Poggio Bracciolini

Um an den berühmten Humanisten aus der Renaissance zu erinnern, der von der damaligen Stadt Baden hell begeistert war, montierte Ursula Pia Jauch ein Namensschild an eine öffentliche Treppe: Scaletta Poggio Bracciolini. Dazu eine Tafel mit einigen Informationen zu dieser historisch bedeutenden Persönlichkeit. © Christian Müller

Der Schildbürgerstreich-Award 2021 geht an die Stadt Baden

Christian Müller /  Die Stadt Baden will bewusst nicht an die historisch bedeutenden Besucher Poggio Bracciolini und Michel de Montaigne erinnern.

Sie ist Professorin für Philosophie und Kulturgeschichte an der Universität Zürich und schon deshalb äusserst belesen: Prof. Dr. Ursula Pia Jauch lebt seit ein paar Jahren in Baden im Aargau, weil sie dort eine Wohnung fand mit einem besonderen «genius loci»: mit einer originalen römischen Steinmauer im Badener Bäderquartier, über 2000 Jahre alt. Ursula Pia Jauch hat – und wer hat das schon – ihre Füsse also standfest in zweitausendjähriger Geschichte. 

Zu ihrer beruflichen Lektüre gehört natürlich auch alles, was der für die Geschichte der Renaissance vielleicht bedeutendste italienische Humanist Poggio Bracciolini im 15. Jahrhundert geschrieben hat. Und so schrieb Ursula Pia Jauch schon im Februar 2014 als damals regelmässige Kolumnistin der «Aargauer Zeitung» – seinerzeit noch mit Namen «Nordwestschweiz» – die folgende Passage über diesen berühmten Mann aus dem Süden zuhanden der Badener Öffentlichkeit:

«Es war der Brief, den Poggio am 17. Mai 1416 aus Baden an Niccolò Niccoli, seinen Florentiner Freund, geschrieben hatte. Der Brief ist eine einzige Hymne auf die Badener Bäder, und Poggio schreibt ihn voller Begeisterung, sozusagen im warmen Badewasser sitzend. Er habe einen Abstecher nach Baden gemacht, um seine schmerzenden Handgelenke zu kurieren. Nun sei er von den hiesigen Badesitten und der Anmut des Ortes so bezaubert, dass er jemandem davon erzählen müsse. Dem guten Poggio sprudeln die Worte fast über: Die Badener Bäder seien schöner als die berühmten Bäder von Pozzuoli, denn hier seien die Menschen heiter, das Verhältnis zwischen den Geschlechtern zuvorkommend und friedlich, es gebe keine starren Sittenmandate und man habe überhaupt den Eindruck, ‹Venus sei aus Zypern mit allem, was es auf der Welt an Lustbarkeiten gibt, hierher zu diesem Bad gepilgert›. Was Poggio – neben den schönen Bauten – speziell lobt, ist der Geist der Badener Einwohner und Behörden: kein Neid, kein Kleingeist. Auch das vermeintlich Schwierige machten sich die Badener ‹durch ihre Lebensart leicht›. Baden sei, so Poggio zum Schluss (es ist nachzulesen in der schönen Übersetzung, die der Altphilologe Hans Jörg Schweizer 1980 in den ‹Badener Neujahrsblättern› publiziert hat), ‹ein bedeutender Ableger der epikureischen Schule›.»

So weit Ursula Pia Jauch 2014 als Kolumnistin der «Nordwestschweiz».

Auch Michel de Montaigne war in Baden

Natürlich hat die Philosophie-Professorin auch den höchst bedeutenden französischen Philosophen und Humanisten Michel de Montaigne aus dem 16. Jahrhundert studiert. Und sie ist auch bei ihm darauf gestossen, dass er Baden einmal besucht und einen ehrenvollen Text über Baden verfasst hat. Und so schrieb sie in Absprache mit einem Redaktor der CH Media-Zeitungen einen Beitrag darüber, wie weltweit unzählige Orte zur Förderung ihres touristischen Images immer wieder darauf verweisen, dass sie schon früh von Berühmtheiten besucht wurden. Dieser Artikel, speziell für die «Schweiz am Sonntag» geschrieben, erschien dann aber nicht – und zwar bis heute nicht, zumindest nicht in einer CH Media-Zeitung. Der historisch offensichtlich uninteressierte Chefredaktor Patrik Müller hat dagegen sein Veto eingelegt, warum auch immer. Deshalb hat Infosperber von der Autorin das Recht erhalten, diesen zwar von der AZ-Redaktion bestellten, dann aber klammheimlich abgetriebenen Beitrag in voller Länge zu publizieren – was, wie man hat sehen können, eben jetzt, am 15. Januar 2022, geschehen ist. 

