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Ein spanischer Zollbeamter und ein Beamter der Guardia Civil im November 2020 in Granada, Spanien, bei der Beschlagnahmung von illegal importierten Kühlmitteln. © Guardia Civil

Illegale Kältemittel: kalt, kälter, klimaschädlich

Daniela Gschweng /  Der boomende Schwarzimport von Kühlmitteln in die Europäische Union ist eines der grössten unbekannten Klimaverbrechen.

Der Ursprung des Problems ist eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Bis in die 1980er-Jahre waren Fluorchlorkohlenwasserstoffe, kurz FCKW, überall. Sie schädigten die Ozonschicht, die Menschen vor Strahlung schützt. In einer weltweiten politischen Anstrengung schaffte es die Menschheit, die Ozonkiller grösstenteils loszuwerden. FCKW waren ausserdem die Ursache für mindestens ein Drittel der weltweiten Klimaerwärmung im 20. Jahrhundert.

Andere Chemikalien haben FCKW ersetzt. Nun hat die Welt Probleme mit den extrem klimaschädlichen Nachfolgern: Sogenannte F-Gase versprechen hohe Profite und werden in grossen Mengen in die EU geschmuggelt. Regulierungen, um den illegalen Verkauf einzudämmen, greifen nur teilweise.

Vom Ozon- zum Klimakiller

1989 trat das Montrealer Protokoll in Kraft, ozonschädliche Chemikalien wurden darin weltweit verboten, seither erholt sich die Ozonschicht. In etwa 50 Jahren werden FCKW voraussichtlich ganz aus der Atmosphäre verschwunden sein.

Ersetzt wurden FCKW durch Chemikalien, die zwar das Ozonloch nicht vergrössern, aber 100- bis 24’000-mal klimaschädlicher sind als CO2. Nun bemüht sich die Welt, diese Übergangslösung loszuwerden. Nur nicht überall gleich schnell, davon profitieren Händler von Kältemitteln. Wie sehr, hat die Umweltorganisation «Environmental Investigation Agency» (EIA) in ihrem zweiten Bericht zum Handel mit FKW (Fluorkohlenwasserstoffen) untersucht.

Sogenannte F-Gase werden in Schaumstoffen, Feuerlöschschäumen und als Lösungsmittel eingesetzt. Vor allem aber werden sie zum Kühlen gebraucht. Von der Klimaanlage im Auto über die Gefriertruhe im Kiosk bis zum Kühlhaus werden sie überall benötigt. Viele gelangen illegal in die EU, da die Profitspanne erheblich ist.

Oft nur Fachleuten bekannt

Was wiederum an internationalen Abkommen liegt. 2016 wurde die Kigali-Vereinbarung als Ergänzung zum Montrealer Protokoll beschlossen, um F-Gase schrittweise durch nicht klimaschädliche Alternativen zu ersetzen. Die Zeit drängt, denn es wird zunehmend mehr gekühlt statt weniger.

Wer sich nicht mit ihnen beschäftigt, hat sehr wahrscheinlich noch nie von ihnen gehört. Das liegt auch an Abkürzungen wie HFC-134a oder 152a für die betreffenden Chemikalien. Kältemittel werden durch ein «R» (Refrigerant) gekennzeichnet, beispielsweise «R134a». Dahinter verbirgt sich die Substanz 1,1,1,2-Tetrafluorethan, worunter sich auch nur in der Chemie Bewanderte etwas vorstellen können.

Grosse Profitspannen aufgrund ungleicher Geschwindigkeit

In der EU wird der Handel mit F-Gasen schrittweise eingeschränkt. Ziel des «Phase-Downs» ist, Emissionen aus teilfluorierten Kohlenwasserstoffen (HFKW), Fluorkohlenwasserstoffen (FKW), Schwefelhexafluorid (SF6) und Stickstofffluorid (NF6) bis 2030 auf ein Drittel der Emissionen von 2014 zu reduzieren. Die Schweiz setzt die Kigali-Vereinbarung ebenfalls um und schränkt die Verwendung von HFKW bis 2030 schrittweise ein.

Weniger klimaschädliche Ersatzstoffe für gängige Kühlmittel auf Basis von Ammoniak, CO2 oder Wasser gibt es bereits. Für die Umstellung haben einige Länder aber mehr Zeit als andere.

Wer F-Gase in die EU importieren will, braucht dazu seit 2015 eine Quote, die zunehmend knapper ausfällt. Durch diese Beschränkung lohnt sich der Handel allerdings erst richtig. FKW wurden innerhalb der EU deutlich teurer als ausserhalb.

Zwischen 2015 und 2018 sei der Preis um das Sechs- bis Dreizehnfache gestiegen, führt die EIA auf. Die Quoten sind begehrt, die Profitspanne lockt Schmuggler an, stellte die EIA schon in ihrem ersten Bericht 2019 fest.

