Luzern-Löwendenkmal

Es sollte an den heroischen – und verlorenen – Kampf der Schweizer Söldner gegen die Pariser Revolutionäre erinnern: das 1821 eingeweihte Luzerner Löwendenkmal. © Common

Cancel Culture – die lehrreiche Geschichte des Löwendenkmals

Hans Ulrich Jost /  Zweihundert Jahre sind es her, seit in Luzern von konservativen Kräften das Löwendenkmal geschaffen und eingeweiht wurde.

Die Einwohner Luzerns staunten nicht schlecht, als am 9. August 1821 – also ziemlich genau vor 200 Jahren – zahlreiche Kaleschen und Kutschen die Strassen unsicher machten und Leute in seltsamen Kleidern, die an die Aristokratie des Ancien Régimes erinnerten, die Promenaden bevölkerten. Wolfgang Menzel, ein junger liberaler Deutscher, sprach von «Greisen in den altmodischen roten Uniformen der früheren Schweizer Garde» und «alten Damen mit grünen Brillen und hässlichen Hüten». Man glaubte einen Augenbblick, fuhr er fort, sich «an den aus den Gräbern wieder auferstandenen Hof Marie Antoinettens versetzt».

Diese seltsamen Besucher und Besucherinnen hatten ein gemeinsames Ziel: die für den Freitag, den 10. August 1821, angesetzte Einweihungsfeier eines spektakulären Monuments. Es handelte sich um den noch heute viel bewunderten, in Stein gemeisselten sterbenden Löwen – «ein Mahnmahl mit Strahlkraft», wie es auf der Homepage der Stadt Luzern heisst. Das Datum der Feier war nicht zufällig gewählt. Am 10. August 1792 hatten in den Tuilerien in Paris mehrere Hundert Söldner der Schweizergarde im Kampfe gegen die Revolutionäre den Tod gefunden. Bei diesem Rückblick auf die tragischen Ereignisse verschwiegen die Initianten jedoch, dass sich auf Seiten der Aufständischen auch übergelaufene Schweizer Söldner befanden.          

Das Denkmal als politische Manifestation

Den Initianten des Denkmalprojekts ging es nicht nur um den tragischen Untergang der Schweizergarde in Paris, sondern ebensosehr um eine auf die Gegenwart und die Zukunft ausgerichtete politisch-kulturelle Manifestation. Seit dem Sieg über Napoleon und dem Wiener Kongress von 1815 sollte gemäss den Grossmächten Europa unter Führung der konservativen und aristokratischen Eliten restauriert werden. Auch in der Eidgenossenschaft suchten die konservativen Kräfte, die alte aristokratische Herrschaft wieder einzurichten. Zu diesen Kreisen zählte der Initiant des Löwendenkmals Karl Pfyffer (1771-1840), ehemaliger Offizier in fremden Diensten und seit 1803 Mitglied des Luzerner Grossrats. 

Mit der Verleihung einer Medaille an die Überlebenden der Schweizergarde hatte die Tagsatzung schon 1817 dieses Ereignisses gedacht. Zusammen mit den Schlachten von Marignano (1515*) und an der Beresina (1812) kam nun der Tuileriensturm in den Korpus der heldenhaften – allerdings im Dienste fremder Mächte geführten – Kämpfe der Eidgenossen. Pfyffer seinerseits organisierte zwecks Finanzierung seines Plans eine grossangelegte Geldsammlung. In einer Broschüre bezeichnete er die Söldner als «würdige Verfechter der Ehre ihres Vaterlandes und Berufs, die unerschrocken und unbestechbar als Opfer der schaudervollen Catastrophe auf den Stufen des Thrones fielen, den sie verteidigten». Es ging Pfyffer aber auch um seinen eigenen Ruf sowie jenen der Stadt Luzern, die sich als internationaler Touristenort aufzubauen begann. Das Monument fand zudem viel Beachtung, weil der berühmte, in Rom lebende dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen* (1770-1844) diesen Löwen entworfen hatte. Der für die Ausführung des Denkmals engagierte Steinhauer Lukas Ahorn (1790-1856) aus Konstanz, der keine ähnlich grossen Arbeiten mehr verrichtete, wurde bald einmal nur noch am Rande erwähnt.

