Skifahren_im_Toggenburg

Alp Girlen im Nebel, wo einst ein Skilift lief. © Helmut Scheben

Wie Holzbretter eine Welt veränderten

Helmut Scheben /  Der erste Skiclub im Toggenburg entstand 1905. Bald wurde Skifahren ein Wirtschaftsfaktor.

Zum Beispiel eine Skitour zum Regulastein. Regulastein?  Wer kennt einen Ort dieses Namens? Vielleicht ein paar Wandersenioren und Schneeschuhläufer, aber von hundert Skitürelern wohl keine drei. Bei dem Kalksteinblock sollen die christlichen Heiligen Felix und Regula um 300 nach Christus ausgeruht haben, bevor sie gefangen genommen wurden und in Zürich den Märtyrertod starben. 

Der zugehörige Gipfel ist auf der Landeskarte als Regelstein eingetragen. Er ist 1314 Meter hoch, man kann den Aufstieg ohne Sauerstoffzylinder wagen. Start ist in Ebnat-Kappel bei der Brücke über die Thur. Ebnat-Kappel ist wohl schon eher bekannt. Nicht nur wegen dem ehemaligen SVP-Chef Toni Brunner, der hier wirtet, sondern vor allem in der Erinnerung der älteren Leute als Ferienort. Das war in jenen fernen Zeiten, da man das Wort Schneekanone für einen Fachausdruck der Gebirgsartillerie gehalten hätte. So ganz falsch war das nicht. Heute wird mit dieser Sorte Kanonen der Krieg gegen den Klimawandel geführt.

Aber nicht in Ebnat-Kappel. Dort ist der Krieg verloren. Mit 630 Metern über Meereshöhe ist Ebnat-Kappel winters nicht mehr «schneesicher», und wer das sagt, wird wohl angeschaut, als wollte er ein bisschen Satire machen. Wir mussten also, als wir vor ein paar Wochen die Regelstein-North-Face in Angriff nahmen, die Skier ein Stück die Wiese hochtragen, bis wir an den ersten Schnee kamen.

Weltcup in Ebnat-Kappel

Unglaublich, aber wahr: Das stille Dorf, vom Autoverkehr verschont durch die Umgehungsstrasse, war in den siebziger Jahren ein international bekanntes Wintersportzentrum. Der Autoclub ADAC zählte das Gebiet zu den idealen Destinationen für den Skiurlaub der deutschen Wirtschaftswunder-Familie der Nachkriegszeit. Damals wurden in Ebnat-Kappel FIS-Rennen ausgetragen. Pirmin Zurbriggen gewann seine ersten Weltcup-Punkte 1981 als Fünfter in der Kombination in Ebnat-Kappel. 

Hinauf geht es also über historisches Gelände, ehemalige Abfahrts-Pisten. Wer Weltcup-Rennen hört, der denkt an steile Hänge wie den Hundschopf am Lauberhorn oder die Streif in Kitzbühel. Hier dagegen schiebt man die Felle über sanftes Alpgelände. Unser Aufstieg war eine Übung in – sagen wir mal – meditativer Gelassenheit und leichter Melancholie, denn der Nebel war so dicht, dass laut Formulierung meines Tourenpartners «kein Schwein auch nur weiter als dreissig Meter sehen konnte». Morgens rasche Auflösung der Restbewölkung und dann ziemlich sonnig, hatte es in der Meteo geheissen. 

Skifahren als Sport damals – auch Frauen wagten sich früh auf die Bretter

Aber auch im Nebel sind diese Hügel der Voralpen eine Kulturlandschaft von grosser Schönheit. Kultursoziologen wie Werner Bätzing würden aber korrigieren: Die Landschaft entspricht dem idyllischen Wunschbild romantischer Schönheit und Reinheit, welches die städtische Gesellschaft seit dem Ende des 18. Jahrhundert auf die Alpen und ihre Bewohner projiziert hat. Für die heutige Skitourenpraxis ist nur ganz unakademisch festzuhalten, dass manchmal ein Stacheldraht oder ein bellender Wadenbeisser ein winziges Restrisiko darstellen.  

