kontertext: Ein Wildtrieb der Kommentargesellschaft

Rudolf Walther /  Das «Manifest für die offene Gesellschaft» löst mit viel verbalem Aufwand den sachlichen Diskurs in Luft auf.

Die Auswirkungen der Pandemie sind, von Todes- und Infektionszahlen abgesehen, noch ziemlich diffus und wenig erforscht. Zumindest eines ist jedoch jetzt schon gut feststellbar: Im medialen Meinungsbetrieb der kommentierenden Klassen (Journalisten, Intellektuelle, Schriftsteller, Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaftlern) herrscht Hochkonjunktur, denn der Zugang zu diesem Betrieb ist – im Gegensatz zu früheren Zeiten – barrierefrei. Es herrscht ein Jeder-kann-mitmachen-Spiel bzw. die trivialisierte und vulgarisierte Schwundstufe des römischen Rechtsgrundsatzes «quod omnes tangit, ab omnibus tractari et approbari» («Was alle betrifft, soll von allen verhandelt und gebilligt werden»). Der Grundsatz steht bereits in der Sammlung von Rechtssätzen des «corpus iuris» 528-42 von Kaiser Justinian und wurde im 12. Jahrhundert vom Theologen und Rechtsgelehrten Franciscus Gratianus (gest. 1160) ins Kirchenrecht übernommen. 

Die aktuelle Pandemie, die buchstäblich alle treffen kann, wenn auch mit deutlich abgestuften Risiken nach Beruf, sozialer Herkunft, Lebensort und Lebensweise, war natürlich für die Kommentierungs- und Meinungwilligen aller Klassen eine willkommene Steilvorlage. Fast über Nacht stürzte sich eine Armee aus Hilfs-, Ersatz- und Freizeitvirologen ins Gefecht um die Pandemie, das Virus und die patenteste Lösung zu seiner Bekämpfung. In Frankreich kursiert das Wort «Kommentargesellschaft», die ein Komiker schon in den 70er Jahren mit dem Satz verspottete, «Ich weiß nichts, aber ich werde alles sagen». Staatspräsident Emmanuel Macron hatte sein Ohr am Zeitgeist, als er im Dezember 2020 feststellte, «das Schlüsselproblem ist für mich die von der Kommentargesellschaft bewirkte Vernichtung der Hierarchien. Das Gefühl, dass alles auf das Gleiche hinausläuft und alle Worte gleichviel gelten, diejenigen von jemandem, der kein Fachmann ist, aber eine Meinung hat zum Virus, und die Stimme eines wissenschaftlich ausgewiesenen Experten». Meinungen und Kommentare wurden zum Spektakel und Wissen zu Unterhaltung. Für den Soziologen Christian Salmon markiert «das Aufkommen der Kommentargesellschaft nicht weniger als den Tod der demokratischen Beratung».

Das jüngst in Springers «Welt» und Augsteins «Freitag» erschienene, vielstimmige «Manifest für die offene Gesellschaft» ist mit seinen grundsätzlichen Schwächen ein genuines Produkt des frei von solidem Wissen schwebenden, bodenlosen Kommentariats. An keiner Stelle des Manifests geht hervor, an wen genau es sich wendet. Genauso diffus bleibt, was die Initianten und Unterzeichner mit ihrem Aufruf bezwecken und erreichen wollen. «Die» Gesellschaft hat keine Adresse und meint ebenso alle wie keinen. Und es fehlt dem Manifest auch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage, womit man es mit dem Virus und der für jeden und jede davon ausgehenden tödlichen Gefahr zu tun hat. Das Manifest kritisiert nicht konkret bestimmte Maßnahmen zur Bekämpfung der Verbreitung des Virus und schlägt auch keine sachhaltigen Alternativen vor. Dafür strotzt es nur so von Gemeinplätzen und Trivialitäten aus dem redundanten medialen Gerede. Es entsteht der Eindruck, die Initianten wollten, wenn schon fast alle über Corona reden, auch einmal etwas sagen. Die weltweite Katastrophe mit der in die Millionen gehenden Zahl von Toten und langfristig beschädigten Menschen ist unübersehbar, aber was die Manifestanten bieten, gleicht nur einem Chor von Diskursapothekern, die – im Unterschied zu Apothekern – keine Medikamente, sondern wohlfeile, verbale Hausmittelchen zur Heilung schwerer Diskurskrankheiten in Zeiten der Pandemie anbieten. Diese Mittelchen stammen nicht aus der Pharmaindustrie, sondern aus der Heimarbeit bzw. Nebenerwerbstätigkeit von Journalisten, Künstlern, Professoren, Schriftstellern und anderen in der Zeit der Pandemie temporär Unterbeschäftigten, deren Name so wenig zur Sache beiträgt, um die es gehen sollte, wie das Manifest zur wirklichen Pandemiebekämpfung. Oder auch nur zur Wahrnehmung der Gefahren, die von der Pandemie und ihrer Bekämpfung ausgehen.

