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Papst Franziskus und Charles Darwin: Ungelenke Annäherungsversuche © korea.net/flickr/cc

Franziskus: Zuerst die Genesis, dann die Evolution

Kurt Marti /  Es ist das bekannte Spiel: Lange bekämpft der Vatikan wissenschaftliche Erkenntnisse und plötzlich stehen sie in der Bibel.

Papst Franziskus hat ein Zeichen gesetzt; er hat eine Büste seines Vorgängers Benedikt XVI. enthüllt. Nicht irgendwo, sondern im Gebäude der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, deren Mitglieder gerade über dem Thema der «Entwicklung des Naturbegriffs» brüteten. Darunter unzählige Nobelpreisträger, präsidiert vom Schweizer Nobelpreisträger Werner Arber.

Papst Franziskus: «Dem ist nicht so»

Wenn vom Naturbegriff der katholischen Kirche die Rede ist, denkt man sofort an die Genesis in der Bibel. Gott hat die Welt in Tagesetappen innert Wochenfrist geschaffen: Zuerst Licht, Land, Wasser, Pflanzen, Tiere und zuletzt den Menschen als Abbild Gottes. Alles bereits fixfertig produziert und eingefroren bis zum Jüngsten Gericht. Fast 2000 Jahre haben die Menschen an diese Märchen glauben müssen, bis sie Charles Darwin mit seinen beiden Hauptwerken erlöste: «Über die Entstehung der Arten» (1859) und «Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl» (1871). Plötzlich war der Mensch der Nachkomme von affenartigen Wesen, entstanden in einem Entwicklungsprozess, der von Naturgesetzen und vom blinden Zufall geprägt war. Im krassen Widerspruch zur Genesis in der Bibel.

«Dem ist nicht so», lehrte Papst Franziskus anlässlich der Enthüllungsfeier. Der Gott der Bibel sei kein «Magier mit einem Zauberstab» gewesen: «Er hat die Wesen erschaffen, und er hat sie entwickeln lassen gemäss den inneren Gesetzen». Auf diese Weise habe «die Schöpfung Jahrhundert um Jahrhundert, Jahrtausend um Jahrtausend» fortgedauert, «bis sie zu der geworden ist, wie wir sie heute kennen». Zuerst Genesis, dann Darwins Evolutionstheorie. Nach diesen ungelenken Annäherungsversuchen mochte Papst Franziskus verständlicherweise «keinesfalls» auf die «wissenschaftliche Komplexität» dieser Fragen eingehen, stattdessen unterstrich er wiederum biblisch, «dass Gott und Christus mit uns gehen und dass sie auch in der Natur präsent sind». Und verwies dabei auf den Apostel Paulus, der gesagt haben soll: «Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.»

Nobelpreisträger Arber: Akrobatische Leistung

Mit seiner biblischen Einstimmung auf Charles Darwin ist der Papst nicht allein. Auch Akademie-Präsident Werner Arber hat sich im Vatikan schon früher mit einer Laudatio auf die Bibel beliebt gemacht: Laut Nobelpreisträger Arber ist die Genesis «eine frühe wissenschaftliche Weltanschauung» und spiegelt «eine weitgehende Übereinstimmung zwischen religiösem Glauben und wissenschaftlicher Erkenntnis wider». Eine ziemlich akrobatische Leistung für einen Nobelpreisträger, der durch das wissenschaftliche Experiment gestählt wurde. Darwin wird sich im Grab umgedreht haben. Doch dem pfiffigen Arber und seinem Kollegen Ingo Potrykus, dem Entwickler des gentechnisch veränderten Goldenen Reises, gelang es mit dieser Schmeicheltour, dem Vatikan ihr Propaganda-Papier zur «Grünen Gentechnologie» unterzujubeln.

Evolutionäre Ethik ist weit überlegen

Papst Franziskus lobte in seiner Rede seinen Vorgänger als einen Menschen, dessen «Liebe zur Wahrheit sich nicht auf die Theologie und die Philosophie» beschränke, sondern sich auch «für die Wissenschaft öffnet». Tatsächlich hatte Ex-Papst Benedikt, als er noch Kardinal Ratzinger hiess, eine viel realistischere Einschätzung der Evolutionstheorie als Franziskus. Ratzinger verteufelte nämlich die Evolutionstheorie mit folgenden markigen Worten: «Immer mehr hat sich die Evolutionstheorie als der Weg herauskristallisiert, um Metaphysik endlich verschwinden, die ‹Hypothese Gott› überflüssig werden zu lassen». Die Evolutionstheorie spiele sich als «erste Philosophie» auf. Und das dürfe sie nicht.

