Kommentar

kontertext: Der Vertreter eines Sportweltverbands ereifert sich

Michel Mettler © zvg

Michel Mettler /  Noch immer geistert das Wort wirtschaftsfeindlich durch die Arenen. Selbst wenn im Studio sportliche Mega-Events verhandelt werden.

Neulich im TV sah ich einen Funktionär vom Typ Interessenvertreter. Er benutzte ein Wort, das mich an selige Zeiten des Kulturkampfs erinnerte: ‹wirtschaftsfeindlich›. Der Mann mittleren Alters sass in einem Studio, gemeinsam mit anderen seiner Zunft, sein Name war mir augenblicklich entfallen, so etwas wie Hugentobler, Lardelli oder Plüss, eingeladen von einem Sender, dessen Kürzel ich mir nicht merken konnte, etwas mit R, F oder T (Anstalt der Red. bekannt). Professionell ausgeleuchtet, sprach dieser Hubeli oder Laplace über ein Thema, das mir laufend entfiel. Ich glaube, es ging um die Macht der grossen Sportverbände, deren Einflussnahme auf die Politik er heftig bestritt. Er war top gebrieft, man meinte den Nadelfilz des Sitzungszimmers zu riechen, in dem er von PR-Leuten vorbereitet worden war. Einige seiner Sätze wirkten einstudiert, andere auswendig gelernt, und wann immer das Gespräch Themen berührte, für die er in seinem Kopf keine Fertigbausteine fand, zog er sich hinter ein staatsmännisches Hüsteln zurück. Als es aber um die Freiheit ging, im Schutz des Schweizer Verbandsrechts happige Summen steuerfrei umzusetzen, ging ein Ruck durch seine akkurat gescheitelte Gestalt, sein Teint verlor das angestammte Grau, und er benutzte jenes Zweihänderwort, das in mir ungute Assoziationen weckte, weil ich es so oft im Stammblatt meiner Eltern gelesen hatte: wirtschaftsfeindlich.

Ich erinnere mich gut an jene Zeit. Damals war die NZZ verschrien, Parteiorgan der Wirtschaftsliberalen zu sein, nicht ohne einen gönnerhaften Restpluralismus zu pflegen. Ein astreines Tendenzblatt war sie noch nicht, aber sie machte auch kein Geheimnis um ihre Pappenheimer. Dies illustrierten die ganzseitigen Anzeigen für Limousinen, Anlagevehikel und Luxusuhren in noblem Schwarzweiss. Eine ehrliche Zeitung. Den Mittellosen schleuderte sie ins Gesicht: «Du brauchst mich erst gar nicht zu öffnen, die Produkte, die hier beworben werden, kannst du dir ohnehin nicht leisten.»

Damals genügte das Wort ‹wirtschaftsfeindlich›, vorgebracht im Brustton basisdemokratischer Entrüstung, um im Parlament Anliegen zu bodigen, bevor sie richtig ausformuliert waren. Auf allen Etagen des Schweizer Demokratiegebäudes standen die nötigen Mehrheiten dafür bereit. Wirtschaftsfeinde, so die Hauptbotschaft, greifen den Geldbeutel der einfachen Bürgerin an – das kann nichts anderes als Sozialismus sein, offen gelebter oder verkappter. Wer so etwas unterstützt, muss ein Feind des Volkes sein. So nannte damals auch die RAF ihre Anschlagsopfer: ‹Feinde des Volkes›. In der NZZ jener Tage glich das Wort wirtschaftsfeindlich einem Totschläger. Wer den Begriff an den Kopf kriegte, war mundtot gemacht.

Schon als Gymnasiast, dessen Vater willfähriger Abonnent dieser Zeitung war, habe ich mich gefragt, weshalb es ein Kapitalverbrechen sein sollte, der Wirtschaft Grenzen zu setzen. Und gab es diesen Singular überhaupt, ‹die› Wirtschaft? Erlaubte das weltweite Profitstreben eine solche Personifikation, der man sich in den Weg stellen konnte, als sei es eine heilige Johanna der Werkhöfe? In den Fiktionen des damaligen Neoliberalismus war dieser Singular eine feste Grösse, zu der alle Akteurinnen des globalen Wirtschaftens einschrumpften, um ein homogenes Ganzes der Prosperität zu bilden. In den Köpfen der Linken gab es ihn auch – als Feind, den man sich aktenkofferbehängt und in Nadelstreifen ausmalte: der Kapitalist, das Raubtier, das alleine jagt.

Die Freisinnigen jener Tage sprachen gern davon, dass die Wirtschaft angegriffen werde, wenn es von linker Seite hiess, man halte die Schweizer Sozialwerke nicht für ein fertiggebautes Bollwerk der Solidarität, sondern für ausbaufähig. Das hemmte das Gewinnstreben und war des Teufels, ein Affront an die Adresse der heiligen Johanna der Werkhöfe.

