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Vom Schützen angeblich gezielt ausgesucht: Der Tops Friendly Market in East Buffalo, New York. © ABC News

Immer mehr Amokläufe in US-Supermärkten

Jillian Peterson und James Densley /  Amokläufe in Einkaufszentren häufen sich. Dahinter stehen wohl soziale Probleme. Zwei Forschende liefern Zahlen und erklären.

psi. Dies ist ein Gastbeitrag der Forschenden Jillian Peterson (Hamline University) und James Densley (Metro State University). Er erschien zuerst am 15. Mai 2022 in Englisch bei The Conversation.

Ein offenbar rassistisch motivierter Anschlag auf einen Supermarkt in Buffalo, New York, forderte am 14. Mai 2022 zehn Todesopfer. Der jugendliche Verdächtige hatte es angeblich auf schwarze Kunden in einem überwiegend afroamerikanischen Viertel abgesehen.

Amokläufe, bei denen vier oder mehr Menschen getötet werden, sind in den letzten zehn Jahren häufiger geworden – und tödlicher. Die Tragödie in Buffalo ist die jüngste in einem aktuellen Trend zu Amokläufen in Einzelhandelsgeschäften.

Wir sind Kriminologen und untersuchen die Lebensgeschichten von AmokläuferInnen in den USA. Seit 2017 haben wir Dutzende von Interviews mit inhaftierten Tätern und Menschen, die sie kannten, geführt. Ausserdem haben wir eine umfassende Datenbank über Amokläufe im öffentlichen Raum erstellt, die auf öffentlichen Daten basiert und in welcher die TäterInnen anhand von über 200 verschiedenen Variablen – darunter Standort und Rassenprofil – kodiert sind.

Was wissen wir über Amokläufe in Supermärkten?

Vor 2019 fand nur ein einziger Amoklauf in unserer Datenbank in einem Supermarkt statt. 1999 tötete ein 23-jähriger vorbestrafter weisser Mann vier Menschen in einem Supermarkt in Las Vegas. Seither hat es jedoch eine Reihe von Amokläufen in Einkaufsläden gegeben.

Der Amoklauf in Buffalo ähnelt einer Tat im August 2019 in einem Walmart in El Paso, Texas. Damals postete der 21-jährige weisse Verdächtige rassistische Hasstiraden in den sozialen Medien bevor er sich ins Auto setzte und zum Supermarkt fuhr, um gezielt auf ethnische Minderheiten unter den Kunden zu zielen. Er wurde angeklagt, 23 Menschen getötet zu haben.

Eine weitere Schiesserei im Jahr 2019 fand in einem koscheren Lebensmittelgeschäft in Jersey City, New Jersey, statt. Ein Mann und eine Frau, beide schwarz, um die 50 Jahre alt und vorbestraft, ermordeten vier Menschen, bevor sie in einem Schusswechsel mit der Polizei getötet wurden. Posts in den sozialen Medien und eine zurückgelassene Notiz deuteten auf ein antisemitisches Motiv hin.

Im März 2021 betrat ein 21-jähriger Mann nahöstlicher Abstammung mit einer Vorgeschichte paranoiden Verhaltens einen King Soopers-Markt in Boulder, Colorado, und erschoss zehn Menschen. Sechs Monate später, im September 2021, tötete ein 29-jähriger Asiate in einem Kroger-Supermarkt in Tennessee eine Person und verletzte 13 weitere. Der Täter, der in der Filiale arbeitete, war aufgefordert worden an diesem Morgen seinen Arbeitsplatz zu verlassen. Er starb durch Selbstmord, bevor die Polizei am Tatort eintraf.

Kein einheitliches Profil – kein einheitliches Motiv

Amokläufe sind sozial ansteckend. Die Täter studieren andere Täter und lernen voneinander, was den Anstieg der Taten in Supermärkten in den letzten Jahren erklären könnte. Die Daten zeigen jedoch, dass es kein einheitliches Profil eines Supermarkt-Massenmörders gibt.

Rassenhass ist ein Merkmal von etwa 10 % aller öffentlichen Amokläufe in unserer Datenbank. Unsere Analyse zeigt, dass etwa 13 % der Amokläufer im Einzelhandel rassistisch motiviert sind – und damit leicht über dem Durchschnitt aller Amokläufe liegen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass einige Lebensmittelgeschäfte vorwiegend von einer bestimmten ethnischen Gruppe besucht werden – zum Beispiel asiatische Märkte, die sich an die lokalen asiatischen Gemeinschaften richten.

Rassenhass scheint jedoch nur eines von vielen Motiven zu sein, die von Amokläufern im Einzelhandel genannt werden. Unsere Daten deuten auf eine Reihe von Faktoren hin, darunter wirtschaftliche Probleme der Verdächtigen (16 %), die Konfrontation mit Angestellten oder Kunden (22 %) oder eine Psychose (31 %). Das häufigste Motiv der Amokläufer im Einzelhandel ist jedoch unbekannt (34 %).

Wie der Amokläufer von Buffalo hinterliessen 22 % der TäterInnen, welche im Einzelhandel eine Amoklauf verübten, ein «Manifest» oder ein Video, um der Welt ihren Unmut mitzuteilen. Und fast die Hälfte von ihnen machte ihre Pläne im Voraus bekannt, in der Regel über soziale Medien.

Das Fehlen eines einheitlichen Profils lässt uns allerdings nicht hilflos zurück. Unsere Forschung schlägt viele Strategien zur Verhinderung von Amokläufen vor – von der Verhaltensbewertung von Drohungen bis hin zur Beschränkung des Zugangs zu Schusswaffen für Hochrisikopersonen. Und um die soziale Ansteckung von Amokläufen zu stoppen, sollten wir den Tätern nicht mehr den Ruhm und die Berühmtheit verschaffen, die sie suchen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Gewalt

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2 Meinungen

  • am 19.05.2022 um 12:00 Uhr
    Permalink

    Josef Hunkeler, Fribourg
    am 18.05.2022 um 14:47 Uhr
    Ein 18 jähriger mit all diesen Motivationen ? Gibt es hier nicht so etwas wie eine systemimmanente Perversion ?

    Vielleicht war dieser Beitrag von gestern etwas zu abstrakt. Was ich sagen wollte, dass es in den US traditionell eine sehr viel höhere Gewaltbereitschaft als auf dem «alten» Kontinent gab. Die psychologische Hemmschwelle zur Tat zu schreiten ist (war) einiges tiefer als in Europa. Die Migration, und wohl auch die Kriegserfahrung junger Einwanderer dürfte auch bei uns einzelne Hemmschwellen sinken lassen.

    0
  • am 19.05.2022 um 17:15 Uhr
    Permalink

    Bufalo ist eine schöne Stadt gleich neben den Niagara Falls. Da müsste ein Normalbürger doch nicht einen Amoklauf benötigen, um ich bestätigen zu können.

    0

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