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An den gestiegenen Krankenkassenprämien kann es laut «NZZ» nicht liegen. © ID0853301/Depositphotos

Die «NZZ» bagatellisiert die gestiegenen Prämien

Urs P. Gasche /  Das Klagen sei «übertrieben». Die Prämienlast sei seit 2016 sogar gleich geblieben. Doch die «NZZ» ist auf einem Auge blind.

Die «NZZ» verkündete, die Krankenkassenprämien seien für sämtliche Einkommensschichten tragbar. Haushalte der Mittelschicht hätten im Jahr 2023 sogar einen kleineren Anteil ihrer Bruttoeinkommen für die Prämien ausgeben müssen als sieben Jahre zuvor. 2016 seien es 6,5 Prozent gewesen und 2023 noch 6,4 Prozent.

NZZ 26.9.2026 Prämienlast
Schlagzeile in der «NZZ» vom 26. September 2026

Das hätten Ökonomen der Universität Basel unter Leitung von Professor Stefan Felder in einer «Sonderauswertung» für die «NZZ» herausgefunden.

Stefan Felder Professor Uni Basel x
Professor Stefan Felder

Die «NZZ» machte schon mal nicht transparent, dass der Pharmaverband Interpharma die Professur von Stefan Felder und seine «Forschungsgruppe Health Economics» finanziert. Im Vertrag mit der Universität Basel steht: «Interpharma erklärt sich bereit, die Professur Health Economics für die ganze Laufzeit der Anstellung von Prof. Dr. Stefan Felder, längstens bis zu seinem Austritt respektive seiner Emeritierung mit 450’000 Franken jährlich zu unterstützen.»

Ein Viertel aller Prämien fliesst in Medikamente – Spitalmedikamente eingeschlossen. Es überrascht deshalb nicht, dass die Pharmakonzerne auch in ihren eigenen Publikationen behaupten, die Gesundheitskosten in der Schweiz seien angesichts des Angebots nicht zu hoch.

Umso kritischer muss man die «exklusiven Daten» der Basler Forscher prüfen, welche die «NZZ» am 26. September in einer Grafik unter dem Titel «Die Belastung der Haushalte ist nicht gestiegen», veröffentlichte. 

Die «NZZ» tat dies nicht. Sie kommt vielmehr zum Schluss: «Obwohl sehr viel geklagt wird, ist die Prämienlast für die Bevölkerung durchaus tragbar geblieben.» Felder und die «NZZ» vergleichen die effektiv bezahlten Prämien der Grundversicherung, unabhängig vom gewählten Modell und nach Abzug der Prämienverbilligung mit dem Bruttoeinkommen der verschiedenen Einkommensschichten. Personen im Rentenalter sind nicht berücksichtigt.

Wie kann das sein?

Schon Folgendes hätte misstrauisch machen müssen: Professor Felder vergleicht die Prämienlast der Haushalte mit deren Bruttoeinkommen. Für die Haushalte entscheidend ist jedoch ihr Nettoeinkommen. Nur darüber verfügen sie tatsächlich für Miete, Verpflegung, Prämien und alles andere. 

Bei näherem Hinsehen kommt noch Gravierenderes zutage. Die «NZZ» schreibt, während der sieben Jahre von 2016 bis 2023 sei die «Netto-Prämienlast über die gesamte Bevölkerung hinweg stabil geblieben», und fragt: «Wie kann das sein?»

Die Antwort:

Nicht nur die Prämien hätten zugenommen, sondern auch die «Bruttoeinkommen». Mit dem Einkommenszuwachs «konnten die Medianhaushalte die Prämiensteigerung gut bezahlen – und hatten noch Geld für anderes übrig», so die «NZZ». Redaktor Mathias Benz kritisiert, Politik und die Öffentlichkeit würden die Zuwächse der Einkommen «kaum beachten».

Einen «ersten Faktor» für die angeblich stabile Prämienlast sieht die «NZZ» allerdings darin, dass «viele Personen auf ein Modell mit eingeschränkter Arztwahl und höherer Franchise gewechselt» hätten. «Sie übernahmen so mehr Eigenverantwortung und konnten Prämienzahlungen reduzieren.» 

«Mehr Eigenverantwortung» bedeutet hier unter anderem, mehr aus der eigenen Tasche bezahlen. Spätestens da hätten die Alarmglocken läuten müssen. Blieb der Anteil der Prämien am Haushaltsbudget nur deshalb gleich hoch, weil Haushalte für Leistungen der Grundversicherung einfach mehr selbst bezahlen müssen? 

In der Schweiz zahlen die Einwohnerinnen und Einwohner für die medizinische Grundversorgung schon lange deutlich mehr selbst als in den meisten anderen Ländern Europas. Nimmt man die nicht versicherten Zahnarztkosten hinzu, gilt dies erst recht.