Wie auch immer, diese Hügel waren Schauplatz der ersten Versuche, mit den Skiern abzufahren. Als Fortbewegungsmittel im Schnee waren Skier nachweislich seit Jahrtausenden im Gebrauch. Aber erst während der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts kam das Skifahren als zweckfreies Vergnügen auf. Der moderne Tourismus ist Produkt der Industrialisierung. Freizeit und Urlaub entwickelten sich als ideologische Kompensation für den Arbeitsalltag. Die Stadt, das hiess Arbeit und Fabrikschornsteine, die Berge, das hiess Erholung, gute Luft und Gesundheit. Der Polarforscher Fridtjof Nansen hatte 1888 als erster Mensch Grönland über das Inlandeis mit Skiern durchquert. Sein Exploit wurde weltweit bewundert und hat wohl seinen Teil zur Verbreitung des Skifahrens beigetragen. Die neue Art von «Wintersport» gelangte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert aus Norwegen in die Schweiz. 

Übungen im Mondschein

Caspar Bohl, Gemeindeamman und Kantonsrat aus Stein, erinnerte sich 1929 im «Toggenburger Winterfremdenblatt», man habe zunächst nur nachts geübt, um sich nicht vor dem ganzen Dorf lächerlich zu machen: 

«Im Herbst 1903 fragte mich der Bauführer an der Dürrenbachverbauung in Stein, ob ich Lust zum Skifahren habe. Er könnte bei einem Bauern-Schreiner für 5 Franken das Paar Skis in Auftrag geben (…) Die ersten Versuche unternahmen wir bei Mondschein mit Hilfe eines Skilehrbuchs und bewältigten bereits sturzfrei eine Strecke von 5 Metern. Als dritten zog ich den Schreiner Forrer, meinen Schwager, ins Vertrauen, der zwei Tage später mit selbstgefertigten Skis mitwirkte. Das war die Geburtsstunde der Skifabrik Forrer in Stein. Beim nächsten Mondwechsel war bereits ein halbes Dutzend Skifahrer unterwegs und in weiteren Mondnächten wurde fleissig geübt.»

Ein paar Mutige wagten schliesslich bei helllichtem Tag, vom Häderenberg mit ungezählten Purzelbäumen nach Stein abzufahren: «Hier erwarteten uns höhnisches Gelächter, Beschimpfungen und selbst Drohungen.»

Das Toggenburger Jahrbuch 2021 enthält wertvolle Berichte zum Thema Skifahren, Skisport und Tourismus.

Diese und viele andere Témoignages sind nachzulesen im «Toggenburger Jahrbuch 2021».  Der Historiker Hans Büchler schildert darin anhand vieler Fotos die Anfänge des Skifahrens in der Region. Der Band enthält aber auch Beiträge über Ingenieurwesen, Verkehrserschliesung, Kunst und Literatur. Das Jahrbuch ist eine Fundgrube für alle, die etwas erfahren wollen über die Alltagsgeschichte und die Entwicklung des Wintersports im Toggenburger Tal.  

Die Umwandlung der von bäuerlicher Agrarwirtschaft, Heimweberei und Säumerverkehr geprägten Dörfer in Tourismusregionen begann schon im 19. Jahrhundert. Voraussetzung war die Erschliessung der Täler durch den Bau der Eisenbahnen. Es geht in mehreren Schüben. Die erste Phase ist die Belle Epoque von etwa 1880 bis 1914. In dieser Zeit entstanden die legendären Schweizer Tourismusorte wie St. Moritz oder Interlaken. Ihre «Palasthotels» mit 200 bis 300 Zimmern waren Treffpunkte einer zahlungskräftigen Oberschicht, die einen aristokratischen Lebensstil führte. In einem wahren Bahnfieber wurden Standseilbahnen und Zahnradbahnen bis auf die höchsten Aussichtspunkte gebaut. 

