Kommentar
Social Media: Kluge Regulierung ist notwendig
Kinderschutz im Bereich digitaler Medien ist ein heisses Thema. Australien hat Social Media für unter 16-Jährige verboten, mehrere europäische Länder prüfen ähnliche Schritte. Auch Handyverbote an Schulen werden intensiv diskutiert. In der Schweiz haben Kantone wie Aargau, Nidwalden und Wallis solche Verbote während des Unterrichts und der Pausen bereits eingeführt. Die Volksinitiative «Zum Schutz der Grundrechte und der Demokratie im digitalen Raum» kommt deshalb zur richtigen Zeit, gerade weil sie sich nicht allein auf Kinder und Jugendliche bezieht.
Verbote werden überwiegend begrüsst
Die allgemeine Stimmung zu Verboten ist deutlich positiv: So befürworteten laut einer Umfrage des Schweizer Markt- und Meinungsforschungsunternehmens Link vom Dezember 92 Prozent der Befragten ein Handyverbot für den Unterricht an Primarschulen und 81 Prozent für die Oberstufe. Zu den Ergebnissen trägt auch das nagende, schlechte Gewissen der Erwachsenen bei. Eine Studie der deutschen Bitkom e.V. kommt zum Schluss, dass sich weniger als die Hälfte der Eltern (48 Prozent) selbst für ein gutes Vorbild im Umgang mit digitalen Geräten halten. Die Mutter einer 12-Jährigen dazu: «Ich merke selber, dass ich mit vielen Freundinnen nur noch am Handy chatte. Das möchte ich bei meinen Kindern vermeiden.»
Auch viele Fachleute befürworten solche Verbote – vor allem aus medizinisch-psychologischer Sicht. Nach ihrer Meinung ist bei Kleinkindern eine frühe Smartphone-Nutzung mit Defiziten im Spracherwerb verbunden. Wer mehr als 60 Minuten pro Tag mit digitalen Medien verbringt, zeige zudem sehr viel häufiger Hyperaktivität und Konzentrationsstörungen. Dass kleine Kinder besonders verletzlich sind, ist nachvollziehbar. Eltern, die schon vor Beginn der Primarschule ihre Kinder vor Tablets oder Handys setzen, um nicht selbst eine gute Nachtgeschichte zu erzählen, tu,n ihren Kindern nichts Gutes. Auch dann nicht, wenn ein Chatbot mithilft: Durch KI wird Lernen eher ersetzt als dass es unterstützt wird.
Die Brückenfunktion der Schulen
Trotzdem sind Totalverbote problematisch. Befürworter orientieren sich oft am Vorbild des Fahrausweises mit einem Mindestalter von 18 Jahren. Doch digitale Medien sind kein Auto: Sie durchdringen den Alltag von Kindern und Jugendlichen so stark, dass der Umgang mit ihnen viel früher erlernt werden muss.
Auch für Jugendliche gilt, dass Tickets für Bus, Bahn und oft auch für Veranstaltungen fast nur noch über Handy oder Karte erhältlich sind. Man kann meist nicht einmal mehr ohne Handy weggehen, denn sogar wenn man in einem Geschäft mit einer Kreditkarte bezahlt, wird man immer häufiger aufgefordert, zusätzlich noch einen Code am Handy anzugeben. Und nachdem die alten Lexika seit langem aus den Bibliotheken verschwunden sind, kommen auch Primar- und Sekundarschüler kaum mehr darum herum, Wissen auf digitalen Wegen abzufragen.
Wenn es gelänge, Kinder von allen Medien fernzuhalten, wäre der Schock noch viel grösser. Denn mit einem Mal würde an einem bestimmten Datum die ganze digitale Welt über sie hereinstürzen. Die Schulen sollten sich deshalb nicht aus dem Medienzeitalter heraushalten und in ein analoges Bullerbü flüchten. Vielmehr übernehmen sie im 21. Jahrhundert eine Brückenfunktion, um auf sinnvolle Weise an die digitale Welt heranzuführen.