Das Sortiment an Diskursheilmitteln ist reichhaltig und bietet ein buntes Allerlei in allen Preislagen. Die Sorge um die Demokratie, die viele Unterzeichner des Manifests antreibt, ist berechtigt. Was sie jedoch zu ihrer Beseitigung vortragen, ist intellektuell so dürftig wie die Vorschläge zur Stärkung der Demokratie und zur Bekämpfung der Pandemie. Diese reichen von Betulichkeiten wie dem Hinweis auf das «Prinzip der nachsichtigen Interpretation» bis zum tantenhaften Rat, «wieder zu lernen zuzuhören» und sich «besser nicht kritisch zur Corona-Politik der  Bundesregierung zu äußern», verweisen aber auch auf ein Mittel, um nicht zu verlernen, «differenzierte Kritik zu äußern», denn das gefährdet, wie nicht nur Ärzte und Apotheker wissen, sondern auch Sozialkundelehrer, Pastoren und Kindergärtnerinnen, «das Kernprinzip der Demokratie und stärkt ihre Feinde». Als besonders wirksam empfehlen Diskursapotheker das bewährte Mittel, «auch die Meinung von Andersdenkenden» anzuhören, denn: «unsere Welt ist kompliziert», «produktiver Streit» wichtig, und «Orthodoxie muss neu befragt werden». Aus den Sonderangeboten an Heilmitteln der Diskursapotheker ragt ein Präparat heraus, das die «Meinungsfreiheit» kräftigt und «kurzatmigen binären Diskussionen» den Garaus macht. Eine recht günstige Tinktur regt dazu an zu lernen, wie wir «gemeinsam darüber streiten, wie wir als Gesellschaft lernen», die «Kultur des Meinungsaustauschs» zu hegen und zu pflegen, natürlich «faktenreich und respektvoll und ohne persönliche Beleidigungen und Beschimpfungen». Die Tinktur wird in Discount-Apotheken als «Salz der Demokratie» mit Sonderrabatt verkauft. Ein nicht gerade erfolgreicher unter den Diskursapothekern wirbt mit dem Medikament «Kultur» zur Aushandlung «eines neuen Gesellschaftsvertrags» mit «echtem, angstfreiem Diskurs».

Die Diskursapotheker bieten – gegen Rezept selbstverständlich – auch starke Halluzinogene und bewährte Psychopharmaka an. Der Renner ist ein Medikament, das «die Freiheit und das Selbstbewusstsein» stärkt, «Dinge auszusprechen, ohne in Verdacht zu stehen, dass wir komische Typen sind», sondern «dass wir einfach wieder das Leben lernen, in die Öffentlichkeit kommen und in die offene Gesellschaft als solche auch leben lernen». An solchen Sätzen lässt sich unschwer die Wahrheit von Maurice Merleau-Pontys Wort erkennen, wonach es Sätze gibt, die man «nicht erfinden kann, sondern in sich tragen muss». Für «die total Guten» unter den Akteuren im Manifestwesen halten die Diskursapotheker selbstverständlich auch noch Hausmittelchen aus älteren Hausapotheken vor, z.B. Baldriantropfen gegen «einseitige Lagerbildung» und «ungutes Schwarz-Weiß-Denken» sowie Muntermacher für die «Kraft des Dialogs» und «das Dreimal-Überlegen, was man sagen und wie man es sagen» soll. Schweigen – und das gilt für das ganze Manifest – wäre allemal mehr und obendrein sachdienlicher.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Rudolf Walther: Historiker, freier Journalist für deutsche und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften, wohnhaft in Bad Soden a.T. in der Nähe von Frankfurt.

Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Corina Lanfranchi, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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3 Meinungen

  • am 21.05.2021 um 12:54 Uhr
    Permalink

    Dieser Artikel ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie man als lizenzierter Meinungsäusserer in eine selbst gestellte Falle treten bzw. sich selbst in das Heer der «Diskursapotheker» – möglichst weit vorne – einreihen kann. Zudem haben die Einlassungen im zur Frage stehen Manifest gegenüber diesem Artikel den angenehmen Vorteil der Kürze.

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  • am 21.05.2021 um 16:45 Uhr
    Permalink

    „An keiner Stelle … geht hervor, an wen genau es [Das «Manifest für die offene Gesellschaft»] sich wendet.“ … „Genauso diffus bleibt, was die Initianten und Unterzeichner mit ihrem Aufruf bezwecken und erreichen wollen.“
    Nun, sagen wir mal so: Ein Manifest ist eine öffentliche Erklärung und gleichzeitig – meiner unmaßgeblichen Meinung nach – ein Bekenntnis. Es richtet sich folglich an die breite Öffentlichkeit mit der impliziten Anforderung auf – mindestens – Beachtung. Das hat Herr Walther ausführlich gemacht; insofern ein Zweck schon mal erfüllt ist. Allerdings findet er:
    „[Es] … ist ein genuines Produkt“…:
    genuin = angeboren; Frage: wie also muss ich mir ein „angeborenes“ Produkt vorstellen???
    … „des bodenlosen Kommentariats“:
    Besetze man diese Wortschöpfung mit positiver Konnotation, müsse man Herrn Walther dieser Zunft zurechnen; im Zusammenhang mit „bodenlos“ scheint es jedoch einen eher negativ-ironischen touch zu haben. Zudem sei das Kommentariat „frei von solidem Wissen schwebend.“
    Das wage ich nicht zu beurteilen, aber mir hat das Manifest gefallen. Die Aufforderung „Tauschen wir uns endlich ruhig und angstfrei aus“ kann doch nicht falsch sein.

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  • am 22.05.2021 um 00:31 Uhr
    Permalink

    „An keiner Stelle … geht hervor, an wen genau es [Das «Manifest für die offene Gesellschaft»] sich wendet.“ … „Genauso diffus bleibt, was die Initianten und Unterzeichner mit ihrem Aufruf bezwecken und erreichen wollen.“
    Nun, sagen wir mal so: Ein Manifest ist eine öffentliche Erklärung und gleichzeitig – meiner unmaßgeblichen Meinung nach – ein Bekenntnis. Es richtet sich folglich an die breite Öffentlichkeit mit der impliziten Anforderung auf – mindestens – Beachtung. Das hat Herr Walther ausführlich gemacht; insofern ein Zweck schon mal erfüllt ist. Allerdings findet er:
    „[Es] … ist ein genuines Produkt“…:
    genuin = angeboren; Frage: wie also muss ich mir ein „angeborenes“ Produkt vorstellen???
    … „des bodenlosen Kommentariats“:
    Besetze man diese Wortschöpfung mit positiver Konnotation, müsse man Herrn Walther dieser Zunft zurechnen; im Zusammenhang mit „bodenlos“ scheint es jedoch einen eher negativ-ironischen touch zu haben. Zudem sei das Kommentariat „frei von solidem Wissen schwebend.“
    Das wage ich nicht zu beurteilen, aber mir hat das Manifest gefallen. Die Aufforderung „Tauschen wir uns endlich ruhig und angstfrei aus“ kann doch nicht falsch sein.

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