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Corona beendet Umweltzerstörungen, Hunger und Krieg

Jürgmeier /  Es ist, als hätten wir alle die Stecker zur Welt gezogen. Wie der Mann, der keine Zeitungen mehr las und nie mehr in die Ferne sah.

29. März 2020

Tagelang nur noch Corona in TagesschauNachrichtenTalkshows. Sondersendungen à discrétion in der prime time. Points de Presse statt Rosamunde-Pilcher- oder andere Kitschfilme am Nachmittag. Mit dem Bundesamt für Gesundheit und Daniel Koch. Oder dem Bundesrat und Daniel Koch. COVID 19 verdrängt (fast) alles andere aus der öffentlichen Berichterstattung und Wahrnehmung. Den rechtsradikalen Anschlag im deutschen Hanau. Die Schweizer Konzernverantwortungsinitiative. Die sibirische Klimakatastrophe. Den Krieg in Jemen. Den Hunger in Madagaskar. Reichtum, Armut, Rassismus, Genitalverstümmelung und sexuelle Gewalt finden in Medien beziehungsweise Diskursen kaum mehr statt. Als gäbe es das alles in unseren Coronawelten nicht mehr.

Und so gerate ich unmerklich in die nie geschriebene Geschichte des Mannes, der irgendwann feststellte, dass er nach den Nachrichten über das Elend der Welt in all den Jahren und Jahrzehnten nicht ein einziges Mal aufgestanden war, um etwas zu tun. «Ich muss endlich handeln!» rief er sich zu. Zog alle Stecker zur Welt. Kündigte Zeitungs-, Zeitschriften- und All-in-one-World-Abos. Stellte FernseherRadioComputerModemSmartphone neben die Container vor dem Haus. Legte einen Karton daneben. Auf den er mit wasserfestem Filzstift und Architektenhandschrift «Gratis» geschrieben hatte.

Wenn ich ihn jetzt, selten, treffe und wahrscheinlich mit sorgenvollem Gesicht über den Zustand von Welten zu reden beginne, schaut er mir gelassen auf den Bauch, dann in die Augen, zeigt auf blühende Wiesen, kreisende Störche und einen etwas frühen Eisvogel, sagt: «Das ist meine Welt, und da lebe ich im Frieden.» Mein vielfaches «Aber» hört der Mann – der die Welt so leicht in seine Welt verwandelt hat – nicht mehr. Vor sich hin lächelnd (ist er stolz auf den tieferen Elektrizitätsverbrauch?) greift er in die Räder und rollt seinen Weg.

Einen gut Informierten, aber Verzweifelten zurücklassend. Der sich fragt, was er tun soll und kann, wenn die Toten aus dem Mittelmeer auftauchen, wieder Fussball gespielt und Corona aus den Schlagzeilen geschossen wird.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine

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Jürgmeiers Fällander Tagebuch

Im Tagebuch spiegeln sich das Private und das Öffentliche, wird das Subjekt schreibend Teil der Welt.

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2 Meinungen

  • am 29.10.2020 um 11:50 Uhr
    Permalink

    Ich gratuliere Ihnen für den schönen Artikel.
    Ich bin leider immer noch daran den Kurs zur Insel
    der glückseligen Steckerzieher auszurechnen.

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  • am 29.10.2020 um 15:24 Uhr
    Permalink

    „Angst essen Seele auf“ – es ist zwar schon fast 50 Jahre her, dass Fassbinders Film in den Kinos lief, dennoch verfolgte mich dieser Titel kürzlich im Traum, ohne dass ich in irgendeiner Weise an diesen Film gedacht hätte. Der Mann, der von den Papageien angsttrommelnder Nachrichten nichts mehr wissen will, hat recht. Auch mir geht es besser, wenn ich mich um diesen Corona-Wahn nicht mehr kümmere. Mit unserer „Seele“ wird auch unser natürliches Immunsystem zerstört. Seit Beginn der Krise muss ich an Camus´ “Pest“ denken: „Mais qu`est-ce que ça veut dire, la peste? C´est la vie, et voilà tout.» Wir müssen mit dem Virus leben und sollten vor allem miteinander einen vernünftigen Diskurs darüber führen, welche Maßnahmen sinnvoll sind und welche nicht, insbesondere nachdem wir seit Monaten ganz unterschiedliche Erfahrungen dazu sammeln und beurteilen können. Statt dessen scheinen sich mehr und mehr Menschen wie in Ionescos „Rhinocéros“ verhalten zu wollen. Nicht zuletzt warnt Max Frisch mit seinem „Lehrstück“ „Biedermann und die Brandstifter“ schon vor Jahrzehnten, dass wir den Brandstiftern nicht auch noch die Streichhölzer reichen sollten.

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