Liebe Welt, wie geht es Dir heute?

Hanspeter Guggenbühl /  Gedanken zum Tag nach einer Stunde Zeitungslektüre. Eine Satire zur Realität.

«Liebe Welt, wie geht es Dir heute?», fragte der Journalist des Infosperbers am Dienstag (16. März), als er erwachte. Doch da die Welt über keine Medienabteilung verfügt, blieb die Antwort aus. Also griff er, nachdem er sich die Zähne geputzt und die Kleider angezogen hatte, zur neusten NZZ, weil diese dank Frühzustellung gleich greifbar war.

Auf Seite 1 liest er nur die Schlagzeilen:

«Lage in Burma spitzt sich weiter zu»; die Statistik der Erschossenen, die gegen das Regime demonstrierten, kennt er aus dem Radio.

«Der Bund ist unsere Hausbank»; die Aussage des Bahnchefs Vincent Ducrot beruhigt, denn solange der Bund bürgt, werden die SBB den Verlust von zwei Milliarden Franken aus der Corona-Krise verkraften.

«Der AHV-Coup der Mitte scheitert»; so negativ kann das nicht sein, erfährt er, als sein Blick unter diesem dritten Titel auf Seite 1 auch noch den ersten Satz erfasst: «Die AHV-Reform ist wieder auf Kurs.»

Relativ zuversichtlich gestimmt blättert der Lesende um:

«Biden läuft in Afghanistan die Zeit davon», «Ein Mord weckt die Wut bei britischen Frauen», lauten die Schlagzeilen auf Seite 3,
und auf Seite 5: «Wütende Corona-Skeptiker halten Wien in Atem» und «Der Coronavirus rafft die nordische Harmonie dahin». Schlimm, aber das muss er alles nicht genauer wissen.

Seite 7: «Klimaziele verschoben auf unbestimmt».

Dieser erste Artikel im Inlandteil interessiert ihn aus beruflicher Sicht, und darum liest er weiter: «Die Schweizer Landwirtschaft emittiert gleich viel Treibhausgase wie der Luftverkehr».  Das weiss der Lesende bereits – und findet es umgekehrt eher störender, dass der Luftverkehr, der ja im Unterschied zur Nahrung nicht lebensnotwendig ist, ebenso viele Treibhausgase erzeugt wie die Landwirtschaft. Trotzdem empört ihn, dass der Ständerat die Reform der Landwirtschaft und damit die Umsetzung der langfristigen bundesrätlichen Klimastrategie schon wenige Wochen nach deren Veröffentlichung zu Altpapier degradierte: «Während die Schweiz im Verkehr oder bei der Gebäudesanierung also vorwärtsmacht mit den Klimazielen, passiert in der Landwirtschaft vorerst nichts», folgert NZZ-Journalistin Angelika Hardegger bitter, und der Lesende denkt aufgrund seiner eigenen ernüchternden Erfahrungen: «Von wegen Vorwärtsmachen bei Verkehr und Gebäuden.»

Nun ja, die Schweiz ist bloss eine kleine Welt. Die Musik spielt anderswo. Also blättert er weiter.

Seite 17: «Amerika bläst seine Wirtschaft auf».

So lautet der erste Titel im NZZ-Bund «Meinung und Debatte». Darin berichtet Martin Lanz über die «Corona-Hilfspakete» und rechnet vor: «Insgesamt hat die US-Bundesregierung damit innert zwölf Monaten rund 6 Billionen Dollar gesprochen». Der Lesende rechnet nach: Mit 6 Billionen respektive 6000 Milliarden Dollar hat die mächtigste Volkswirtschaft der Welt ihre Staatsverschuldung, gemessen an ihrer gesamten Wirtschaftsleistung (BIP 2019: 21 Billionen Dollar), in einem einzigen Jahr um annähernd 30 Prozent erhöht. Damit summiert sich die US-Staatsverschuldung auf 140 Prozent des BIP. Trotz Krise, so konstatiert der Infosperber-Journalist sarkastisch, funktioniert die virtuelle Notenpresse immer noch wie geschmiert. 

Nächste Seite: «Europa ist der Konkurrenz nicht gewachsen».

