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Zwischen «Fargo» und «L.A. Confidential»: Marcus Signer als Bundespolizist Kägi und Sarah Spale als Kommissarin Wilder © SRF

«Wilder» ist grosses Schweizer TV-Kino

Niklaus Ramseyer /  Es gibt unzählige Fehler, die einen Krimi ruinieren können. Die Schweizer TV-Serie «Wilder» macht fast keinen.

Die hohe Qualität der Serie «Wilder» zeigt sich einmal mehr ganz am Schluss der dritten Staffel in Folge sechs. Da hatten erfahrene Krimi-AdeptInnen befürchten müssen, die Regie könnte auf die leider immer wieder zelebrierte, peinliche Masche mit der «Rettung in letzter Sekunde» verfallen. Also: Der Rächer entführt den Sohn der Kommissarin oder jenen des Staatsanwaltes – nur damit ihn dann Bundespolizist Kägi in allerletzter Sekunde vor dem Verbrennungstod in einem zerstörten Auto retten und den Serienmörder mit einem «finalen Rettungsschuss» zur Strecke bringen könnte. Nicht so bei Wilder: Da ist der Schluss ganz anders – aber raffiniert und glaubhaft inszeniert.

Spannung aus der Frage: «Wer kommt noch dran?»

Auf branchenübliche künstliche Spannung verzichtet die SRF-Serie in ihrer dritten und bisher besten Staffel auch sonst weitgehend. Das beginnt gleich am Anfang, wo in der ersten Szene nicht etwa ein Mord geschieht oder eine Leiche gefunden wird, sondern ein junger Ausländer bei einem gewalttätigen Polizeieinsatz von einem Balkon zu Tode stürzt. War es Totschlag, fahrlässige Tötung oder nur ein Unfall? Wir wissen es nicht, denn die Polizei hat den Vorfall vertuscht statt untersucht.

Jahre danach jedoch stürzt einer der beteiligten Beamten ganz ähnlich in den Tod, was nun tatsächlich ein Mord ist. Da ahnen die ersten Polizisten im Film, die «damals» auch mit dabei waren und geschwiegen haben, wie auch die Ermittlerin – und viele ZuschauerInnen daheim auf dem Sofa – schon, dass da etwas Gefährliches auf- und hereinbrechen könnte.  Sie sehen sich bestätigt, als das zweite Mordopfer wieder ein (diesmal totgeschlagener) Polizist ist. Doch die Polizeiführung bezweifelt entgegen aller Indizien hartnäckig zeitlich weit zurück liegende Motive für die Taten. Will sie nun auch die Vertuschung noch vertuschen?

Schade nur, dass Hanspeter Müller-Drossaart dieses frühe, zweite Mordopfer spielt: Er tut dies so überzeugend, dass wir ihn als biederen, leicht introvertierten Büro-Polizisten ganz gerne noch etwas länger am Leben und in der Serie behalten hätten. Mit diesem zweiten Toten jedoch steht das Muster: Wilder 3 ist nicht ein «Whodunit», das sich um die Frage dreht: «Wer war der Täter?» Den sieht das TV-Publikum nämlich sehr bald schon, lernt ihn kennen, und ein wenig verstehen. Michael Neuenschwander läuft in der Rolle dieses sehr glaubwürdig motivierten und sorgfältig charakterisierten, einsamen Rächers zu ganz grosser Form auf – und fasziniert mit seinem spröden Charme gar manche Zuschauerin.

Erinnerung an «Seven» und «L.A. Confidential»

Die Spannung kommt in dieser Geschichte derweil aus der Frage: Wer hat wohl im Polizeicorps auch noch vertuschten Dreck am Stecken oder Leichen im Keller – und kommt nun als nächster auf die gleiche Weise um, wie sein Opfer vor Jahren schon?

Mit dieser Spiegelung verheimlichter Vergehen oder Sünden der Vergangenheit in Racheakten der Gegenwart erinnert der dritte Wilder ein wenig an den Kult-Film «SE7EN» von David Fincher – mit Brad Pitt und Morgan Freeman als Polizisten. Den Vergleich braucht Wilder kaum zu scheuen. Und so überzeugend, wie Sarah Spale und Marcus Signer die lokale Kommissarin Rosa Wilder und den Bundespolizisten Manfred Kägi darstellen, müssen sie sich vor den Weltstars auch nicht gross verstecken.

