aa_Sprachlust_Daniel_4c

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Sprachlupe: TV-Italienisch, das kein Hund versteht

Daniel Goldstein /  Sogar hochstehende Kultursendungen an Fernsehen oder Radio sind vor Schnitzern in Nachbarsprachen nicht gefeit.

«Watehne, watehne», ruft der südländisch aussehende Mann im Hintergrund, um einen streunenden Hund zu vertreiben. Es reimt sich auf Szene, und die spielt in einer «typisch italienischen» Strasse, durch welche Franz Kafka und sein Dichterfreund Max Brod schlendern, in tiefsinniges Gespräch vertieft. Hätten die Fernsehmacher einen sprachlich passenden Statisten auf den Vierbeiner angesetzt, so hätte das italienische «Hau ab!» beim Hund schneller und aufs Publikum echter gewirkt: «vattene» mit Anfangsbetonung und zwei kurzen, offenen e.

Wir sind am Anfang der österreichisch-deutschen TV-Koproduktion «Kafka». In ihrem deutschen Text ist sie des Titelhelden durchaus würdig. Dafür sorgt auch der namhafte Schriftsteller Daniel Kehlmann als Drehbuchautor. Er legt Kafka viele von dessen eigenen Worten in den Mund, meist in fiktionalem Zusammenhang; sie wirken indes selbst in ihrer Rätselhaftigkeit natürlich. Umso störender ist der fremdsprachliche Lapsus, aber das ansprechende Filmwerk hat es eigentlich nicht verdient, daran aufgespiesst zu werden. Bloss ist dieses «watehne» symptomatisch für die Unwissenheit und Nachlässigkeit, mit der nachbarschaftliche Sprachen sogar in kulturell ausgerichteten Medien nicht selten malträtiert werden.

Hohe Messlatte bei Landessprachen

Unsere SRF war an der Produktion nicht beteiligt – punkto Italienisch zum Glück nicht, denn in einer Landessprache sind Fehler erst recht peinlich. Im hierzulande ausgestrahlten Französisch sind mir kaum welche aufgefallen, abgesehen von der übertrieben beflissenen Endbetonung aus deutschen Mündern. Der richtige «schwebende Akzent» gelingt ausgebildeten Deutschschweizer Schnäbeln eher, wenn sie nicht à la «français fédéral» falsch betonen. Als ich mich vor einigen Monaten über «Französisch in hiesigen Gazetten – quelle horreur!» ausliess, lag für SRF sogar noch ein halbes Lob drin.

Damals animierte mich ein Leser, auch nach malträtiertem Italienisch Ausschau zu halten, denn ihm war gerade das angebliche Ministerium für «Cultura Populare» im faschistischen Italien aufgefallen. Da war ein gepflegtes Heft in eine lateinisch-deutsch-englische Falle getappt: Im Italienischen lautet das Wort für «populär» – oder beim Ministerium besser «volkstümlich» – «popolare» mit zwei o. Meine eigenen Funde liegen nicht schwarz auf weiss vor, vielmehr verdanke ich sie ausgerechnet SRF, genauer ihren Radioleuten.

Am Ende des Lateins

Da rutscht schon mal bei einem Herrn Massimo ein Akzent aufs i, das zu diesem Zweck verlängert wird: Massimo. Ein gleichartiger Ausrutscher kann auch bei Liszts Klavierstück «Die Trauergondel» passieren: «La lugubre gondola» wurde «lugubre». Traurig genug, aber wenigstens blieb die «gondola» heil. «Zur Sprachpflege gehört auch die korrekte Aussprache von Namen», heisst es im Punkt 10.4 der SRF-Hausregeln. Ich nehme an, die Regel gelte auch für Werktitel, ja sogar für alles. Dennoch wandern gern auch lateinische Akzente um ein, zwei Silben nach hinten und verlängern dort den Vokal. Dann weicht der Bildungszauber Misstönen wie: Carmina burana, Magnificat, tabula rasa.

