Coronatest_Grenze_ard

Coronatest an der Grenze: Je mehr Nichtverdächtige getestet werden, desto fragwürdiger © ard

«Heutige Teststrategie soll Covid-Massnahmen rechtfertigen» (2)

Red. /  Netzwerk evidenzbasierte Medizin: Zweckmässig sind Tests nur für Personen, die einem hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt waren.

Red. Das EbM-Netzwerk in Berlin hat eine aktuelle Einschätzung zu Covid-19 veröffentlicht. Infosperber informiert darüber in drei Teilen (1. Teil: «Politische Covid-Massnahmen sollten mehr nützen als schaden»). Vertreter der evidenzbasierten Medizin wägen Nutzen und Risiken aufgrund wissenschaftlicher Daten ab, machen auf Wissenslücken aufmerksam und fordern entsprechende gezielte Forschung.

Bei einer derzeit vorliegenden niedrigen Prävalenz der Infizierten bzw. positiv Getesteten [Zahl bezogen auf die Gesamtbevölkerung. Red.] (in Deutschland ca. 0,025%, in Österreich ca. 0,03%, in der Schweiz ca. 0,04% der Bevölkerung – ohne die wahrscheinlich niedrige Dunkelziffer) werden in allen drei Ländern Massentestungen auf Sars-CoV-2 durchgeführt, in Deutschland zuletzt fast 900’000 Tests pro Woche (33. KW 875.524), in Österreich 63’000 und in der Schweiz 73’000. Die Test-Positiven-Rate liegt in Deutschland unter 1%, in Österreich bei etwa 2%, in der Schweiz bei etwa 3% [6,25,26].

Die nationale Teststrategie in Deutschland sieht vor, dass sowohl symptomatische als auch asymptomatische Personen getestet werden. Als „symptomatisch“ gelten „Personen mit jeglichen akuten respiratorischen bzw. Covid-19 typischen Symptomen“, inklusive jeder „ärztlich begründete Verdachtsfall“ [27]. Eine derartig weite Indikationsstellung führt zu einer wahllosen Überdiagnostik, da pro Woche bis zu 2,8% der Bevölkerung wegen eines respiratorischen Infekts einen Haus- oder Kinderarzt aufsuchen [28]. Darüber hinaus sollen asymptomatische Personen getestet werden, darunter auch Einreisende aus Nicht-Risikogebieten und nach Aufenthalt in Regionen mit einer Inzidenz >50/100’000 innerhalb von 7 Tagen. Abgesehen davon, dass die derzeitigen Testkapazitäten für diese umfangreichen Messungen nicht ausreichend sind, gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis oder nur Hinweis, dass diese Teststrategie zu einer Verminderung von Hospitalisierungen oder Todesfällen durch Covid-19 führt.

Wie bei allen Massentestungen ist zu hinterfragen, welche Aussagekraft die Testergebnisse haben und welcher Nutzen für die Getesteten oder auch die Bevölkerung als Ganzes durch diese Tests zu erwarten ist.
Derzeit kann man in Deutschland von einer Sars-CoV-2-Prävalenz [Zahl im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Red.] von 0,025% ausgehen, die mit PCR-Tests nachweisbar ist. Diese Zahl ergibt sich aus der täglichen Zahl der Neuinfektionen (ca. 1000), der deutschen Bevölkerungsgrösse (ca. 80 Mio.) und dem Faktor 20, weil eine Infektion im Median 20 Tage lang mit PCR-Tests nachweisbar ist. Bei einer solch niedrigen Prävalenz von 0,025% führt auch ein Test mit einer 99,9%igen Spezifität [Treffsicherheit. Red.] zu deutlich mehr falsch-positiven als richtig-positiven Befunden. Erst wenn die Spezifität 99,99% beträgt, könnte ein ungezieltes Testen halbwegs verwertbare Ergebnisse erzielen.
Besser aber wäre ein Testen nur bei begründetem Verdacht: Denn bei einer Prävalenz von 0,15% (dies entspricht der RKI-Definition eines Risikogebiets) sind falsch-positive Ergebnisse in der Minderheit, egal ob die Spezifität 99,9% oder 99,99% beträgt.
Ein grosses Problem derzeit ist aber, dass die Testgenauigkeit der verschiedenen PCR-Tests so genau noch nicht ermittelt wurde. Die vorliegenden Daten beziehen sich auf die Testgüte im Laborversuch, nicht auf echte Proben in der Anwendung. Hier wären also dringend pragmatische diagnostische Genauigkeitsstudien im Setting der derzeitigen Teststrategie von Nöten, um Klarheit über die Aussagekraft des Testens zu bekommen.