Kägi kommt als Bundespolizist ins Spiel (und mit seinem Wohnwagen nach La-Chaux-de-Fonds), weil wir in der Schweiz keine veritable «Police des Polices» oder «Unidad de Asuntos Internos» kennen – eine spezielle Interne Polizeieinheit, die immer dann ermitteln muss oder sollte, wenn Polizisten selber unter Verdacht geraten, korrupt zu sein, oder in Verbrechen verwickelt.

Eigenes Genre um «Ripoux» und «Police des Polices»

Nun ist es leider seit Jahren schon eine üble, aber häufig probierte Masche der Krimi-Macher, dass sie die ermittelnden KommissarInnen selbst oder ihre Familien in den «Fall» verwickeln. Ein erbärmliches und meist unglaubwürdiges Szenario, mit dem sie noch etwas Spannung erzeugen möchten, wo ihr langweiliger Plot (Handlung) diese halt nicht hergibt. Ein peinliches Beispiel dafür war etwa der Verdächtige, der im Zürcher Tatort «zufälligerweise» als leicht schmuddeliger Untermieter bei einer der Ermittlerinnen im Hinterzimmer wohnt.

Mit derlei Unfug würde uns Wilder nie nerven. Da geht es um etwas ganz anderes: Die Verstrickungen der Polizei mit ihren verheimlichten Brutalitäten sind das zentrale Thema dieses TV-Films. Es ist dies ein eigenes Genre, in dem sich die Geschichte um korrupte oder sonst «unsaubere» Polizisten dreht. Französisch gibt es für diese sogar ein eigenes Wort: «Le ripou». Der US-Amerikaner James Ellroy ist ein veritabler Spezialist dieser Krimi-Spielart. Und Wilder hat durchaus auch etwas von der meisterhaften Verfilmung seines Werks «L.A. Confidential». Da verwischen sich die Grenzen zwischen Polizei-Corps und Gangster-Szene gefährlich. Und die FahnderInnen müssen sich zusehends auch vor ihren KollegInnen in Acht nehmen.

Schneelandschafen wie in «Fargo» und feine Verweise auf berühmte Chaux-de-Fonniers

So auch in Wilder. Von der Stimmung her lehnt sich die dritte Staffel mit Drehorten in und um La-Chaux-de Fonds hingegen ein wenig an das Meisterwerk «Fargo» der Coen-Brüder an. Nicht an deren unheimliche Gewaltszenen jedoch. Sondern mit den Bildern: Wilder zeigt uns weite, romantisch-kalte Schneelandschaften im Jura hinten, durch die auch ab und zu ein Chevrolet-Kastenwagen fährt.

Nicht als schnödes Product-Placement jedoch, sondern als feine künstlerische Hommage an Louis Chevrolet, den 1878 in La-Chaux-de-Fonds geborenen und später nach Detroit ausgewanderten, prominenten Autobauer. Dem anderen weltberühmten «Chaux-de-Fonnier» erweist die Serie natürlich auch die Ehre: Die Schlussszene spielt in einem eindrücklichen Bau des legendären Architekten Le Corbusier, der auch aus der zweitgrössten Neuenburger Stadt hinter dem Jura stammte. Das ist alles sehr gekonnt gemacht.

Oft gemachte Fehler sieht man in Wilder kaum

Wie auch die Genauigkeit der Details, in dieser Thriller-Serie überzeugt, die das Publikum ernst nimmt. Und uns manchen kläglich gescheiterten Schweizer Versuch in der Sparte Krimi schnell vergessen lässt. Den oft beschämenden Luzerner Tatort etwa: Der wollte uns allen Ernstes schon mal weismachen, der Kommissar könne allein mit einem Paddel seine havarierte 10-Meter-Yacht zurück in den Hafen «rudern». Schauspielerisch kam dieser Tatort oft fast daher, wie das Männerchor-Theater Hinterfultigen. Ähnlich schludrig auch der schon erwähnte Zürcher Tatort, in dem eine bedauernswerte Kommissarin ihre Waffe schlicht verkehrt herum im Schulterhalfter trägt.

