Vergleich mit der Besiedelung der Schweiz und Schweden als Land hinkt nach meiner Meinung.
    Aus meiner Sicht sollte man die Werte aus der Region Stockholm mit der Schweiz oder besser einer Schweizerregion wie beispielsweise das Einzugsgebiet von Zürich oder Genf vergleichen.

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    • am 27.12.2021 um 18:18 Uhr
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      Nach den von mir angegebenen und verlinkten Quellen leben prozentual mehr Schweden in städtischen Gebieten als in Deutschland oder der Schweiz. Dort kann man auch erkennen, wie die Abgrenzung zu ländlichen Gebieten erfolgte. Ich gebe Ihnen insofern recht, dass internationale Vergleiche stets problematisch sind, weil trotz Vorgaben oder Empfehlungen die angewandten Kriterien national unterschiedlich sein können.

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  • am 27.12.2021 um 23:04 Uhr
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    Für mich ist der Beitrag reichlich informativ.Die zu vielen Operationen sind korrekt die Folge des reichlichen Gelds im Gesundheitssystem. Nach Krankenversicherungsgesetz Art 32 «Die Leistungen nach den Artikeln 25–31 müssen wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein.» müsste man wirtschaftlich behandeln. Wen kümmert das schon! Wie selten werden die finanziellen, wirtschaftlichen und demographischen Folgen des Covids in der Tagespresse diskutiert?

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  • am 29.12.2021 um 10:46 Uhr
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    Im deutschen Krankheitswesen wurden bereits viele Krankenhäuser/Kliniken privatisiert.
    Gerade dort ist die Zahl der Intensivplätze hoch, speziell für Operationen mit hochprofitablen Fallbauschalen. Nach einem Bericht auf ARD-Alpha haben die privatisierten dt. Klinken kaum schwere Corona-Fälle aufgenommen, weil die nicht so oder kaum profitabel sind.
    Auch bei Intensivplätzen ist zu differnzieren.

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    • am 30.12.2021 um 21:37 Uhr
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      Wenn ich das Schreiben richtig verstehe, möchten unsere Juristen «Personen mit geringerem Sterberisiko» der Gefahr der Ansteckung der aktuellen Pandemie auszusetzen, um damit eine Herdenimmunität zu erreichen. Damit wäre wohl das Vorgehen gemäß der Great-Barrington-Erklärung gemeint. Als Gegenmaßnahme würden besonders gefährdete Personen gezielt geschützt (Focused Protection).
      Nach den ungefähr 11 Seiten Bashing wäre die Lösung unserer Juristen in etwa folgendes:
      Wir waschen öfters mal die Hände, leben ganz normal weiter und schützen unsere alten und kranken Mitbürger gezielter.
      Ich bin mir gar nicht so sicher wie die Reaktion der «Personen mit geringerem Sterberisiko» zu dieser Vorgehensweise wäre. Evtl. würden die «Personen mit geringerem Sterberisiko» dies gar nicht so toll finden.
      Nachdem vor einem Jahr (Oktober 2020) bei der Veröffentlichung zu Great-Barrington-Erklärung viel geschrieben wurde, ist es um dieses Thema inzwischen recht ruhig geworden.
      Evtl. haben die «Personen mit geringerem Sterberisiko» die Idee wohl doch nicht so toll gefunden.

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