Wörter wandeln Werte II

Christian Müller ©

Christian Müller /  Aus wohlmeinenden und gutwilligen Menschen wurden «Gutmenschen» – ein Schimpfwort! Die Methode haut hin.

Kommentare beginnen mit der Wortwahl. Ob ein Journalist, eine Journalistin von Freiheitskämpfern, von Dissidenten oder von Aufständischen oder gar Terroristen spricht, macht einen grossen Unterschied. Und wenn es – ein anderes Beispiel – etwa um den Kapitalmarkt geht, macht es einen grossen Unterschied, ob die reichen Leute, die ihr Geld täglich oder gar stündlich in der Welt herumschieben, um von den Währungsdifferenzen zu profitieren, «Spekulanten» genannt werden (was sie ja sind), oder ob sie, wie es nun mehr und mehr üblich ist, «Investoren» genannt werden. Wer hat schon was gegen Leute, die investieren?

Gelegentlich werden auch neue Wörter erfunden. Dem Chef der Wirtschaftsredaktion der Aargauer Zeitung / Nordwestschweiz, Marc Fischer, ist eben eine solche Wortneuschöpfung gelungen. In einem Kommentar zu den Pensionskassen schreibt er wörtlich: «Dahinter steckt letztlich die Solidaritätsmentalität der Linken. Man kümmert sich nicht um die Fakten des finanziell Möglichen, sondern orientiert sich an den konstruierten Werten einer ‚Zauberwelt’, wie es der Schweizer Finanzexperte Martin Janssen nennt.»

Solidaritätsmentalität: Damit ist der Weg frei, jeden, dem Solidarität im Sinne von Menschenwürde und Mitmenschlichkeit noch ein echter kultureller – oder auch religiöser – Wert ist, verbal anzupissen: Ja klar, ein Gutmensch halt, einer von denen mit der Solidaritätsmentalität

Daran zu erinnern, dass unsere bewährten und für unseren Wohlstand und unser stabiles Politsystem eminent wichtigen Sozialwerke, die AHV und die Krankenversicherung, auf dem Prinzip der Solidarität zwischen Habenden und Nicht-Habenden, zwischen Glücklichen und weniger Glücklichen basieren, ist danach wohl nicht mehr angezeigt. Es wäre ja ein Hinweis auf eine «Solidaritätsmentalität»…

* * * * *

(Siehe auch «Wörter wandeln Werte» und zunehmende Sprachverluderung auf Infosperber)


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

Zum Infosperber-Dossier:

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Kritik von Zeitungsartikeln

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2 Meinungen

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    am 26. Mai 2014 um 06:31 Uhr
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    Herzlichen Dank an den Autor für seinen erhellenden Beitrag. Wünschenswert wäre, ihn – wie die meisten Sperberbeiträge – den LehrerInnen zugänglich zu machen. Sperberbeiträge sind mehrheitlich bereits lektionstauglich und bei deren Einsatz in den Schulen würde das politische Bewusstsein künftiger Stimmberechtigter wachsen und mehr Menschen beflügeln, als das heute der Fall ist. Abstimmungsresultate würden künftig vermehrt anders aussehen, die Mehrheitsverhältnisse könnten kippen.

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    am 26. Mai 2014 um 16:09 Uhr
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    Besonders fantasievolle sprachliche Blüten treiben die Bemühungen, die Gefahren der Atomkraftwerke kleinzureden. Eine Auswahl schönfärberischer Ausdrücke habe ich auf meiner Webseite http://www.unterrichtatom.ch im Lexikonbeitrag „Sprache der Atomwirtschaft“ zusammengestellt.

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