Das würde in Wilder nie passieren. Da wird ohnehin kaum je unmotiviert mit Waffen herumgefuchtelt, wie es leider allzu oft in schlechten Krimis geschieht. In denen ist bei all der unrealistischen Ballerei (mit endlos ohne Nachladen schiessenden Waffen) meist noch nicht einmal der Unterschied zwischen Pistole und Revolver bekannt. Solche Fehler passen dann aber ganz gut zu unrealistischen Zufällen – wenn das Auto der Ermittlerin im dümmsten Moment nicht laufen will oder im Waldweg stecken bleibt, und auch gerade noch das Natel einen leeren Akku hat. Spätestens da lohnt es sich, sofort wegzuzappen.  

Denn natürlich wird der Polizist am Schluss solcher Zweitklass-Krimis dann den Verdächtigen «verhaften», wo er ihn doch genau und rechtlich betrachtet nur «anhalten» oder «festnehmen» könnte – oder in der Szenesprache «schnappen». Kurz und schlecht: Es wimmelt von minderwertigen Thriller-Machwerken auf allen Kanälen – sogar auch in der Endlos-Serie «Tatort». Doch es gibt löbliche Ausnahmen, wie etwa «Wallander» oder «Beck» – und «Follow the Money». Und nun sicher auch Wilder.

Noch nicht «Die Brücke» – aber nahe dran

Mit dieser Serie ist dem Schweizer Fernsehen und der einheimischen Filmbranche – nach dem eher leichtfüssigeren «Bestatter» – erneut ein Wurf gelungen. Bei Wilder stimmt das meiste, vom dichten Plot über das treffsichere Casting bis zum glaubwürdigen Tatmotiv, schönen Bildern und präzisen, technischen Details. Ganz zu schweigen von den überzeugenden schauspielerischen Leistungen.

Ganz alles läuft zwar noch nicht optimal: So weiss und merkt etwa jede Viertklässlerin, dass ein erfahrener Polizist wie Kägi nie alleine (und erst noch ohne seine KollegeInnen per Funk darüber zu informieren!) einen gefährlichen Serienmörder in ein verlassenes Haus verfolgen würde. Und dies nur, damit er dem gesuchten Täter dort dann prompt stümperhaft vor den Knüttel läuft und gefesselt wird. Das ist billige, künstliche Spannungsmache.

Der Totschlag im Affekt mit der Autotüre auf offener Strasse scheint auch eher schwach motiviert. Und die Rolle der Medien in der ganzen Geschichte ist allzu simpel gestrickt. Auf das Top-Niveau der genialen schwedisch-dänischen Thriller-Folge «Die Brücke» kommt die SRF-Serie so doch noch nicht ganz. Aber Wilder ist solides Handwerk – und schon nahe dran.

Am Dienstag, 9. Februar um 20 Uhr folgt Episode 6. Alle Folgen auf TV Play SRF.                                   


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3 Meinungen

  • Avatar
    am 8.02.2021 um 22:12 Uhr
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    Super Wilder-Kritik. Doch erlabt mir eine kleine Korrektur nötig. La Chaux de Fonds ist die grösste Gemeinde im Kanton Neuenburg – grösser als die Hauptstadt Neucha^tel.

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  • Avatar
    am 9.02.2021 um 10:48 Uhr
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    In vielen TV Krimifilmen hat es idiotische, übergriffige oder psychisch angeschlagene Ermittler. Sie produzieren grauenhafte Fehler welche in der Realität kaum vorkommen. Warum wird ein solch abstruses Bild gezeichnet ? Mir tun dieses SchauspielerInnen leid welche solche doofen Rollen spielen müssen. Liegt das an unfähigen DrehbuchautorInnen oder an arroganten RegiesseurInnen? Man kann dies als Klamaukkrimi abtun. Die Frage bleibt : Warum ist das so ?

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    am 11.02.2021 um 17:20 Uhr
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    Mich hat Wilder von der 1. Staffel an fasziniert. Super Besetzung und traumhafte Bilder von mystischen Winterlandschaften, so dass zu der Soannung noch fast ein bisschen der Kälte spürbar ist. Einer der besten Krimis! Freue mich schon auf die nächste Staffel.

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