Sogar längst im Deutschen heimische Wörter bleiben nicht verschont: Die Prostata, wohl ohnehin «populärer» als die korrekte Prostata, kommt auch am Radio vor. Umgekehrt ist der Auditor, gemeinerweise wirklich auf der zweiten Silbe zu betonen, auch schon zum Auditor geworden. Beim Algorithmus wiederum ist es nicht die Betonung, die Probleme schafft, sondern das i: Es ist wirklich eines und nicht ein y. Ein Algorithmus als Anweisung für einen Rechenvorgang kann, muss aber nicht rhythmisch sein und soll in keinem Fall mit ü erklingen. Zu wissen, dass das Wort auf den frühmittelalterlichen persischen Gelehrten al-Chwarismi zurückgeht, ist nicht unbedingt nötig, aber es hilft.

Weiterführende Informationen

  • Serie «Kafka» auf SRF 1: 11./18. 4. 2024, ab 23:50 jeweils drei Folgen.
  • Quelldatei für RSS-Gratisabo «Sprachlupe»: sprachlust.ch/rss.xml; Anleitung: sprachlust.ch/RSS.html

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden


Die Redaktion schliesst den Meinungsaustausch automatisch nach drei Tagen oder hat ihn für diesen Artikel gar nicht ermöglicht.

4 Meinungen

  • am 6.04.2024 um 17:16 Uhr
    Permalink

    Sehr einverstanden, lieber Herr Goldstein. Vielleicht können Sie aber auch mal den SRF-Sprechern (selten auch den SRF-Sprecherinnen) nahelegen, im Französischen das stimmhafte sch für g und j (z. B. gentil resp. juste) auch stimmhaft auszusprechen. Das würde mir einige Hühnerhautattacken ersparen.

  • am 6.04.2024 um 20:26 Uhr
    Permalink

    Beim Französischen steht der übertrieben beflissenen Endbetonung aus deutschen Mündern das Français Fédéral gegenüber. Ich hatte mich damals bei meinem Französischjahr in Paris bemüht, die Sprachmelodie, so gut das halt geht, zu übernehmen. Man muss genau hinhören und versuchen, das so originalgetreu wie möglich aus der eigenen Kehle zu bringen. Am Besten gelingts, wenn man mit der Zeit beginnt, französisch zu denken.

  • am 7.04.2024 um 09:25 Uhr
    Permalink

    Ein Dauerbrenner ist und bleibt «live». Alle bei SRF wissen unterdessen, dass es nicht wie «life» tönt, aber dass das «i» in «live» ein langer Vokal ist, scheint allen unbekannt zu sein.
    Ferner sprechen die Sprecher von Game of Switzerland «Switzerland» falsch aus, nämlich als «..länd» statt das ä fallen zu lassen: «…lnd»
    Ins gleiche Kapitel fällt die Beobachtung, dass deutsche Synchronsprecher dieselben englischen Namen immer wieder falsch aussprechen: Los Angeles, Lincoln, Chicago…

  • am 8.04.2024 um 14:10 Uhr
    Permalink

    Ja, wenn man Italienisch- und Französisch-Kenntnisse hat, kann man im DACH-Bereich in Radio und TV immer wieder Schauerliches hören, weil vor allem die Deutschen z. B. bei T immer noch ein H nachschieben (Aspiration nach Plosiven). «Un phiattho di sphagetthi per favoore». Es gibt aber einen Bereich, der auch mich als Secondo immer fasziniert: Und das sind die Aussprachen der Ortsnamen in Italien. Ich mache nur ein paar Beispiele, aber es gibt Hunderte: Warum heisst es Milàno und Palèrmo, nicht aber Bergàmo? Warum Ùdine, Òtranto und Cefalù – alles dreisilbige Namen? Comò?, nein, aber Cantù! Und die Oma fühlt sich wohl in Ròma. Hunde und Katzen in Canicàtti? Nein, das heisst Canicattì. Die Italos zeigen die Betonungen mit Akzenten (manchmal) an, aber nur auf der letzten Silbe. Vorne im Namen muss man’s wissen oder raten. (Betonungen hier im Text durch Gravis gekennzeichnet.)

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...