Kommentar

Sprachlust: Bälle und Phrasen dreschen

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  Als wären’s nicht nur Teams, tönt’s an der Fussball-EM, als träten Länder gegeneinander an – samt Helden- oder Untergangsrhetorik.

Bald wird ein Land vom Rand eines aus dem Kern besiegt haben, oder umgekehrt, und dann ist das grosse Ringen der Nationen wieder einmal vorbei. Die Europameisterschaft (EM) im Fussball wird sportlich und wohlgeregelt abgelaufen sein, jedenfalls innerhalb der Stadien. Auch wenn pro Nation jeweils nur elf Mann auf dem Feld sind, redet man ganz selbstverständlich mit dem Landesnamen über sie. Und die elf können Dinge tun, die aufs Land abfärben: «Die Schweiz hat ein erkennbares Gesicht gezeigt.» So etwas kann zwar auch ausserhalb der Stadien passieren, aber kaum jemandem käme in den Sinn, die Hooligans quasi als Nationalteam aufzufassen und zu sagen, Russland habe England besiegt. Ein bisschen Stolz zeigte allerdings ein russischer Spitzenfunktionär schon, bevor dann mit dem Fussballteam auch jenes der Schläger abreiste.
Wird einmal eine Nationalmannschaft ganz nüchtern etwa als DFB-Auswahl bezeichnet, so fällt das auf. Es wäre ja von Schreibern und Lesern auch etwas viel verlangt, noch weitere Verbandsabkürzungen als die deutsche zu kennen. Und ein spezieller Mannschaftsname ist geradezu ein Hinweis darauf, dass es sich eben nicht um die offizielle Landesvertretung handelt, sondern zum Beispiel um das zusammengewürfelte Team Canada im Eishockey.
Der König und der Zwerg
Damit die Fussballer zu Helden taugen, müssen sie offizielle (und möglichst auch sangeskundige) Vertreter der Nationen sein, deren Farben sie und die Fans im Publikum tragen. Dann kann das Team wie ein Mann diese Farben hochhalten: «Der Ire kämpft.» Und dann kann sogar die Schweiz zur Monarchie mutieren: «Wir» haben einen «Pass-König» (alle Zitate aus der aktuellen EM-Berichterstattung). Der vergab dann zwar den entscheidenden Penalty, und da nützte es auch nichts mehr, dass der «Zauberzwerg» seines Amtes gewaltet hatte. Andere Länder haben auf dem Rasen einen wohlfrisierten «Cary Grant» (Italien) oder gar einen «Ideologen» (Spanien, früher).
Ja, es ist ein Amt, und wenn einer die Nationalmannschaft verlässt, dann «tritt er zurück». Das kann er später nochmals tun, wenn er schon gar nichts Amtsähnliches mehr abzutreten hat, sondern nur den Spitzensport ganz aufgibt. Er braucht sich dann nicht mehr aufzuregen über einen «unnötigen Ballverlust» oder einen «Tatsachenentscheid», der – vermeintlich oder tatsächlich – den Tatsachen nicht entspricht. Der nötige Ballverlust muss erst noch erfunden werden, aber die reglementsgemäss absolute Herrschaft der Schiedsrichter über die Tatsachen beginnt dank technischen Hilfsmitteln zu bröckeln.
Das Exitgate droht
Nach dem Rücktritt kann der Spitzensportler, wenn er verpassten Chancen nachtrauert oder einem «unnötigen Ausscheiden», vielleicht sogar den Konjunktiv wiederentdecken. Als Aktiver musste er ja ständig Dinge sagen wie: «Macht er ihn rein, sieht vieles anders aus.» Der Fussballschweizer a. D. erinnert sich mit einem Schmunzeln ans «Trikot-Gate», damals, als der Franzose reihenweise schadhafte rote Leibchen zerfetzte. Seither werden viele weitere «-gates» kurz Schlagzeilen gemacht haben, bis sich kaum noch jemand daran erinnert, dass der Ausdruck vom Hotel Watergate in Washington stammt. Geschweige denn daran, dass dort 1972 in die Wahlkampfzentrale der Demokraten eingebrochen wurde, was letztlich den republikanischen Präsidenten Nixon das Amt kostete.
Dass das abgedroschene «-gate» verschwinde, ist ein so frommer Wunsch wie jener, es möge jetzt genug mit «-exit» sein, nach dem doppelten Brexit (EU und EM) und dem fussballerisch doppelten «Schwexit» (Schweden und Schweiz). Bald beginnt die WM-Ausscheidung, wo Bälle und Phrasen weitergedroschen werden. Und im politischen Ernst des Lebens droht der EU, Grossbritannien und dessen Bestandteilen ein wahres Exitgate. Wenigstens sind die britischen Nationalmannschaften schon seit je separat.
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlust»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.



Die Redaktion schliesst den Meinungsaustausch automatisch nach zehn Tagen oder hat ihn für diesen Artikel gar nicht ermöglicht.

Die Schlagzeilen der täglich drei neusten Artikel erhalten Sie nach Wunsch täglich oder wöchentlich.

Vielen Dank, dass Sie unseren Newsletter abonnieren!

Der Bestätigungslink ist nicht mehr gültig.