Häusliche Gewalt.LPM

Häusliche Gewalt: Über diese häufige Form der Gewalt gegen Frauen berichten Medien nur selten. © LPM

Bedenkliche Lücke in Berichterstattung über Gewalt

Barbara Marti /  Medien vermitteln ein verzerrtes Bild. Morde an Frauen erhalten viel Aufmerksamkeit, die alltägliche Gewalt gegen Frauen wenig.

Dies geht aus einer quantitativen Inhaltsanalyse deutscher Zeitungen hervor. Die Studie zeigt, dass der Extremfall und der Einzelfall die Berichterstattung dominieren. Das kann fatale Folgen haben, weil die Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen beeinflusst, wie Gesellschaft und Politik damit umgehen. 

Untersuchte Zeitungen

Für die Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung hat Christine Meltzer, Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Mainz, rund 3500 Artikel deutscher Tageszeitungen analysiert, die zwischen 2015 und Mitte 2019 erschienen sind. Ausgewertet hat sie drei Boulevardmedien, fünf Lokalzeitungen aus Ost- und fünf aus Westdeutschland sowie die vier überregionalen Zeitungen «Süddeutsche Zeitung», «Frankfurter Allgemeine Zeitung», «Welt» und «Tageszeitung».

Einseitige Darstellung von Gewalt gegen Frauen

Einige Ergebnisse:

  • Mehr als die Hälfte der Artikel betrafen Fälle, die mit dem Tod des Opfers endeten. Doch statistisch ist dieser Extremfall selten. Weniger als ein Prozent aller Gewalttaten gegen Frauen enden mit deren Tod. In der Berichterstattung dominiert der Einzelfall. Die Einordnung in ein grösseres Bild, zum Beispiel durch Statistiken über das Ausmass der Gewalt gegen Frauen, fehlt oft. Strukturelle Gründe wie ein patriarchales Männerbild werden meist nur thematisiert, wenn der Täter Migrationshintergrund hat.
  • Die häufigste Form der Gewalt gegen Frauen ist statistisch die Körperverletzung. Doch darüber berichten Medien kaum. Und die weit verbreitete Gewalt gegen Frauen in Beziehungen ist meist nur ein Thema bei bestimmten Anlässen wie dem Aktionstag gegen Gewalt oder wenn eine neue Kriminalstatistik veröffentlicht wird. Problematisch sind diese Lücken, weil Täter oft (Ex-)Partner sind und einem Tötungsdelikt meist eine Körperverletzung, Vergewaltigung, Stalking, Nötigung und andere Gewalttaten vorangehen. Wegen der fehlenden Wahrnehmung dieser Gewaltformen durch Medien und Öffentlichkeit entsteht kein Handlungsdruck.
  • Begriffe wie «Familiendrama» und «Ehekrise» fand Studienautorin Christine Meltzer nur in wenigen Texten und sie wurden gegen Ende des Untersuchungszeitraums noch seltener. Ein Erfolg für Feministinnen. Diese kritisieren seit langem, dass solche Begriffe Gewalttaten zu einem persönlichen Schicksalsschlag und damit strukturelle Gründe unsichtbar machen.

Auf Hilfsangebote hinweisen

Meltzer empfiehlt, bei Gewalttaten nicht nur über den Einzelfall zu berichten, sondern immer auch strukturelle Gründe zu nennen. Damit könne man Gesellschaft und Politik sensibilisieren und anderen Betroffenen das Gefühl nehmen, mit ihrer Erfahrung allein zu sein. Und wie es mittlerweile bei Suiziden üblich ist, sollte am Schluss eines Artikels ein Hinweis auf Hilfsangebote folgen. Das könne Betroffene ermutigen, Hilfe zu holen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Die Autorin ist Herausgeberin und Redaktorin der Online-Zeitschrift FrauenSicht.
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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Kritik von Zeitungsartikeln

Printmedien üben sich kaum mehr in gegenseitiger Blattkritik. Infosperber holt dies ab und zu nach.

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8 Meinungen

  • am 15.10.2021 um 12:05 Uhr
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    Es gibt nicht nur mehr Gewalt gegen Frauen – sondern gegen «alle Schwächeren» . Ich finde daher es un-logisch, nur der Gewalt gegen Frauen einen besonders hohen Stellenwert zu geben ! ! !

    Ebenso hat «pure religiöse Erziehung» einen viel zu hohen Wert ! – Denn die Lehre von humanen»Konflikt-Bewältigungs-Strategieen» sollte -mindest- gleich-rangig sein !

