Kommentar

Fachkräftemangel und Berufsbildung: Parmelin setzt sich durch

Rudolf Strahm © zVg

Rudolf Strahm /  Das Schweizer Parlament hat eine Reform zur Aufwertung der höheren Berufsbildung beschlossen. Ein Erfolg für Guy Parmelin.

Red. – Dies ist ein Gastbeitrag von Rudolf Strahm, ehemaliger Preisüberwacher und alt SP-Nationalrat. Sein Artikel erschien zuerst in der «Handelszeitung».

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In der eben beendeten Parlamentssession verabschiedeten die eidgenössischen Räte fast oppositionslos eine wichtige Weichenstellung gegen den Fachkräftemangel: Sie beschlossen die Höhere Berufsbildung – die derzeit begehrteste Berufskategorie im Arbeitsmarkt – aufzuwerten und attraktiver zu machen. Diese Reform kann man einzig dem Wirtschafts- und Bildungsminister Guy Parmelin zuschreiben.

Freilich ist dieser Entscheid im medialen Getöse der Finanzdebatten und der politischen Symbolaktionen um Chlorhühner, Trump-Geschenke und Gleichstellungsbüro-Stellen von den Medien kaum beachtet worden. 

Es ging um die Aufwertung der Höheren Berufsbildung mit den neuen, eidgenössisch anerkannten Berufs-Zusatztiteln des «Professional Bachelor» und «Professional Master», welche die bisherigen und neuen Absolventen zukünftig für sich nutzen können. Bei der Richtungswahl «Gymnasium oder Berufslehre?», welche Eltern und Jugendliche häufig umtreibt, spielen heute die Titel in späteren Berufskarrieren eine matchentscheidende Rolle. 

Die begehrtesten Fachkräfte

Jährlich erwerben rund 29‘000 jüngere Fachkräfte nach ihrer Berufslehre in einer Höheren Fachschule HF (nicht zu verwechseln mit FH, also der Fachhochschule) oder mit eidgenössischen Berufsprüfungen und Höheren Fachprüfungen (die früheren Meisterprüfungen) eine höhere Qualifikation in den neusten Technologien und Verfahren. Diese Absolventen sind die tragenden mittleren Kader in der Privatwirtschaft. Es sind die Teamvorgesetzten, Techniker, Poliere, die als betriebliche Leiter beides – das praktische Knowhow und das technische Fachwissen – verbinden können. 

Alle Arbeitsmarktindikatoren zeigen, dass heute die Absolventen der Höheren Berufsbildung die begehrtesten Fachkräfte sind, begehrter als etwa Universitätsabsolventen, die heute mit geistes- und sozialwissenschaftlichen Uni-Titeln in der «Akademisierungsfalle» stecken (so lautete mein Buchtitel 2014).

Dreizehnjähriges Gerangel

Seit 13 Jahren war die Titelaufwertung und Titeläquivalenz mit dem «Professional Bachelor» ein parlamentarisches Thema. Die erste Motion von Nationalrat Matthias Aebischer von 2012 wurde – gegen den Bundesrat Johann Schneider-Ammann – vom Nationalrat zwar angenommen, danach aber vom Ständerat abgelehnt. Das gleiche wiederholte sich später erneut. Die Hochschul- und Universitätsszene bekämpfte die Titeläquivalenz immer aus egoistischen, standespolitischen Gründen.

Bundesrat Schneider-Ammann, der sich sonst stark für die Berufslehre engagierte, konnte sich gegen seinen Parteifreund und Direktor des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) Mauro dell’Ambrogio und gegen einige Hochschullobbyisten in seiner Partei nicht durchsetzen. 

Ein deutscher CDU-Politiker spurte vor

Doch in den anderen Berufsbildungsländern, in Skandinavien, Deutschland und Österreich bewegte sich was. Im Hinblick auf die deutsche Bundestagswahl 2017 organisierte der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Michael Kretschmer mit Hilfe der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Gewerkschaften in Berlin Seminare zur Titelaufwertung – der Schreibende war als Experte eingeladen. Nach der Bundestagswahl ging es mit der Einführung des deutschen «Bachelor professional» schnell. Der gelernte Elektroniker Kretschmer ist heute Ministerpräsident im Bundesland Sachsen und gilt als kommender Mann in der CDU. 

In der Schweiz blieben die Widerstände unverändert. Erst nachdem Bundesrat Guy Parmelin 2019 Chef des Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung geworden war, bewegte sich etwas. In zwei Lehrstellenkonferenzen hörte er aufmerksam zu und stellte fest, dass Gewerbe und Berufsorganisationen längst auf eine Titelaufwertung drängten, vor allem auch für Bewerbungen im Ausland und für unbedarfte HR-Leute, die das Berufsbildungssystem nicht kennen. 

Dann sprach Parmelin ein Machtwort. Die SBFI-Bürokratie gab ihren Widerstand auf. Der verantwortliche Gegner Rémy Hübschi «spurte»; und nach erneuten zeitverzögernden Gutachten und zwei Vernehmlassungen wurde die Vorlage 2025 parlamentsreif. 

Bundespräsident Guy Parmelin
Guy Parmelin nach seiner Rekordwahl zum Bundespräsidenten 2026.

Parmelin ist bescheiden und ein guter Zuhörer

Bundesrat Guy Parmelin, der sich im bundesrätlichen Narzissten-Haifischbecken nie vordrängte, wurde stets ein bisschen verkannt. Die «NZZ» bezeichnete den bescheidenen Waadtländer Winzer kürzlich als einen gutmütigen «Papa Moll». Doch nun konnte er Erfolge vorweisen: die neuen Freihandelsabkommen mit Indien und Mercosur, oder die vorläufige Stilllegung des Zollstreits, auch mit Einsatz der von ihm ausgewählten Seco-Chefin Helene Budliger Artieda; zuletzt auch das seit vierzig Jahren beste Resultat bei der Wahl zum Bundespräsidenten.

Der bescheidene Parmelin ist kein Papa Moll. Er ist Zuhörer und kein Blender. Nun muss er als Bundespräsident nächstes Jahr und später die ungelösten Demokratiedefizite im EU-Dossier oder ebenso die blockierte Wohnbaupolitik angesichts der starken Zuwanderung angehen. Die Glaubwürdigkeit und Akzeptanz sind derzeit auf seiner Seite.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Rudolf Strahm ist ehemaliger SP-Nationalrat und eidgenössischer Preisüberwacher. Er wirkte von 1991 bis 2004 als Präsident des Deutschschweizer Mieterverbandes sowie sieben Jahre als SP-Zentralsekretär.
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