Sprachlust: Transmenschen sind auch nur Menschen

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Daniel Goldstein /  Wie heisst, wer sich einem anderen Geschlecht zugehörig fühlt, als bei Geburt eintragen? «Transmenschen» sagen ihre Organisationen.

Die Transmenschen kommen! Freilich waren sie schon immer da, aber in jüngerer Zeit haben sie begonnen, sich zu organisieren, öffentlich bemerkbar zu machen und für ihre Rechte zu wehren. Transmenschen sind nicht, wie man aufgrund dieser Bezeichnung vermuten könnte, Science-Fiction-Geschöpfe, die dank Computerchips und anderen Implantaten das Stadium des blossen Menschseins hinter sich gelassen haben. Vielmehr geht es ihnen gerade darum, als Menschen wie andere auch wahrgenommen und nicht diskriminiert zu werden.
Es sind Menschen, «deren Genderidentität oder Erscheinungsbild nicht dem Geschlecht entspricht, dem sie bei Geburt zugeordnet wurden»; anders gesagt Menschen, die sich mit dem zugewiesenen Geschlecht «nicht identifizieren können». Beides findet sich auf der Website des 2010 gegründeten Transgender Network Switzerland (tgns.ch). Der englische Begriff «gender» steht im Unterschied zu «sex» für das Geschlecht in sozialer, nicht biologischer Hinsicht. Lässt ein Transmann oder eine Transfrau den Körper medizinisch mit dem selber empfundenen Geschlecht in Einklang bringen, so ist das aus Sicht der Transmenschen keine Geschlechtsumwandlung, sondern eine Anpassung.
Vielschichtige Identitäten
Laut dem Merkblatt für Medien auf der Website wird der Oberbegriff «Transgender» zuweilen auch verwendet für «Transmenschen, die keine oder nicht alle medizinischen Massnahmen wünschen» und «Menschen, für deren Geschlechtsidentität das Zweigeschlechtermodell nicht ausreicht». Letzteres ist auch bei Intersexuellen («Zwittern») der Fall; über die feinen Unterschiede gibt die gemeinsame Website Transinterqueer.org Auskunft. Diese pflegt als «Herausgeber_in» einer Broschüre für «Journalist_innen» die Schreibweise mit unterstrichenem Leerschlag und schafft so «Raum, der über feminine und maskuline Endungen hinausweist».
Der Sinn dieses Unterschieds zu andern Doppelschreibweisen wird freilich den meisten, die ihn lesen und sogar bemerken, verborgen bleiben. Dabei weist er auf das Kernproblem hin, dass die (deutsche) Sprache vielfach nur geschlechtlich bestimmte Wörter kennt, wo eigentlich solche nötig wären, bei denen das Geschlecht keine Rolle spielt, weil eben beide (oder alle) Geschlechter gemeint sind. Für manche Menschen ist nicht nur die sprachliche, sondern jede Festlegung ein Problem: Wieso eigentlich muss bei der amtlichen Registrierung einer Person das Geschlecht angegeben werden? Im Kanton Bern kann man immerhin für ein politisches Amt kandidieren, ohne dies (nochmals) zu tun.
Angemessene Sprache
Die Abschaffung des amtlichen Geschlechts steht nicht auf der Wunschliste des Transgender Network – wohl aber die Vereinfachung des Verfahrens, wenn jemand den Eintrag ändern will; ebenso der erleichterte Zugang zu den allenfalls gewünschten medizinischen Massnahmen. Und eben auch der nicht-diskriminierende sprachliche Umgang mit Transmenschen. So enthält das Medien-Merkblatt eine ganze Reihe «zu vermeidender Begriffe» wie «Transe, Transvestit, Mann-Weib, Drittes Geschlecht, ehemaliger Mann, ehemalige Frau» und überhaupt alles, was mit Umwandlung zu tun hat, statt mit Anpassung.
Bei allem Respekt für die Betroffenen (auch dieser Begriff wird als «pathologisierend» abgelehnt): Mit sprachhygienischen Methoden ist der Diskriminierung kaum beizukommen. Man kann auch ohne das Wort «Neger» abschätzig über Schwarze reden oder schreiben, oder über Farbige (mit einem Wort aus der einstigen südafrikanischen Rassenskala). Wichtiger als das korrekte Vokabular ist für die Transmenschen das, was ihre Organisation in erster Linie fordert: «fundierte und differenzierte Berichterstattung», Respekt für die Privatsphäre, Vermeidung von Rollenklischees und «sensationsheischenden Freakdarstellungen».


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel»; Verfasser der Kolumne «Sprachlupe», alle 14 Tage in der Zeitung «Der Bund».

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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