    Was nütz uns beste «Festigkeit im Glauben» , wenn man nicht -mindest- gleichermassen lernte, gut, klug, respektvoll, vertrauens-würdig miteinander umzugehen, sich selbst -und seine Mit-Menschen- «zu lieben und zu ehren» ?!

    Insbesondere Flüchtlingen ging auf ihrem leidvollen Weg in die «Freiheit» Hoffnung und Glaube oft verloren. Weil diese auf ihren «Weg» ausgebeutet, und/oder gefoltert und/oder miss-braucht, versklavt und/oder belogen und betrogen wurden und/oder zusehen mussten, wie einige von ihnen übelst «verreckten».
    In Folge davon wird deren «Werte-Verlust» und «verlorener Glaube» für uns «edlere Menschen» zum Problem. UND ? Was tun wir ? — SINN-VOLLES ? ? ?

    Erst mal zusammen-pferchen -schlechter als unsere Nutz-Tiere – anstatt vor-rangig «deren Seele zu heilen» – bevor wir sie wieder «frei laufen lassen» – und wundern uns dann schein-heilig über deren entmensch-lichte Verhaltensweisen !

    Ich meine, dass sich «spezialisierte Organisationen», die sich gegen einzelne Arten von Un-Menschlichkeit, Unter-Drückung und Missbrauch wenden, unter einem «Dach» vereinigen sollten.

    Wolf Gerlach
    scheinbar.org

    2
  • am 15.10.2021 um 12:21 Uhr
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    Wer es noch nicht weiss: Die Alten Medien sind von der Politik und Wirtschaft korrumpierte «Plakatsäulen». Das bringt Geld. Sensationen bringen Klicks – und somit ebenfalls Geld. Viel Geld. Somit wird klar, dass die Alten Medien weder kompetent, noch berufen oder oder erwünscht sind, der «Gewalt hinter verschlossenen Türen» konkret zu begegnen. Wer dieses Thema angehen will, muss in erster Linie berufen sein, Hilfe zu leisten – nicht Kasse zu machen – und sich der Tatsache grassierender psychischer Gewalt bewusst sein. Die Kaskade psychischer Gewalt ist schier endlos:
    Politiker gegen Politiker… Regierung gegen den Volkssouverän, (wie gestern in Bern mit über 1 000 Polizisten filmreif dargestellt wurde)….. Frauen gegen ihre Männer und Kinder…. Männer gegen ihre Frauen und Kinder… Professorinnen gegen ihre Studentinnen…. usw. usf.
    Der Menschheit Fluch ist das. Mit der «Klick Mentalität» der Alten Medien ist diesem Fluch nicht zu begegnen – und endet höchstens als höhere Selbstbefriedigung.
    Meine Provokation: Mütter seid brav, macht aus euern Söhnen gute Männer für eure Töchter…. Männer seid brav, macht aus euren Töchtern gute Frauen für eure Söhne.
    Meine Würdigung: In grossem Mass geling das Werk der braven Mütter und Väter. Wo das nicht geling ist Hilfe angesagt, es darf nicht die Nahrung für die Sensation-Klicks der Alten Medien sein.

    1
  • am 15.10.2021 um 12:52 Uhr
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    Die bedenklichste Lücke in Berichterstattung über Gewalt ist nach meiner meinung dass körperliche und psychische Gewalt von Frauen gegen Männer nicht erwähnt wird, auch nicht in dieses Artikel. Mehr und unbevorurteilte strukturelle Untersuchung wurde das bestimmt ans Licht bringen. In dieser Hinsicht hat Barbara Marti recht. Vielleicht mehr als Sie sich selbst vorstellen könnte.

    3
  • am 15.10.2021 um 17:09 Uhr
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    Morde an Frauen erhalten viel Aufmerksamkeit in den Medien, die alltägliche Gewalt gegen Frauen weniger. Ich erlaube mir, auch Kritische speziell zu den Killergames zu äussern, die Jugendliche beeinflussen und Gewalt, Mord und Krieg generell verharmlosen. Sie auch mein Text: Mords-Spaß | Rubikon

    Der Tages-Anzeiger, die Neue Zürcher Zeitung, 20 Minuten und andere Medien in der Schweiz stellen seit Jahren regelmässig die neuesten Games vor, auch Kriegsspielgames. Shooter-Games sollen harmlos sein, wird uns suggeriert. Postfinance, eine Tochtergesellschaft der Schweizer Post, E-Sportler — unterstützt Computer-Kriegsspiel-Gamer, die an Turnieren teilnehmen — mit 400’000 Franken unterstützte, wie im Blick zu lesen war.
    Medienkonsum beeinflusst Menschen. Die Produktwerbung im Fernsehen steuert das Kaufverhalten im Supermarkt. Das Töten und Verletzen im Rahmen von Killerspielen beeinflusst die Gefühle und Verhaltensweisen im Leben auch. Gewalterfahrungen im realen Leben und in den Medien verstärken sich gegenseitig und führen nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig zu einer positiven Bewertung von Gewalt, kriegerische Auseinandersetzungen werden als normal betrachtet. Auch Soldaten werden heute erfolgreich auf mit Schiesssimulatoren abgerichtet damit sie schnell, automatisch reagieren und nicht danebenschiessen.
    «America’s Army“ ist ein Computer-Kriegsspiel das von der US-Armee, ausschliesslich zur Propaganda und Rekrutierung entwickelt wurde.

