Corona Indoor Masken.WPTV

Hohes Ansteckungsrisiko, falls sich ein Ansteckender in ungenügend belüfteten Innenräumen befindet. © WPTV

Späte Corona-Einsicht bei der WHO: Aerosole sind wichtig

Urs P. Gasche /  Das Coronavirus wird am häufigsten in Innenräumen übertragen, wenn diese ungenügend belüftet sind.

Eigentlich ist es aufgrund des beobachteten Infektionsgeschehens schon lange klar und Infosperber hat darüber schon im Juni 2020 informiert: Mit Abstand am grössten ist das Ansteckungsrisiko in geschlossenen, wenig durchlüfteten Räumen. Dort kommt es dann auf die drei Faktoren Menge (der Viren), Expositionsdauer und Zustand des Immunsystems der Gesunden an:

  1. Wie viele Viren stösst ein Ansteckender durch Atmen, Sprechen, Singen oder Schreien aus. Diese Viren haften dann ohne Lüftung längere Zeit an Aerosolen oder Schwebeteilchen in der Raumluft.
  2. Wie viele Minuten hält sich ein Gesunder in dieser Luft auf.
  3. Wie stark ist die Immunabwehr der Gesunden.

Infosperber informierte bereits ab Juni 2020 regelmässig darüber, dass in erster Linie die Distanzregeln und das Maskentragen in geschlossenen Räumen eingehalten werden sollten (8.6.2020;27.7.202015.10.202016.2.2021):

Distanzregeln vor allem in geschlossenen Räumen weiter einhalten!

upg. Zu den häufigsten Ansteckungen kommt es, wenn sich viele Menschen in geschlossenen Räumen nahekommen, vor allem wenn noch viel geredet, gesungen oder gejubelt wird. Der unterschiedliche Nutzen verschiedener Klima- und Lüftungsanlagen ist noch wenig erforscht.
Weiter kommt es darauf an, wie lange man sich und wie nahe man sich in der Nähe von Ansteckenden aufhält. Das gilt auch für längere Bahnfahrten, sofern fremde Personen näher als zwei Meter entfernt sitzen.
Häufiges Lüften reduziert das Risiko in solchen Innenräumen. Auch Masken reduzieren das Risiko. [In schlecht belüfteten Innenräumen braucht es FFP2-Masken, die gut schliessen.]
Im Freien dagegen, vor allem wenn es noch windig ist, ist es äusserst unwahrscheinlich, sich mit dem Virus anzustecken. Besonders unsinnig war die Maskenpflicht auf dem offenen Deck von Schiffen.
Regelmässige körperliche Bewegung und ein gesunder Lebensstil sorgen dafür, dass das körpereigene Abwehrsystem gegen Viren besser schützt.

Dass geschlossene Innenräume die grössten Ansteckungsherde sind, war vielen Wissenschaftlern schon seit letztem Sommer bekannt. «Endlich räumt jetzt auch die WHO ein, dass das Corona-Virus in der Luft übertragen wird – zu spät», titelte deshalb das britische Wirtschaftsmagazin «Forbes» am 4. Mai 2021. Zu lange habe die WHO die Theorie verbreitet, dass sich schwerere Tröpfchen aus Mund und Nase nur in nächster Nähe über die Luft übertragen, sich jedoch schnell auf Gegenständen niedersetzen und die Ansteckung dann hauptsächlich über Berührung von Türfallen, Stangen, Tischen und Stühlen erfolge, die deshalb dauernd desinfiziert werden müssten. Weil Masken gegen Tröpfchen wenig zweckmässig sind, haben viele Behörden vor einem Jahr gar keine Masken empfohlen.

Doch das Ansteckungsrisiko durch Berühren infizierter Oberflächen ist äusserst klein oder sogar vernachlässigbar. Ein Restrisiko ist zwar nie auszuschliessen, auch bei Berührungen nicht. Aber die Wahrscheinlichkeit einer Virenübertragung ist minim.