Die Philosophin und Kulturwissenschaftlerin Ursula Pia Jauch allerdings wählte auch andere Wege als nur den publizistischen, dafür zu sorgen, dass Poggio Bracciolini und Michel de Montaigne in Baden nicht vergessen gehen. So etwa liess sie eine Ortstafel mit der Aufschrift «Place Michel de Montaigne» machen und hängte diese an das Haus, in dem sie wohnt. Dazu ein kulturhistorisches Schild, das über Montaigne, seine Bedeutung und seinen Aufenthalt in Baden informiert. Damit folgte sie der staatsrechtlichen These des Philosophen Georg Jellinek, die da heisst: die «normative Kraft des Faktischen» – die Tendenz alles Bestehenden, zum Gesetz zu werden. War mal ein kleiner Platz im Badener Bäderquartier so angeschrieben und war auch die Post bereit, Briefe mit dieser Adresse auszuliefern, dann würde dieser Platz eines Tages auch formal «Place Michel de Montaigne» heissen, so die Erwartung. Und Ursula Pia Jauch beschilderte – im Einverständnis mit der Baubehörde – auch eine Treppe, die das Badener Kurtheater mit dem Bäderquartier verbindet, als «Scaletta Poggio Bracciolini». Auch unter diesem Namensschild montierte sie eine Tafel, auf der nachzulesen ist, welchen Beitrag Bracciolini an unsere heutige Kultur geleistet hat. 

Formal allerdings bewegte sich nichts – bis eine Gruppe von Badener Einwohnern ein Postulat im Badener Einwohnerrat einreichten, es sei zu beschliessen, den beiden weltberühmten Humanisten aus dem 15. und 16. Jahrhundert, die beide die Stadt Baden besucht und äusserst lobend erwähnt hatten, einen Platz oder eine Strasse zu widmen und damit angemessen an diese historisch bedeutenden Persönlichkeiten zu erinnern.

« … zementiert ein veraltetes Geschichtsbild»

Und wie reagierte der Badener Stadtrat, die Exekutive Badens, darauf? Er empfahl dem Einwohnerrat schriftlich, dieses Postulat abzulehnen – mit einer absolut einmaligen Begründung. Wörtlich: «Eine Ehrung von bedeutenden männlichen Persönlichkeiten mittels Strassen- und Platznamen stellt keine inhaltliche Vermittlung dar, sondern zementiert ein veraltetes Geschichtsbild.»

Wirklich? Ja, wirklich: «Eine Ehrung von bedeutenden männlichen Persönlichkeiten mittels Strassen- und Platznamen stellt keine inhaltliche Vermittlung dar, sondern zementiert ein veraltetes Geschichtsbild.» 

Jetzt nur noch grün, weil nicht offiziell von der Stadt Baden. In Blau wäre es gemäss dem Stadtrat ein «veraltetes Geschichtsbild» …

Der Einwohnerrat, Badens Legislative, folgte im September 2021 der stadträtlichen Empfehlung und lehnte das Postulat zur Ehrung der humanistischen Leistungen von Poggio Bracciolini und Michel de Montaigne mit 32 gegen 10 Stimmen ab. Die stadträtliche Hauptgutachterin übrigens, eine studierte Historikerin, hatte übersehen – oder nicht gewusst –, dass gerade Montaigne heute in der qualifizierten Fachdiskussion als ein Wegbereiter der Genderdebatte und der egalitären Ideengeschichte gilt, zumindest an der «Harvard» und einigen anderen Hotspots intellektueller Forschungsarbeit.