Noch so viele Tests können das Virus nicht aus der Bevölkerung eliminieren

Die derzeitige Teststrategie und Informationspolitik erweckt den Anschein, dass die positiven Testergebnisse – ohne Bezug zur Menge der durchgeführten Tests und ohne Bezug zur Bevölkerung – benutzt werden, um die derzeitige Strategie zur Eindämmung der Covid-Pandemie zu rechtfertigen. Die derzeit propagierte nationale Teststrategie ist teuer und mit hoher Wahrscheinlichkeit nutzlos, alleine schon, weil es aufgrund der nicht ausreichend hohen Sensitivität, der hohen Rate asymptomatisch Infizierter und der unbekannten Dunkelziffer von Virusträgern nicht gelingen kann, Sars-CoV-2 aus der deutschen, österreichischen oder Schweizer Bevölkerung zu eliminieren. Richtig wäre es, die Testungen auf Personen mit hohem Risiko für das Vorliegen einer Infektion zu fokussieren, um die Vortestwahrscheinlichkeit und damit die Aussagekraft des Testergebnisses zu erhöhen.

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  • Es folgt ein letzter, dritter Teil:
    Das Abwägen zwischen Nutzen und Schaden des Lockdowns liegt noch vor uns.

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Infosperber-DOSSIER:
Coronavirus: Information statt Panik
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FUSSNOTEN – LITERATUR

6. Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. Amtliches Dashboard Covid19 – öffentlich zugängliche Informationen [Internet]. 2020 [zitiert 2020 Aug 31]. Verfügbar unter: https://info.gesundheitsministerium.at/
24. Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin. Risikokommunikation zu Covid-19 in den Medien [Internet]. 2020 [zitiert 2020 Aug 31]. Verfügbar unter: https://www.ebm-netzwerk.de/de/veroeffentlichungen/pdf/stn-risikokommunikation-covid19-20200820.pdf
25. Robert Koch-Institut. Anzahl durchgeführter Tests für das Coronavirus in Deutschland bis KW 33 2020 [Internet]. 2020 [zitiert 2020 Aug 20]. Verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1107749/umfrage/labortest-fuer-das-coronavirus-covid-19-in-deutschland/#professional
26. Bundesamt für Gesundheit. Situationsbericht zur epidemiologischen Lage in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein – Woche 35 (24.-30.08.2020) [Internet]. 2020 [zitiert 2020 Sep 2]. Verfügbar unter: https://www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/mt/k-und-i/aktuelle-ausbrueche-pandemien/2019-nCoV/covid-19-woechentlicher-lagebericht.pdf.download.pdf/BAG_Covid-19_Woechentliche_Lage.pdf
27. Robert Koch-Institut. Nationale Teststrategie Sars-CoV-2 [Internet]. 2020 [zitiert 2020 Aug 1]. Verfügbar unter: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Teststrategie/Nat-Teststrat.html
28. Robert Koch-Institut. Zeitliche Trends in der Inzidenz und Sterblichkeit respiratorischer Krankheiten von hoher Public-Health-Relevanz in Deutschland. 2017 [zitiert 2020 Aug 23]. Verfügbar unter: http://edoc.rki.de/docviews/abstract.php?lang=ger&id=5301
29. Zeichhardt H, Kammel M. Kommentarzum Extra RingversuchGruppe 340Virusgenom-Nachweis-Sars-CoV-2 [Internet]. 2020 [zitiert 2020 Juli 1]. Verfügbar unter: https://www.instand-ev.de/System/rv-files/340%20DE%20Sars-CoV-2%20Genom%20April%202020%2020200502j.pdf
30. Wu Y, Xu W, Zhu Z, Xia X. Laboratory verification of an RT-PCR assay for Sars-CoV-2. J. Clin. Lab. Anal. 2020;e23507.
31. van Kasteren PB, van der Veer B, van den Brink S, Wijsman L, de Jonge J, van den Brandt A, u. a. Comparison of seven commercial RT-PCR diagnostic kits for Covid-19. J. Clin. Virol. 2020;128:104412.
32. Kolditz M, Ewig S. Community-Acquired Pneumonia in Adults. Dtsch. Aerzteblatt Online [Internet] 2017 [zitiert 2020 Aug 24]. Verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/10.3238/arztebl.2017.0838


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

Coronavirus_1

Coronavirus: Information statt Panik

Covid-19 fordert Behörden und Medien heraus. Infosperber filtert Wichtiges heraus.

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7 Meinungen

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    am 11.09.2020 um 12:07 Uhr
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    Ich liebe diese Aussage, sie passt zur momentanen Situation wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge: «Escalation of commitment is a human behavior pattern in which an individual or group facing increasingly negative outcomes from a decision, action, or investment nevertheless continues the behavior instead of altering course. The actor maintains behaviors that are irrational, but align with previous decisions and actions.»
    https://en.wikipedia.org/wiki/Escalation_of_commitment

    0
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    am 11.09.2020 um 12:53 Uhr
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    Wir können davon ausgehen, dass die Entscheidungsträger in diesen «komischen Zeiten» die oben dargelegten Fakten alle auch kennen.

    Sie ziehen ihre eingeschlagene Strategie trotzdem durch. Warum?
    Zusätzlich werden jetzt täglich Tausende Schweizer aufgrund eines dubiosen PCR-Tests bei zumeist gesunden Menschen nicht nachvollziehbar in Quarantäne geschickt. Das wird uns Milliarden kosten. Mich würde stark interessieren, wie Viele davon krank werden und ins Spital gehen, aber diese Zahlen will wohl wieder niemand liefern.
    Die FMH und die Krankenkassen sollten umgehend die immer wieder lautstark geforderte Qualitätskontrolle einfordern inklusive das Prinzip der Wirtschaftlichkeit.

