ToiToiBastianGreshakeflickrcc

Auch Scheisse & Schrott generieren Wachstum und steigern das Bruttoinlandprodukt © Bastian Greshake/flickr/cc

Ab mit der «Scheisse» in den (Fernen) Osten

Jürgmeier /  Schweizer Briefe im Ausland dechiffrieren. Facebookeinträge im Fernen Osten säubern. Wenn das kein Stoff für Satire ist.

Ver-rückte Welt: Die Post lässt unleserliche Schweizer Adressen im fernen Vietnam entziffern und, beispielsweise, den Liebesbrief an Gerda Abderhalden in Siders der inzwischen verheirateten Gerda Müller in Opfikon zuordnen. Internetplattformen wie Facebook werden auf den Philippinen von Gewalt & Sex gesäubert, damit sie westlichen Werten entsprechen. Giftiger Elektroschrott aus Europa, inklusive Schweiz, wird, grösstenteils illegal, in Afrika oder Asien entsorgt. Und die selbst ernannten Patriot*innen – die sonst so gern & schnell Stacheldraht gegen Fremde entrollen lassen würden, womöglich von abgewiesenen, aber noch bei uns «herumhängenden» Asylbewerber*innen – schweigen still statt lautstark Inländervorrang zu fordern.

Warum plötzlich dieser Hang zu multikultureller Romantik? Weil sich’s rechnet? Weil das Bild des eigenen Landes so von allem Unangenehmen & «Unschweizerischen» gereinigt werden kann? Eidgenoss*innen lernen schliesslich bereits in der Primarschule schön & leserlich schreiben, sind weder gewalttätig noch geil, und Dreck war uns schon immer fremd. Wenn es technisch ginge, wir würden die «stillen Örtchen» – an denen auch bei uns Unsägliches passiert – in irgendeinem Osten oder Süden putzen lassen oder, noch besser, unsere Körper fern der sauberen Schweiz von ungenutzter Materie erleichtern. Dann würden diese ToiToi’s &. Co unsere weltberühmten mitteleuropäischen (Alpen-)Landschaften nicht länger verschandeln. Und Menschen mit «weniger günstiger Humankapitalausstattung» (neuster Bericht des Staatssekretariats für Wirtschaft, Seco, zur Personenfreizügigkeit) könnten unsere Fäkalien, erst noch günstiger als bei McClean, da wegputzen, wo sie, die billigen Fachkräfte, herkommen und «die Wirtschaft» ihrer, dank dieser neuen Dienstleistungsbranche, bedürfte.

Der magische Kuchen

Könnte allerdings sein, dass wir uns ins ökonomische Fleisch schnitten, wenn wir uns von allem «Unschweizerischen» befreiten, denn auch «Scheisse» & Schrott generieren Wachstum und steigern das Bruttoinlandprodukt. «Mit jeder zusätzlichen Arbeitsstunde steigt die volkswirtschaftliche Produktion. Es stehen mehr Güter und Dienstleistungen für alle zur Verfügung.» Doziert der Professor für Finanz- und Wirtschaftspolitik Reiner Eichenberger am 6. Juli 2016 in der Neuen Zürcher Zeitung. Was er zur «Überalterung» – «mehr gesunde Lebensjahre und grösseres Produktionspotenzial» – schreibt, müsste auch für die «Überfremdung» gelten: «Je mehr Alte [oder eben Fremde] mitarbeiten, desto grösser wird der Kuchen, und desto grössere Stücke bleiben für alle übrig.» Und in dieser schönen neuen Wachstumswelt würden allealle, auch die Überzähligen, gebraucht.

Nur, was machen wir mit denen, die keinen fremden Kuchen mögen? Was mit diesen ewig-grünen Wachstumskritiker*innen? – Ab in den (Fernen) Osten. Damit sie mal am eigenen Leib erleben, was «Dichtestress», was umweltschädigendes Wachstum, was «Überfremdung» wirklich heisst. Dort redet ja kaum eine oder einer Deutsch.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

Bildschirmfoto20161002um13_05_46

Afrika und das Meer als Mülleimer

Westliche Industrie- und Konsumabfälle vergiften Menschen in Afrika oder Indien und töten Meerfische.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581

4 Meinungen

  • Avatar
    am 8. Jul 2016 um 09:56 Uhr
    Permalink

    Wow: «Weniger günstige Humankapitalausstattung der jüngsten Zuwandererkohorte». Was für ein schöner Euphemismus. Noch mal auf der Zunge zergehen lassen:

    H U M A N K A P I T A L A U S S T A T T U N G

    0
  • Avatar
    am 8. Jul 2016 um 12:05 Uhr
    Permalink

    @klee, und nun sich vorstellen, wie dieses wortungeheur in den landessprachen wohl lauten wird….

    0
  • Avatar
    am 8. Jul 2016 um 16:34 Uhr
    Permalink

    Zitat NZZ/ Prof. Eichenberger:
    "Die Alten zahlen also richtig gerechnet im Normalfall auf Arbeitseinkommen 45 bis 55 Prozent Steuern. Das schafft gewaltige Fehlanreize, nicht über 65 hinaus zu arbeiten. Folglich ist die liberale Problemlösung denkbar einfach: Die Einkommenssteuern auf Arbeitseinkommen von über 65-Jährigen müssen stark gesenkt, z. B. halbiert werden.»

    Diese Erkenntnis freut ich sehr, doch wo bitte ist bei uns irgend etwas liberal geregelt?
    Wie haben weder eine solidarische «soziale Marktwirtschaft» noch haben wir eine liberale Wirtschaft. Was auch bei uns herrscht ist ein Kollektivismus, wir bezahlen kollektiv, es werden aber Partikularinteressen bedient. Von der Krankenversicherung profitiert die Gesundheitsindustrie am meisten, das Patientenwohl steht nicht im Zentrum. (nur EIN Beispiel…)
    Eine liberale Wirtschaft würde den Menschen in den Mittelpunkt stellen und nicht die Umverteilung von unten nach oben.
    Eichenbergers liberaler Ansatz müsste für alle Arbeitenden und alle Unternehmer gelten, nicht nur für Alte.
    Wir sind Weltmeister bei Lohnabgaben, dies schädigt uns im Wettbwerb. Meine Gartenstühle wurden in China gefertigt, Abgaben für AHV, IV, ALV, EO musste ich nicht bezahlen.
    Der liberale Ansatz wäre, alle Abgaben auf Löhnen abzuschaffen.
    Die sog Sozialversicherungen erfüllen längst Staatsaufgaben. Staatsaufgaben sollen vom Staat getragen werden, mittels progressiven Steuern gemäss BV!

    0
  • Avatar
    am 8. Jul 2016 um 21:56 Uhr
    Permalink

    Ja, das sind halt die Auswüchse der wirtschaftlichen Globalisierung…
    Wir sollten sie bekämpfen, was auch heisst, dass wir gegen die Wirtschafts"philosophie» des ewigen Wachstums Stellung nehmen müssen.

    Das Beispiel mit den Fäkalien passt nicht so recht. Zum Glück kann man Abwasser schlecht exportieren, so dass wir das Problem selber anpacken mussten. In Sachen Abwasserreinigung könnten viele Länder dieser Erde von der Schweiz etwas lernen.

    0

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...