Sperberauge

Südkorea traut seinen Bürgern mehr als die EU

Rainer Stadler © zvg

Rainer Stadler /  Nordkoreanisches TV darf im Süden wieder genutzt werden. Die EU jedoch befürchtet, dass ihre Bürger Propaganda nicht durchschauen.

Der koreanische Bürgerkrieg vor 70 Jahren hatte zur Folge, dass die verfeindeten Regierungen ihrer Bevölkerung verboten, die Fernsehprogramme und Zeitungen des Gegners anzuschauen. Die Obrigkeiten hatten Angst, die Konsumenten könnten durch die von Propaganda geprägten Sendungen verführt werden. Nun beabsichtigt Südkoreas Regierung, dieses Verbot abzuschaffen, wie die NZZ berichtet. Das Verteidigungsministerium erklärte, man wolle im Hinblick auf eine Wiedervereinigung der beiden Staaten das gegenseitige Verständnis zwischen Norden und Süden fördern.

Die Zeitung zitiert einen Experten der Hanns-Seidel-Stiftung, gemäss dem Beamte erkannt hätten, dass sie gegenüber der eigenen Bevölkerung zu misstrauisch gewesen seien. Wiedervereinigungsminister Kwon Young habe festgestellt, dass während der Teilung Deutschlands von der ostdeutschen Propaganda keine Gefahr für den Westen ausgegangen sei. Zudem sei die Aufhebung des Verbots «ein einfacher, symbolischer Sieg über Nordkorea», meinte der Experte weiter.

Die EU jedoch hegt Misstrauen gegenüber ihrer Bevölkerung. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat die Union den Empfang von russischen Staatsorganen wie RT und Sputnik verboten. Vielleicht sollten sich EU-Vertreter in dieser Sache mal mit der südkoreanischen Führung austauschen.


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5 Meinungen

  • am 4.08.2022 um 15:59 Uhr
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    Der Vergleich mit Russia today, etc. hinkt. Nordkoreanisches Fernsehen wird aus Südkorea wie Folklore betrachtet. Die russische Propaganda ist subtiler und vieles mehr. Ich war bis Jan. 22 überzeugt, dass Putin nicht einmarschieren wird.

    3
    • am 5.08.2022 um 10:01 Uhr
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      Selbst wenn Ihre Einschätzung (dass die Südkoreaner den Nordkoreanischen Sender als Propaganda durchschauen, die EU Bürger RT aber nicht) zutreffen würde, die Aussage des Artikels bleibt:

      Die EU schätzt ihre Bürger nicht als mündig und urteilsfähig ein, sondern bevormundet sie mit einem Verbot von Medien (egal ob Propaganda oder MSM)…

      zudem: wer soll entscheiden, was ‹korrekte› Medien sind und was nicht?

      Für mich ist klar: solche Massnahmen sind kontraproduktiv und zeigen arrogantes Verhalten der Behörden.

      0
  • am 4.08.2022 um 23:28 Uhr
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    „Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat die Union den Empfang von russischen Staatsorganen wie RT und Sputnik verboten.“ Die Europäische Union betreibt Zensur, obwohl sie von ‚Meinungsfreiheit‘ spricht. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine schaltet die westliche Berichterstattung auf das das Feindbild Russland. Dass Russland ein ihm feindlich gesinntes Militärbündnis an seiner Grenze stehen hat, wird tabuisiert. Hauptsache, der Westen ist das Gute und Russland das Böse, obwohl es der europäische Nachbar ist. Ein Schwarz-Weiss Denken wie im Mittelalter – obwohl man dem Mittelalter damit evt. gar Unrecht tut?

    0
    • am 6.08.2022 um 12:07 Uhr
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      Liebe Frau Obrist. Zurück ins Mittelalter, wo despotische autokratische Herrscher als gottgegeben hingenommen werden mussten, Ihr Ernst? Russland, welches seinen europäischen Nachbarn überfällt und dem Erdboden gleichmacht, nur weil dieser Nachbar es wagte, sich dem imperialen Machtanspruch Putins zu widersetzen? Wie lange blieben die baltischen Staaten wohl unabhängig ohne NATO-Schutz?
      Ich fände im Übrigen auch, dass Medien nicht zensuriert werden sollten, egal ob sie nun übelste staatliche Propaganda sind oder Lügen verbreiten. Solange unsere westlichen Werte mit funktionierender Zivilgesellschaft und unabhängiger Qualitätspresse bestehen, verfängt diese Propagande nur bei den wenigsten. Das Urteil gegen Alex Jones spricht dafür, dass Verbreiter von Verschwörungs-Geschichten und anderen Lügen schlussendlich in unserem westlichen Wertebereich nicht bestehen können.
      https://www.nzz.ch/international/alex-jones-der-us-verschwoerungstheoretiker-bekennt-sich-der-luege-ld.1696662

      3
    • am 6.08.2022 um 23:34 Uhr
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      Aus meinen Erinnerungen: Es muss 1982 gewesen sein, die dunkelste Zeit in den Ost-Westbeziehungen. Wir verbrachten unsere Weihnachtsferien in Key West. Am späten Nachmittag spielte ich Tennis mit meiner Frau, die nach einiger Zeit keine Lust mehr hatte. Ein vom Aussehen her gebürtiger Afro-Amerikaner in den besten Jahren schlug Bälle gegen die Wand. So frage ich ihn, ob er einige Bälle schlagen möchte. Er mochte. Nach einiger Zeit war auch er müde, wir setzten uns hin und er erzählte mir seine Geschichte. Er stammte aus Jamaika und war zusammen mit seinem Studienfreunden aus verschiedenen Disziplinen in die USA emigriert, wo sie in Washington einen Think Tank gründeten und die amerikanische Regierung in Drittweltfragen beriet. In Anbetracht der politischen Lage fragte ich ihn, wie er denn die Zukunft einschätze. Er meinte: “20 years of reformation or 500 years of dark ages”. Die 20 Jahre Reformation hatten wir. Nun scheint sich wirklich tiefstes Mittelalter anzukündigen ….

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