Proteste der liberalen Opposition

In der Geschichte des Löwendenkmals finden sich Momente, die man heute ins Kapitel «Cancel Culture» einordnen würde. Der Löwe war das Manifest eines politischen Lagers und wurde auch entsprechend kritisiert. Das zeigte sich insbesondere an der Reaktion liberaler und freisinniger Kreise, die heftig gegen diese Manifestation der aristokratischen und restaurativen Kräfte protestierten und den Löwen am liebsten im See versenkt hätten. Eine Gruppe von freisinnigen Studenten zog am Einweihungstag demonstrativ zur Tellskapelle, und die liberale Presse sparte nicht mit kritischen Kommentaren. Es kam zu nächtlichen Unruhen. Gerüchte machten die Runde, Gegner des Löwendenkmals beabsichtigten, das Monument zu zerstören. 

Der Konflikt um das Löwendenkmal erregte weitherum die Gemüter und fand selbst im Ausland Widerhall. Die Luzerner Obrigkeit ihrerseits griff mit verschärften polizeilichen Kontrollen ein. Repräsentanten der liberalen Opposition wurden nicht nur von den Behörden überwacht, sondern auch von jungen Männern bedroht. Der damals am Gymnasium unterrichtende Ignaz Paul Vital Troxler (1780-1866), einer der wichtigsten geistigen Führer des aufkommenden Freisinns, wurde als Rädelsführer der Unruhen gebrandmarkt. Troxler sah sich physisch bedroht und hielt deshalb ein Paar geladene Pistolen im Nachttisch bereit. 

Hinzu kam, dass in diesen Tagen Troxlers Streitschrift «Fürst und Volk», ein Angriff auf das konservative Staatsverständnis, erschien. Dies war nun für die Luzerner Obrigkeit der Gründe genug, um scharf gegen Troxler vorzugehen. Sie kündigte ihm fristlos seine Professur. In einem ausländischen Spitzelbericht wird Troxler übrigens als «einer der allerwichtigsten und gefahrbringendsten» Politiker der Schweiz beschrieben. Dem wäre anzufügen, dass 1848 bei der Ausarbeitung der liberalen Bundesverfassung die Einführung des Zweikammmersystems in grossem Masse dem Einfluss und den Schriften Troxlers zu verdanken ist.

Die Aufnahme des Löwen ins eidgenössische Pantheon

Die Bedeutung des sterbenden Löwen wurde jedoch nicht in erster Linie im politischen Kampf entschieden. Der ursprüngliche Sinngehalt des Denkmals, das bald einmal als grosse touristische Attraktion fungierte, verflüchtigte sich zusehends. Die zahlreichen ausländischen Besucher konnten vermutlich mit der Geschichte der in Paris kämpfenden Schweizer Söldner und deren politische Implikationen in der Eidgenossenschaft wenig anfangen. Sie sahen im Denkmal in erster Linie das Werk eines grossen Künstlers. So wurde der sterbende Löwe mit der Zeit, wie Andreas Bürgi eingehend darstellt, Ausgangspunkt der Luzerner Touristenmeile, die immer mehr die Stadt prägte. Mit über einer Million Besuchern steht heute das Löwendenkmal im Zentrum des Luzerner Tourismus.

Ein halbes Jahrhundert nach der Einweihung begann sich die politisch gefärbte Interpretation des Löwendenkmals zu entschärfen. Nachdem die Freisinnigen 1848 mit der Gründung des Bundesstaates auch kulturpolitisch die Deutungshoheit errungen hatten, konnten sie daran gehen, das Denkmal von Luzern ins eidgenössische Pantheon aufzunehmen. Der Löwe wurde gewissermassen entpolitisiert und nationalisiert. 1887, anlässlich einer Debatte im Nationalrat zur Frage der Kulturförderung, pries der freisinnige Bundesrat Carl Schenk die Wirkung von Denkmälern mit den Worten: «Wie viele Tausende von unsern Kindern sind gestanden vor dem Löwen in Luzern und haben dort unvergängliche Eindrücke erhalten.» 2006 kam der Löwe schliesslich formell unter den Schutz der Eidgenossenschaft.

Schenks Worte deuten an, dass der Löwe nicht mehr als reaktionäre Manifestation der konservativen Aristokraten, sondern als aufwühlendes Kunstwerk des bürgerlichen Patriotismus aufzunehmen sei. Dies entsprach ganz den nationalen kulturpolitischen Bemühungen des Freisinns. Dabei galt es, auch die katholisch-konservative Schweiz ins Boot zu holen. 1891 kam es dann schliesslich, mit der Wahl von Josef Zemp in den Bundesrat, zur politischen Eingliederung der Katholisch-Konservativen. Da durfte in der Galerie nationaler Monumente der sterbende Löwe nicht fehlen.

Bringt Denkmalsturm Aufklärung der Vergangenheit?