Tourismus der kleinen Leute

Das Toggenburg war weit weg von all dem. Hier gab es keine Grandhotels, keine Bälle, Opern und Theatersäle, keine internationale Prominenz. Mehr als ein Jahrzehnt lang stritten Privatunternehmer und Kantone um die Finanzierung einer Eisenbahn ins Toggenburg, bis 1870 endlich die Bahn von Wil nach Ebnat-Kappel eröffnet werden konnte.  Auch für das Toggenburg begann damals die neue Zeit des Tourismus, aber es war eher der Tourismus der kleinen Leute. Hans Büchler resümiert:

«Die Voraussetzungen für einen strukturellen Wandlungsprozess waren günstig, da Bauern und Heimarbeiter in besonderem Ausmass an den Folgen der Textilwirtschaftskrise des ausgehenden 19. Jahrhunderts litten. Viele Bauernfamilien traten deshalb für einige Wochen Zimmer an Fremde ab oder bauten ihre auf Landwirtschaft und Textilindustrie eingerichteten Häuser um (…) Die Vermarktung und Organisation der Billig-Hotellerie hatte schon kurz nach seiner Gründung der Toggenburger Verkehrsverband übernommen, dessen Verkehrsbüro einerseits für das ganze Hotelwesen warb und andererseits interessierte Gäste an die Privatpensionen weitervermittelte.» 

Im Herbst 1905 wurde der Skiclub Stein gegründet: Laut Statuten «zum Zweck der Förderung und Hebung des Skifahrwesens in unserer Gegend sowie zur Pflege gesunder Leibesübungen». 

Bald entstanden weitere Skiclubs im ganzen Toggenburg. Noch vor dem Ersten Weltkrieg schlossen sich die Clubs zum Toggenburger Skiverband zusammen, welcher Skikurse, Hindernisläufe, Rennen und Vereinsleben organisierte. Ein Programm sah dann zum Beispiel so aus: «Abfahrtsübungen. Schwünge. Sprünge. Erholungspause im Ochsen und Anker. Abends Tanz.»

Das Skifahren ergriff in Windeseile Besitz von Herzen und Hirnen. Man kann im Rückblick ohne Übertreibung sagen, dass die Holzbretter eine wirtschaftliche Revolution einleiteten. Aber auch eine kulturelle. Erstaunlich ist, dass auf den ersten Fotos bereits Frauen auf Skiern zu sehen sind. Sie nahmen bald auch an Abfahrtsläufen teil. Zwar hatten schon im 19. Jahrhundert vereinzelt Frauen im Alpinismus von sich reden gemacht, es waren aber in der Regel Töchter aus wohlhabenden Familien, die sich den Luxus von Reisen, Hotel und Freizeit leisten konnten. Im Toggenburg war das Skifahren zweifellos ein Sprungbrett der Emanzipation für die Frauen. 

Heute ist weitgehend vergessen, dass der Skisport im Toggenburg von den zwanziger Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg wahre Sternstunden erlebte. Dort hatte sich eine Generation von jungen Rennläufern – und Rennläuferinnen – entwickelt, die in der ganzen Schweiz Preise abräumten. 

Ende grosser Wintersportzeiten: «Lost Ski Area Projects»

Auf der Alp Girlen hat man die Hälfte des Aufstiegs bewältigt. Girlen hiess auch der Skilift, der damals hier stand. Davon ist nichts mehr zu sehen als hie und da ein Betonfundament der Stützen und das einsame Gerüst eines Kontrollhäusleins, das aus dem Nebel auftaucht.

Der Textilunternehmer Peter Kauf gründete 1966 mit einigen Freunden die Skilift Girlen AG.  «Das Skisportzentrum entwickelte sich rasch zu einem Anziehungspunkt für Familien und verhalf auch dem Skiclub Speer zu grosser Attraktivität. Der Skiclub und die Arbeitervereinigung, kurz das ganze Dorf, engagierten sich für die Austragung der Europacup-Rennen und organisierten in den Jahren 1977 und 1981 Weltcup-Rennen für Männer», schreiben die Söhne von Peter Kauf im Toggenburger Jahrbuch. Ein Jahrzehnt später musste der Girlen-Lift infolge eines Rechtsstreits mit der Bank stillgelegt werden. Der auf einem parallelen Hang liegende Tanzbodenlift zum «Himmelstörli» funktioniert bis heute. Er läuft mit Defizit, wie alle kleinen Lifte in den unteren Lagen.