Ratzinger hatte völlig Recht: Bei der Evolutionstheorie geht es der katholischen Kirche ans Eingemachte, sprich an die moralischen Dogmen. Moralisches Verhalten wurde nicht durch den Heiligen Geist eingeimpft, sondern hat sich aus dem tierischen Verhalten entwickelt. Die sogenannte Evolutionäre Ethik ist den religiösen und philosophischen Erklärungen weit überlegen.


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4 Meinungen

  • am 7.12.2014 um 13:30 Uhr
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    Der Satz, «Die sogenannte Evolutionäre Ethik ist den religiösen und philosophischen Erklärungen weit überlegen», bedarf vieler Fragezeichen. Zweifelhaft ist meines Erachtens die These, die Evolutionäre Ethik sei den anderen Quellen überlegen.

    In den letzten Jahren ist es ohnehin Mode, jegliches Denken, den menschlichen Willen oder Entscheidungen als neurobiologisch vorbestimmt zu erklären. Die These der Evolutionären Ethik kommt dem entgegen. Die Evolution ist ein Anpassungs- und Selektionsprozess. Demzufolge ist die Entstehung der Evolutionären Ethik ebenfalls ein Anpassungs- und Selektionsprozess. Daraus entsteht der Eindruck, Menschen mit einer hohen Ethik seien die natürlich besser Selektierten. Die Guten und die Bösen, das kennen wir zu genüge.

    Ich kann die These, Evolutionäre Ethik sei überlegen, nicht vertreten. Sie ist sogar brandgefährlich! Dass das Gehirn neurobiologische Grundlagen hat, ist unbestritten. Eine Folge davon ist, wie wir denken. WIE wir denken, ist jedoch etwas anderes als WAS wir denken. Beim Was kommt sowohl Religiöses als auch Philosophisches ins Spiel. Aber selbst nichtreligiöse und nichtphilosophische Menschen können in ethischen Dimensionen denken.

    Daher meine Fragen an den Autor: Auf Grund welcher Argumente ist die Evolutionäre Ethik den religiösen und philosophischen Erklärungen weit überlegen? Und wieso WEIT überlegen? Kann es sein, dass angesichts des Zustandes dieser Welt die Evolutionäre Ethik eine totale Fehlentwicklung ist?

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  • am 7.12.2014 um 16:59 Uhr
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    Die christlich-religiöse Erklärung lautet: Moral ist ein Produkt Gottes. Das erklärt gar nichts. Die transzendental-philosophische Erklärung lautet: Der kategorische Imperativ ist apriori (Kant). Das erklärt bloss die Hälfte. Die Evolutionäre Ethik (EE) sagt: Der kategorische Imperativ ist ontogenetisch apriori, aber phylogenetisch aposteriori. Das erklärt, wie die Moral entstanden ist. Aber wohlgemerkt: Die EE ist deskriptiv und nicht normativ. Sie sagt nicht, was sein soll.

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  • am 7.12.2014 um 21:42 Uhr
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    «Die christlich-religiöse Erklärung lautet: Moral ist ein Produkt Gottes. Das erklärt gar nichts.»

    Es erklärt doch etwas, wenn man hinterfragt. Denn wenn man sich in der Kirchengeschichte etwas auskennt, dann ist es erwiesen, dass die früheren katholischen Kirchenväter Ethik und Moral zu einem ansehnlichen Teil aus der griechischen Philosophie bezogen und später als göttlich ausgegeben haben.

    «Das erklärt, wie die Moral entstanden ist. Aber wohlgemerkt: …»

    Ich kann dies nur als These gelten lassen, aber es erklärt mir nicht, warum die Evolutionäre Ethik – ein sehr hoch gewählter Begriff – WEIT besser sein soll als die philosopische oder religiöse. Ich halte die These für gefährlich, nicht aus religiösen Gründen.

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