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Trotz des Bettenabbaus waren die Spitäler in der Schweiz bisher während der Corona-Krise gesamthaft nie ausgelastet. © SRF

Corona: Weder Kantone noch Militär nahmen Warnungen ernst

Rafael Lutz /  Seit Jahren müssten BAG und VBS für Pandemien bereit sein. Trotzdem wurde nichts getan, um Intensivbetten aufzustocken.

Was es braucht, um für eine mögliche Pandemie oder ähnliches gerüstet zu sein, hat der ehemalige BAG-Direktor und Gründer der WHO-Stiftung Thomas Zeltner für die Schweiz bereits 2018 zusammengestellt. 

In einem Gutachten für das Verteidigungsdepartement (VBS) richtete Zeltner einen Blick auf den Koordinierten Sanitätsdienst (KSD) der Schweiz. Der KSD vernetzt miteinander Bevölkerungsschutz, das zivile Gesundheitswesen und die Armee, der er angegliedert ist. Die Organisation spielt gegenwärtig in der Corona-Krise eine entscheidende Rolle. Der ehemalige BAG-Direktor legte den Fokus speziell auf die Frage, wo Verbesserungen notwendig seien, um für den Ernstfall gerüstet zu sein. Seit Beginn der zweiten Welle präsentiert just der KSD im Auftrag des Bundesrats unter anderem regelmässig die aktuellen Daten zur Auslastung der Spitäler.

Nicht für den Ernstfall vorbereitet

Die Kantone seien wenig bis gar nicht auf den Ernstfall vorbereitet, bilanzierte Zeltner in seinem Gutachten. Dies, obwohl sie laut dem Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) und dem Epidemiengesetz verpflichtet seien, bei den kantonalen Spitalplanungen Reservekapazitäten einschliesslich der personellen und technischen Mittel auch für Notlagen miteinzubeziehen. «Ein Blick in die kantonalen Spitalplanungsunterlagen zeigt allerdings, dass dies heute nicht auseichend der Fall ist», schrieb Zeltner und stellte grosse Mängel fest. 

Er verwies darauf, dass die entsprechenden Kapazitäten für Notlagen fehlten. Die Schweiz, so Zeltner, bräuchte 4250 zusätzliche Betten für den Fall einer möglichen Epidemie – bei der Zahl stützte sich der ehemalige BAG-Direktor auf das US-Ministerium für Innere Sicherheit, das eine Zusatzkapazität (auch «Surge Capacity» genannt) von 500 Betten für 1 Million Einwohner bei Epidemien empfehle. 

Seit Zeltners Empfehlungen sind mittlerweile mehr als zwei Jahre vergangen – wovon inzwischenüber 10 Monate unter dem Zeichen der Corona-Krise standen. Die Mängel wurden in der Zwischenzeit jedoch nicht behoben. Ein Versäumnis, auf das auch die Autoren Konstantin Beck und Werner Widmer in ihrem Buch «Corona in der Schweiz» aufmerksam machten. 

Beatmungsgeräte aufgestockt  

Das Versäumnis bekommen gegenwärtig unzählige Menschen in Form von einschneidenden Massnahmen zu spüren, die in den Augen der Regierung notwendig sind, um eine Überlastung der Intensivstationen in den Spitälern zu verhindern.  

Auf die Frage, warum die Kantone seit 2018 für keine Notfallbetten gesorgt und keine «Surge Capacity» aufgebaut haben, meint Armeesprecher Stefan Hofer: «Der KSD hat mit den Kantonen in den letzten drei Jahren Initiativen gestartet, die ‹Surge Capacity› auf die angestrebten 4250 Betten zu erhöhen. Im Rahmen der Covid-Epidemie hat sich gezeigt, dass die Kantone diesen Bedarf unterschiedlich angehen, häufig unter Einbindung privater Gesundheitsinstitutionen.»  

Und Tobias Bär, Mediensprecher der GDK, antwortet: «Tausende von Betten auf Reserve zu haben, das heisst nicht zwingend, besser auf eine Krise in diesem Ausmass vorbereitet zu sein.» Gefordert seien nicht primär «kalte Betten», sondern qualifiziertes Personal, welches sich um die Patienten in den Betten kümmere. 

