Die «Big Four» kontrollieren die Bilanzen fast aller Grossunternehmen und beraten sie gleichzeitig © ARD
Die Gesetzesvorschläge der EU-Kommission… © ARD
…und was davon übrig bleibt © ARD

EU kapituliert vor Macht der Wirtschaftsprüfer

Red. / 19. Aug 2015 - «Monitor»-Recherchen zeigen, wie die Finanzlobby Gesetze macht, die dem eigenen Zweck und millardenschweren Unternehmen dienen.

Sie arbeiten weitestgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit, aber ihre Macht ist riesig: Die vier grossen Wirtschaftsprüfer KPMG, Deloitte, Ernst&Young und Price Waterhouse Coopers kontrollieren die Bilanzen von nahezu allen wichtigen Aktiengesellschaften in Deutschland. Mehr noch: Gleichzeitig sind die «Big Four» für die geprüften Banken und Grossunternehmen auch als Berater aktiv. Ein Milliardengeschäft, aber auch ein klassischer Interessenkonflikt.

Wohin das führen kann, hat die Finanzkrise im Jahr 2008 gezeigt. Eine Bank nach der anderen geriet ins Trudeln. Keiner hatte auf Risiken hingewiesen, keiner hatte gewarnt. Auch nicht die Finanzprüfer, die die Gefahren in den Bilanzen eigentlich hätten erkennen müssen. Die «Big Four» hatten vor der Finanzkrise den zweifelhaften Investmentbanken Bestnoten verliehen – zum Schaden der Anleger und der Steuerzahler.

Ein Insider, der als Wirtschaftsprüfer für die «Big Four» arbeitet, berichtet im ARD-Magazin «Monitor» von den Geschäftspraktikten der Branche: «Alle, die da arbeiten, wissen, dass man bei den Prüfungen manchmal nicht genau hinguckt und nicht über die Risiken spricht, um die Berateraufträge nicht zu gefährden.» Und daran werde sich auch nichts ändern, solange die «Big Four» den Markt beherrschen.

Nach dem Bankenkollaps riefen fast alle Politiker und EU-Gremien nach strengeren Regeln für die Wirtschaftsprüfer.

Die Gesetzesvorschläge der EU-Kommission…

Die Hauptpunkte des Gesetzesvorhabens: Ein striktes Verbot, gleichzeitig zu prüfen und zu beraten, die Prüfung durch mindestens zwei Prüfungsgesellschaften und ein Wechsel der Prüfer nach spätestens sechs Jahren.

Die Branche wehrte sich vehement gegen eine neue Regulierung. «Monitor» deckte auf, wie Lobbysten der «Big Four» in Brüssel weibelten und die Politiker einseiften. Offensichtlich haben sie ganze Arbeit geleistet.

…und was davon übrig bleibt

Von den ursprünglichen Vorschlägen der EU-Kommission ist nicht mehr viel übrig geblieben: Das Vier-Augen-Prinzip und das Verbot, gleichzeitig zu prüfen und zu beraten sind gestrichen. Aus dem Wechsel der Prüfer nach sechs Jahren wurde ein Wechsel nach 20 Jahren.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

«Monitor» vom 13.8.2015
DOSSIER: «Macht und Einfluss von Lobbys»

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5 Meinungen

Gut dass es infosperber gibt, damit wir immer wieder auf solche Machenschaften hingewiesen werden. Bravo!
Helmut Scheben, am 19. August 2015 um 11:51 Uhr
Ich vermute, das Problem der EU besteht nicht darin, dass sie zu schwach wäre, sondern darin, dass in ihren eigenen Reihen zu viele Leute sind, die eigentlich für die Interessen der grossen Firmen arbeiten.
Daniel Heierli, am 21. August 2015 um 22:20 Uhr
Dass in den Reihen der EU zu viele Leute sind, die für die Interessen der grossen Firmen, das heisst der Konzerne und Multis arbeiten,.... Das nennt man wohl Korruption?
Ruth Obrist, am 22. August 2015 um 22:03 Uhr
Das ist allerdings keineswegs nur in der EU ein Problem. In der Schweiz müssen die Parteien ihre «Zuwendungen» nicht einmal deklarieren. Nennt man es immer noch Korruption, wenn es legal ist?
Daniel Heierli, am 22. August 2015 um 22:43 Uhr
@ Daniel Heierli
Nein, legale Korruption nennt man Lobbying. Die EU-Menschen haben sicher nicht gratis und einfach nur weil die Firmenvertreter so gut redeten auf die Forderung neuer Regelungen verzichtet. Alle Menschen werden schwach, wenn sie zu viel Macht bekommen und in einem versumpften Umfeld agieren.
Christof Aepli, am 17. Mai 2016 um 17:10 Uhr

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