210507 CDC Airborn
US-Behörde CDC: Neuste Einschätzung der Ansteckungsorte

Nach der WHO doppelte die US-Behörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) am 7. Mai 2021 nach: Die meisten Viren-Übertragungen würden über Aerosole geschehen. «Der heutige Stand der Wissenschaft zeigt, dass verseuchte Oberflächen zu Neuinfektionen wenig beitragen.

Zeynep Tufekci, ausserordentliche Soziologie-Professorin an der Universität von North Carolina kritisiert, dass die Einsicht so spät kommt. Die fehlenden Hinweise auf die grosse Rolle der Lüftung in Innenräumen hätten der Virusbekämpfung geschadet und täten es noch immer. Sie forderte in der «New York Times» die WHO und die US-Behörde CDC auf, ihre Kurskorrektur publik zu machen. Beide Behörden unterliessen es, ihre geänderte Einschätzung an Medienkonferenzen oder mit Communiqués bekannt zu machen.

Bereits einen Monat früher erschienen fast gleichzeitig mehrere Stellungnahmen in den Fachzeitschriften BMJ, The Lancet und JAMA. «Jetzt ist der Damm gebrochen: Aerosole sind die wichtigste Übertragungsart», erklärte Harvard-Professor Joseph Allan von der Chan School of Public Health in Boston.

Bereits im Juli 2020 hatten 239 Wissenschaftler in einem offenen Brief vergeblich an die weltweiten Behörden appelliert, sie sollten auf das Risiko der Ansteckungen über Aerosole aufklären. Die WHO sagte damals lediglich, dass das Aerosol-Risiko «in überfüllten Innenräumen mit schlechter Ventilation nicht ausgeschlossen werden kann, sofern sich ein Ansteckender längere Zeit darin aufhält».

Zehn Indizien

Am 15. April 2021 zählte dann «The Lancet» zehn wissenschaftliche Indizien auf, welche für eine hauptsächliche Virenübertragung durch Aerosole sprechen (gemäss WebMD):

  1. Lokale mit «Super-Spreaders» haben bewiesen, dass das Virus [via Aerosole] über grössere Distanzen übertragen werden kann.
  2. Solche Ansteckungen über grössere Distanzen wurden in Quarantäne-Hotels festgestellt, wo sich die positiv Getesteten nie lange mit anderen Personen im gleichen Raum aufhielten. 
  3. Man schätzt, dass zwischen 33 und 59 Prozent aller positiv Getesteten ohne Krankheitssymptome bleiben. Diese Virusträger können das Virus verbreiten, obwohl sie beim Sprechen nur wenige Tröpfchen, jedoch Tausende von Aerosol-Partikel verbreiten. 
  4. Im Freien und in gut gelüfteten Innenräumen kommt es zu deutlich weniger Ansteckungen.
  5. Selbst wenn in Gesundheits-Einrichtungen alle Massnahmen gegen Tröpfchen-Infektionen [wie Masken, Händewaschen und Desinfizierungen] ergriffen wurden, kam es trotzdem zu Ansteckungen. Das Risiko von Aerosolen wurde zu wenig beachtet.
  6. Vermehrungsfähige Viren wurden in der Luft sowohl in Spitalräumen als auch in Autos von Infizierten gefunden.
  7. Forscher fanden Corona-Viren in Filtern von Lüftungssystemen. 
  8. Tiere können sich gegenseitig anstecken, auch wenn sie sich in getrennten Käfigen aufhalten, die nur durch eine Luftröhre miteinander verbunden sind. 
  9. Es fehlen Gegenbeweise, dass sich das Virus nicht über Aerosole verbreitet. Dagegen zeigte das Contact Tracing ein klar erhöhtes Risiko in geschlossenen, schlecht belüfteten Innenräumen. 
  10. Es fehlen klare Hinweise, dass sich das Virus auf andere Weise überträgt, beispielsweise über Kleider, Möbel oder andere Gegenstände, und auch nicht über grosse Tröpfchen.

Wenn das Risiko der Übertragung via Aerosole unterschätzt wurde, kann es daran liegen, dass es schwierig ist, Viren in Aerosolen zu isolieren und dann in Labors zu vermehren. Darauf weist eine noch nicht kontrollierte Studie von Carl J. Heneghan et al. hin.

