aa_Sprachlust_Daniel_4c-1

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Sprachlupe: Jetzt trifft uns gleich der Glottisschlag

Daniel Goldstein /  Als mündlicher Genderstern dient neuerdings in manchen Medien eine Pause inmitten der weiblichen Wortform. Das machen Könner innen.

«Eine elegante Lösung, wie ich finde», sagte kürzlich Robert Schmid über das «Päuseli» vor «‑innen», das neuerdings am Radio manchmal zu hören ist, wenn beide Geschlechter gemeint sein sollen. Und wenn der hochgeschätzte, unlängst pensionierte SRF-Sprechtrainer so etwas sagt, hört man besser zu. Immerhin geht es um die Streitfrage, wie man es denn aussprechen soll, wenn da «Hörer» steht (oder mit grossem I oder unterstrichenem Leerschlag oder Mediopunkt oder Schrägstrich mit oder ohne Bindestrich). So sollen Frauen und eventuell andere nicht männliche Geschlechter ausdrücklich genannt und nicht nur «generisch» inbegriffen sein.

Wenn man es richtig ausspricht, ist dieses «Päuseli» wirklich nur ein ganz kleines – eigentlich gar keines, sondern ein «Glottisschlag», wie Schmid der «SonntagsZeitung» ebenfalls sagte. Das ist laut Wikipedia «ein Konsonant, der durch die plötzliche, stimmlose Lösung eines Verschlusses der Stimmlippen gebildet wird», also durch einen Vorgang im Kehlkopf. Wer «Theater» korrekt aussprechen könne, meinte neulich im «Magazin» Nele Pollatschek, der könne das auch bei «Studenten». Sie bezeichnet sich als Frau und als Schriftsteller, will nicht mit dem Femininum auf ihr «(biologisches) Geschlecht reduziert» werden. Sprachliches «Gendern» lehnt sie ab, nicht wegen Ausspracheschwierigkeiten, sondern weil es «sexistisch» sei.

Schelte für inexistentes «Thejater»

Eine Diskriminierung anderer Art begeht sie aber, indem sie «Theater» nur dann korrekt ausgesprochen findet, wenn ein Glottisschlag drinstecke und man nicht «Thejater» sage. In der Tat: Gemäss Theodor Siebs (Konrad Dudens Pendant für die Aussprache) ist die Bühnensprache norddeutsch geprägt und damit von Glottisschlägen punktiert, aber am Wiener Burgtheater klingt’s anders. Wie, lässt sich auf Aussprache.at anhören, Suchwort «Theater». Da gibt’s Tonbeispiele aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, je von einer Sprecherin und einem Sprecher (aus der Schweiz Guido Schaller und Monique Furrer).

Von einem «j» in der Mitte ist bei niemandem etwas zu hören. Die deutschen Stimmen setzen beim a neu an; empfindliche Ohren nehmen einen Knacklaut wahr. Die Männer aus Österreich sprechen den verbundenen Doppellaut «ea» aus, mit dem Norddeutsche Mühe haben, wenn sie in der Schweiz Beatrice oder Beat begrüssen. Die Frauen, besonders Furrer, lassen nördlich geprägte Sprechschulung vermuten – wohl nicht bei Schmid genossen. In phonetischer Schrift steht für Deutschland «tʼe.átʼɐ»; für Österreich und die Schweiz steht kein Punkt.

Vielsagender Apostroph

Ein Punkt im Wort: Wäre er die Patentlösung auch fürs Schreiben, weil er die Anweisung «Glottisschlag» in sich trägt? Wohl kaum – er wäre nur eine weitere Variante unter all den typografischen Tricks, die als geschlechtergerecht propagiert werden. Wenn schon, wäre der Apostroph mein Vorschlag zur Güte, denn dem könnte man eine Bedeutung für die Aussprache zuweisen – neben seiner herkömmlichen Funktion, eine Auslassung anzu­zeigen. Es wäre freilich eine unüblich lange: «Hörer’innen» steht für «Hörer [und Hörer]innen», bei Bedarf für «Hörer[n und Hörer]innen». Immerhin: Lieber ein gekonnter Glottisschlag als die stetige Doppelnennung oder das das genuschelte «nnnnn», zu dem «(n) und -innen» nicht selten schrumpft.