    0
    • am 16.10.2021 um 06:11 Uhr
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      So ist ES mit dem «spielerischen Töten» !

      Als man Wehrpflicht einführte gab es anfangs das Problem, dass die «unfreiwilligen Soldaten» zuwenig «Killer-Instikt» hatten.
      Es klappte gerade noch, auf entfernte Ansammlungen von «feindlichen Menschen» zu schiessen. Aber «Auge in Auge» gab es Probleme damit, andere Menschen zu töten.

      Bis die Führung gelernt hatte, die Soldaten erst einmal zu de-sensibilisieren, indem diese auf «Pappkameraden» schossen oder ein-stachen. Womit die Hemmungen, feindliche Menschen aus der Nähe zu töten, klein wurden.

      Sicher ist, dass auch Computer-Kriegs-Spiele ihre Spieler desensibilisieren, also «gefühlskalt» gegenüber dem tatsächlichen, realen Töten anderer Menschen machen. r Jugendlichen unterschwellig beibringen, dass man besser vorwärtskommt, wenn man Andere tötet ist eine schlimme Sache ! ! !

      Man kann auch gewinnen, ohne zu töten – und einzig diese Botschaft gehört verbreitet !
      Krieg und Töten ist, wenn zu doof, sich vernünftig zu verständigen ! ! !

      Kriegs-Spiele sind KEINE SPIELE – sondern ein hinterlistiges, gemeines Ab-Töten menschlicher Gefühle ! Eine Ent-Menschlichung unsrer Kinder !

      Man sollte Warnhinweise aufdrucken – ähnlich Zigaretten-Schachteln- und sich auch «weichere» Massnahmen erdenken, damit der KriegsSpielVerkauf zurückgeht.
      Verbote wären so un-wirksam bis kontra-produktiv, wie Alkohol-Verbote (Prohibition).
      Sinnvoller wäre, gute, harmlosere «Konkurrenz»-Spiele staatlich fördern..

      Wolf Gerlach
      scheinbar.org

      0
  • am 15.10.2021 um 20:16 Uhr
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    Medien sollten weder über Gewalttaten, noch über Suizide berichten. Berichte über Gewalt sind Kopiervorlagen, je mehr Bericht, je mehr Tat. Keine Berichte, weniger bis keine Tat.
    Das gilt für alle Persönlichkeitsstörungen, ob ADHS, Querulantentum oder Depression, alles wird nur nachgeahmt und unsere sensationsheile Kultur ist voller Vorlagen dafür.

    3
  • am 20.10.2021 um 09:11 Uhr
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    Etwas habe ich nie verstanden, bitte könnte mir jemand erklären: Warum befinden sich Frauen bei Gewalttätern und bleiben dort statt (nachhaltig) zu flüchten? Eine junge Frau erzählte, ihr Vater habe sie oft geschlagen, bloss, nun wo sie erwachsen ist, hat sie einen Freund, der sie ebenfalls schlägt. Zudem habe ich den Eindruck, dass Frauen tendenziell «harte Kerle» faszinieren im Sinne von Gewalt verschiedener Art, auch die Rambos in lauten Autos scheinen regen Zuspruch zu geniessen. Warum emanzipieren (distanzieren) sich die Frauen denn nicht von solchen Typen, die würden dann alleine dastehen mit ihrer Angeberei ohne dankbares Publikum. Boykott.

    0
    • am 21.10.2021 um 17:04 Uhr
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      vielleicht mag das Buch von Arno Grün «Wider den Gehorsam» den notwendigen Einblick bzw. Ansätze der Antwort auf die gestellten Fragen liefern.
      Leider werden jungen Menschen viel zu selten mit solch (ge)wichtige Werke beschenkt, bzw. es bedarf es Raum und Zeit um die gewonnen Erkenntnisse auch im eigenen Leben zu integrieren. Andererseits werden die sanften Fortschritte in der Gesellschaft oftmals übersehen, weil ja (noch) «nur das Laute» über genügend Aufmerksamkeit erhält.

      0

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