Doch es ist klar, dass die «Surge Capacity» nicht aus kalten Bettgestellen besteht, sondern aus voll mit Technik und Personal ausgerüsteten Einrichtungen. Immerhin, so Bär, seien die Kapazitäten seit Beginn der Corona-Krise massiv erhöht worden. Auch die Anzahl Beatmungsgeräte sei innerhalb kurzer Frist beträchtlich aufgestockt worden. Keine Auskunft gab der Spitalverband H+, der lediglich auf die GDK verwies.

«Mangelnde Auslastung während der ersten Welle»

Ein Blick auf die Spitalkapazitäten des KSD zeigt ein anderes Bild. Während des Höhepunkts der ersten Welle am 11. April 2020 standen 1570 Intensivbetten und rund 24‘000 Betten insgesamt zur Verfügung.

Rund neun Monate später, am 22. Januar 2021, wies der KSD mit 1009 Intensivbetten rund ein Drittel weniger Intensivbetten aus als am 11. April 2020, sowie 20’941 Betten insgesamt. Das sind über 3000 weniger als noch während der ersten Welle. (Quelle; KSD icumonitoring.ch / Grafik SRF)

Gutachten beschäftigt VBS

Das Gutachten Thomas Zeltners beschäftigt Schweizer Behörden nach wie vor. Im November 2019 beauftragten Verteidigungsministerin Viola Amherd, der Sicherheitsverbund Schweiz (SVS) und die Schweizerische Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) die Delegierten des SVS, die Erkenntnisse des Gutachtens von Thomas Zeltner mit den Hauptpartnern des KSD zu analysieren und mögliche Umsetzungsvarianten vorzuschlagen. Dafür wurde eigens eine Projektgruppe gegründet, der Vertreter des Gesundheits- sowie auch des Sicherheitsbereichs angehören.

Die Gruppe hat die Aufgabe, Umsetzungsvarianten zur neuen Ausrichtung des KSD auszuarbeiten. Ihre Arbeit nahm sie Anfang 2020 auf. Bis im Frühling 2021 soll sie ihre Vorschläge präsentieren. Konkrete Angaben, was die Gruppe bisher gemacht habe und wie eine mögliche künftige Ausrichtung aussehen könnte, kann das VBS nicht machen. Nur so viel: «Mit der aktuellen Pandemie hat man die … aussergewöhnliche Situation, den KSD im Einsatz beobachten zu können. Die so gewonnenen Informationen sollen in das Projekt einfliessen», sagt Armeesprecher Hofer. Das Projektteam habe die Situationsanalyse inzwischen weitgehend abgeschlossen und werde voraussichtlich im ersten Quartal 2021 einen entsprechenden Bericht präsentieren.

Armeesprecher Hofer begründet den Abbau mit der mangelnden Auslastung im Zuge der ersten Welle. «Nach rascher Schaffung von improvisierten Kapazitäten im Rahmen der ersten Welle wurden diese wegen Nichtgebrauchs, Kosten und Instandhaltungsaufwand etc. zunehmend wieder abgebaut.» Das BAG seinerseits wollte sich dazu nicht äussern. 

In der Tat verzeichnete die Schweiz wenig Betrieb in den Spitälern während der ersten Welle. Beck und Widmer kamen zum Ergebnis, dass im Zuge des ersten Lockdowns im Frühling sechs Wochen lang rund 8000 der insgesamt 24‘000 Spitalbetten hierzulande leer standen – dies auch deswegen, weil Tausende von geplanten Operationen verschoben oder abgesagt worden seien. 

Nie an Grenzen gelangt 

Bemerkenswert ist dieser Abbau der Intensivbetten vor dem Hintergrund der Warnungen, welche die Behörden letzten Herbst verkündeten. Am 21. Oktober 2020 teilte die Task Force des Bundes mit, dass die Intensivbetten in der Schweiz bis Mitte November 2020 komplett belegt sein werden (Infosperber berichtete darüber). Eine Warnung, die sich auch trotz des Abbaus der Intensivbetten nicht bewahrheitete. Die getroffenen Massnahmen haben dazu sicherlich ihren Teil dazu beigetragen.  

