René Scheu auf SRF

Auch im Fernsehen SRF konnte man René Scheu gelegentlich sehen. © srf

René Scheu bleibt sich selber treu

Christian Müller /  Der Chef des NZZ-Feuilletons, René Scheu, wechselt an die Uni Luzern – an ein privatwirtschaftlich bezahltes Institut.

«Nomen est Omen», pflegen wir zu sagen. Es trifft nicht immer zu. René Scheu, Noch-Feuilleton-Chef der NZZ, ist kein scheuer Mann. Zumindest scheut sich dieser Scheu nicht, selber kräftig in die Tasten zu greifen und, ein Beispiel nur, der zunehmenden ungerechten Verteilung von Geld und anderen Gütern dieser Welt das Wort zu reden. 

Wer im Archiv von Infosperber schaut, findet 25 Artikel, in denen direkt oder indirekt über diesen René Scheu berichtet wurde. Sie können alle hier nachgelesen werden. Muss es jetzt unbedingt auch noch ein 26. Mal sein?

Es muss, denn René Scheu ist vielleicht doch ein scheuer Mann. Zum dritten Mal nämlich begibt er sich in die Obhut Anderer und ist damit zufrieden, deren Werkzeug zu sein.

Ab 2007 war René Scheu, damals 33-jährig, Mitherausgeber der «Schweizer Monatshefte». Seine erste prominente Karriere-Position erreichte er dann drei Jahre später: Er wurde bei der auf «Schweizer Monat» umgetauften Zeitschrift alleiniger Herausgeber und Chefredaktor, engagiert und eingesetzt von Konrad Hummler, St. Galler Privatbankier, Verwaltungsratsmitglied und späterer Verwaltungsratspräsident der NZZ. Der Banker Hummler steckte auch das nötige «Kleingeld» in die Zeitschrift, denn der «Schweizer Monat» konnte mit seinen Portraits und Debatten auf «Eliten-Niveau» seine Kosten mit Abonnementserlösen natürlich nicht decken. René Scheu erfüllte denn auch seinen Auftrag, eine konservativ-libertäre Weltsicht bekannter zu machen, wunschgemäss.

Dann wurde René Scheu, sein zweiter Karriere-Schritt, zum Chef des NZZ-Feuilletons ernannt: eine Riesenchance! Die Feuilletons der grossen Zeitungen geniessen nämlich oft eine erhebliche Narrenfreiheit. Sie dürfen in der gleichen Zeitung auch einmal etwas publizieren, das nicht ganz linienkonform zur politischen Ausrichtung der Zeitung passt. Nur: René Scheu wurde in diese renommierte NZZ-Position nicht hineingesetzt, um diese Narrenfreiheit zu pflegen. Im Gegenteil, er wurde da hineingesetzt, um auch das Feuilleton «auf Kurs» zu bringen – auf den neuen NZZ-Kurs unter NZZ-Chefredaktor Eric Gujer.

Nun verlässt René Scheu spätestens im Juni die NZZ wieder und übernimmt – ein weiterer Karriereschritt – die Geschäftsführung des IWP, eines erst noch zu gründenden «Instituts für Wirtschaftspolitik» an der Universität Luzern. Dieses Institut wird von einer ebenfalls neugegründeten Stiftung finanziert, der ihrerseits der VR-Präsident des Lift- und Rolltreppen-Konzerns Schindler, Alfred N. Schindler, als Stiftungsratspräsident vorsitzt. Das passt ganz gut zu René Scheus Karriere-Anfang. Ein reicher Mann, oder auch seine Stiftung, bezahlt, René Scheu darf schreiben, was er soll. Es ist ausser Zweifel, dass auch in Luzern eine Wirtschaftspolitik nach den konservativ-libertären Vorstellungen der Geldgeber befürwortet werden wird.

Bisher wenig Reaktionen

Erstaunlicherweise ist dieser Wechsel in den Schweizer und deutschen Medien kaum beachtet oder gar kommentiert worden. Vielleicht interessiert sich auch tatsächlich niemand mehr für den Mann, der das NZZ-Feuilleton auf Linie gebracht hat. Unaufgefordert erhielten wir immerhin von Sergiusz Michalski, Professor am Kunsthistorischen Institut der Universiät Tübingen, den folgenden Kommentar:

«Seitdem René Scheu vor fünf Jahren Leiter des Feuilletons der Neuen Zürcher Zeitung wurde, blieb in dem einst weltberühmten Bereich des Schweizer Qualitätsblattes, das davor von Koryphäen wie Hanno Helbling oder Martin Meyer geleitet wurde, kein Stein auf dem anderen. Die bildungsbürgerliche Kulturberichterstattung wurde beinahe völlig abgeschafft, die Kunstbesprechungen galten von nun an vornehmlich der zeitgenössischen Produktion, die Buchrezensionen, mit denen die NZZ einst Pionierarbeit auch auf entlegenen Gebieten geleistet hatte, wurden auf ein kümmerliches Maß zurückgefahren, die Theater- und Musikberichterstattung beinahe ausschließlich auf Zürich konzentriert.

