Helikopter Pestizide

Helikopter versprüht Pestizide in einem Rebberg. © SRF/Netz Natur

Globaler Pestizidverbrauch nimmt weiter zu

Daniela Gschweng /  Der Pestizid-Atlas der Heinrich-Böll-Stiftung fordert eine «Pestizid-Wende» in der Landwirtschaft.

Weltweit werden jedes Jahr vier Millionen Tonnen Pestizide im Gegenwert von 84 Milliarden Dollar ausgebracht, 80 Prozent mehr als noch 1990. Das ist in vielerlei Hinsicht problematisch, sagt die deutsche Heinrich-Böll-Stiftung (HBS), die gerade den «Pestizid-Atlas 2022» publiziert hat. Etwa die Hälfte davon sind Unkrautvernichtungsmittel (Herbizide), 30 Prozent Insektizide, 17 Prozent Fungizide gegen Pilzbefall.

Kein Weniger in Sicht

Wie auch die anderen «Atlas»-Dokumente der Stiftung listet der «Pestizid-Atlas» Daten und Fakten zum Thema auf und streicht problematische Punkte heraus (für Interessierte empfohlen sei beispielsweise der «Fleisch-Atlas 2021»).

Hauptkritikpunkt in dem in Zusammenarbeit mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), dem Pestizid Action Netzwerk (PAN) und der Zeitung «Le Monde Diplomatique» erstellten Dokument: Es werden viel zu viele Pestizide verwendet, was Mensch und Tier schadet. Ein «Weniger» sei – global gesehen – nicht in Sicht. Der Markt ist überwiegend in der Hand der grossen Konzerne, deren Einfluss zunimmt.

Noch immer werden hochgiftige Pestizide eingesetzt

Auch Pestizide, deren Schädlichkeit erwiesen ist, werden noch eingesetzt. Das «Pestizid Action Netzwerk» führt eine Liste von hochgefährlichen Pestiziden (highly hazardous pesticides, HHP), die als krebserregend, umweltschädlich, fortpflanzungsschädigend oder als gefährlich für Bestäuber gelten.

PAN greift dabei auf die Einstufungen anderer zurück, beispielsweise der US-Umweltagentur EPA, der WHO oder der Stockholm-Konvention, einer Liste für langlebige umweltschädliche Chemikalien.

Das mit Abstand profitabelste Pestizid auf dieser Liste ist Glyphosat, mit dem vor vier Jahren 841 Millionen Dollar Umsatz gemacht wurde. Es folgen das Insektizid Chlorantraniliprol, das bienenschädliche Neonicotinoid  Thiamethoxam und das Herbizid Glufosinat.

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Glyphosat ist eines der umsatzstärksten Pestizide.

Viele der hochgefährlichen Pestizide sind in Europa verboten. In Südamerika machen sie aber knapp die Hälfte der Pestizidumsätze aus, in den USA mehr als ein Drittel, in Kanada immer noch ein knappes Viertel (23 Prozent). Produziert werden HHP hauptsächlich von den grossen Konzernen wie Bayer, Syngenta oder der BASF, kleinere Produzenten verschwinden zunehmend vom Markt, analysiert die Heinrich-Böll-Stiftung.

Schweizer Ausgabe vom «Pestizidatlas 2022»

Red. Ende Februar publiziert Public Eye gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung eine Schweizer Ausgabe vom «Pestizidatlas 2022». Diese gibt Einblick in die aktuelle politische Debatte und die zentrale Rolle des Basler Agrochemieriesen Syngenta im globalen Geschäft mit hochgefährlichen Pestiziden. Sie zeigt zudem wie aggressive Lobbying der Agrarkonzerne in Brasilien beinahe das Verbot eines der umstrittensten Pestizide von Syngenta verhindert hätte.

Europäische Länder haben die schädlichsten Pestizide inzwischen verboten. Produziert und exportiert werden giftige Pestizide in Europa aber weiterhin (siehe «Europas Gift in alle Welt»). Als Re-Import in Nahrungs- und Futtermitteln kommen sie wieder zurück zum Konsumenten.

