Kommentar

Sprachlust: Deutsch ohne nationale Inbrunst

© Grietje Mesman © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  Was soll aus Deutsch neben Englisch werden? Eine Sprache für vielfältigen Gebrauch ohne völkischen Ballast, sagt Buchautor Göttert.

Er feiert ihn geradezu, den «Abschied von Mutter Sprache». In seinem Buch mit diesem Titel (Verlag S. Fischer, Frankfurt 2013) zeigt der Sprachwissenschafter Karl-Heinz Göttert kein Bedauern über den Bedeutungsverlust seiner Muttersprache. Es geht, wie der Untertitel sagt, um «Deutsch in Zeiten der Globalisierung», und es geht auch um Provokation. Denn der emeritierte Kölner Professor nimmt mit dem Haupttitel jenen des «Nazigermanisten» Georg Schmidt-Rohr auf: «Mutter Sprache. Vom Amt der Sprache bei der Volkwerdung» (1933). Göttert erteilt jeglicher Form von Sprachnationalismus eine scharfe Absage: «Die biologistische Auffassung einer Verbindung von Vaterland und Muttersprache als Vater Land und Mutter Sprache ist hoffnungslos veraltet.»
Er rückt, zuweilen mit polemischem Eifer, all jene in die Nähe eines solchen Nationalismus, die politisch und publizistisch gegen vermeintliche Bedrohungen der deutschen Sprache auftreten – etwa gegen den zunehmenden Gebrauch englischer Wörter oder den Rückgang des Deutschen in den EU-Institutionen sowie in wissenschaftlichen Publikationen und manchen Hochschullehrgängen im eigenen Land. Der Autor stellt die «Anglizismen» in eine lange Tradition der Anleihen bei anderen Sprachen und relativiert ihr Gewicht im heutigen Deutsch anhand von Wortzählungen – die freilich nur einen Durchschnitt abbilden, während die Sprachkritik meist bei der Ballung englischer Wörter in Kommerz und Unternehmensführung ansetzt.
Englisch, aber nicht nur
Für EU, Wirtschaft und Wissenschaft – über die Göttert etwas ermüdend anhand seiner eigenen Teilnahme an Podiumsgesprächen referiert – akzeptiert er die englischsprachige Internationalisierung. Dennoch plädiert er «für die Verteidigung der Vielsprachigkeit in Europa». Denn: «Es geht nicht um schwer beweisbare Vermutungen über den ‹Mehrwert› jeder Sprache oder die Verteidigung eines in Sprache geronnenen ‹Denkens›, aber es geht auch nicht um die Vielfalt als solche. Entscheidend sind die Speicher des Wissens.» Dieses Wissen entwickle sich nach wie vor im nationalen Kontext, und es sei durch den Gebrauch der dazugehörigen Sprachen lebendig zu halten.
Für den internationalen Austausch führt laut dem Autor kein Weg am Englischen vorbei, auch nicht der Weg über ein vereinfachtes und standardisiertes «Globish». Zwar hält er diesen Ansatz für verlockend, weil so eine gut zugängliche internationale Verkehrssprache entstünde, eine Lingua franca (wie das «Fränkische» in mediterranen Hafenstädten des Mittelalters). Gerechterweise müssten die Englischsprachigen die Vereinfachung ebenfalls lernen, um überall verstanden zu werden. Aber realistisch scheint Göttert diese Option zu Recht nicht – vielmehr solle Britannien seinen Vorteil in der EU durch erhöhte Zahlungen ans Übersetzungswesen kompensieren. Realistisch ist auch das kaum.
«Sprachen gleichgültig»
Es bleibt für den Autor dabei, dass Leute anderer Muttersprachen reales Englisch lernen müssen, jeweils im Rahmen ihrer beruflichen Notwendigkeiten und nicht auf Kosten der eigenen Sprache, auch nicht auf Kosten anderer Landes- oder Nachbarsprachen. Die Fixierung auf eine Nationalsprache hält Göttert für eine historische Anomalie, aber auch die Aufgabe der Nationalsprachen zugunsten des Englischen wäre es: «Einsprachigkeit hat es in der Menschheitsgeschichte kaum je gegeben.» Beidem hält er entgegen: «Nicht die Lingua franca ist ein überzeugendes Bekenntnis zu Europa, sondern die dritte Fremdsprache.» Er wünscht sich «die Rückkehr zu Goethes Überzeugung, dass Sprachen gleichgültig, weil gleich gültig sind».
Etwas zu viel Gleichgültigkeit hat der Verlag gegenüber Fehlern walten lassen: Der Rezensent hat, ohne zu suchen, je etwa ein halbes Dutzend Kommafehler und falsch geschriebene Namen gefunden, dazu etliche verunglückte Konstruktionen.
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlust»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

Zum Infosperber-Dossier:

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Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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