Es bleibt das Problem, diesen Schlag den südlichen Zungen beizubringen, oder besser den dortigen Stimmritzen (Glottides). Richtig gemacht, passt er nicht ins österreichische oder schweizerische Hochdeutsch, und sei es noch so gepflegt. Aber wenn da einfach ein «Päuseli» ist, auch ein extrem kurzes, dann lädt es zu Missverständnissen ein. So habe ich am Schweizer Radio schon gehört, wie es sei, «wenn sich Partner innen trennen» – offenbar in die innere Emigration. Und aus Wien rapportiert ein verängstigter Radiohörer: «Die Waste-Watcher rücken aus, um die Hundehalter innen zu kontrollieren».

Weiterführende Informationen

  • Mehr vom Autor zum Thema mit dieser Suche.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor war Redaktor beim «Sprachspiegel» und zuvor beim Berner «Bund». Dort schreibt er die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581

4 Meinungen

  • am 19.06.2021 um 11:26 Uhr
    Permalink

    Gleich-berechtigung und Respekt beiderseits ?
    Ja, gerne !

    Aber diese beiderseits respektvolle Anerkennung
    -anstatt- «ins hysterisch-lächerliche treiben» , durch
    «Gender-Purzelbäumchen aus dem Kellerfensterchen» ???

    Aus möglichst jedem Kellerfensterchen –
    und seis noch so klein und kratzig ?!

    Ich komm DA nicht mehr mit !
    ?! Bin wohl zurück-geblieben !?

    Wolf Gerlach, Ingenieur

    0
  • am 19.06.2021 um 12:03 Uhr
    Permalink

    Und alles Bemühen um die Inklusion beider Geschlechter nützt doch nichts. «Saiten» wies mich kürzlich darauf hin, dass bei derartiger Inklusion die Transgender-Menschen erst recht ausgeschlossen würden. Also ist es wohl besser, man tut sich gar keine Gewalt an. Didier Eribon (wahrlich kein Rechtskonservativer) sprach sich gegen derlei Genderdifferenzierung aus, aus dem simplen Grund, weil die Sprache tendenziell unlesbar wird. Aber was noch viel ernster zu nehmen ist: Gendern ist eine Sache der Elite: Ngozi wehrte sich mit einem Essay auf ihrer Website, die teilweise wegen der vielen Aufrufe zusammenbrach. Sie schließt ihre Reflexion über die Hysterisierung der Debatte mit ein paar Anmerkungen, die die aktuelle Stimmung überaus treffend umreißen: «Wir haben eine Generation junger Leute in den sozialen Medien, die solche Angst haben, eine falsche Meinung zu vertreten, dass sie sich der Fähigkeit beraubt haben zu denken, zu lernen und zu wachsen… Ich habe mit jungen Leuten gesprochen, die mir sagen, dass sie sich kaum mehr trauen, überhaupt etwas zu twittern, dass sie ihre Tweets lesen und nochmals lesen, weil sie fürchten, von ihren eigenen Leuten attackiert zu werden.

    0
  • am 19.06.2021 um 15:14 Uhr
    Permalink

    Tabula rasa: Wenn jetzt auch noch der INFOsperber wie um das goldene Kalb um den GenderSTERN tanzt, bin ich auch da weg vom Fenster.

    1
  • am 21.06.2021 um 12:56 Uhr
    Permalink

    Danke Herr Goldstein, alles klar! Mir wird Angst und Bange, ob das alle 8 Milliarden Homo Sapiens’innen je verstanden haben werden.

    0

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...

Die Schlagzeilen der täglich drei neusten Artikel erhalten Sie nach Wunsch täglich oder wöchentlich.

Vielen Dank, dass Sie unseren Newsletter abonnieren!

Der Bestätigungslink ist nicht mehr gültig.