385 Millionen Menschen vergiften sich jedes Jahr

385 Millionen Menschen erkranken jedes Jahr an Pestizidvergiftungen, vor allem landwirtschaftlich Arbeitende im globalen Süden. Ihre Zahl wächst mit dem steigenden Einsatz der Gifte (Infosperber: «Pestizidvergiftungen werden weltweit häufiger»).

Wahrscheinlich trifft es noch mehr Menschen, da viele Vergiftungen nicht dokumentiert werden, was auch die Erfassung von Langzeitschäden erschwert.

Wirkstoffmix mehrerer Pestizide wird nicht erfasst

Problematisch ist auch die Häufung der Pestizidwirkstoffe, von denen es Hunderte gibt. Manche sind längst nicht mehr in Gebrauch, finden sich aber dennoch in der Umwelt und damit auch in Lebensmitteln, die in der Regel Rückstände einer Reihe verschiedener Pestizide enthalten.

Wie sich dieses Potpourri auf die menschliche Gesundheit auswirkt, ist kaum bis gar nicht untersucht. Grenzwerte für die Summe an Pestizidrückständen, die sich in einem Lebensmittel finden, gebe es in Europa nicht, kritisiert die HBS. Auch bei der Zulassung werde die Anwendung verschiedener Pestizide beim selben Produkt nicht miteinbezogen.

Vor allem Soja und Mais, aber auch einheimisches Obst

Pestizide, das ist längst nachgewiesen, finden sich auch dort, wo sie nichts zu suchen haben: in geschützten Gewässern beispielsweise oder in Naturschutzgebieten. Die EU, immerhin, plant ihren derzeit etwa gleichbleibenden Pestizideinsatz bis 2030 zu halbieren. Die Musik spielt aber ohnehin woanders: Die meisten Pestizide werden in Lateinamerika und Asien eingesetzt.

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Am höchsten ist der Pestizidverbrauch in Südamerika, dabei sei «kein Weniger in Sicht», schreibt die Heinrich-Böll-Stiftung im Pestizid-Atlas 2022.

Zurückzuführen ist die Konzentration auf den globalen Süden vor allem auf gentechnisch veränderte Soja- und Maiskulturen, die als Viehfutter gefragt sind.

In Europa sind zwar einige Stoffe nicht mehr erlaubt, europäische Länder sind aber alles andere als pestizidfrei: Ein deutscher Apfel wird pro Saison 20 bis 30mal gespritzt. Stark belastet waren bei einer Analyse 2019 in Deutschland auch Erdbeeren, Weintrauben, Peperoni, Tomaten und Salat, wie eine Untersuchung von Obst und Gemüse zeigte, das mehrheitlich aus Deutschland, Spanien und Italien stammte. In 93 Prozent der untersuchten Proben fanden sich Rückstände von insgesamt 226 Pestiziden:

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Obst und Gemüse aus Europa ist alles andere als pestizidfrei.

Weniger Neuzulassungen

Weil viele Länder die Vorschriften verschärft haben, lohnen sich Neuzulassungen für die Produzenten immer weniger. Nur 15 Prozent der derzeit angewandten Wirkstoffe sind noch patentrechtlich geschützt. Die Hersteller greifen dafür auf Mischungen aus älteren Wirkstoffen zurück, die deshalb nicht weniger schädlich sind.

Die Heinrich-Böll-Stiftung weist dazu auf ein wenig beleuchtetes Problem hin: Illegale Pestizide werden so profitabler und die Fälschung von Pestiziden nimmt zu. Lebensmittelanalysen finden regelmässig seit Jahren verbotene Stoffe.

… dafür mehr Fälschungen

In Europa sind Pestizidfälschungen ein bekanntes Problem. «ZDF Frontal» berichtete 2020, dass laut Europol etwa 14 Prozent der Pestizide in Europa gefälscht sind. Das schmälert nicht nur die Lizenzeinnahmen der grossen Konzerne. Fälschungen können dazu führen, dass einem Landwirt die gesamte Ernte verloren geht. Sie bedrohen die Gesundheit von Bäuerinnen und Bauern, da keiner weiss, was sie enthalten.