Erst am 30. April 2021 informierte die WHO auf einer «Fragen & Antworten»-Seite, dass Aerosole in schlecht durchlüfteten Innenräumen zu Ansteckungen führen, und dies auch bei einem Abstand von mehr als einem Meter von einem Ansteckenden, wenn man sich länger im Raum aufhält. An zweiter Stelle der Ansteckungsarten hält die WHO an der Tröpfchen-Theorie weiterhin fest.

Zeynep Tufekci kritisierte in der «New York Times», dass manche Länder den Menschen nicht erlauben, sich im Freien zu bewegen und Events verbieten, anstatt – was ungleich wichtiger wäre – bei den Arbeitsplätzen [und in Schulen] dafür zu sorgen, dass Lüftungssysteme, Luftfilter und Raumluftmessgeräte installiert und kontrolliert werden. Indien verschwende viel Geld für Drohnen, um Aussenbereiche mit Desinfektionsmitteln zu besprühen, anstatt etwa für genügend Sauerstoff zu sorgen.

CO2-Sensoren für Schulzimmer und Büros

Die Konzentration von CO2 in der Raumluft ist ein zuverlässiger Indikator für die Menge der Aerosole in der Luft. Im April mahnte die Science Taskforce, CO2–Sensoren seien «ein zu wenig benutztes Mittel im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie». Verschiedene kantonale Lehrerverbände fordern schon seit längerem eine Überwachung und Verbesserung der Raumluftqualität.
Auch in Büros ist längst nicht immer klar, wie wirksam interne Belüftungssysteme funktionieren. Auch dort könnten Raumluftmesser darüber aufklären.

Zug-Bahn-italienisch
In Italiens Zügen muss jeder zweite Platz freigehalten werden.

Das BAG empfiehlt in Büros, Schulzimmern und auch zu Hause, die Räume, in denen sich mehrere Personen längere Zeit aufhalten, alle ein bis zwei Stunden für 5 bis 10 Minuten zu lüften. Allerdings bleibt das BAG dabei, dass Hygienemassnahmen, Abstandhalten und Masken «die wirksamsten Massnahmen bleiben».
In Innenräumen von Bussen, Trams und Zügen sind in der Schweiz weiterhin lediglich Masken vorgeschrieben. Anders als beispielsweise in Italien oder Schweden, wo jeder zweite Platz leer bleiben muss, dürfen in der Schweiz Bahnen und Busse während der Stosszeiten vollgestopft bleiben.



Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Coronavirus_1

Coronavirus: Information statt Panik

Covid-19 fordert Behörden und Medien heraus. Infosperber filtert Wichtiges heraus.

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5 Meinungen

  • am 21.05.2021 um 11:50 Uhr
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    Die WHO ist zur Pandemiebekämpfung zu träge. Da müssen zu viele politische und finanzielle Verstrickungen berücksichtigt werden, als dass denn Wesentliches und sofort gegen Corona zu Stande käme. Dass Masken schützen, war schon zu Beginn der Pandemie unabhängig von wissenschaftlichen Erkenntnissen klar, denn das Virus geht durch die Luft. Wo denn sonst? Also trägt man eine Maske, die die Ansteckungsgefahr vermindert. Nicht 100%. Hätte die Schweizer Regierung auch besser erzählen können. In Asien hat man es getan und dafür weniger Tote zu beklagen. Dass man Oberflächen reinigt, nützt immer noch. Und der Wirtschaft schadet beides nicht. Im Gegenteil.

    2
  • am 21.05.2021 um 12:03 Uhr
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    Aerosole – der Begriff spricht sich leicht-
    sind aber eine sehr komplexe Sache !
    Je nach Tröpfchengrösse schweben oder fallen Aerosole.
    Je nach Temperatur/Luftbewegung/Luftfeuchtigkeit sind Viren über Aerosole langzeitig oder kurzfristig «aktiv».

    Das «Zauberwort» ist «bewegte Luft», denn, je stärker sich die Luft bewegt (draussen, bei Wind) umso geringer wird die Gefahr einer Corona-Infektion.