Keine Kleinigkeit, sondern ein Umweltverbrechen

Wie viel Kältemittel illegal in die Europäische Union gelangen, lässt sich nur schätzen. Die EIA hat dazu die Menge der aus anderen Ländern exportierten mit den in die EU importierten Mengen verglichen. Anhaltspunkte geben auch Anzeigen auf Internetportalen wie eBay und Alibaba und die Menge der vom Zoll beschlagnahmten Chemikalien.

Zwischen einem Sechstel und einem Drittel der in der EU verkauften Kältechemikalien gelange illegal in den Handel, schätzen verschiedene Experten. Das ist keine Kleinigkeit, sondern ein grobes Umweltverbrechen. Zwischen einem und zwei Prozent der EU-Treibhausgasemissionen stammen aus F-Gasen. Genau lässt es sich nicht sagen, da zur Berechnung nur die bekannten Mengen verwendet werden.

Die Tricks der Importeure

Händler schaffen es mit einer Reihe von Tricks, Importe am Zoll vorbeizubringen. Die meisten Kältechemikalien werden aus den Herstellerländern wie China in an die EU angrenzende Länder wie die Ukraine und die Türkei geliefert, von wo sie entweder direkt oder über Bulgarien nach Rumänien gelangen.

Händler in Rumänien, mit denen sich Vertreter der EIA verdeckt getroffen haben, erklären, dass sie Zollbeamte bestechen, um die begehrten Zollpapiere zu bekommen. Das klappt selbst dann, wenn Kältegase in Wegwerfzylindern verpackt sind, die in der EU verboten sind. Ist die Ware erst einmal innerhalb der EU, kann sie frei verkauft werden. Aus Rumänien, erklärt beispielsweise der Geschäftsführer von «Eurotek Chemical», transportiere ein Partner die Zylinder nach Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien.

Auf Online-Plattformen werden immer wieder Einwegzylinder mit Kältegasen inseriert. Ein sicherer Hinweis darauf, dass diese illegal ins Land gekommen sind. Einige Käufer kennen das Einweg-Verbot nicht, weil sie nicht oft Kältemittel kaufen, oder sie ignorieren es, weil die Ware um ein Vielfaches günstiger ist als im legalen Handel. Von 30 von der EIA befragten Unternehmen und Einzelpersonen in der EU waren sich zwei Drittel des EU-Phase-Downs bewusst; 37 Prozent hatten bereits Kältemittel in Wegwerfzylindern angeboten bekommen.

EU-Zöllner können nur eingeschränkt prüfen

Selbst korrekt arbeitende Behörden haben praktische Probleme. Wenn Kältemittelbehälter den Zoll passieren, können Zollmitarbeitende wenig tun. Sie können beispielsweise kontrollieren, ob die Verpackung ein Mehrweggefäss und kein verbotener Einmalbehälter ist. Ob das importierende Unternehmen seine Quote für das laufende Jahr schon ausgeschöpft hat, sehen die Zöllnerinnen nicht und können es vor Ort auch nicht überprüfen.

Weil die Quote für ein Jahr gilt, kann ein Händler auch angeben, dass er die Ware erst im darauffolgenden Jahr verkaufen wird. Oder er deklariert seine Ware als für Länder ausserhalb der EU vorgesehen. Während des Transits verschwindet sie dann.

Bestraft wird Kältemittel-Schmuggel nur in wenigen Ländern

Wird am Zoll ein Verstoss festgestellt, passiert ebenfalls nicht viel. Nur in vier EU-Ländern werden Verstösse bestraft, sonst werden die verbotenen Chemikalien lediglich an den Absender zurückgeschickt. Einige Länder wie Malta und Estland berichteten, dass Strafen nicht greifen, weil die zurückgewiesenen Kühlmittel nicht auf den Markt gelangten oder die betreffenden Personen juristisch nicht erreichbar waren.

Der Kältemittel-Schmuggel hat in den vergangenen drei Jahren vermutlich zugenommen. Zwar wurde die Anzahl der Beschlagnahmungen gemäss EU-Daten geringer, die beschlagnahmte Menge aber gleichzeitig grösser. 2020 wurden 59 Beschlagnahmungen in 12 EU-Mitgliedstaaten gemeldet, sie umfassten insgesamt 281 Tonnen Kältemittel mit einer Klimawirkung von 700’000 Tonnen CO2.

Immerhin haben einige Länder das Gefahrenpotenzial erkannt. Deutschland beispielsweise plant laut der «Zeit» Händlern die lückenlose Dokumentation über die Herkunft von Kältemitteln vorzuschreiben. Überarbeitet wird die Verordnung der EU aber erst 2022.

Clare Perry, Expertin der «Environmental Investigation Agency», mahnte laut einem Bericht der «Klimareporter» bei der Vorstellung des zweiten EIA-Berichts mit deutlichen Worten: «Das schiere Ausmass der illegalen FKW-Importe in die EU sollte in der gesamten Europäischen Union die Alarmglocken läuten lassen», sagte sie. Der Import von fluorierten Kohlenwasserstoffen sei eines der grössten unbekannten Umweltverbrechen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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Zum Infosperber-Dossier:

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