Alte Frau sitzt auf Bank

Wer einsam ist, nimmt laut einer US-Studie oft Medikamente, die bei Senioren möglichst zurückhaltend eingesetzt werden sollten. © uschi dreiucker / pixelio.de

Einsame Senioren bekommen oft «Hochrisiko-Medikamente»

Martina Frei /  Eine Studie empfiehlt Ärzten, ihre Patienten nach Einsamkeit zu fragen – und ihnen als Heilmittel Geselligkeit zu verordnen.

Alte Menschen, die sich einsam fühlen, nehmen mehr als doppelt so oft Schlafmittel, angstlösende Medikamente und Antidepressiva, verglichen mit denen, die nicht einsam sind. Auch Schmerzmittel und Morphium-ähnliche Wirkstoffe erhalten sie öfter. Das ergab die repräsentative Befragung von über 6’000 Senioren ab 65 Jahren in den USA.

Viele dieser Wirkstoffe erachten Mediziner bei Senioren als problematisch, weil sie zum Beispiel das Risiko für Stürze und Knochenbrüchen erhöhen oder den wachen Geist beeinträchtigen.

Der Vergleich zeigt signifikante Unterschiede:

Medikamentenicht-einsame Seniorenwenig / mittel einsamsehr einsame Senioren
Schmerzmittel wie zum Beispiel Ibuprofen, Piroxicam oder Acemetacin14%17%22%
Beruhigungsmittel und angstlösende Medikamente 9%12%20%
Antidepressiva14%19%27%
starke, Morphium-ähnliche Schmerzmittel 7% 7%10%
Polypharmazie (Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten)41%44%50%
Anteil der über 65-jährigen Menschen, die regelmässig diese Medikamente einnahmen. Die Angaben stammen von 6’017 repräsentativ ausgewählten Senioren.

«Einsamkeit ist eng verflochten mit vielen Erkrankungen, die wir mit Hochrisikomedikamenten behandeln, wie Schmerzen, Schlafstörungen oder Depressionen. Sie kann neue Symptome hervorrufen oder bestehende Symptome verstärken», stellt der Medizinprofessor Ashwin Kotwal von der Universität von Kalifornien in San Francisco fest. Zusammen mit Kollegen führte er die Studie durch, die in der Ärztezeitschrift «Jama Internal Medicine» erschien.

Die Studie lässt jedoch keine Aussage zu, ob die Einsamkeit zu Schmerzen, Ängsten oder Depressionen führt, oder ob diese umgekehrt die Einsamkeit verursachen. Denkbar ist beides, weil sich Einsamkeit, Schmerzen, Niedergeschlagenheit usw. wechselseitig beeinflussen – und aufschaukeln – können. Aus anfangs leichten Schmerzen könnten so schwere Schmerzen werden.

Geselligkeit verschreiben anstatt Medikamente

«In der Klinik können die Patienten diese körperlichen oder psychischen Symptome den Ärzten mitteilen, aber die damit verbundene Einsamkeit wird möglicherweise nicht erkannt», so Ashwin Kotwal. Denn es gehöre nicht zur Routinepraxis, nach Einsamkeit zu fragen.  

Er frage die Patienten jeweils, wie oft sie sich einsam fühlen. «Und wenn sie sich häufig einsam fühlen, frage ich, was ihnen helfen könnte. In einigen Fällen wissen die Menschen, was ihnen helfen könnte, und es geht nur darum, eine Verbindung zu einem Sozialprogramm herzustellen. Manchmal überlegen wir gemeinsam, was helfen könnte. In anderen Fällen kann es therapeutisch sein, einfach einen Raum zu schaffen, in dem man über Einsamkeit sprechen kann, und zu zeigen, dass wir als Ärzte uns darum kümmern. Dies war besonders während der COVID-19-Pandemie der Fall, während der sich viele ältere Erwachsene einsam fühlten.»

Der Tipp der Studienautoren an die Ärzte: Sie sollten erwägen, «Geselligkeit zu verschreiben», zum Beispiel durch Unterstützungsprogramme am Wohnort. Die Einsamkeit wahrzunehmen und anzusprechen könne helfen, die Verordnung von «Hochrisiko-Medikamenten» zu reduzieren oder ganz zu vermeiden. 

«Da fehlt oft der Hausarzt»

Wirtschaftliche Überlegungen würden heutzutage «häufig für bedeutsamer gehalten als das Wohl von Personen», kritisiert die «Fachgesellschaft Palliative Geriatrie» (FGPG) in einem Grundsatzpapier. Wenn man herausfinden wolle, was hochbetagte Menschen mit verschiedenen Gesundheitsproblemen belaste, seien mitfühlendes Zuhören und Nachfragen erforderlich.