Noch schlimmer sah es im Innenleben des Feuilletons aus: die besten Leute wurden entlassen, die Zahl der externen Mitarbeiter und Beiträge beträchtlich gekürzt. Den Platz der Kulturinformation, Analyse und weitergehender Reflexion nahm ein Zeitgeistsurfen ein, das eine Debattenkultur initiieren wollte, für die es in Wirklichkeit infolge des Rechtsruckes der ganzen Zeitung keine wirkliche Opponentur gab. Im Feuilleton traten immer wieder dieselben Verdächtigen auf – so u. a. Sloterdijk oder Zizek – und der große Hans Magnus Enzensberger durfte in der NZZ auch seine einst in die Autorenschublade halbgarer Entwürfe verbannten alten Artikel abdrucken. Ansonsten überwogen bei den Neuzugängen Bekenntnistöne, die man früher eher als wenig schweizerisch empfunden hätte und die mit einer weltanschaulichen Einstellung einhergingen, die man als einen etwas aufdringlichen ‹realen Ordoliberalismus› bezeichnen möchte.  Allerdings darf man das negative Bild nicht überzeichnen – die weiterhin bestehenden Verbindungen zum Universitätsmilieu lieferten im Bereich der Geschichte und Kulturgeschichte einige essayistische Glanzstücke.Das Feuilleton der NZZ hatte sich früher immer als Korrektiv zum Feuilleton der FAZ empfunden, die Rivalität und der Zweiklang beider Zeitungen ergaben für die deutschsprachige Kulturberichterstattung jahrzehntelang ein wunderbar differenziertes Bild. Es war die bewusste Entscheidung von Scheu, zwei Jahre nach dem Tod von Frank Schirrmacher dessen Feuilletonmodell – von dem die FAZ sich inzwischen abgewandt hatte – für die NZZ zu übernehmen. Doch bei Scheu überlagerte der Biedermann immer den intellektuellen Brandstifter, es fehlte ihm die genialische Intensität und der bisweilen irrlichternde Wagemut des Frankfurters, die Übernahme geriet in die Nähe einer unfreiwilligen Karikatur. Nun ist Scheu den vom Chefredakteur der NZZ Eric Gujer etablierten Machtstrukturen – an deren Aufbau er einst selbst mitgewirkt hatte – zum Opfer gefallen, er wird Mitte des Jahres das Zürcher Blatt verlassen. Er, der vollmundig die Freibeuterei als Lebensprinzip und Karriereweg verkündete, und Journalisten mit Hochleistungssportlern verglich, kehrt in die beengten, doch abgesicherten Patronageverhältnisse zurück, in denen er einst jahrelang als Zögling des Finanziers Hummler verharrt hatte. Scheu wird zum Geschäftsführer eines von Alfred Schindler gesponserten Institutes für wirtschaftliche Breitenaufklärung an der kleinen Universität Luzern, der frühere ‹Hummlerbueb› (interner NZZ-Schmäh) wird so zum neuen Gefolgsmann eines erfolgreichen Lift- und Rolltreppenbauers. Ein selbstbestimmtes Leben sieht anders aus. Zurück bleibt ein Stück arg ramponierter journalistischer Kulturlandschaft.»

Das sagt ein prominentes Opfer von René Scheu

Infosperber hat zum Abgang René Scheus als Feuilleton-Chef der NZZ eines seiner prominentesten Opfer um eine Stellungnahme gebeten: Uwe Justus Wenzel war ab 1995 Mitglied der NZZ-Feuilletonredaktion, verantwortlich für Geisteswissenschaften, Sachbuchkritik und Zeitdiagnose, er wurde im Herbst 2017 von René Scheu  im Alter von 58 Jahren entlassen. 69 Uni-Professoren aus dem In- und Ausland haben darauf dem Verwaltungsratspräsidenten der NZZ, Etienne Jornod, ein Protestschreiben zugestellt. – Uwe Justus Wenzel hat unserem Wunsch entsprochen und hat uns seine Beurteilung zugeschickt. Titel und Zwischentitel hat Infosperber eingesetzt.

