Kommentar

Sprachlust: Nachahmung befeuert sprachliche Moden

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  Einst befeuerte man Öfen oder den Feind – heute alles vom arabischen Frühling bis zum deutschen Rap. Gutes Sprachbild oder Irrweg?

Ein genervter Zeitungsleser schreibt: «Ohne vom «Befeuern» eines Themas, Trends, einer Tendenz, etc. schreiben zu können, scheint nichts mehr zu gehen. Diesjährige Sommermode oder neuer Standard? Jedenfalls stellt sich mir die Frage, ob diesem Teutonismus nicht Einhalt geboten werden kann?» Das Einfachste zuerst: «Einhalt bieten» geht nicht; jedenfalls wüsste ich nicht, wer die Macht dazu hätte. Modeerscheinungen in der Sprache kommen und gehen, manchmal gehen sie auch nicht und bilden dann eine Bereicherung oder Verhunzung der Sprache – welches, ist oft Ansichtssache.
Dass es sich um eine Mode handelt, aber nicht nur eine diesjährige, lässt sich leicht belegen: Die Schweizerische Mediendatenbank (SMD) verzeichnet innerhalb eines Monats rund 120 Verwendungen von «befeuern» in der Presse. Ein Jahr zuvor waren es auch schon etwa 100 pro Monat, ein Jahrzehnt früher dagegen erst um die 20; allerdings erfasste die SMD damals noch einige Zeitungen und Zeitschriften weniger. Vor allem aber: Früher war die fachsprachliche Verwendung häufiger, man befeuerte einen Ofen mit Heizmaterial oder eine Flughafenpiste mit Leuchtfeuern.
Manchmal ists bescheuert
Ausser diesen beiden Bedeutungen verzeichnet der Online-Duden auch «beschiessen» sowie «anspornen» und jeweils Ähnliches. Die letzte, bildhaft übertragene Bedeutung hat nun stark zugenommen; unter den jüngsten Beispielen finden sich «Ghadhafis Ende befeuert Arabischen Frühling», «Verzweiflungstaten der Tibeter befeuern den Streit mit China» oder «K.I.Z. befeuern den deutschen Rap». Dubios erscheint mir vor allem der erste Titel, aber nicht wegen der Verwendung von «befeuern» an sich, sondern wegen des unpassenden Bilds: Ein Ende eignet sich schlecht als Brennmaterial und ein Frühling schlecht zum Befeuern.
Ists ein «Teutonismus», eine Ausdrucksweise «von draussen rein»? Die SMD erfasst auch einige deutsche Titel, und sie sind unter den letzten 20 Funden mit einem Viertel vertreten; das ist verglichen mit anderen Recherchen recht viel, aber kaum statistisch signifikant. Allerdings ist es schon so, dass die hiesige Presse oft deutsche Moden mitmacht, entweder einfach aufgrund des eigenen Medienkonsums der Journalisten oder weil sie meinen, sich damit weltläufig und à jour zu zeigen. Zuletzt dringt derlei gar in die Mundart vor, und von da zurück ins vermeintliche Hochdeutsch: Die Schreibweise «befeuren» war auch schon zu lesen, «Nationalbankchef befeuret Spekulationen». «Befüüre?»
«Augenschein vor Ort»
«Befeuern» gefällt mir in seiner Bildhaftigkeit nicht schlecht, wenn sie passt. Störend ist eher die gehäufte und zuweilen gedankenlose Verwendung – egal, ob der Ausdruck aus Deutschland kommt oder nicht. So hat sich auch «vor Ort» schon seit längerem stark verbreitet; an den Ursprung denkt kaum noch jemand. Hierzulande schon gar nicht, mangels Bergwerken. Denn von da kommts, nicht von «der Ort», sondern von «das Ort». So bezeichnen die Kumpel das vordere Ende des Schachts, dort wo sie Erz oder Kohle abbauen. Sie müssen sich zu diesem Zweck tatsächlich «vor Ort» hinstellen und Maschine oder Pickel ansetzen; erst diese sind dann am Ort selber. Denkt man daran, so passt «vor Ort» selten auf andere Gelegenheiten; der oft gehörte «Augenschein vor Ort» ginge halbwegs an, weil man eben auf «den Ort» hinschaut – aber wo sonst als just davor sollte man das tun? Etwa per Feldstecher oder Videoüberwachung, wäre das noch ein Augenschein?
Auch da vermag wohl keine Instanz Einhalt zu gebieten. Immerhin verschwinden manche Moden auch wieder. Jedenfalls scheint mir, es sei, wenn jemand schwadroniert, etwas seltener von «schwurbeln» die Rede als noch vor einigen Jahren. Der SMD-Befund ist nicht eindeutig; vielleicht «fühlt es sich nur so an» – um eine andere Mode mitzumachen, die meinen Ärger mehr befeuert als eben jene mit «befeuern».


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Autor einer regelmässigen Sprachlupe in der Zeitung «Der Bund» und ab 2012 Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel».

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.



Die Redaktion schliesst den Meinungsaustausch automatisch nach zehn Tagen oder hat ihn für diesen Artikel gar nicht ermöglicht.

Die Schlagzeilen der täglich drei neusten Artikel erhalten Sie nach Wunsch täglich oder wöchentlich.

Vielen Dank, dass Sie unseren Newsletter abonnieren!

Der Bestätigungslink ist nicht mehr gültig.