Die Auswirkungen werden vor allem in südlichen Ländern deutlich. Die Heinrich-Böll-Stiftung führt als Beispiel Gambia auf. Nur ein Zehntel von 128 Produkten befand sich dort in etikettierten Originalbehältern, ein Drittel enthielt verbotene Substanzen.

Schlecht informiert und kaum geschützt 

Insgesamt sind in ärmeren Ländern nur etwa ein Viertel der verkaufen Pestizide originalverpackt. Der Rest wird in Beuteln und Flaschen verkauft oder die Verpackung wird wiederbefüllt – womit, wissen die Käufer oft nicht genau.

Weniger als ein Drittel befragter Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in Ghana trägt bei der Anwendung von Pestiziden Schutzkleidung. Nur ein Drittel der Anwender in Uganda wechselt danach die Kleidung, entweder, weil Handschuhe, Brillen und Schutzanzüge Geld kosten, oder weil die Personen über die Gefahren nicht unterrichtet sind.

In den Ländern, in denen der Markt für Pestizide am schnellsten wächst, also in Afrika und Südasien, werden die Anwender am schlechtesten informiert. Afrika und Südasien sind Wachstumsmärkte für Pestizide. Regulierungen vor allem in den einkommensschwachen Ländern des globalen Südens müssen dringend verschärft und besser kontrolliert werden, fordert die HBS.

Lob und Kritik an europäischen Ländern

Auch an europäischen Ländern äussert die den deutschen Grünen nahestehende Stiftung Kritik. Deutschlands Versuche zur Pestizidreduktion etwa seien ungenügend. In einer Pressemeldung zum «Pestizid-Atlas» fordern die beteiligten Organisationen eine «Pestizidwende». Sie lobt dafür Städte und Regionen, die aus eigenem Antrieb pestizidfrei wirtschaften wie Luxemburg oder die deutsche Stadt Saarbrücken.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

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Bienen werden Opfer von Pestiziden

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Gifte und Schadstoffe in der Umwelt

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Massentierhaltung? Bio? Gentechnisch? Zu teuer? Verarbeitende Industrie? Verbände? Lobbys?

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2 Meinungen

  • am 2.02.2022 um 11:43 Uhr
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    Es ist für mich schwierig zu begreifen, wie wenig ernst die Menschen diese grösste aller mittelfristigen Gefahren an Leib und Leben (ausser natürlich dem Autoverkehr) nehmen, sogar unser Stimmvolk kürzlich, jedoch die kurzfristige Bedrohung durch Covid-19 gefühlt um Grössenordnungen mehr beachtet. Ich kann nur vermuten, dass bei beiden die Industrie verdient, nur in gegensätzlicher Richtung: Bei den Pestiziden die Chemie- und Saatgutmultis, bei Covid-19 Massnahmen die Pharmamultis. Bei beiden geht es allerdings nicht nur um Verdienst sondern auch um Kontrolle. Hier versagen die Liberalen, lassen ihren «Industrieflügel» zu mächtig werden gegenüber ihrem «Freitheitsflügel». Und die anderen politischen Richtungen scheinen mir auch zur Hälfte orientierungslos oder widersprüchlich.

    0
    • am 3.02.2022 um 10:40 Uhr
      Permalink

      Lieber Herr Schmidt
      Sie sprechen mir aus der Seele. Ich wundere mich schon seit langem, wie Konsumenten die systematische Vergiftung unserer Lebensmittel und unserer Umwelt tolerieren und somit stillschweigend akzeptieren. Eltern impfen ihre Kinder aus Angst vor Covid, blenden aber die viel grössere Gefahr einer gefährlichen Anreicherung von Giftstoffen in deren Körpern aus. Aber das Volk hatte es ja mit zwei Inititaitven in der Hand und wollte nichts ändern. Was soll man da noch sagen?

      0

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