Trotzdem hält Roland Kunz, Vorstandsmitglied der FGPG und Ärztlicher Leiter des Zentrums für Palliative Care am Zürcher Stadtspital Waid, die Einsamkeit älterer Menschen in der Schweiz nicht für das Hauptproblem bei der Medikalisierung.

Kunz verweist auf Ergebnisse der Schweizerischen Gesundheitsbefragung. Demnach scheint die Einsamkeit bei älteren Menschen bei uns eher abzunehmen. 2009 gaben sechs Prozent der Männer und zehn Prozent der über 75-jährigen Menschen an, dass sie sich häufig einsam fühlten. 2017 waren es noch vier Prozent der Männer und sieben Prozent der Frauen. 

«Das grössere Problem als die Einsamkeit scheint mir, dass viele ältere Menschen bei uns nicht mehr von einem Hausarzt betreut werden. Sie gehen stattdessen direkt zum Spezialisten», sagt Roland Kunz. Da jeder Facharzt «sein Organ» optimal behandeln möchte, führe dies dazu, dass die Medikamentenliste immer länger werde. «Da fehlt oft der Hausarzt, der den Überblick behält und dann auch mal ein Medikament absetzt.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

  • Eine Liste der Wirkstoffe, die Senioren nach Möglichkeit nicht verschrieben werden sollten, finden Sie hier. Diese sogenannte PRISCUS-Liste nennt auch mögliche Ausweichmöglichkeiten.
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4 Meinungen

  • am 14.08.2021 um 12:44 Uhr
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    Danke, meinen Respekt, sich dieses Themas anzunehmen, wird ihnen viel Feindschaft von den Marketingbüros einiger Pharmafirmen einbringen. Diese stellen Influenzer an, welches sich in den öffentlichen Medien als den netten Nachbarn ausgeben. Diese bemühen sich dann, solch coragierte Medien wie den Infosperber in die Ecke der Schwurbler und Verschwörer zu stellen. Nicht immer, nicht alle tun das, aber einige. Zeitweise haben diese viel Macht, besonders wenn grössere Konzerne dahinter stehen, und viele Aktionäre welche auf Dividenden hoffen. Kürzlich hörte ich zum ersten mal den Begriff Blut-Pharma-Aktien von einem befreundeten Ex-Novartis Mitarbeiter, welche von verschiedenen Pharmakonzernen Aktien hält. Er war sehr bewegt und hatte diverse Packete abgestossen deswegen. Alle Achtung, es gibt noch Menschen und Medien mit Courage.

    0
  • am 14.08.2021 um 13:20 Uhr
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    ‹Das ergab die repräsentative Befragung von über 6’000 Senioren ab 65 Jahren in den USA.›
    Man kann das Medikationsverhalten der USA nicht mit dem in anderen Ländern vergleichen. Ein verantwortungsvoller (Haus-) Arzt verschreibt Schlafmittel, angstlösende Medikamente und Antidepressiva nicht gegen soziale Indikation.
    Der einzige Grund, Psychopharmaka zu verordnen, ist das gesicherte Vorliegen einer psychischen Störung. Die sind aber so selten, dass ein Hausarzt solche nicht öfter als 1-2 x / Jahr sieht. Persönlichkeitsstörungen darf man nicht medikamentös behandeln.

    1
  • am 14.08.2021 um 14:56 Uhr
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    Einsamkeit erzeugt Stress und Stress ist die grösste Pandemie des 21. Jahrhunderts (WHO). Wann wird die Mehrheit realisieren, dass unsere Gesellschaft von Konkurrenz durchzogen ist, dass Konkurrenz die Hauptursache von Stress ist, und dass die Zusammenarbeit das beste Mittel dagegen sei?

    0
  • am 15.08.2021 um 11:14 Uhr
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    Hier wird überhaupt das grösste Problem der heutigen Medizin angesprochen. Da der Mensch eine körperlich-psychische Einheit ist, muss in Bezug auf die Gesundheit die Psyche immer mit dem Körper zusammen betrachtet werden. Statt dessen behandelt die Medizin immer stärker nur einzelne Körperteile und ihre Symptome. So kann aber leider niemand gesund werden, es werden nur die Symptome unterdrückt. Die allermeisten Hausärzte hüten sich, ein von einem Spezialisten verordnetes Medikament abzusetzen. Denn sie könnten sonst bei Verschlechterung verantwortlich gemacht werden.
    Wir sollten uns immer fragen, was uns der Körper – und durch ihn die Psyche – mit einem Schmerz oder Beschwerden sagen will, statt den Arzt zu fragen, wie man das Symptom unterdrücken kann.

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