Kommentar

kontertext: Generalpause statt Petarden

Michel Mettler © zvg

Michel Mettler /  Ein bewusster Blackout anstelle von Lärmterror: Vorschlag für eine neue Art, den Jahreswechsel zu feiern.

Die Neujahrs-Artillerie ist leergeschossen, der Pulverdampf abgezogen und mit ihm der beissende Geruch der Volksbelustigung. Übrig bleiben angegriffene Hunde- und Menschennerven und schwarz verkohlte Überreste auf dem Asphalt. Wer an ihrer Stelle in hehrer Begrünungsabsicht Topfpflanzen hinterliesse, vielleicht als Erinnerung daran, dass die Natur auch lautlos Berge versetzen kann, machte sich der illegalen Abfallentsorgung schuldig. Die zivilen Feuerwerker aber gehen straffrei aus.

In Zeiten eskalierender militärischer Konflikte und einer allgemeinen Aufrüstung der politischen Rhetorik ist mir, als hätten die Böllersalven heuer nochmals andere Anklangsnerven massiert als in vorigen Jahren. Wer denkt nicht an Krieg, wenn der Horizont aufblitzt vom Widerschein der Explosionen, wenn die Erschütterung bis in Grundmauern fährt und Luftheuler projektilgleich den Nachthimmel durchschneiden. Man mag sich an die bizarre Schönheit der Feuerscheine erinnert fühlen, die in Filmen aus der Kampfzone manchmal befremdlich ästhetisiert anmuten, auch in TV-Berichten, wenn die Leuchtbahn der Geschosse zur Kalligrafie am Nachthimmel wird.

Wer zur Lärmbelästigung in Friedenszeiten beiträgt, darf sich mangelnder Sensibilität rühmen. Der Schreibende jedenfalls musste dieses Jahr bei fast jedem Knall an Kriegsvertriebene denken, die damit gewiss Schlimmeres verbinden als einen Infanterie-Wiederholungskurs im Entlebuch. Mit welcher Symbolik wir es zu tun haben, wenn Raketen, eigentlich Freudenboten, als Waffen abgefeuert werden wie neulich in Berlin, wagt man darob kaum noch zu fragen.

Ist das Prinzip Petarde alternativlos? Vorzuschlagen wäre an seiner Stelle vielleicht ein kollektiver Blackout als Erinnerung an die grosse Schinderei rundum: an die Tatsache, dass die Weltgemeinschaft ein weiteres Jahr vergeblich versucht hat, den Krieg als Mittel der Interessenswahrung zu vermeiden.

Selbstgewählter Blackout würde bedeuten: Ich lege für eine Stunde meine Server lahm, schalte alle Kühlaggregate aus, halte den Kochherd unbenutzt, lasse das Radio schweigen, den Wagen in der Garage und das Handy in der Tasche. Das Wohnzimmer bleibt so dunkel wie alle Bildschirme im Haus. Eine solche Generalpause könnte lehrreich, möglicherweise heilsam sein: Ich sitze da und sehe nichts als die Finsternis, die mich umgibt. Wieder einmal wird deutlich, wie darin die Silhouetten von Mitmenschen zu Gespenstern werden können. Solange ich nicht imstande bin, sie als Lebewesen zu sehen, erscheinen sie als potentielle Gefahr, als Räuber, Invasorinnen oder Träger bedrohlicher Viren.

Ich sitze also da und weiss um viele, die so wie ich in ihren Häusern stillhalten. Es ist kein öffentliches Standardritual – keine Schweigeminute, kein Defilee, keine Fahne auf Halbmast –, sondern eine Parallelaktion im Winterwald des Privaten: Für eine Stunde enthalte ich mich jeder Aktivität, um das Ungefähr meiner Imagination zu sehen, das wortreich in Abrede gestellte Dunkel meiner Erinnerung, die Tatsache, dass ich mir mit all meinen Impulsen und Beweggründen ein Rätsel bleibe. Und dass in meinen Visionen der Mensch des Menschen Wolf sein kann. Dass aus diesem Innenraum aber nicht nur Ressentiment, Ranküne und Neid hervorgehen können, sondern auch der Wunsch, für die warme Behausung und den gedeckten Tisch anderer zu sorgen, deren Namen ich noch nicht kenne. In der Hoffnung, es gelänge mir, diese Namen nächstes Jahr in meinen Wortschatz aufzunehmen und Menschen zu grüssen, die nicht fremd, sondern jenseits politischer Erwägungen einfach nur Artgenossen sind.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf, widerspricht aus journalistischen oder sprachlichen Gründen und reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Michel Mettler

Michel Mettler, geb. 1966, lebt als freiberuflicher Autor und Herausgeber in Klingnau. Er interessiert sich für die Geschichtlichkeit von Gegenwart und Erzählungen, die der Subtext schreibt. Zuletzt hat er als Co-Herausgeber den Band DUNKELKAMMERN veröffentlich (Suhrkamp 2020).

4 Meinungen

  • am 5.01.2024 um 11:22 Uhr
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    Alles was Sie sagen stimmt. Gibt es wirklich nur das Verbot als Mittel mit diesem Unsinn aufzuhören?

  • am 5.01.2024 um 23:26 Uhr
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    „Die Neujahrs-Artillerie ist leergeschossen, der Pulverdampf abgezogen und mit ihm der beissende Geruch der Volksbelustigung“. Fast wünschte ich mir bei den Sylvester-/Neujahrsartillerie-Salven die Coronazeit zurück! Irgendwie verrückt, aber die Corona-Zeit war so schön still.

  • am 7.01.2024 um 08:50 Uhr
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    Am 28. Dezember 2023 ist unser Besuch – ein 25-jähriger Bauernsohn aus Japan – kurz nach 6 Uhr in der Frühe über die Wiese ohne Pfad zu Fuss zur 15 Minuten entfernten Postauto-Haltestelle aufgebrochen. Der Morgenvollmond hat ihm den Weg beleuchtet, den er nur aus unseren Beschreibungen kannte. Er hat sein Ziel problemlos erreicht.
    Es herrschte wunderbare Stille und Frieden.

  • am 7.01.2024 um 09:24 Uhr
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    Mann, der gegen Klimaschutz ist, weil das niemand bezahlen kann, kauft Böller für 1200 Stutz. Und es soll auch schon Männer gegeben haben, die haben zuerst auf Fleisch verzichtet, und erst dann auf Pyrotechnik. Ich finde, wir sollten deren Vornamen erheben.

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