Es geht darum, wie viel die Haushalte für ihre medizinische Grundversorgung zahlen müssen. Dabei zählen nicht nur die Prämien, sondern auch die Selbstzahlungen.

Ob Haushalte heute einfach mehr aus der eigenen Tasche zahlen müssen, kann man genau beantworten. Denn das Bundesamt für Gesundheit (BAG) unterscheidet in der Grundversicherung (OKP) zwischen Brutto- und Nettoleistungen. Der Unterschied liegt in den «Selbstbeteiligungen» – also dem Kostenanteil, den Versicherte aufgrund der Franchisen, Selbstbehalte und Spitalbeiträge selber tragen.

Eine Milliarde Franken mehr aus der eigenen Tasche

Der Vergleich zwischen 2016 und 2023, auf den sich die «NZZ» stützt, sieht wie folgt aus:

In Milliarden 
Franken
BruttoleistungenNettoleistungenAus der eigenen Tasche
201632,227,94,3
202339,9334,65,33
Quelle: BAG    

Die Grundversicherten zahlten also im Jahr 2023 insgesamt 1,03 Milliarden Franken mehr aus der eigenen Tasche als 2016. Das entspricht 257 CHF pro Haushalt. Damit trugen die Haushalte 2023 ein Drittel mehr für die Leistungen der Grundversicherung bei, als die «NZZ» suggerierte: statt um 750 Franken (nur Prämien) um 1007 Franken (einschliesslich Selbstzahlungen).

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Auf diese Zahlen angesprochen, erklärte Professor Stefan Felder: «Ihre Rechnung lässt sich nachvollziehen.» Dennoch halte er es nicht für zielführend, die stark gestiegenen Selbstzahlungen einzubeziehen.

Sein Argument: «Wenn die Leute immer häufiger zu den Ärzten laufen und die allerneusten medizinischen Techniken nachfragen, muss jemand die Rechnung zahlen.» 

Infosperber entgegnet: Erstens sind sich die meisten unabhängigen Gesundheitsökonomen einig, dass Ärzte und Spitäler den Umfang der Leistungen weitgehend selbst bestimmen. Zweitens taugt die Schuldzuweisung an die «Leute» nicht als Begründung, um die stark gestiegenen Selbstbeteiligungen aus der Belastung der Haushalte hinauszurechnen.

Weiter sagte Felder: «Das Konterfaktische ist nicht bekannt: Wie hätten sich die Prämien entwickelt, falls die Versicherten nicht häufiger höhere Franchisen gewählt hätten? Klar ist, dass der Prämienanstieg höher gewesen wäre, unklar um wieviel höher.»

Dazu Infosperber: Felder räumt ein, dass die häufigere Wahl höherer Franchisen den Prämienanstieg gebremst hat. Er sagt jedoch nicht, wie viel mehr die Versicherten dadurch aus der eigenen Tasche zahlen mussten. Diese Zahlen lassen sich jedoch aus den Daten der Krankenkassen und des BAG entnehmen. Jede Arzt- und Kassenrechnung weist aus, welcher Anteil zu Lasten der Franchisen und des Selbstbehalts belastet wird.

Um zu prüfen, ob Haushalte für die Grundversicherung heute mehr Geld von ihren Netto-Einnahmen ausgeben als früher, muss man zu den bezahlten Prämien die Selbstzahlungen hinzurechnen.

Will man hingegen zeigen, dass die Prämienlast der Haushalte trotz stark gestiegener Gesundheitskosten moderat geblieben ist und «Klagen über die Prämienlast übertrieben» seien, lässt man die gestiegenen Selbstzahlungen beiseite. Genau so verfährt der von der Pharmaindustrie gesponserte Professor Stefan Felder.

Er verteidigt dies gegenüber Infosperber erneut mit dem Argument: «Steuern muss man auch aus der eigenen Tasche zahlen.» Dass die Selbstzahlungen in der Schweiz eh schon deutlich höher sind als in anderen europäischen Ländern, ist für Felder kein Thema. Stattdessen fragt er: «Muss uns die Finanzierung der Gesundheitsversorgung in anderen Ländern kümmern?»

Der Basler Gesundheitsökonom kümmert sich offensichtlich nicht darum.

Auch die alleinige Prämienlast ist gestiegen

Die «NZZ» fragte immerhin vorsichtig: «Ist seit 2024 alles anders?» Sie weist darauf hin, dass die Prämien der Grundversicherung von 2024 bis 2026 ungefähr so stark gestiegen seien wie in den sieben Jahren von 2016 bis 2023, welche die Basler Ökonomen verglichen haben. Gleichzeitig hätten die Einkommen der Haushalte in den letzten Jahren nur durchschnittlich zugenommen: «Das legt die Vermutung nahe, dass die Prämienlast grösser geworden ist.»

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