Jürgen Habermas

Jürgen Habermas © SRF

Herrschaftsfreier Diskurs als «Weihwasser»

Jürg Müller-Muralt /  Die NZZ publiziert gleich drei Nachrufe auf Jürgen Habermas: zwei sachkundig-erhellende und einen herablassend-polemischen.

Das ist wohl ein exemplarischer Fall von journalistischer Ausgewogenheit: Die NZZ publizierte in den letzten Tagen gleich drei Nachrufe auf den deutschen Philosophen Jürgen Habermas. Für Stefan Müller-Dohm, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Oldenburg, gehört Habermas «zum erlesenen Kreis von Philosophen, die als Weltautoren gelten dürfen». Und NZZ-Redaktor Thomas Ribi schreibt: «Er war nicht nur ein grosser Philosoph, sondern der vielleicht wirkungsmächtigste ‹public intellectual› seiner Generation.»

Das war wohl für den früheren NZZ-Feuilleton-Chef Martin Meyer zu viel: Er durfte in der NZZ eine regelrechte Dekonstruktion und Herabstufung von Habermas nachschieben.

«Virulente Priesterherrschaft»

In einem einzigen Punkt gab es ein vergiftetes Lob von Meyer: «Gäbe es für Philosophen den Lorbeer für Ehrgeiz und Fleiss, so wäre Jürgen Habermas, der am vergangenen Samstag im biblischen Alter von 96 Jahren in Starnberg gestorben ist, ein Preisträger allerersten Ranges gewesen.» Denn es erschienen «unentwegt Bücher, die das bekannte Thema variierten und in immer neuen Anläufen zu entfalten versuchten.» Habermas’ berühmt gewordene «Formel vom herrschaftsfreien Diskurs wurde zum Weihwasser für alle möglichen und unmöglichen Formen von Konfliktlösung». Wie auch immer: Habermas «stellte für die damals noch virulente Priesterherrschaft der Intellektuellen die ultimative Referenz dar».

«Geistige Zierde für Antiquariat»

Meyer bezeichnet Habermas «als Moralisten für unsere Zeit. Der frühe Merkel-Staat bildete das Fundament für die Apotheose solcher Berufung.» Und gegen «Moralisten» ist Meyer immer wieder zu Felde gezogen. Dass gerade Habermas ein teilweise kritisches Verhältnis zu Angela Merkel hatte, ist dem Autor offenbar entgangen: Der «cleveren Kanzlerin» wirft Habermas in seinem Buch «Im Sog der Technokratie» von 2013 «tranquillistisches Herumwursteln» vor, sie mogle sich mit klarem Verstand, «aber ohne erkennbare Grundsätze durch und entzieht der Bundestagswahl zum zweiten Mal jedes kontroverse Thema, ganz zu schweigen von der sorgfältig abgeschotteten Europapolitik».

Aber es geht Martin Meyer ja nicht um eine differenzierte Würdigung eines grossen Intellektuellen, sondern ums Fertigmachen. Und so prophezeit er Habermas’ Werk, dass es «wohl in absehbarer Zeit bald jedem Antiquariat zur geistigen Zierde gereichen wird».

Nie im Elfenbeinturm

Zeit seines Lebens äusserte sich Habermas zu politischen, besonders europapolitischen, Themen. Als einer der weltweit bekanntesten und meistbeachteten Philosophen und Soziologen der Gegenwart hat er sich nie mit dem akademischen Elfenbeinturm zufriedengegeben. Seine Buchtitel sind teilweise gar zu festen Redewendungen geworden, etwa «Die neue Unübersichtlichkeit», «Erkenntnis und Interesse» oder «Strukturwandel der Öffentlichkeit». Er hat die intellektuelle Debatte in Deutschland weit über akademische Kreise hinaus geprägt – und tut es immer noch. In Indien und in China, so schreibt Stefan Müller-Dohm in seinem Nachruf, haben seine Thesen zum Völkerrecht Aufsehen erregt, nicht selten zum Unmut der politischen Eliten.

Meyer passt besser in den Zeitgeist

Habermas‘ Appelle mögen nicht immer ganz in der harten Wirklichkeit geerdet sein, seine Hoffnung auf die Kraft der Vernunft ebenfalls nicht. Doch wer diese hohen Ansprüche an die demokratische Auseinandersetzung völlig aufgibt, der gibt die Demokratie an sich auf. Aber die Demokratie ist auch die Staatsform der Geduld, und selbst in aufgeklärt-liberalen Gesellschaften setzen sich rationale Argumente selten in Reinkultur durch; ganz einfach deshalb, weil Politik auch in der perfektesten Demokratie nicht im keimfreien Raum der Vernunft stattfindet, sondern immer auch im Dunstkreis knallharter Interessen. Deshalb sind scharfsinnige Analytiker und Mahner vom Schlag eines Jürgen Habermas so unverzichtbar. Wer sich über eine solche Persönlichkeit derart abschätzig äussert wie Martin Meyer, passt wohl in der Tat besser zum Zeitgeist der Demokratieverachtung als ein Philosoph der Vernunft.


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