    Ebenso wenig wird die bestens etablierte BAG-Sentinella-Statistik von bis 250 ärztlichen Praxis in der ganzen CH für COVID-19 geführt! Das ist gelinde gesagt unglaublich, denn dazu wurde dieses Meldewesen einst aufgezogen.
    Der Verlauf von COVID-19 in der Praxis scheint das BAG nicht zu interessieren – oder noch schlimmer: Diese offensichtlich störenden Daten will man nicht publizieren.
    Das wirft Fragen auf und dazu muss man kein Verschwörungstheoretiker sein.

    https://saez.ch/article/doi/saez.2020.19204

    0
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    am 12.09.2020 um 12:56 Uhr
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    Der nächste Schritt ist die Heilsversprechung der ‚Impfung‘.

    Haben die Staaten jemals festgelegt, bis wann ein Impfstoff gegen HIV, Multiplesklorose, Krebs, Tumore etc. erfunden werde? Nein, weil es grober Unfug ist, da der Zeitpunkt einer Erfindung, Entdeckung nicht bestimmt werden kann.

    Unbekümmert davon wurde einstimmig festgelegt, dass die Pharma innert einigen Monaten einen Impfstoff gegen SARS-Cov-2 erfinden werde (Futur) und
    bis zu diesem Zeitpunkt würden die Corona-Massnahmen beibehalten.

    Folge: Die Schlafschafe warten auf den Coronaimpfstoff, wie sie auch heute noch auf Impfstoffe / Medikamente zu Heilung von HIV, Multiplesklorose, Krebs, Tumore etc. warten.

    QED: Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.

    0
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    am 12.09.2020 um 14:56 Uhr
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    Frage an die Redaktion: woher haben Sie die «geringe» Spezifitätsrate von 99,9%? Das würde bedeuten, dass bei 1 Probe aus 1000 Proben ein nicht-Covid 19 RNA-Fragment in der RT-qPCR ein Covid 19 Fragment-spezifisches Signal produziert. Bei den von Ihnen verlinkten Studien (Kompetenztests) erzielten zB die Roche COBAS-Tests 100% Spezifität, allerdings bei nur wenigen hundert Testproben.
    Oder bezieht sich diese Rate auf die Wahrscheinlichkeit einer Kreuzkontamination im Labor?

    0
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    am 12.09.2020 um 17:04 Uhr
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    @Oberhänsli. Die Zahl stammt nicht von uns, sondern von EbM-Netzwerk. Eine 100%ige Spezifität gibt es höchstens in technischen Laborversuchen, aber nicht bei der praktischen Anwendung.

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    am 12.09.2020 um 17:26 Uhr
    Permalink

    @Meier: Ähnliches kommt zuweilen sogar im theoretisch so rationalen Umfeld industrieller F&E vor. Ein von der Realität zum Scheitern verurteiltes Projekt wird unter grossem Aufwand weitergetrieben, weil die Geschäftsleitung eine Glaubenssache daraus gemacht hat – habe ich so miterlebt.-

    Man findet immer mehr Arbeiten aus Institutionen, welche kaum in die Covidioten-Ecke abzuschieben sind, und welche sich durchaus kritisch mit dem Corona-Geschehen auseinandersetzen und gängige Narrative hinterfragen, wie z.B.

    https://www.cambridge.org/core/journals/disaster-medicine-and-public-health-preparedness/article/public-health-lessons-learned-from-biases-in-coronavirus-mortality-overestimation/7ACD87D8FD2237285EB667BB28DCC6E9

    https://www.nber.org/papers/w27719

    https://cepr.org/content/covid-economics-vetted-and-real-time-papers-0#block-block-10https://cepr.org/content/covid-economics-vetted-and-real-time-papers-0#block-block-10
    Siehe z.B.
    Ausgabe 40, Test sensitivity for infection versus infectiousness of SARS–CoV-2
    Ausgabe 37, Change points in the spread of COVID-19 question the effectiveness of nonpharmaceutical interventions in Germany

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    am 13.09.2020 um 13:48 Uhr
    Permalink

    Danke. Erst jetzt habe ich die Logik des Satzes verstanden, zusammen mit dem Absatz oben dran (evtl. besser alles im selben Absatz platzieren).

    Bitte nach Möglichkeit meinen Kommentar löschen und diesen hier nicht publizieren.

    Sonst danke für den super Artikel!

    ———-
    "Besser aber w�re ein Testen nur bei begr�ndetem Verdacht: Denn bei einer Pr�valenz von 0,15% (ies entspricht der RKI-Definition eines Risikogebiets) sind falsch-positive Ergebnisse in der Minderheit, egal ob die Spezifit�t 99,9% oer 99,99% btr�gt. �

    Sollte wohl �…in der Mehrheit,…� heissen?

    [Anmerkung der Redaktion: Falsch-positive Resultate sind dann in der Minderheit, weil es mehr richtig-positive als falsch-positive gibt. Deshalb fallen falsch-positive Resultate dann nicht stark ins Gewicht.]

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