Inhalt: Scheitern der Impfstrategie, wachsende Verärgerung der Bürger, Europa verliert – einmal mehr – an Macht und Einfluss in der Welt. Weitergeblättert. Deutschland: «Die CDU taumelt ins Superwahljahr». Impfproduktion: «Staat kann es nicht richten», Wirtschaft: «Mikrochip-Engpass nicht beseitigt», «Greensill-Affäre: Die Suche nach Schuldigen hat begonnen».

* * *

Liebe Welt, Dir geht’s nicht gut, konstatiert der Infosperber-Journalist nach einer Stunde Lektüre der aktuellen NZZ, und er fürchtet, das Weltbild in andern Weltblättern sei auch nicht heiterer. Doch dann, auf Seite 24 unter «Reflexe», stösst der Leser am Frühstückstisch doch noch auf eine positive Nachricht: «Das Gipfeli zeigt wieder nach oben» – die Aktie der Tiefkühlbäckerei Aryzta gewinne Vertrauen zurück.  

Damit ist der Tag gerettet. Mit der Welt geht’s aufwärts.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581

4 Meinungen

  • am 17.03.2021 um 13:03 Uhr
    Permalink

    Mir geht es sehr ähnlich wie dem Autor.

    Es entsetzt mich, wieviel UN-Sinn bis IRR-Sinn immer mehr Fahrt aufnimmt.

    Gelegentlich sehe ich mir die Gesichter der Macher in den Medien und mein eigenes Gesicht im Spiegel an. Mich zweifelnd fragend, ob und wo Sinn und ob und wo IrrSinn mir entgegenschauen könnte.

    Denkt ES in mir wirklich noch logisch – oder bilde ich es mir nur ein?

    Ich mag mich doch so gern als positiv denkenden Realisten sehen ! –
    In welchen Tunnel fährt «man» uns ?! –

    Und was sagt mir das vielfältigst verkündete «Licht am Ende» jeglicher Tunnels ?

    Gib mir bitte die Hand, «Bruder Autor» – und lächle mit mir –
    und dann schliessen wir die Augen und springen … … … … …

    Alles Gute – und freundliche Grüsse !
    Wolfgang Gerlach, Ingenieur

    0
  • am 17.03.2021 um 13:20 Uhr
    Permalink

    So wie diesem Journalisten geht’s immer mehr Zeitgenossen: Immer weniger lesen darum Zeitungen und wenn am TV Nachrichten oder politische Sendungen kommen, wird die Kiste kurzerhand abgestellt. Man will doch seine Ruhe.

    0
  • am 30.03.2021 um 17:04 Uhr
    Permalink

    Ein Käfig voller Narren, pflegte mein Grossvater zu sagen, als damals die LDU ihn zwang, ihr bei zu treten, ansonsten müssten sie ihm den Kredit für sein kleines Bauernhöfli-Haus kündigen. Damals, als 5 Jähriger, erzählte er mir, wie schlimm es noch kommen würde. Russian Today ( https://de.rt.com/ ) sollte man auch mal lesen, wenn man einen Gegenpol zu den zeitweilig oberflächlichen Berichten einiger gleichgeschalteter Medien unserer Nation sich zu Gemüte führen möchte. Wer sich heute informieren möchte, kommt nicht darum herum, die Medien aller Streithähne zu sichten. Es gibt fast kein Medium mehr, wo man sagen könnte, das man umfassend objektiv informiert ist, nachdem man dieses eine Medium gelesen hatte. Womöglich wird es bald noch Faktenchecker geben, welche die Faktenschecker kontrollieren und korrigieren. Da sogar diese es oft nicht fertig bringen, ihre Sichtweisen durch Recherchen vor Ort zu erarbeiten. Sie bekommen viele Informationen aus dem Internet, welches ebenso geduldig ist wie Papier. Derweil sterben auch heute wieder tausende von Menschen, weil die russischen Impfstoffe sowie die aus China von Europa blockiert werden. Lieber eigene Bürger sterben lassen, als dem «Reich des Bösen» den Erfolg ihrer Vakzine zu zu gestehen. Seit Bolivien ihre Sterbezahlen auf 60 pro Tag niederdrückte, ich erwähne hier nicht mit was, sonst würde es Probleme geben, haben einige Fachärzte ihre Kanäle auf Youtube abgezogen und sind nun bei Telegramm. Wahrlich, ein Käfig voller Narren.

    0

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...