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Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Sprachlupe: Tickt und tockt eine ganze Generation gleich?

Daniel Goldstein /  Altersklassen erhalten seit den Babyboomern Etiketten mit fixen Eigenschaften. Aktuell arbeiten sich Medien gern an der Gen Z ab.

Sie kleidet sich «schlicht, clean und klassisch», aber sie «fährt neuerdings auf Tangas ab» – nicht etwa diskret unter der Strebergewandung, sondern statt kreuzbrav plötzlich kreuzblutt, wie das mitgelieferte Zeitungsbild beweist. Und dieses rätselhafte Wesen geht «freitags für das Klima auf die Strasse», doch irgendetwas treibt es «gleichzeitig dazu, Fast Fashion zu Billigstpreisen zu kaufen und sich um die Produktionsbedingungen zu foutieren». Wäre hier nur von einem einzelnen Menschen in seinem Widerspruch die Rede, so könnte man ihn getrost seinen Marotten überlassen – aber es geht um eine ganze Generation, die sich angeblich im Gleichschritt durch ihr junges Leben tastet. Es ist die Generation Z, Jahrgänge ungefähr 1996 bis 2010, mit Social Media aufgewachsen, daher als «true digital natives» mit der Abkürzung Gen Z geschlagen.

Sterndeutung und Starkult

«Vier Stunden täglich verbringen die Angehörigen der Generation Z in der Schweiz gemäss einer Studie der Firma Xeit am Smartphone, switchen zwischen Tiktok, Whatsapp und Instagram hin und her.» Ihre Vorgänger, ab 1980 geboren, erhielten von der einschlägigen Forschung zunächst ein Y, dann den Namen Millennials. Sie bekamen zwar auch schon digitale Gerätschaften in die Wiege gelegt, aber vorerst ohne soziale Vernetzung. Der im letzten Oktober geortete klassische Kleidungsstil gefällt übergreifend beiden Generationen, genauer deren «modebewussten» Angehörigen – zur Abwechslung einmal ein Merkmal, das nicht für alle Gleichaltrigen gilt. Aber dann ist mit der Differenzierung schon wieder Schluss, denn die Trendforscherin Sarah Owen weiss: «Astrologie ist für die Millennials und die Gen Z ein Mittel, um sich selbst und ihren Platz in der rästselhaften und unsicheren Welt besser zu verstehen.»

Alle bisherigen Zitate stammen aus der «SonntagsZeitung», meiner Hauptquelle für Generationendeutung. Die wenigen mit Z gestempelten jungen Leute, die ich etwas näher kenne, wollen indes nicht so recht oder gar nicht zum Einheitsbild passen. Fingern sie und ihresgleichen etwa in der S-Bahn auf den Handys, so hebt sie das kaum von älteren Fahrgästen ab. In den Köpfen mag es anders aussehen, denn da herrsche bei den Jüngeren «ständiges Sich-Präsentieren, Sich-Vermessen und Sich-Vergleichen». Tendenz zunehmend, «zumal laut Umfragen über 70 Prozent der Generation Z davon träumen, eine Online-Berühmtheit zu werden (Millennials: 55 Prozent)».

Wenn die Trendmeldung trendet

Nehmen wir an, diese nicht näher beschriebenen Umfragen seien seriös gemacht und stimmten tatsächlich überein, so präsentiert sich die Gen Z jedenfalls in ihren Träumen einigermassen kompakt. Doch mich beschleicht der Verdacht, es handle sich um Befragungen auf jenen Plattformen, die eben gerade der Online-Berühmtheit dienen und dank ihren Automatismen die Traumfrage vorwiegend jenen zuspielen, die ihren Online-Lebenstraum bereits vor sich hertragen. Stracks macht sich der Traumtrend selber berühmt– er trendet also, zeit- und mediengerecht gesagt.

Nun braucht er nur noch den wissenschaftlichen Anstrich der Trendforschung. Zeitgeistige Medienleute zögern dann nicht, der Generation Z auch die digitale Ruhmsucht in den Steckbrief zu schreiben, jedenfalls bis die nächste Altersklasse durchs globale Dorf getrieben wird. Die heisst im Marketing bereits Generation Alpha – aber da die griechischen Buchstaben gerade etwas in Verruf geraten sind, steht die mediale Bestätigung noch aus.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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Eine Meinung zu

  • am 29.01.2022 um 22:28 Uhr
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    Ich begegne öfters dem Argument «Die Jungen sind so und so, DESHALB richten wir unsere Berichterstattung nach Kommerz, Lifestyle, Influencerinnen, Social Media und Boulevard aus.» Leider ist das nicht nur beim Feuilleton der Tageszeitungen so, sondern auch beim SRF höre ich das immer mehr. Dabei wird eine Art Phantom produziert, das man die Generation Z nennt, um die eigene Entscheidung für mehr Oberfläche und Seichtigkeit zu rechtfertigen. Und es geht vergessen, dass es vermutlich in jeder Generation Menschen gibt, die sich eher am Lifestyle und Unterhaltung orientieren, und solche, die lieber Substanz und Bildung haben (oder auch mit zunehmendem Alter dazu wechseln). Somit erscheint es mir, als ob die Etikettierung der Jungen letztlich nur eine Projektion darstellt, die einer neoliberalen Gesellschaft als self-fulfilling prophecy dazu dient, was die Jungen gefälligst zu konsumieren haben.

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