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Es gibt immer weniger Lokalmedien, Unternehmen reagieren darauf unverfroren mit Regelbrüchen. © AbsolutVision/Unsplash

Weniger Lokalmedien, mehr Kriminalität

Daniela Gschweng /  Wo es in den USA weniger Lokalzeitungen hat, stieg die Schwere von Wirtschaftsvergehen und die Umweltverschmutzung nahm zu.

Zuerst waren sie skeptisch. «Ist eine Lokalzeitung ein effektiver Monitor für unternehmerisches Fehlverhalten?», hatten sich Jonas Heese, Gerardo Pérez Cavazos und Caspar David Peter gefragt. Dafür spreche, dass niemand besser informiert sei und einem Unternehmen besser auf die Finger schauen könne als ein Lokalmedium. Dagegen spreche, dass lokale Unternehmen in der Regel auch Anzeigenkunden sind. Das lege die Vermutung nahe, dass sich Lokalmedien eher um sanftere Töne über ortsansässige Unternehmen bemühen. Zudem seien die Redaktionen im Lokalen meist knapp bestückt, legt der Hauptautor Jonas Heese im Forum «Corporate Governance» der Harvard Law School dar.

Lokalzeitungen sind besser als ihr Ruf

Die drei Ökonomen untersuchten Bezirke in den USA, in denen eine oder alle Lokalzeitungen verschwunden waren. In Folge nahmen Wirtschaftskriminalität, Umweltverschmutzung und Verstösse gegen das Arbeitsschutzrecht zu, stellten sie fest. Zwar nur wenig, aber die Schwere der Vergehen stieg deutlich. Vermutlich blieben auch mehr Vergehen unentdeckt.

In den USA hat sich die Auflage der Lokalzeitungen in den vergangenen 20 Jahren halbiert. In einigen Orten gibt es gar keine Zeitung mehr. Heese, der an der Universität Harvard forscht, und seine Kollegen aus San Diego und Rotterdam untersuchten mit Hilfe des «Violation Trackers» von «Good Jobs First» 45 Bezirke in den USA nach der Anzahl der Firmendelikte. Ihre Studie ist die erste, die sich gezielt mit den Folgen des Mediensterbens im Lokalen auf Unternehmen beschäftigt.

Unser Beispiel-Screenshot des Trackers zeigt einen Teil der bisher 172 in diesem Jahr eingetragenen Vergehen im US-Bundesstaat Kansas, geordnet nach Höhe der Strafe:

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Suchergebnisse des «Violation Trackers», der einen Teil der für 2021 bisher aufgenommenen bussenfplichtigen Vergehen von Unternehmen im US-Bundesstaat Kansas zeigt.

Weniger Zeitung, mehr Kriminalität

Nachdem eine Redaktion geschlossen worden war, gab es 1,1 Prozent mehr Fälle, in denen Unternehmen gegen Gesetze verstossen als in Bezirken ohne Änderung in der Medienlandschaft. Die Bussgelder erhöhten sich dabei um durchschnittlich 15 Prozent. Gab es keine lokale Zeitung mehr, stiegen sie um 36 Prozent. Bei durchschnittlich 41 Unternehmen im Verbreitungsgebiet einer Lokalzeitung entspreche das einem Anstieg der Bussgelder um 1,2 Millionen Dollar in drei Jahren, rechnen die Autoren der Studie «When the Local Newspaper Leaves Town» vor.

«Wenn es keine Lokalzeitung mehr gibt, die der Wirtschaft vor Ort auf die Finger schaut, begreifen das viele Firmen ganz offensichtlich als Freifahrtschein für Betrug und Regelverletzungen», resümiert Heese gegenüber der «Süddeutschen Zeitung». «Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass die Zeitungen ihre Überwachungsfunktion tatsächlich wahrnehmen». Die Dunkelziffer, nimmt er an, sei dabei erheblich, wenn niemand mehr hinschaue und es keinen mehr gebe, an den sich Whistleblower und Hinweisgebende wenden könnten.

Zeitungssterben verursacht dicke Luft

Für die betreffenden Unternehmen sei es natürlich von Vorteil, wenn bei Verstössen keine Öffentlichkeit mehr hergestellt werde und die betroffene Bevölkerung nicht mehr davon erfahre. Auch die Umwelt leidet, wenn Zeitungen abwandern. Laut dem Emissionsregister der US-Umweltbehörde EPA stieg der Ausstoss giftiger Gase in Bezirken, in denen Redaktionen dichtgemacht hatten, um 18 Prozent an.

Überregionale Medien könnten die ohnehin schwindenden Ressourcen im lokalen Umweltjournalismus nicht ersetzen, sagt auch der Journalist James Bruggers, der von einem lokalen zu einem nationalen Medium gewechselt hat. (Infosperber: «Weniger Medien, weniger politisches Engagement»).

Und teurer wird es obendrein

Wo eine Lokalzeitung verschwindet, nimmt auch das politische und soziale Engagement ab, haben andere Studien gezeigt. Das macht sich beispielsweise im Sinken der Wahlbeteiligung bemerkbar, nicht nur in den USA.

Teurer wird es obendrein. Eine Studie aus Chicago fand 2019, dass Kommunen nach einer Zeitungsschliessung tiefer in die Tasche greifen müssen. Die Kreditkosten steigen um «fünf bis elf Basispunkte», legen Dermot Murphy, Pengjie Gao und Chang Lee im «Journal of Financial Economics» dar. Andere wirtschaftliche Einflüsse auf diese Entwicklung seien ausgeschlosssen.

Die Kommunen koste eine Kommunalanleihe im Schnitt 650‘000 Dollar mehr. Die Schliessung einer Zeitung gehe ausserdem mit höheren staatlichen Löhnen und Defiziten einher und erhöhe die Wahrscheinlichkeit von kostspieligen Entscheidungen. Lokalzeitungen sparen dem Steuerzahler demnach bares Geld, und zwar nicht zu knapp.

Grosse überregionale oder nationale Medien könnten Lokalzeitungen nicht ersetzen, genausowenig wie übergeordnete Onlinemedien oder Social Media, sagen die Autoren aller gemachten Studien. Heeses Sorge ist vor allem, dass weniger Lokalnachrichten zu mehr Korruption und Kriminalität führen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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2 Meinungen

  • am 8.11.2021 um 13:10 Uhr
    Permalink

    Es ist wenig erstaunlich, dass die Kriminalität steigt, wenn die Kontrolle fehlt. Leider ist das kein Grund, ein Schweizer «lokales» Printmedium wie den “Bund» zu unterstützen, das in den wesentlichen allgemeinen Bereichen zugunsten seiner mächtigen Besitzer schreibt.

    0
  • am 8.11.2021 um 13:12 Uhr
    Permalink

    Sollte eigentlich jedem klar sein, wenn es tendenziell nur noch Konzernmedien gibt, fällt eine wichtige soziale Bindung der Bürger zu ihrer engeren Heimat weg.
    Oft lese ich z.B. in einem Restaurant mehrere Zeitungen und das einzige was sich noch aus dem Brei des Agenturmampfs heraushebt, ist der Lokalteil der Zeitung vor Ort.
    Diesen Teil der Presse sollte dann auch eher mit Steuergeld gestützt werden, als die grossen Medienkonglommerate, die mit ihrem faktengechecken Schmontz durchs Band das Volk verdummen.

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