Das Gesundheitswesen ist bisher in der Schweiz auch seit Beginn der zweiten Welle nie an seine Grenzen gestossen – abgesehen von wenigen Spitälern, die tatsächlich vereinzelt komplett ausgelastet waren. Seit dem Sommer lag der Anteil der freien Betten trotz des Abbaus und der zunehmenden Anzahl an Corona-Patienten konstant zwischen 20 und 28 Prozent. Ein möglicher Grund dafür könnten wiederum verschobene Operationen sein – laut Beck und Widmer würden dadurch rund 10‘000 Betten frei. Doch über die Zahl und Art der tatsächlich verschobenen Operationen veröffentlichen die Behörden keine Statistik. 

Schweizweit existieren 94 geschützte Spitäler 

Die angekündigte Katastrophe blieb bisher aus. Doch sollte eine solche einmal eintreten, könnte der KSD noch auf zusätzliche Kapazitäten zurückgreifen. Auch dies verdeutlichte Thomas Zeltner ebenfalls in seinem Gutachten. Zeltner nannte 94 sogenannte geschützte Spitäler mit 22‘000 «Patientenliegestellen» und 248 geschützte Sanitätsstellen mit 28‘558 «Patientenliegestellen», über welche die Schweiz im Krisenfall verfüge. Wie viele dieser geschützten Spitäler betrieben werden könnten, ist unklar. 

Auf Anfrage macht der KSD keine genauen Angaben dazu. Armeesprecher Hofer hält jedoch fest, dass sieben dieser geschützten Spitäler «mit Sonderstatus Koordinierter Sanitätsdienst (KSD)» im Fall der Fälle genutzt werden könnten. Bei den geschützten Spitälern handelt es sich um unterirdische Anlagen. Diese sind an die Akutspitäler Burgdorf, Chur, Herisau, Lugano, Neuchâtel, Sierre und Stans angeschlossen. Einzelne der geschützten Spitäler seien über das Liftsystem sogar direkt mit dem darüber gelegenen Akutspital verbunden.

Sie haben eine Bettenkapazität von je 100 Betten. «Die vier Spitalbataillone der Armee sind bei Bedarf in der Lage, je 200 Betten zu betreiben und können nach Aufgebot und kurzer Ausbildungsphase innerhalb von zwei bis vier Tagen eingesetzt werden», sagt Hofer weiter. 

Auf diese zusätzlichen Kapazitäten wurde im Rahmen der Corona-Krise jedoch mehrheitlich verzichtet. «Während der Covid-19 Krise wurden diese unterirdischen KSD-Spitäler aus epidemiologischen und infektiologischen Gründen kaum gebraucht», sagt Armeesprecher Hofer. Ausnahmen habe es in der Romandie gegeben. «Im Kanton Wallis wurden während der Pandemie die medizinischen Betten des KSD-Spitals für die Schaffung zusätzlicher Kapazitäten in oberirdischen Infrastrukturen verwendet und in Neuenburg diente das KSD-Spital in der Pandemie für die Triage und Reserve», sagt Hofer. 

Veraltete Spitäler

Bei den sogenannten geschützten Spitälern handelt es sich um Anlagen, die für den Schutz von Patienten in bewaffneten Konflikten gebaut wurden. Viele dieser Spitäler sind inzwischen veraltet. Bautyp, Einrichtungen, Betrieb und Unterhalt entsprechen den Standards der 70er und 80er Jahre, sagt Armeesprecher Stefan Hofer. Während der Zeit des Kalten Kriegs sei gesetzlich verlangt worden, dass für zwei Prozent der Bevöl­kerung Patientenplätze in geschützten Anlagen vorhanden seien. «Schweizweit waren es rund 120’000 geschützte Patientenplätze», sagt Hofer. Heute seien die Kantone ver­pflichtet, noch für mindestens 0,6 Prozent bis maximal 0,8 Prozent der Bevölkerung unterirdische Spitalbetten zu unterhalten. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Rafael Lutz arbeitet als Redaktor bei der Regionalzeitung «Der Tössthaler» und schloss kürzlich ein Studium der Soziologie an der Universität Freiburg mit dem Master ab.

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