Sperberauge

Das von der NZZ angepriesene «Wundermittel» ist ein Reinfall

Urs P. Gasche © Peter Mosimann

Urs P. Gasche /  «Diabetespille entpuppt sich als Lebenselixier» und «hilft auch gegen viele Alterskrankheiten», titelte die NZZ im Boulevard-Stil.

Der Infosperber-Artikel vom 27. Dezember 2019 über das Medikament Metformin, das gegen Diabetes Typ 2 am häufigsten verschrieben wird, hat ein grosses Echo gefunden. Er informierte über das Fazit einer topseriösen Cochrane-Metastudie: Bei Übergewichtigen, welche sich viel bewegen und eine intensive Diät einhalten, nützt die zusätzliche Einnahme von Metformin rein gar nichts.

NZZ: «Aura eines Wundermittels»

Über diese neuen Erkenntnisse hat die NZZ nicht informiert. Dafür titelte die NZZ zehn Tage nach Veröffentlichung der erwähnten Cochrane-Metastudie einen Artikel mit dem Sensations-Titel «Diabetespille entpuppt sich als Lebenselixier – Metformin senkt nicht nur den Blutzucker, es hilft auch gegen viele Alterskrankheiten».

NZZ-Titel vom 13. Dezember 2019

Metformin sei «sehr beliebt» schreibt Alan Niederer, Wissenschaftsredaktor der NZZ, und trägt dick auf:

    «In letzter Zeit sind noch weitere Gründe dazugekommen, die der alten Substanz die Aura eines Wundermittels und generellen Lebenselixiers verleihen.»

Dumm nur, dass sich die Schlagzeilen von Alan Niederer schnell als warme Luft erweisen. Denn der Wissenschaftsredaktor stützt sich auf «vorklinische Untersuchungen» (=Experimente im Reagenzglas oder mit Ratten und Mäusen), welche lediglich «Hinweise» dafür ergeben hätten, «dass Metformin einen günstigen Effekt auf Altersleiden wie Krebs, Herz- und Kreislaufkrankheiten oder kognitive Störungen hat». «Habe» wäre korrekter.

Alles das nähre die «Hoffnung», rudert Niederer zurück, «dass der Einsatz des Diabetesmittels – alleine oder in Kombination mit weiteren Anti-Aging-Therapien – nicht nur unsere Lebenszeit, sondern vor allem auch die Lebensspanne in guter Gesundheit verlängern kann».

Schliesslich zitiert die NZZ am Schluss noch den Diabetes-Spezialisten Professor Marc Donath vom Universitätsspital Basel zu neueren Antidiabetika wie den sogenannten GLP-1-Analoga, mit denen Patientinnen und Patienten wirksamer an Gewicht verlieren würden: «Deshalb ist Metformin heute nicht mehr die unbestrittene Nummer eins.»
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Infosperber hat NZZ-Wissenschaftsredaktor Alan Niederer am 27. Dezember um eine Stellungnahme gebeten. Falls eine eintrifft, werden wir sie hier berücksichtigen.
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2 Meinungen

  • am 30.12.2019 um 11:38 Uhr
    Permalink

    Dazu passend heute im Tagesanzeiger: Die Schweiz ist Europameister beim Hodenkrebs.

    Ursache seien Kosmetik (die eitlen Schweizer Männer ?!), Pestizide, Übergewicht, Rauchen & Plastik.

    Mich wundert nur, wo die angebliche Elite der ETHs, Unis St. Gallen/Zürich/Bern/Genf/Basel oder vielleicht auch Normalos bleiben und da endlich mal etwas gemeinsam tun?

    Wen ich da unterstützen kann, der kann sich bei mir melden.

    Freundliche Grüsse, Klaus Marte
    klaus.marte@short.ch/076-383 1789

    0

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