*

Und heute? Ich sehe noch vor mir, mit welcher Indignation Laplace, der Verbandsvertreter, im Studio das Wort wirtschaftsfeindlich in den Mund nahm: Er sah aus, als habe man ihn genötigt, Pferde-Urin zu trinken. Schon in meiner Gymnasiumszeit, als der sogenannte Bürgerblock die Schweiz noch homogen und feuchtfröhlich regierte, hatte ich mich gefragt, weshalb man Menschen, die sich wirtschaftsfeindlich verhielten, so sehr verteufeln musste, während die Wirtschaft, die sich menschenfeindlich benahm, straffrei ausging – im damaligen Südafrika rund um das Gold oder im indonesischen Urwald gegen indigene Kulturen, heute in ugandischen Minen und in chinesischen Batteriefabriken, aber auch am Paradeplatz, wo der Erfolgsdruck die Angestellten schwarmweise in die Burn-out-Kliniken treibt. Ähnlich auch im sogenannten ‹Mittelbau› unserer Bildungshäuser, wo PostDocs zum Hungerlohn an Publikationen schuften, deren Meriten andere einheimsen.

Wirtschaftsfeindlich sind auf ihre Weise auch meine Eltern in den aufschwungseuphorischen 80er-Jahren gewesen. Sie assen Gemüse statt Fleisch, und weil sie lieber die SBB benützten, als vor dem Gotthard ihre street credibility zu beweisen, waren sie den Autobauern aus Sindelfingen ein Dorn im Auge: Wirtschaftliche Subjekte mit Kaufkraft, an denen das Versprechen eines besseren Lebens durch Konsum versagte. Wie sonderbar: Sie hatten Geld, aber amüsierten sich damit nicht zu Tode.

Für den Sohn war die Situation prekärer: Rundum reiste man nach Teneriffa oder auf die Malediven, und er konnte am ersten Schultag nicht einmal von einem Hausboot auf Frankreichs Binnenkanälen berichten. Das Safiental jedenfalls interessierte so wenig wie Bastelarbeiten aus abgebrannten Streichhölzern, denn das Teure war Trumpf: Die Haushalte wurden in rasanter Kadenz mit den modernsten Geräten erneuert, und Kleidungsstücke durften höchstens eine Saison getragen werden – so als sei das Fliessen des Geldes, gleichgültig wohin, die Voraussetzung für alles Wohlergehen auf diesem Planeten. Als gebe es hier kein anderes Glück als jenes, das käuflich zu haben war.

Und meine Eltern wollten wandern!

Der Sportfunktionär, der auch viele Verwaltungsratsmandate innehat, rutscht unbehaglich auf seinem Stuhl herum. Ihm stellt sich alles als wirtschaftsfeindlich dar, was Hemmnisse und Auflagen errichtet, um den Unternehmergeist in Bahnen zu lenken. «So etwas wäre unfreiheitlich!», sagt er, als der Snowboarder links von ihm schüchtern fragt, ob man die nächsten Olympischen Spiele zur Abwechslung vielleicht in einem Land abhalten könnte, das Lagerhaft nicht zum eisernen Bestand seiner Staatsführung zähle? Stünde dann weniger Geld bereit, könne man den Anlass ja auch etwas kleiner planen.

Kleiner? Dieser harmlose Komparativ übersteigt den Verständnishorizont des Interessenvertreters, und andere seiner Zunft eilen zu Hilfe: Die Sponsoringexpertin meint, damit wäre einem Narrativ Tür und Tor geöffnet, das dem völkerverbindenden Geist des Sports nur schaden könne. Während meine Ermattung wächst, findet Laplace die Idee des Halfpipe-Champions nicht nur gefährlich, sondern einigermassen weltfremd. Und ich, um nicht auch noch über diesem Begriff ins Sinnieren zu kommen, sorge mit einem raschen Griff zur Fernbedienung für heilsames Schwarz auf dem Bildschirm.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Michel Mettler, geb. 1966, tätig als freiberuflicher Autor und Herausgeber, interessiert sich für die Geschichtlichkeit von Gegenwart, Wortgebrauch und Erzählungen, die der Subtext schreibt. Zuletzt hat er als Co-Herausgeber den Band DUNKELKAMMERN veröffentlicht (Suhrkamp 2020).
Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Die Gruppe ist dabei, sich neu zu konstituieren. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler und Felix Schneider.
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Michel Mettler

Michel Mettler, geb. 1966, lebt als freiberuflicher Autor und Herausgeber in Klingnau. Er interessiert sich für die Geschichtlichkeit von Gegenwart und Erzählungen, die der Subtext schreibt. Zuletzt hat er als Co-Herausgeber den Band DUNKELKAMMERN veröffentlich (Suhrkamp 2020).

2 Meinungen

  • am 2.05.2022 um 11:19 Uhr
    Permalink

    Die Wirtschaft und die Gesellschaft müssen in einer Balance gehalten werden. Wenn man dieses Bild auf einen Autoscheibenwischer überträgt, schlägt das Pendel gerade Richtung mitte-links.
    Verstehe daher sehr gut, dass der Interessenvertreter und der Marketing-Lakai etwas nervös werden:)

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  • am 4.05.2022 um 22:29 Uhr
    Permalink

    Besten Dank für diesen Beitrag. Ich hätte dies wohl nie gesagt (zu sagen getraut) obwohl ich solche Gedanken immer noch mit mir herumtrage.

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