Süsses Gift im Rampenlicht: Zuckersteuer bei «Hart aber Fair»
Ein prominent besetztes Podium diskutierte am 23. Februar in der ARD-Sendung «Hart aber fair» über eine Zuckersteuer. Eine Diskussion, die in rund einer Stunde die Gräben, Trugschlüsse und Fallstricke des Themas bestens beleuchtete. «Hart aber fair» folgte der Dokumentation «Hirschhausen und der Zucker», in dem der Arzt und Journalist Eckart von Hirschhausen die Gefahren des hohen Zuckerkonsums beleuchtete. Im Schnitt konsumiere jeder Deutsche etwa 33 Kilogramm Zucker pro Jahr – das Dreifache der von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Menge.
Zu viel – da war man sich einig. Aufklärung sei sinnvoll und nötig. Prävention sei angebracht, am besten möglichst früh, in Schulen und Kindergärten. Bei einem entscheidenden Schritt – einer Steuer mindestens auf zuckerhaltige Getränke – lagen die Positionen aber weit auseinander. Mit Hirschhausen auf dem Podium sassen der Arzt und ehemalige deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), Mirco Wiegert, Gründer der Lifestyle-Marke Fritz Kola, die FDP-Generalsekretärin Nicole Büttner und Luise Molling, Campaignerin bei der Konsumentenorganisation Foodwatch.
Zucker ist kein rein ideologisches Problem, auch wenn es sich streckenweise so anhörte. Der hohe Zuckerkonsum der Deutschen kostet das Gesundheitssystem viel. Er macht krank oder verstärkt bestehende Risiken. «Diabetes, Nierenschwäche, Schlaganfälle, Demenz, …» zählte Lauterbach gleich zu Beginn auf. Dennoch tritt die Gesetzgebung auf der Stelle, wie Hirschhausen treffend feststellte.
Doch nur ein Benennungsproblem?
Mehr als 100 Staaten weltweit erheben bereits Abgaben auf zuckergesüsste Getränke. In Grossbritannien sank der Zuckergehalt in Softdrinks nach Einführung der Steuer um 25 Prozent, in Spanien um 15 Prozent – weil Hersteller ihre Rezepturen anpassten, nicht weil Verbraucher ihr Verhalten änderten. «Wir treten in Deutschland auf der Stelle. Die Fakten sind eindeutig», resümierte der Wissenschaftsjournalist Hirschhausen und machte gleich zu Beginn einen Vorschlag zur Güte: Man solle das Kind einfach nicht Zuckersteuer nennen, sondern «Gesundheitsumlage». Eine solche sei auch in anderen Bereichen sinnvoll, wie bei Tabak und Alkohol und könne Prävention finanzieren.
Nanny-Staat vs. gesellschaftliche Verantwortung
Egal, in welcher Form – Zuckersteuer, das ginge gar nicht, fand Nicole Büttner. Ganz im Sinne ihrer Partei, der FDP. Eine weitere Steuer bevormunde Bürgerinnen und Bürger. Bis an den Küchentisch ins Privatleben hineinzuregieren, sei typisch für die Verbotskultur von Parteien wie der SPD. Man traue den Leuten nicht zu, ihren Zuckerkonsum eigenverantwortlich zu regeln. Der Staat solle lediglich Prävention leisten – sprich: selbige organisieren und finanzieren.
Dass die Allgemeinheit für die Kosten aufkommt, weil Bürger ihren Zuckerkonsum nicht eigenverantwortlich einschränken können, thematisierte sie selbstredend nicht.
Der Gesetzgeber sitze längst mit am Tisch, konterte Lauterbach. Es gebe kaum einen Bereich, in dem so viel reguliert werde wie bei der Ernährung – angefangen bei EU-Vorschriften und Subventionen. Kinder könnten sich überdies ihre Eltern nicht aussuchen. Die Gesellschaft stehe aber in der Pflicht, Schwache zu schützen. Ihm schwebt ein Werbeverbot für zuckerreiche Lebensmittel vor – vor allem zu Zeiten, in denen Kinder fernsehen und im Internet. So, wie es Grossbritannien Anfang des Jahres eingeführt hat. Ein ähnliches Gesetzesvorhaben der Grünen in der Ampel-Koalition 2023 scheiterte am Widerstand der FDP.
