Särge

Während der Pandemie starben deutlich mehr Menschen als in anderen Jahren. Wie viele mehr es waren, das können die Studien nur grob schätzen. © Depositphotos

Covid-Übersterblichkeit: fast 20-fache Unterschiede

Martina Frei /  Wer zeigen will, wie gut oder schlecht das eigene Land durch die Pandemie gekommen ist, muss nur die entsprechende Studie suchen.

Welches Land hat die Pandemie am besten gemeistert? In diesem unseligen «Wettbewerb» zitieren Medien gern Studien zur Übersterblichkeit. 

Dabei schätzen die Wissenschaftler, wie viele Menschen während der Pandemie ihr Leben verloren, verglichen mit nicht-pandemischen Zeiten. «Die Übersterblichkeit war [weltweit — Anm. d. Red.] im Schnitt 13 Prozent über Norm», berichtete beispielsweise SRF im Mai über einen Ländervergleich der WHO 1. In dieser Studie schnitt Schweden klar besser ab als Deutschland. «Ist Deutschland Corona-Spitze? Ja, bei der Übersterblichkeit», spottete daraufhin «Die Weltwoche«.

Beim genaueren Betrachten solcher Vergleiche kommen jedoch Zweifel auf. Man sollte Berechnungen zur Übersterblichkeit «mit grosser Vorsicht» betrachten, rät der Nobelpreisträger für Chemie 2013, Michael Levitt, in der Fachzeitschrift «Environmental Research«. Zusammen mit Kollegen verglich er dort vier Studien zur Übersterblichkeit in verschiedenen Ländern, die in den Medien grosse Resonanz fanden, und hat auch selbst entsprechende Berechnungen angestellt.

Mal sterben mehr Menschen als erwartet, mal sind es weniger als vor der Pandemie

Die Ergebnisse der vier Studien klaffen – etwa für Norwegen oder Luxemburg – um das 19-fache auseinander. In Japan zum Beispiel starben je nach Studie in den Jahren 2020 und 2021 entweder rund 19’500 Personen weniger als sonst üblich – oder aber 111’000 Personen mehr, als aufgrund der Erfahrung zu erwarten gewesen wären. 

Je nach politischer Absicht ist es also ein leichtes, das eigene Land in besserem oder schlechterem Licht erscheinen zu lassen, indem man die eine oder die andere Studie heranzieht. Alle diese Studien wurden von Experten begutachtet und gutgeheissen. 

In der Schweiz betrug die Übersterblichkeit der WHO-Studie zufolge in den Jahren 2020 und 2021 circa 8’200 Personen. Gemäss einer Studie in «The Lancet» waren es jedoch fast doppelt so viele, nämlich 15’500 Verstorbene mehr als zu erwarten waren. Levitt wiederum schätzt die Übersterblichkeit auf etwa 10’110 Verstorbene in der Schweiz. Rund 5’600 waren es, wenn er die sich verändernde Altersstruktur der Bevölkerung einbezieht.

Zum Vergleich: Das Bundesamt für Statistik kommt in seiner am Dienstag veröffentlichten Todesursachenstatistik für das Jahr 2020 auf eine Übersterblichkeit von 6’195 Personen, die «auf die Covid-Pandemie zurückzuführen» sei.

Vergleich von 33 reichen Ländern

Michael Levitt richtete das Augenmerk auf 33 reiche, westliche Länder, von denen er annahm, dass sie die Daten gut erfassen. Einige Beispiele:

LandEinwohnerzahl in MillionenTodesfälle 2020 und 2021Übersterblichkeit laut Studie in «eLife«Übersterblichkeit laut Studie von «The Economist«Übersterblichkeit laut Studie in «The Lancet«Übersterblichkeit laut Studie der WHO 1Übersterblichkeit laut M. Levitt, Altersverteilung einberechnetÜbersterblichkeit laut M. Levitt ohne Berücksichtigung der Altersstruktur
Belgien11,949239’20120’61323’36432’80017’91913’95819’036
Dänemark5,864111’7729132’45310’4003’716–3’1572390
Frankreich65,4671’297’40778’91097’390155’00081’84957’76798’831
Italien59,6301’454’193167’816190’872259’000160’800115’690166’373
Niederlande17,479339’24228’49533’01745’50029’21317’96932’020
Norwegen5,40882’4911’10110986742–100–2’994–182
Südkorea51,631621’8627’5296’9674’6306’289–30’28633’417
USA329,9956’849’500961’0321’017’6551’130’000932’460871’2951’116’088
Schweiz8,688146’96911’39413’53915’5008’2475’64010’139
Vergleich der Resultate von vier Studien, bezogen auf die Jahre 2020 und 2021. Um die Tabelle vollständig zu sehen, bitte nach rechts scrollen. Minusangaben bedeuten, dass in dieser Zeit weniger Menschen starben als es (ohne Pandemie) zu erwarten gewesen wäre. Quelle: «Environmental Research»