Kein Ruhmesblatt

«In der Tat ist schwer vorstellbar, dass die jüngst vergangenen Jahre als Ruhmesblätter in die Annalen der NZZ und ihres Feuilletons eingehen werden. Als im Frühjahr 2015 der derzeitige Chefredaktor in seine Position gelangte und nur wenige Wochen nach Dienstantritt einen Neuen für den Posten der Feuilleton-Ressortleitung präsentierte, obgleich Amtsinhaber Martin Meyer noch anderthalb Jahre von seinem rententechnischen Pensionierungsalter entfernt war, überraschte das. Mehr noch aber als die Eile nach dem Machtwechsel verwunderte, dass der Auserkorene bis dahin kaum als Feuilletonist oder auch nur Kultursachverständiger in Erscheinung getreten war, sondern – innerhalb eines knapp bemessenen weltanschaulichen Wirkungsradiusses – als politischer Publizist mit einer erkennbaren ideologischen (sagen wir: ‹marktradikalistischen›) Voreingenommenheit. Das ist nicht das, was in einem Feuilleton gebraucht wird, das sich als Medium einer räsonierenden – im weiteren Sinne bildungsbürgerlichen – Öffentlichkeit versteht und sich etwas zugutehalten können möchte auf kritische und sprachsensible Geschmacksbildung, auf die Kultivierung von Möglichkeitssinn und Urteilsfähigkeit. Es war aber offenbar das, was zu dem neuen Anforderungsprofil eines ‹Feuilletonchefs› der NZZ gehörte.

Die Redensart von dem neuen Besen, der – in wessen Händen eigentlich? – gut kehre, machte damals die Runde. Und eine Art Kehraus hat dann wirklich stattgefunden. ‹Weggefegt› worden sind nicht nur Redaktionsmitglieder und redaktionelle Mitarbeiter (sofern sie nicht schon vorher Reissaus genommen hatten), zum Verschwinden gebracht worden sind auch substanzielle Segmente dessen, was ein anspruchsvolles Feuilleton ausmachte und noch immer ausmacht. Nicht immer war der gerne angeführte ‹Spardruck› der Grund. Und nicht alle Missgriffe lassen sich durch Unbedarftheit oder Überforderung erklären. Die Leserinnen und Leser bemerkten es jedenfalls alsbald (und nicht ganz wenige kündigten darum auch ihre Abonnements): Das ‹klassische› Rezensionswesen erlitt in allen seinen kulturellen Sparten beträchtliche Einbussen. Auffällig viel programmatischer Wert wurde demgegenüber und ausdrücklich auf das sogenannte Debattenfeuilleton gelegt – und das, obgleich die Zeitung bereits ein eigenes Ressort ‹Meinung und Debatte› besass und besitzt. 

‹Serielle Meinungsverlautbarungen

Das Label ‹Debattenfeuilleton› kann eigentlich nur Ausdruck eines Selbstmissverständnisses sein. Wer an einer Debatte teilnimmt, nimmt auch Bezug auf andere Debattenteilnehmer und ihre Beiträge. Das geschieht jedoch nach meinem Eindruck selten. Ich würde, was allzu oft im NZZ-Feuilleton zu lesen ist, als serielle Meinungsverlautbarungen charakterisieren – noch unerachtet der Frage nach dem gedanklichen und sprachlichen Niveau. 

Nicht nur fehlt bei derlei Meinungsverlautbarungen das Anknüpfen an andere Artikel, es fehlt (mir) oft auch das, was das Feuilleton stilistisch – dem Schreib- und Denkhabitus nach – erst zum Feuilleton werden lässt: freie, selbstbestimmte Reflexion, die sich davor hütet, ein vorschnelles Urteil abzugeben, eines, das nicht nur in diesem Sinne ein Vorurteil sein könnte. Vorab feststehende Positionen oder Meinungen verfechten: Das sollte ein Feuilleton dem Kommentarwesen der anderen, der ‹meinungsfreudigen› Ressorts überlassen – denen es zwar auf die Dauer auch nicht gut zu Gesicht steht, Meinungen oder politischen Bekenntnissen den Vorzug vor der Nachdenklichkeit zu geben. 

Neben dem Selbstmissverständnis, es sei in der NZZ in den vergangenen Jahren ein ‹Debattenfeuilleton› ins Leben gerufen worden, kursiert anscheinend ein weiteres Selbstbild, das ich für eine Fehleinschätzung oder eine Schutzbehauptung halte: Es würden im Sinne einer interessanten oder provokanten Zeitdiagnose neue Themen aufgespürt und gar ‹Tabus› eines herrschenden Zeitgeistes hinterfragt. Das beliebte Reiz- und Vexierthema der ‹Political Correctness› etwa ist ein ziemlich verstaubter alter Hut; es wurde (zum Teil noch unter anderem Namen) schon vor schätzungsweise zweieinhalb Jahrzehnten zum Dauergast im medialen öffentlichen Austausch – und damals auch im ‹alten› Feuilleton der NZZ aufgegriffen. Ich will damit nicht sagen, es lohne sich nicht mehr, sich damit zu befassen. Aber dann sollte es zum Gegenstand einer Diskussion werden, nicht zum rhetorischen Mittel in dieser Diskussion. Dass ‹Political Correctness› (ebenso wie ‹Identitätspolitik›) im Sinne eines Hieb- und Stichwortes nach meiner Wahrnehmung auch im Feuilleton als Waffe in einem (leicht phantasmatischen) Meinungskampf gerne benutzt wird, lässt auf einen Vorrang des Ideologisch-Politischen schliessen, der sich reflexartig bemerkbar macht. Ein habitualisierter Reflex ist keine Reflexion. 