Kleinere Portionen und dünneres Portemonnaie
Riesige Portionen von Liter- oder Anderthalb-Liter-Flaschen seien das eigentliche Problem, fand Fritz-Kola-Gründer Mirco Wolf Wiegert. Die Hersteller könnten das eigenständig regeln. Fritz Kola gehe da verantwortungsvoll voran und setze auf kleine Portionsgrössen. Ein Gesetz brauche es nicht.
Lauterbach liess das nicht gelten: «Immer wenn wir Präventionsgesetze machen wollten, wollte die Industrie eine Selbstverpflichtung», berichtete er aus seiner Regierungszeit. «Wenn das Gesetz nicht kam, hat man nie wieder etwas gehört.» Auch kleine Flaschen seien ungesund, ergänzte Foodwatch-Campaignerin Luise Molling, die mit zahlreichen Fakten leider nur wenig durchdrang. Eine Orangenlimonaden-Flasche von Fritz Kola enthalte bereits 30 Gramm Zucker. Ein ungesundes Produkt bleibe ungesund – egal in welcher Grösse.
Wiegerts Konter: Auf seinen Fritz-Kola-Flaschen stehe ausdrücklich, dass das Getränk für Kinder, Schwangere und Stillende nicht geeignet sei. Man verkaufe verantwortungsvoll. Was die Cola (und vermutlich: deren Koffeingehalt) mit der Orangen-Limo und die Warnung mit dem Zuckergehalt zu tun hatte, erschloss sich nicht.
Auch Lauterbach war das zu dünn: «Es geht doch um Menschen, die sich Ihre Produkte gar nicht leisten können. Für die müssen wir die Gesetze machen. Wenn Sie kleine Flaschen verkaufen, sind diese sehr viel teurer – das ist doch in sich widersprüchlich.» Die höhere Umweltbelastung durch kleinere Packungsgrössen auch, könnte man ergänzen. Aber von Grössen wie «kostengünstig gesundes Leitungswasser» war man da aber schon meilenweit entfernt.
Oder schlicht mehr bewegen?
Widersprüche gab es im Verlauf der Sendung noch häufiger. Die CDU, vermittelt durch einen Einspieler, sieht das Problem nicht beim Zucker, sondern daran, dass sich Konsumentinnen und Konsumenten zu wenig bewegen. Eine schwierige Argumention, das zeigt folgende Rechnung: Eine Flasche Fritz Kola Original à 0,33 Liter enthält 36 Gramm Zucker und damit 139 Kalorien. Ein 80 Kilogramm schwerer Mann müsste ungefähr 1,7 Kilometer länger joggen, um diese Kalorien wieder loszuwerden – zu allem anderen, was er ausserdem gegessen hat natürlich. Eine 50 Kilogramm schwere Frau bräuchte schon 2,6 Kilometer mehr, ein etwa 40 Kilogramm schwerer Zehnjähriger sogar 3,3 Kilometer. Aber nur sonntags – denn öfter sollte es Fritz-Kola-Getränke laut Wiegert für Kinder gar nicht geben. Fritz Kola spricht mit seiner Marke vor allem Erwachsene an.
Dänemark habe die Zuckersteuer erst verschärft und dann wieder abgeschafft, argumentierte der Gründer noch. «Heavy User», die sehr viel Zucker konsumierten, habe die Steuer kaum beeindruckt.
Die Erzieherin Ana Maria Salomon, die nach langem Leidensweg mit der Abnehmspritze Ozempic viel abgenommen hatte, bestätigte: Vor der Spritze hätten sie auch hohe Preise nicht vom Zucker abgehalten. Lauterbachs trockener Kommentar in Richtung Wiegert: «Und jetzt kommen Sie mir mit Ihren Portionsgrössen.»