Weil die Forschenden extrapolieren müssen, spielen Vermutungen eine grosse Rolle

Zu solch grossen Diskrepanzen kommt es, weil die Wissenschaftler bestimmte Annahmen treffen, bevor sie rechnen. Um die zu erwartende Anzahl an Todesfällen abzuschätzen, müssen sie zum Beispiel eine Annahme treffen, ob – ohne die Pandemie – der medizinische Fortschritt dazu geführt hätte, dass weniger Menschen als in früheren Jahren verstorben wären. Oder ob mehr Personen gestorben wären, weil in vielen Ländern die Anzahl alter Menschen mit jedem Jahr zunimmt. In Deutschland beispielsweise gab es 2016 etwa 4,8 Millionen Menschen über 80 Jahre. Nur vier Jahre später, im Jahr 2020, waren es bereits rund 5,8 Millionen, berichtet Levitt. Wird diese Alterung beim Berechnen der Übersterblichkeit ausser Acht gelassen, führt das zu falschen Resultaten. Bezieht man diesen gewichtigen Umstand dagegen ein, fällt die Übersterblichkeit tiefer aus.

Woher die Rohdaten stammen und wie zuverlässig sie sind, beeinflusst das Resultat von Berechnungen zur Übersterblichkeit ebenfalls. Drei der vier Studien, die Levitt vergleicht, griffen auf die Johns Hopkins Universität als Datenquelle zurück. Die grossen Unterschiede lassen sich damit also nicht erklären.

Grösste Übersterblichkeit während der Feuerbrunst

Ebenfalls eine Rolle spielt, mit welchem mathematischen Modell die Übersterblichkeit berechnet wurde, ob das untersuchte Jahr 52 oder 53 Wochen hatte, welche Zeitperiode als Vergleich herangezogen wurde, ob die sonst üblichen Grippewellen oder Hitzewellen ausgeklammert wurden und vieles mehr. In Griechenland etwa kam es während der zwei Pandemiejahre in einer besonders heissen Woche im August 2021 zur höchsten Übersterblichkeit, als viele Feuer wüteten und circa die Hälfte der Bevölkerung giftiger, verschmutzter Luft ausgesetzt war.

Nur eine der vier Studien berücksichtigte die bei Covid wichtigen Geschlechtsunterschiede. Auch das Alter als äusserst wichtige Variable wurde nur in einer Studie rechnerisch berücksichtigt. Dies wirkte sich auf die Resultate am stärksten aus: Die Übersterblichkeit sank bei der sogenannten «altersbereinigten» Berechnung deutlich.  

Gleich hohe Übersterblichkeit im Jahr 2020 wie 2021

Zwei weitere Ergebnisse in Levitts Analyse stechen heraus: Die Übersterblichkeit war – gemittelt über 42 Länder – etwa doppelt so hoch wie die Anzahl der Covid-Toten. Das wirft die Frage auf, ob die Covid-Toten nicht vollständig erfasst wurden, wie die Berechnung des Schweizer Bundesamts für Statistik für das Jahr 2020 nahe legte (Infosperber berichtete) und/oder wie stark indirekte Folgen der Pandemie oder der ergriffenen Massnahmen zur Übersterblichkeit beitrugen. Dazu zählen beispielsweise wegen der Pandemie nicht behandelte Krankheiten oder Armut.

Der zweite Befund: Die Übersterblichkeit sei in den 33 reichen Nationen im Jahr 2021 gleich hoch gewesen wie im Jahr 2020, obwohl 2021 gegen Covid geimpft wurde. Das könnte an den höheren Infektionsraten im Jahr 2021 gelegen habe, die besonders Länder mit zuvor eher tiefen Infektionszahlen trafen, vermuten Levitt und seine Kollegen. 

Übersterblichkeit bei Kindern – oder nicht?

Der Luzerner Gesundheitsökonom Konstantin Beck kam aufgrund seiner Berechnungen zum Schluss, dass es bei den Kindern ab circa Frühling 2020 «deutlich mehr unerwartete Todesfälle» gab als in den Jahren zuvor. Der Höhepunkt wurde etwa Mitte 2021 erreicht. In einem Youtube-Video verdeutlicht Beck dies anhand einer Grafik:

Grafik Konstantin Beck Übersterblichkeit Kinder
Die Grafik zeigt einen starken Anstieg der Übersterblichkeit bei Kindern und Jugendlichen etwa ab dem Frühling 2020. Der rote Punkt markiert den Gipfel etwa Mitte 2021.

Beck verglich die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die während der Pandemie verstorben sind, mit denen in den Jahren 2015 bis 2019. Waren es mehr als aufgrund der Erfahrung zu erwarten gewesen wären, kumulierte er die Todesfälle, waren es weniger als erwartet, subtrahierte er sie. 