    «Bewegte Luft» kann auch im Innenraum erzeugt werden. Am Besten durch Lüfter, die ab-saugen. Weil «saugen» statt blasen (bei einem Gas) eine angenehm gleichmässige (diffuse) Strömung über einen ganzen Raum entstehen lässt.

    Technische Fakten:
    Ein einzelner Mensch ver-braucht in Ruhe etwa 0,5 cbm Luft pro Stunde
    Ein Schwer-Arbeiter etwa 4 cbm / Stunde + «Wind» zur Kühlung des Körpers
    Ein Lüfter «schafft» pro Watt Leistung etwa reale 2 cbm/Stunde
    Ein 25 qm-Wohnraum hat etwa 60 cbm Raumvolumen-
    welches mindest 1 x stündlich ausgetauscht werden sollte.

    Also reicht ein ! absaugender ! Lüfter mit 20 – 50 Watt (und elektronischem Regler) für die Wohnung einer 4-köpfigen Familie aus .

    Eine preiswerte und «clevere» Lösung besteht darin, einen regelbaren 50W-Lüfter mit umschaltbarer Drehrichtung in die Küchentür einzubauen. Je nach Drehrichtung und geöffneten/geschlossenen Türen/Fenstern ist ein derart eingebauter Lüfter ein
    ALL-Zweck-Gerät. In meiner Wohnung getestet – und sehr gut funktionierend !

    Falls Fragen dazu: wolfge@emailn.de

    Wolf Gerlach, Ingenieur

    0
  • am 21.05.2021 um 15:23 Uhr
    Permalink

    Völlig einverstanden, ausser mit:

    «… Weil Masken gegen Tröpfchen wenig zweckmässig sind, haben viele Behörden vor einem Jahr gar keine Masken empfohlen.»

    Schon seit Jahren weiss man, dass Masken gegen Tröpfchen sehr effektiv sind, im Fall von kurzem Abstand von Angesicht zu Angesicht wenn die ansteckende Person spricht. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass genügend schwere Tröpfchen ohne Maske tatsächlich eingeatmet werden und anstecken, vermutlich relativ gering. Aber wenn mindestens eine der Personen eine noch so einfache Maske trägt, ist die Wahrscheinlichkeit *gegen Tröpfchen* hier noch kleiner. Jedoch nicht unbedingt für Personen, die sich seitlich befinden.

    Alles spricht von schweren Tröpfchen mit Reichweite beim Sprechen <1-2 m, oder wie hier von lange und weit schwebenden Aerosolen (Partikel kleiner als 5 Mikrometer), aber nicht von den weder-noch Teilchen, also sehr leichte Tröpfchen, die noch nicht als Aerosole gelten. Diese schweben nicht lange, sinken aber auch nicht so schnell zu Boden und können einige Meter oder Minuten herumfliegen. Und die Randspalten einfacher oder schlecht sitzender FFP-Masken überwinden.

    Immer wieder nützlich: der grapisch schön gemachte Aerosol-Rechner der Zeit: https://www.zeit.de/aerosole

    2
  • am 22.05.2021 um 17:55 Uhr
    Permalink

    Eine späte Einsicht. Der Nutzen von Masken wird aber vermutlich auch kräftig überschätzt, man schaue sich einmal die Diagramme und Studien hier an: https://swprs.org/face-masks-evidence/

    Ich erinnere mich noch, wie man im letzten Frühling sagte, Tschechien habe das Virus mit Masken in den Griff bekommen. Heute hat Tschechien fast die meisten Todesfälle pro Bevölkerung in Europa.

    Ich glaube das mit den Masken war auch ein wenig Aberglaube oder Symbolik.

    0
  • am 27.05.2021 um 17:31 Uhr
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    bravo Konrad Wattwiler. Leider, leider sind Masken viel mehr Schikane als Nutzen. Vor allem für Kinder, stundenlang in der Schule. Und im Migros oder Coop ist die Ansteckung viel kleiner, wegen der guten Lüftung. Und draussen ist die Lüftung noch 100 mal besser. Darum ist es so lächerlich, wenn Demos verboten werden, angeblich, weil die Teilnehmer keine Maske tragen.

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