‹Wenn ein Vorurteil gegen ein anderes in Stellung gebracht wird

Ich bin nicht der Einzige, der seit langem den Eindruck hat, (auch) im Feuilleton immer wieder – in Variationen – den im Grunde gleichen und ermüdend lamentierenden ‹PC›-Artikel vor die Augen zu bekommen. Wenn am Ende nicht viel mehr an Gehalt zum Vorschein kommt als ein wehleidig-aggressives ‹Das wird man ja wohl noch sagen dürfen …›, wenn ein Vorurteil gegen ein anderes in Stellung gebracht wird, dann wird unter dem Vorwand (oder ist es wiederum ein Selbstmissverständnis?), die Meinungsäusserungsfreiheit oder die ‹Debattenkultur› zu verteidigen, das Klima verschärft. Es wird polarisiert – und nebenbei mit dem Urteilsvermögen auch noch der Tatsachensinn geschwächt. So kann es dann auch geschehen, dass Stammtischdeutsch (‹populistische› Rhetorik) salonfähig wird.

Um das Tableau noch ein wenig impressionistisch anzureichern: Quasi zum Ausgleich für den stetigen Meinungskonsum durften und dürfen Feuilleton-Leserinnen und -Leser immer öfter sehr locker gestrickte, gerne ‹persönlich› gefärbte Texte über Belanglosigkeiten lesen. Gegen Aufmerksamkeit für Marginales, Lebensweltliches spricht ganz und gar nichts. Eine Locke auf einer Glatze zu drehen, macht bekanntlich die Kunst der feuilletonistischen Glosse aus – aber wenn sich eine ‹Glosse› der angesprochenen Sorte über eine ganze Zeitungsseite erstreckt (und wenn keine Pointe zu finden ist), dann wird das Genre vielleicht doch verfehlt. Aber das ist nun eine Geschmacksfrage … Mir scheint jedenfalls die Kombination aus grob politisch motivierten Meinungsverlautbarungsartikeln und ‹unpolitischen› Fingerübungen nicht untypisch zu sein für das Erscheinungsbild des NZZ-Feuilletons der letzten Jahre. Daneben gibt es natürlich noch manches andere zu finden, auch immer noch Geniessbares und Lesenswertes (vornehmlich dank einiger Redaktionsmitglieder, Autorinnen und Autoren, die dem Kehraus nicht zum Opfer gefallen sind) – aber es handelt sich dabei in vielen Fällen vermutlich doch eher um zufällige ‹Überbleibsel› aus vergangenen Zeiten.

‹Merklicher Bedeutungsverlust des NZZ-Feuilletons

Jenes Erscheinungsbild hat zu einem merklichen Bedeutungsverlust des NZZ-Feuilletons beigetragen, angesichts dessen es nicht erstaunt, dass von der Personalie an der Falkenstrasse bisher kaum Notiz genommen worden ist im Raum der räsonierenden Öffentlichkeit. Dass sich durch den Stabwechsel im Feuilleton nunmehr etwas zum Besseren ändern wird, ist nicht zu erwarten. Etwas abzureissen, ist leichter, als etwas aufzubauen. Zudem ist die Wahl – wer hätte das gedacht – erneut auf einen Journalisten mit politischem Profil gefallen, in dessen bisherigem Werdegang (soweit ersichtlich) keine Feuilletonredaktion vorkommt.»

(Nachfolger wird Benedict Neff)


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Zum Autor Christian Müller deutsch und englisch.

Zum Infosperber-Dossier:

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Eine Meinung zu

  • am 17.02.2021 um 20:19 Uhr
    Permalink

    Ich bin dankbar um die Einordnung der Vorkommnisse in der NZZ durch Dritte.
    Sie bestätigen meine Einschätzung, die dazu geführt hat, dass ich die Zeitung nach 46 Jahren begründet gekündet habe.
    Die Reaktion der NZZ: Eine Weiterführung des Abonements mit 25% Rabatt …

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