Wer ein suchtähnliches Verhalten zeigt und seinen Zuckerkonsum nicht unter Kontrolle hat, dem helfen vermutlich auch kleine Fläschchen nicht. Wo da die eigenverantwortliche Entscheidung bleibt, blieb offen.
Armutsproblem gegen gesellschaftliche Verantwortung
In Deutschland sei Gesundes teuer und Ungesundes günstig, so Lauterbach. «Aus meiner Sicht macht es keinen Sinn, dass die ungesündesten Lebensmittel am billigsten sind und dass sich Menschen die gesünderen nicht leisten können. Das benachteiligt die Ärmeren.» Es gebe ohnehin riesige Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen Reich und Arm.
Überdies trage eine Gesellschaft grundsätzlich Verantwortung für die Schwachen – in diesem Fall für Kinder, die sich ihr Umfeld nicht aussuchten. Hirschhausen formulierte es grundsätzlicher: Die gesunde Wahl müsse die günstigere sein. Das deutsche Gesundheitswesen koste 500 Milliarden Euro im Jahr – Prävention sei keine Gutmenschen-Übung, sondern eine Frage der Haushaltsräson.
Foodwatch-Campaignerin Molling versuchte es wiederholt mit Fakten. Der Konsumentenhinweis Nutri-Score – leider freiwillig – fehle ausgerechnet auf Produkten wie Fritz Kola (das einen Nutri-Score von E erreichen würde). Wiegerts Einwand: Der Nutri-Score berücksichtige die Portionsgrösse nicht. Das Ampel-System bezieht sich grundsätzlich auf 100 Gramm Produkt. Das sei Absicht, konterte Molling – sonst gebe es keine Vergleichbarkeit.
Sozial wenig ausgewogenes Fazit
Der unausgesprochene und etwas zynische Unterton der Diskussion: Es lebe das liebe Geld. Oder die kontrovers diskutierte Abnehmspritze. Wer mit finanziell besser gestellten Eltern aufwächst, isst und trinkt weniger Zucker und lebt länger. Das war der stille Konsens der Runde. Wer seine Kinder so verantwortungsvoll ernährt, wie FDP-Generalsekretärin Büttner es beschreibt, der trinkt ohnehin kaum Limonade – und verursacht in der Folge wenig Kosten für die Allgemeinheit. Aufklärung und Zuckersteuer brauchen in dieser Sichtweise vor allem die Armen und Willensschwachen. Diejenigen, die es, aus welchen Gründen auch immer, nicht schaffen, sich zuckerarm zu ernähren.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Auch in der Schweiz gilt: «Nur kranke Menschen sind gute Menschen». Da bei vielen die Sucht stärker ist als der Wille für einen gesunden Körper und der damit verbunden erhöhten Lebensqualität, müsste der Staat nicht nur das Wort «Selbstverantwortung» in den Mund nehmen, sondern sich um die Menschen kümmern. Und das funktioniert auch über Geld, resp. Steuern. Da der Gewinn der Konzerne wichtiger ist, wird sich nichts ändern. An der Bildung kann es nicht liegen, die gibt es bei uns. Im Gegensatz z.B. zu Mexiko. Dort ist im «Oxxo» Cola billiger als Wasser. Das ideale Frühstücksgetränk! Ich habe zwei Mütter gesehen, die ihr Baby mit Cola aus der Milchflasche ernährten!
Wieviel Werbung wird für zuckerhaltige Produkte gemacht und wieviel Info für gesunde Ernährung. Es ist sehr schwer sich gut (gesund) zu entscheiden, wenn die Informationsmenge und Intensität ganz unterschiedlich sind. Ein beachtlicher Teil unserer Industrie profitiert davon, dass sie die Schäden, die diese Industrie verursacht von der Allgemeinheit bezahlt wird. – Bei der Elektronik sind wir einen Schritt weiter!