Das Resultat: In den Jahren 2020 und 2021 starben insgesamt 99 Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre mehr als sonst. Die Übersterblichkeit während der beiden Coronajahre war Beck zufolge also deutlich höher, verglichen mit den Jahren zuvor. Das sei ziemlich sicher nicht einfach dem Zufall zuzuschreiben, so Beck. Daraufhin titelte «Die Weltwoche»: «Ungeahnte Corona-Risiken für die Jungen» und der «Nebelspalter» schrieb: «Nicht erklärbare Todesfälle bei Jüngeren». Mehrere Fachleute äusserten Infosperber gegenüber jedoch Bedenken an Becks Berechnungen.

Andere Darstellung, anderer Eindruck

Dieselben Zahlen, die der Gesundheitsökonom zugrunde legte, sehen in einer anderen Darstellung wie folgt aus. Bei dieser Grafik ist tendenziell ein Abwärtstrend zu erkennen (blau gepunktete Linie):

Grafik Todesfälle Kinder 2015 bis 2021
Je nach gewähltem Vergleichszeitraum sieht es so aus, als würden bei den Kindern und Jugendlichen die Todesfälle insgesamt eher abnehmen.

Um die Übersterblichkeit zu berechnen, stützen sich Wissenschaftler auf Trends der vergangenen Jahre. Welchen Zeitraum sie dabei heranziehen, kann das Ergebnis entscheidend beeinflussen. Betrachtet man dieselbe Grafik erst ab dem Jahr 2016 und lässt das Jahr 2015, in dem vergleichsweise viele Kinder starben, weg, dann ist die Übersterblichkeit deutlich geringer: 

Grafik Todesfälle Kinder 2016 bis 2021
Lässt man das Jahr 2015 weg, scheinen die Todesfälle bei Kindern kaum abzunehmen.

Der springende Punkt ist, von welcher Annahme ein Wissenschaftler ausgeht: Hätte sich der Trend bei den Sterbefällen fortgesetzt wie seit 2015 oder wie seit 2016? Je nachdem fällt die errechnete Übersterblichkeit anders aus. Das ist ein weiteres Beispiel, das die Schwierigkeiten illustriert, die sich auftun, wenn Medien über die Übersterblichkeit berichten.

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1 Dieser Studie zufolge starben während der Pandemie in Deutschland viel mehr Menschen als in Schweden. Sie wurde nach Kritik, unter anderem aus Deutschland, später korrigiert. Dadurch verringerten sich die grossen Unterschiede zwischen diesen beiden Ländern deutlich. Das Magazin «Nature» berichtete darüber.

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Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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3 Meinungen

  • am 1.09.2022 um 11:35 Uhr
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    Danke für die differenzierte Sichtweise. Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd. In Karachi (Grenzstadt Indien zu Pakistan) vor 40 Jahren bekam ich denselben weisen Spruch zu hören, doch aus dem Pferd wurde ein Kamel. In einer Welt mit soviel Korruption und Gefälligkeitsstudien werden wir die Wahrheit fast nie erfahren, wir können uns aber vorsichtig an diese heranarbeiten, wenn wir lange genug Leben und Zivilcourage haben. Wer die Macht hat, ist bestrebt zu bestimmen, was die Wahrheit sei. (Sofsky, Traktat der Gewalt und die unterschwellige Botschaft von Flemmings Romanen….) Trotzdem glaube ich daran, dass das gegenwärtige traurige Kapitel Menschheitsgeschichte letztendlich zu einer positiven Entwicklung führen könnte. Damit alle etwas daraus lernen können. Die Bedingung dafür ist die Wahrheitsfindung.

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  • am 1.09.2022 um 14:02 Uhr
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    Jedenfalls müsste in den kommenden (zwei) Jahren eine deutliche Untersterblichkeit zu verzeichnen sein. Viele, vor allem ältere Menschen die in dieser Zeit an oder mit Corona, und aus diesem Grund vorzeitig gestorben sind, müssten, der Logik folgend, in den zukünftigen Statistiken dann ja fehlen.

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  • am 2.09.2022 um 15:57 Uhr
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    Betrachtet man die Übersterblichkeit auf Euromomo.eu «Excess mortality (Cumulated) » in den verschiedenen Altersgruppen, dann sieht man, dass im Jahr 2021 bei den Altersgruppen bis 74 Jahre es mit den experimentellen Gen-Therapien eine massiv höhere Sterblichkeit gab, als dies im Corona-Jahr 2020 ohne diese Spritze, und deren angeblichen Schutz, der Fall war.
    Wenn alle Altersgruppen aber zusammengenommen werden, erkennt man das nicht, weil bei der großen Gruppe der über 74 jährigen, dies umgekehrt war. Betrachtet man aber die einzelnen Altersgruppen, dann sieht man, dass ab 2021 etwas massiv nicht mehr stimmt.

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