Der Badener Stadtrat, gestärkt durch diesen demokratischen Entscheid des Einwohnerrats, zwang die Zürcher Professorin darauf sogar, die beiden blauen Schilder «Place Michel de Montaigne» und «Scaletta Poggio Bracciolini» abzunehmen und durch Schilder in einer anderen Farbe zu ersetzen, um sichtbar zu machen, dass es nicht die Stadt Baden war, die diese Schilder montiert hat. Denn man stelle sich vor: Die Stadt Baden ehrt zwei historisch bedeutende «männliche Persönlichkeiten» aus dem 15. und 16. Jahrhundert! Undenkbar! Wo jedes andere Stadtmarketing sich die Finger lecken würde, auf solch berühmte Gäste hinweisen zu können …

(Kleiner Einschub: Die Badener «Brödlizunft» hat seit Jahren einen Platz mit einem blauen Schild als «Spanisch-Brödli-Platz» bezeichnet. Hier allerdings muss die Farbe nicht ausgetauscht werden, obwohl auch dieses Schild gegen das Verkehrsrecht verstösst. Quod licet iovi … würde man dazu wohl überall sagen, ein paar Lateinkenntnisse vorausgesetzt, die man in der Badener Politik aber wohl vergeblich sucht.

 Auch «Baden, die lebensfrohe Stadt» ist verschwunden

Vor etlichen Jahrzehnten, als es noch keine «Aargauer Zeitung» gab, sondern nur das «Aargauer Tagblatt» und das «Badener Tagblatt», war die Stadt Baden noch scharf darauf, sich imagemässig von der langweiligen Hauptstadt des Aargaus, Aarau, deutlich abzusetzen. So propagierte sich Baden damals mit dem Werbe-Claim «Baden, die lebensfrohe Stadt». Da wurde der lebensfrohe Poggio Bracciolini zwar nicht namentlich erwähnt, aber wenigstens sein Geist wurde weitergetragen. Doch auch hier – tempi passati: «Baden ist.» 

Die Stadt Baden verkauft sich im Internet mit dem doch wohl eher peinlichen Werbe-Claim «Baden ist.» Eine Werbeaussage, die alle anderen Städte auch machen könnten. (© Screenshot Internet)

Die Badener und Badenerinnen sind offensichtlich bescheiden geworden, zumindest in ihren geistigen Ansprüchen. Aber von aussen werden sie noch immer gut beobachtet: Ein neu gegründeter Verein – im Handelsregister noch nicht eingetragen – hat soeben beschlossen, der Stadt Baden den «Schildbürgerstreich-Award 2021» zu verleihen. Denn welche andere Stadt auf der Welt, die Gelegenheit hätte, auf geschichtlich so bedeutende und berühmte Besucher hinzuweisen, wie es Baden könnte, würde das ablehnen? Und mit dieser Begründung?

Ab 1847 brachte die erste Eisenbahn der Schweiz, die sogenannte «Spanisch Brödlibahn», Tausende von Frauen aus dem protestantisch-puritanischen Zürich in die katholisch-lebensfrohe Stadt Baden mit ihren heissen Quellen, damit sie endlich schwanger wurden. Welchen Grund sollen die Zürcherinnen heute haben, ins Badener Bad zu kommen? Nur dem weltberühmten Architekten Mario Botta zuliebe, der das Badener Thermalbad eben neu gestaltet hat? Ausgerechnet einer «männlichen Persönlichkeit» zuliebe?

«Baden ist.»

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Um 13.10 Uhr ist aus Baden folgende Gegendarstellung eingegangen:

GEGENDARSTELLUNG

In den Artikeln von Christian Müller und Ursula Pia Jauch heisst es, ich hätte gegen einen Artikel von Frau Jauch ein Veto eingelegt. Richtig ist: Ich habe sie gebeten, ihren Text auf 7000 Zeichen zu kürzen (entspricht mit Bildanteil beinahe einer ganzen Zeitungsseite). Eine Reaktion auf diese Bitte habe ich von Ursula Pia Jauch nicht erhalten. Weder die AZ noch ich erhielten die Gelegenheit, zum im Infosperber-Artikel gemachten Vorwurf Stellung zu beziehen.

Patrik Müller, Chefredaktor Zentralredaktion & Schweiz am Wochenende

Bemerkung der Redaktion: Ursula Pia Jauch hatte den von der Redaktion bestellten Artikel im Februar 2020 abgeliefert. Das Angebot des Chefredaktors, ihn abzudrucken, sofern er auf 7000 Zeichen gekürzt und stringenter werde, wurde der Autorin erst am 1. Dezember 2020 unterbreitet.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Zum Autor Christian Müller deutsch und englisch.

Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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7 Meinungen

  • am 17.01.2022 um 11:36 Uhr
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    Aber bitte mal halblang. Da wird suggeriert, die Aargauer Zeitung übe Zensur. Wäre ich verantwortlicher Redaktor, ich hätte den Artikel in dieser Form auch nicht publiziert, weil er sein Thema verfehlt. Baden und Montaigne, um die es gehen sollte, werden erst kurz vor Mitte des Artikels erwähnt. Davor ist das Thema ein anderes, nämlich: wo UPJ überall schon gelebt und was sie dort Tolles gemacht hat. Dass Frau Jauch, wie von Infosperber mehrfach erwähnt, Philosophieprofessorin ist, tut doch nichts zur Sache.
    Bitte übt dort Medienkritik, wo es wirklich etwas zu kritisieren gibt, und nicht dort, wo jemandes Eitelkeit verletzt wurde.

    3
    • am 17.01.2022 um 22:44 Uhr
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      Sehr geehrter Herr Hänggi, irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie die Message in diesem Artikel nicht verstanden haben oder verstehen wollen. Ihr grösstes Problem scheint zu sein, dass die allmächtige Presse nicht angegriffen werden darf.

      0
    • am 18.01.2022 um 10:03 Uhr
      Permalink

      Unsinn. Ich habe lange als freier Journalist gearbeitet. Es ist tatsächlich ärgerlich, wie viele Redaktionen mit ihren freien Mitarbeiter*innen umgehen. Wenn die AZ Frau Jauch lange ohne Antwort gelassen hat: ärgerlich, völlig einverstanden! Aber zu insinuieren, die AZ übe Zensur, man habe «Angst vor Michel de Montaigne» und es gehe um einen Text, der «nicht publiziert werden durfte» – Bullshit. Es steht ja nichts Brisantes (und nichts Neues) in dem Text drin, was Anlass für Angst oder Nicht-publizieren-Dürfen sein könnte.
      Was für eine Message meinen Sie übrigens? Dass Baden ein anderer Umgang mit Montaigne gut anstünde, mag ja eine kleine Kolumne gut sein – aber dafür will ich mich als Leser auch nicht zuerst durch die ellenlange Message «Schaut, wo ich überall schon war und was ich alles weiss!» hindurchlesen müssen.

      0
    • am 18.01.2022 um 23:15 Uhr
      Permalink

      Tja Herr Hänggi, vielleicht ist es Ihnen noch nicht klar geworden, dass es auch andere Zeitgenossen gibt, die Medienartikel anders lesen als Sie. Und auch anders gewichten. Sie sind nicht alleine auf der Welt und haben die Richtigkeit nicht gepachtet. Und das ist gut so. Das musste auch ich lernen als damaliger freier Journalist bei der Basler AZ.

      0
    • am 19.01.2022 um 11:57 Uhr
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      Ich weiß nicht, wie Sie aus meinem Kommentar einen Anspruch herauslesen, ich hätte einen Alleinanspruch, wie der Artikel zu lesen sei. Ich finde ihn schlecht, Sie dürfen ihn gut finden, die AZ-Redaktion fand ihn überarbeitungswürdig. Ich sehe kein Problem und keinen Anlass für einen Zensurvorwurf und ärgere mich, wenn Infosperber eine Mücke zu einem Elefanten aufbläst.

      0
  • am 17.01.2022 um 15:46 Uhr
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    Trotz Pfostenschuss von Infosperber (Nachfrage bei Patrik Müller unterlassen), ist dieser Artikel zum Schreien – lustig. Ausgerechnet Montaigne!!! (Er ist übrigens mein Lieblings-Philo, und das mit Baden habe selbst ich nicht gewusst…). Eine bünzlige Schildbürger-Stadt verdiente eben nur Spott und den Deckel des Vergessens.

    0
  • am 18.01.2022 um 09:39 Uhr
    Permalink

    Ich bin eigentlich genderfreundlich. Aber manche Leute sind wirklich darum bemüht, unser Anliegen einer geschlechtergerechten Gesellschaft mit puritanischem Übereifer zu torpedieren und dieser sinnlosen Debatte um Wokeness auch bei uns in Mitteleuropa Munition zu liefern. Es gibt sicher einige zu hinterfragende Männergestalten, die wir schnell in Baden gegen historische Frauengestalten austauschen könnten. Aber es bleibt dabei: Das Patriarchat war über Jahrhunderte so dominierend, dass es schwierig wird bei der Benamsung von Strassen die Geschlechterparität zu wahren.

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