Mit der Erwärmung hat im Wintersport ein rascher Prozess der Konzentration eingesetzt. Ein paar wenige grosse Bergbahnen in schneesicheren Höhen schreiben schwarze Zahlen und expandieren, viele kleine Bahnen melden Konkurs an und bauen ab. Quer durch die Schweiz werden immer mehr Sesselbahnen und Skilifte, die im Winter zu wenig Schnee haben, stillgelegt. Anhänger eines naturverträglichen Tourismus beobachten die Entwicklung mit ambivalenten Gefühlen. Man bedauert die Pleite der Unternehmen, freut sich aber über wiedergewonnene grüne «Natur». Die Registrierung des Liftesterbens ist mittlerweile zu einer neuen Sportart namens LSAP avanciert: «Lost Ski Area Projects». Seilbahn-Fans betreiben spezielle Internetseiten unter diesem Label. Andererseits gibt es auch zahlreiche lokale Initiativen von Leuten, die versuchen, mit Genossenschaften oder Interessengemeinschaften den Weiterbetrieb von kleinen Skiliften aus eigener Tasche zu finanzieren. Skifahren ist immer noch für viele Menschen in den Alpenregionen ein Element kultureller Identität. Und viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder Skifahren lernen.

«Der Winter im idyllischen Toggenburg findet fernab jeder Hektik statt. Im Hochtal zwischen dem Säntis und den sieben Churfirsten, nur eine Autostunde von Zürich und dem Bodensee entfernt, eröffnet sich den jungen und den erfahrenen Winterfreunden eine kleine heile Welt in fast unberührter Landschaft.» So heisst es in der Tourismuswerbung.  

Das romantische Alpenbild, das Werner Bätzing konstatierte, ist bis heute werbewirksam für den Massentourismus. Aber, wie der Österreicher Paul Jandl schreibt: «Das Gute am Klischee: Es wirkt, um Gäste anzulocken. Das Schlechte am Klischee: Es tut manchmal auch weh.» Natürlich musste es soweit kommen, dass das Big Business Wintersport mit seiner vom Steuerzahler subventionierten Schneekanonen-Wirtschaft, seinem Event-Theater und dem Rambazamba des Après-Ski sein eigenes Ballermannbild schuf. Die Leute in Ischgl können ein Lied davon singen.

Das Toggenburg ist bis heute von all dem verschont geblieben. Vielleicht weil glücklicherweise nie genug Geld da war, um mit der ganz grossen Kelle anzurühren. Vielleicht weil einige der Churfirsten für den Liftbetrieb zu steil sind. Vielleicht aber auch weil die Toggenburger beizeiten einsahen, dass sie für einen Wettbewerb mit den grossen Skizentren nie die nötige Schneesicherheit und Infrastruktur haben würden. Und weil sie einsahen, dass die Unterländer, die ins Tal kommen, etwas anderes suchen als ein Rekordangebot an Pistenkilometern.


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Eine Meinung zu

  • am 17.03.2021 um 12:07 Uhr
    Permalink

    Lieber Helmut Scheben,
    Danke für Ihren Bericht.
    Ich habe als Schaffhauser in den 50-70er Jahren viele gute Skitage erlebt, am Tanzboden.
    Vor 2 Jahren bin ich mit einem Kollegen, wieder mal Ende Winter, mit Fellen zum Tanzboden aufgestiegen, bei gutem Wetter und guter Sicht, und ich habe gestaunt.
    Ich hatte meine alte Landeskarte, Jahrgang 1956, dabei und stellte mit Freude fest: Nur ein einziger Stall im «Dicken» war neu; sonst ist die Landschaft, ausserhalb der Dörfer im Tal, voll erhalten geblieben.
    Wunderbar! Ich werde nach dem neuen Schnee nächste Woche nochmals raufsteigen, und freue mich jetzt schon darauf!

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