Diese Brückenfunktion ist auch deshalb wichtig, weil viele Jugendliche technikaffin sind und oft sogar zu den Vorreitern neuer Entwicklungen gehören. Der 14-jährige Pascal findet neue Technik bis hin zur KI «affengeil». In einem Modegeschäft liebt er die neuen Selbstbedienungskassen. Er muss nicht mehr lange zum Bezahlen anstehen, sondern legt die Ware in eine Wanne, wo sie dann automatisch mit der Karte abgebucht wird. Modevorbilder entdeckt er nicht mehr in Magazinen, sondern bei Influencern oder Kunden in TikTok-Videos. Blosse Verbote reichen nicht aus, um der raffinierten Verführung durch Algorithmen zu entgehen.
Auch Erwachsene zeigen Suchtverhalten
Die Abhängigkeit von digitalen Medien ist allerdings nicht allein das Problem Heranwachsender. Auch bei Erwachsenen wirft die Digitalisierung das gewohnte Leben durcheinander. Erwachsene sind mindestens so abhängig vom Handy wie ihre Kinder. Man muss nur einmal mit dem Zug von Zürich nach Bern fahren. Da wird nicht mehr wie früher Zeitung gelesen, und auch die Gespräche im Zugabteil sind verstummt. Wir alle sitzen hinter unseren Smartphones und sind weit weg vom Ort des aktuellen Geschehens. Das Handy ist immer und überall ganz nahe am Körper dabei – als kostbares «Wearable», das nicht aus dem Blick geraten darf.
Wissenschaftliche Studien bestätigen die Grundproblematik. So stellte das «Deutsche Gesundheitsbarometer» kürzlich fest, dass über ein Viertel der Befragten ein suchtartiges Nutzungsverhalten der Social Media aufwies. Diese gehören für nahezu alle Erwachsenen zum Alltag. Über 96 Prozent der Deutschen nutzen Plattformen wie Instagram, TikTok oder Messenger-Dienste – im Schnitt drei Stunden und 18 Minuten täglich. Auch Arbeitszeit ist für viele Menschen vor allem Bildschirmzeit.
Die Bedeutung der Techkonzerne
Auch wenn der Schutz von kleinen Kindern über Verbote berechtigt ist, reicht es nicht, allein den Zugang zu digitalen Medien einzuschränken. Entscheidend ist es vielmehr, die Strukturen der Plattformen zu regulieren. Sie müssen dazu gezwungen werden, exzessives Posten oder Reagieren zu begrenzen.
Denn das Geschäftsmodell vieler Tech-Konzerne beruht auf der sogenannten «Attention Economy». Um erfolgreich zu sein, müssen die Techkonzerne die Aufmerksamkeit an ihre Plattformen möglichst lange binden und ihre Kunden abhängig machen. Dazu gehören zum Beispiel Glücksspiele, mit denen Firmen wie Temu ihre Kunden zu immer neuen Kaufanreizen führen. Aber auch KI kann problematisch werden, wenn zum Schluss immer noch eine neue Frage gestellt wird, um die Benutzerinnen oder Nutzer an sich zu binden.
Kluge Regulierungen sind gefragt
Nationale Verbote und Regulierungen stossen aber schnell an Grenzen. Denn sie werden von globalen Tech-Giganten unterlaufen. Während Europa und Australien strenge Leitplanken fordern, lehnt die US-Regierung unter Donald Trump mit seiner Tech-Lobby im Hintergrund möglichst alle Einschränkungen ab. Das hat gerade die KI-Firma Anthropic erfahren. Ihr Chef Dario Amodei hatte gewarnt, dass künstliche Intelligenz es möglich mache, über das Netz verstreute Daten einzelner Menschen zu einem Abbild ihres Lebens zusammenzusetzen. Deshalb sollen nun dieser Firma die staatlichen Aufträge entzogen werden.
Vor diesem Hintergrund gewinnen politische Initiativen an Bedeutung, welche die strukturellen Probleme digitaler Plattformen betonen. Die neu angekündigte Volksinitiative «Zum Schutz der Grundrechte und der Demokratie im digitalen Raum» weist in diese Richtung – auch wenn sie ihren Fokus derzeit stark auf Kinder legt.
Langfristig wird der Schutz von Kindern und Erwachsenen aber nicht durch einfache Verbote erreicht werden. Entscheidend sind kluge Regulierungen, die verhindern, dass Plattformen systematisch Abhängigkeiten erzeugen. Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob digitale Medien Teil unseres Alltags sind – sondern unter welchen Regeln dieser digitale Raum funktioniert.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Heinz Moser war bis 2013 Professor für Medienpädagogik an der PH Zürich.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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