Anlässlich der Auseinandersetzungen von 1821 zirkulierte gerüchtweise auch die Forderung, das Löwendenkmal sei zu zerstören. Damit sollte gewissermassen die im Monument verkörperte politische Haltung der alten aristokratischen Elite ausgelöscht werden. Heute wird unter dem Schlagwort «Cancel Culture» gefordert, Denkmäler, die moralisch oder politisch verwerfliche Zustände symbolisieren, zu entfernen oder zu zerstören. Es geht darum, die Geschichte umzudeuten. Nur die Denkmäler zu entsorgen, ist jedoch keine langfristig wirksame Strategie, um historische oder politische Deutungshoheiten zu verändern. Es braucht dazu vielmehr eine kritische Aufarbeitung und eingehende Diskussion über den Ursprung und die Sinngebung der Zeitzeugen aus Stein und Eisen. In einer Studie zur Entstehung des Löwendenkmals hatte die Kunsthistorikerin Irma Noseda (1946-2019) schon 1985 gefordert, in der Nähe des Denkmals einen kritischen, künstlerisch gestalteten Informationspfad der Entstehungsgeschichte einzurichten.

Der Luzerner Löwe war übrigens vor einigen Jahren doch noch Ziel eines Anschlags. 2009 verunstaltete eine offenbar linksradikale Gruppe das Denkmal mit roter Farbe. Die Akteure dieses nächtlichen Angriffs wollten damit ihre Solidarität mit französischen, von der Justiz verfolgten Gesinnungsgenossen bekunden. Gewiss, die Verunstaltung des Löwen brachte für einen Moment die so manifestierende Gruppe in die Schlagzeilen. Doch es handelte sich um ein Strohfeuer, das vom breiten Publikum kaum wahrgenommen, und schon gar nicht verstanden wurde. Nach kostspieliger Reinigung präsentierte sich der Löwe erneut in aller Pracht den Zuschauern.

Literatur:

Andreas Bürgi, Eine touristische Bilderfabrik. Kommerz, Vergnügen und Belehrung am Luzerner Löwenplatz, 1850–1914, Zürich: Chronos, 2016.

Irma Noseda, Immer neuer Götzendienst?, Archithese Nr.4, 1985, S. 59-66.

Georg Kreis, Zeitzeichen der Ewigkeit. 300 Jahre schweizerische Denkmaltopografie, Verlag NZZ, 2008, S. 22-32.

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* Red. – In der ersten Fassung dieses Artikels stand irrtümlicherweise 1815 und Bertel Thorwaldsen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Hans-Ulrich Jost ist Historiker und emeritierter Professor der Universität Lausanne.
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Zum Infosperber-Dossier:

SchReibender Feder.Dossier

Verleugnete Geschichte

Am einen Ort totgeschwiegen, am anderen umgeschrieben. Die geschichtliche Realität ist nicht immer angenehm.

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Eine Meinung zu

  • am 9.08.2021 um 13:16 Uhr
    Permalink

    Eigentlich erinnert dieses Denkmal an eine sehr verwerfliche Haltung der Schweizerischen Obrigkeit. Als ich diesen interessanten Artikel gelesen hatte, kam mir unwillkürlich die Schweizer Politik der letzten Jahrzehnte in den Sinn. Zwar kriechen die Behörden nicht mehr vor einem fremden, tyrannischen König «von Gottes Gnaden», welcher in dessen Namen die Untertanen wie seine Vorgänger brutal unterdrückte und bis aufs Blut aussaugte. Die heutigen Regierungen – gestützt durch die unerschütterliche bürgerliche Mehrheit – liebedienert dafür vor dem mächtigsten Land der Welt, welches dauernd durch die von ihnen beherrschten Medien (Murdoch & Co), herumposaunt, es setzte sich weltweit für Frieden, Freiheit und Demokratie ein; in Wirklichkeit aber handelt es genau entgegengesetzt: die USA verletzen dauernd diesen Frieden, greifen immer wieder Länder an, (Irak, Afghanistan etc.) und dort, wo ihrem ausbeuterischen Überheblichkeits-Wahn eine demokratisch gewählte Regierung ihnen das freie Schalten und Walten (vor allem ungehinderte Ausbeutung der Bodenschätze) folgte eine sehr wirksame Reaktion des Weltenherrschers: die Regierung wurde gestürzt und ein gefügiger Diktator auf Jahrzehnte mit Hilfe der CIA und einheimischen Reichen installiert (Beispiele: , Persien (Iran), Guatemala, Kongo (belg.), Chile. Wird wohl diesen unseren untertänigen Regierungen auch einmal ein Denkmal gesetzt werden?!

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