Pressefreiheit_Krossbow_4

Pressefreiheit nur für leidenschaftlichen Journalismus © Krossbow/Flickr/CC

Rendite-Einheitsbrei braucht keine Pressefreiheit

Red. /  Heribert Prantl von der Chefredaktion der «Süddeutschen Zeitung» liest Journalisten und Verlegern die Leviten. TEIL 4

upg. In einem ersten Teil hatte Heribert Prantl analysiert, warum Qualitätsjournalismus und Qualitätsmedien noch systemrelevanter sind als Banken; in einem zweiten Teil, wer den Qualitätsjournalismus heute am meisten bedroht: Medienunternehmen und der Journalismus selber. Im dritten Teil zeigte Prantl auf, warum das Internet und die Social Media die Qualitätsmedien nicht gefährdet. Im vierten Teil nun meint Prantl, dass der verbreitete Larifari-Journalismus die verfassungsmässig garantierte Pressefreiheit nicht verdient.

Die Garantie der Pressefreiheit hat ihren Grund

Der Presse ist in den Verfassungen die Freiheit garantiert. Presse sind Journalisten, Verleger, Medienunternehmen. Die Pressefreiheit könnte entfallen, wenn diese Freiheit als Freiheit ohne Verantwortung missverstanden wird; und wenn Medienunternehmen sich nur noch als Renditeunternehmen wie jedes andere auch verstehen.
Manager, die glauben, die Herstellung von Druckwerken sei nichts anderes als die Herstellung von Plastikfolien, täuschen sich. Für die Hersteller von Plastikfolien gibt es kein eigenes Grundrecht. Es hat seinen Grund, warum es das Grundrecht der Pressefreiheit gibt: Pressefreiheit ist Voraussetzung dafür, dass Demokratie funktioniert. Wird dieser Grundsatz nicht mehr geachtet, wird das Grundrecht grundlos. Dann verlieren Zeitungen ihre Zukunft.

Leidenschaft

Daraus folgt: Das beste Rezept für eine gute Zukunft der Zeitung ist verlegerische und journalistische Leidenschaft. Journalismus – das sind nicht Maschinen. Journalismus – das sind Köpfe. Journalismus ist geistige Arbeit. Diese geistige Arbeit muss natürlich gedruckt oder sonst wie verbreitet werden. Die geistige Arbeit ist also nicht alles; aber ohne diese geistige Arbeit ist alles nichts.

Einheitsbrei

Als einst der neue Münchner Flughafen eingeweiht wurde, ging der damalige Ministerpräsident Max Streibl mit den Journalisten stolz und beseelt durch die grossen Hallen. Alles war blitzblank, weitläufig, weltläufig und edel; am Boden glänzte der polierte Granit, an den Wänden prangte moderne Kunst, aus den Lautsprechern klangen die Weltsprachen. Als die Besichtigung nach zwei Stunden zu Ende war, fragte ein Journalist den Ministerpräsidenten, ob er in all dieser Pracht und Herrlichkeit etwas vermisse. Der Ministerpräsident stutzte kurz und sagte dann: «Es ist alles wunderbar, nur: Wenn man hier ankommt, merkt man doch gar nicht, dass man in München ist. Es könnte sich genauso um den neuen Flughafen in Paris oder in Melbourne handeln. Woran soll man denn hier erkennen, dass man in München gelandet ist?»
Ein Kollege schlug ihm daraufhin vor, man könne doch die nächste Landebahn «in Brezenform» errichten. Das Gelächter war gross.
Sie schauen mich jetzt mit grossen Augen an und fragen, was diese Geschichte denn mit der Zeitung, was sie mit Journalismus zu tun hat? Warum erzählte ich Ihnen dieses Kuriosum? Wenn man dieser Geschichte hört, dann klingt hinter der Lustigkeit der Begebenheit und der vermeintlichen Beschränktheit des Politikers etwas sehr Ernsthaftes, Wichtiges, Grundsätzliches. Die kleine Begebenheit führt uns nämlich zu einer Frage, die für den Journalismus viel wichtiger ist als für einen Flughafen: Was ist das Besondere, was ist das Erkennungszeichen, was ist das Unverwechselbare an einem guten Journalismus? Was zeichnet ihn aus? Was zeichnet den Journalismus so aus, dass er ein eigenes Grundrecht wirklich verdient? Wie soll, wie muss der Journalismus seine Freiheit nutzen, auf das sie Pressefreiheit heissen kann und darf?

Ein Journalismus, dem die Leute trauen können

Der Journalismus darf der Aufgabe, die er in der demokratischen Mediengesellschaft hat, nicht nur quantitativ nachkommen. Journalismus ist eine qualitative Aufgabe. Wenn Journalismus Qualität hat, dann braucht er gute Journalisten. Ein Journalismus, dem die Leute trauen und vertrauen, ist wichtiger denn je.
Die grosse Frage lautet nicht: Wie schafft man Klicks, Reichweite, Auflage? Die grosse Frage lautet: Wie schafft man Vertrauen? Dann kommen auch Klicks, Reichweite und Auflage.
Guter Journalismus ist ein Journalismus, bei dem die Journalisten wissen, dass sie eine Aufgabe haben – und dass diese Aufgabe mit einem Grundrecht zu tun hat: Nicht für jeden Beruf gibt es ein eigenes Grundrecht, genau genommen nur für einen einzigen. Leidenschaftlicher Journalismus muss das Internet nicht fürchten, im Gegenteil. Man sollte damit aufhören, Gegensätze zu konstruieren – hie Zeitung und klassischer Journalismus, da Blog mit einem angeblich unklassischen Journalismus. Man sollte auch aufhören mit dem Gerede, dass der «klassische» Journalismus in einem Bermuda-Dreieck verschwinde.
Der gute klassische ist kein anderer Journalismus als der gute digitale Journalismus. Die Grundlinien laufen quer durch diese Raster und Cluster: Es gibt guten und schlechten Journalismus, in allen Medien. So einfach ist das.

In einem fünften und letzten Teil erklärt Heribert Prantl, was die Kernaufgabe des guten Journalismus ist.

Zum ersten Teil: «Qualitätsmedien sind so systemrelevant wie Banken»

Zum zweiten Teil: «Medienunternehmen machen den Journalismus kaputt»

Zum dritten Teil: «Bezahlte Information hat Zukunft – gedruckt oder online»
Zum fünften Teil: «Guter Journalismus macht die Welt überschaubar»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Heribert Prantl (59) ist Mitglied der Chefredaktion der «Süddeutschen Zeitung» und leitet das Ressort Innenpolitik.

Zum Infosperber-Dossier:

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Eine Meinung zu

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    am 8.08.2013 um 10:56 Uhr
    Permalink

    Eine hervorragende Artikelserie! Endlich schreibt ein Insider über Hintergründe und Zusammenhänge und scheut sich auch nicht, klare Forderungen zu stellen. Danke, Heribert Prantl und der Infosperber-Redaktion.

    Gut zu erkennen sind die Entwicklungen auch am Zürcher Tages-Anzeiger. Von der parteiunabhängigen Zeitung im sonstigen Parteienfilz, mit gut recherchierten, kritischen und aufdeckenden Artikeln – die von den Autoimporteuren boykottiert wurde – , zum Medien-Moloch TA-Media, wo alles gut ist, was Werbeeinnahmen und gute Quartalszahlen bringt.

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