Zweierlei Tabubrecher

Barbara Marti © zvg

Barbara Marti /  Er sei ein Nazi, sagte ein Regisseur. Er reisse ihren Arsch in Stücke, schrieb ein Journalist. Die Reaktion zeigte zwei Massstäbe.

Der dänische Regisseur Lars von Trier hat mit seiner Bemerkung Aufsehen erregt, er könne Hitler verstehen und sei selber ein Nazi. Auch der argentinische Journalist Juan Terranova hat ein Tabu gebrochen. In einer Kolumne im Magazin «El Guardián» kritisierte er Inti Maria Tidball-Binz, die in Argentinien zu den Initiantinnen einer Webseite gegen sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum gehört. Seinen Kommentar beendete der Journalist mit dem Wunsch: «Ich möchte Inti Maria Tidball-Binz auf einer Vernissage treffen, mit ihr anstossen und ihr sagen, dass ich ihren Arsch gerne in Stücke reissen würde.»

Beide Tabubrecher kamen in die gewollten Schlagzeilen und entschuldigten sich dann mehr oder weniger halbherzig. Ihre Vorgesetzten jedoch reagierten ganz unterschiedlich: Die Festivalleitung in Cannes verurteilte die Äusserungen von Lars von Trier auf das Schärfste und verbannte ihn mit sofortiger Wirkung als unerwünschte Person vom Festival.

Anders in Argentinien: Dort schrieb der Herausgeber des Magazins «El Guardián» in einem Editorial, Journalisten dürften ihre Meinung, ob falsch oder diffamierend, frei äussern. Einen Journalisten deswegen zu entlassen, widerspreche dem Prinzip der Meinungsfreiheit.

Dank Frauen-Aktivistinnen ist es zum Glück nicht dabei geblieben. Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit die Drohung einer Vergewaltigung zu dulden, sei inakzeptabel, protestierten sie und riefen via Twitter und Facebook zum Protest auf. An die grossen Inserenten des Magazins schickten Hunderte Beschwerdebriefe und forderten sie auf, Rückgrat zu zeigen. Die Wirkung blieb nicht aus und war erst noch doppelt: Fiat und Lacoste kündigten an, im «El Guardián» keine Inserate mehr zu platzieren, worauf der Herausgeber den Journalisten Juan Terranova entliess und sich für dessen Kolumne entschuldigte.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Herausgeberin und Redaktorin der Zeitschrift «FrauenSicht»

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Gleichstellung und Gleichberechtigung: Angleichung der Geschlechter – nicht nur in Politik und Wirtschaft.

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