Reserva, ein Camp vertriebener und jetzt landloser Bauern in Südbrasilien © cm

Die Zukunft gehört den Kleinbauern, nicht den Monokulturen (3)

Miguel A.Altieri / 02. Jul 2018 - Um wieder grössere Teile der Landwirtschaft den Kleinbauern zuzuführen, braucht es auch Reformen im politischen Bereich.

Red. Miguel A. Altieri ist Professor der Agrarökologie an der University of California in Berkeley und Autor zahlreicher Artikel und Bücher über Agrarökologie. Darüber hinaus hilft er, Programme für nachhaltige Landwirtschaft in Lateinamerika und anderen Regionen der Welt mit der UNO und mit engagierten NGO’s zu koordinieren und zu fördern.
Ein erster Teil dieses Artikels erschien auf Infosperber am 27. Juni und ein zweiter Teil am 29. Juni. Sie zeigten auf, warum die Kleinbauernbetriebe in der Summe produktiver sind als grosse Monokultur-Landwirtschaftsbetriebe und warum sie auch auf klimatische Veränderungen besser reagieren können.

Es geht nicht ohne politische Veränderung

Ob das Potential agroökologischer Innovationen und deren Verbreitung genutzt wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab und erfordert grössere Änderungen der Politik, vieler Institutionen und der Forschung und Entwicklung. Agroökologische Vorschläge müssen bewusst auch auf die Problematik der Armut eingehen und nicht nur darauf zielen, die Produktion zu steigern und die natürlichen Ressourcen zu erhalten. Sie müssen Beschäftigung und auch besseren Zugang zur lokalen Versorgung und zu lokalen Märkten schaffen. Jeder seriöse Versuch, nachhaltige landwirtschaftliche Technologien zu entwickeln, muss lokales Wissen und Fähigkeiten im Forschungsprozess hervorbringen (21).

Ein Schwerpunkt muss bei der Formulierung des Forschungsprogrammes die direkte Einbeziehung der Bauern sein. Ihre aktive Beteiligung am Prozess der technologischen Innovation und der Austausch von Erfahrungen durch direkte Bauer-zu-Bauer-Verbreitung kann lokale Forschung stärken und erkannte Probleme lösen helfen. Der agroökologische Prozess benötigt die Beteiligung der Bauern und die Erweiterung ihres ökologischen Verständnisses für ihren Hof und dessen Ressourcen nicht zuletzt auch mit dem Ziel, ländliche Gemeinschaften zu erneuern und zu stärken (22).

Es müssen auch gerechte Marktmöglichkeiten geschaffen werden, die den lokalen Verkauf und die Verteilung stärken, gerechte Preise schaffen und weitere Mechanismen erzeugen, die die Bauern näher zusammenrücken lassen und sie direkter und mit mehr Solidarität mit der übrigen Bevölkerung zusammenbringen. Die ultimative Herausforderung ist die Intensivierung der Forschung und sind höhere Investitionen in agroökologische Projekte, von denen schon Tausende von Bauern profitiert haben.
Dies wird bedeutende Auswirkungen auf das Einkommen und die Ernährungssicherheit haben und eine gesunde Umwelt für die gesamte Bevölkerung schaffen – zum Vorteil nicht zuletzt auch jener Kleinbauern, die durch die moderne konventionelle Landwirtschaftspolitik, durch moderne Technologie und durch die zunehmende Durchdringung der Dritten Welt durch die multinationale Agrarindustrie – Bayer/Monsanto lassen grüssen, Red. – bereits geschädigt worden sind (23).

Ländliche Sozialbewegungen, Agroökologie und Ernährungssouveränität

Die Entwicklung zu einer nachhaltigen Landwirtschaft wird signifikante Strukturwechsel benötigen, zusätzlich zu technologischen Innovationen, Bauer-zu-Bauer-Netzwerken und der Solidarität zwischen Bauer und Konsument. Der benötigte Wechsel ist unmöglich ohne Sozialbewegungen, die den politischen Willen unter den Entscheidungsträgern schaffen, die aktuellen Institutionen und Regularien abzubauen und zu transformieren, die bisher eine nachhaltige Entwicklung der Landwirtschaft aufgehalten haben. Es benötigt eine radikalere Veränderung der Landwirtschaft, geführt von der Erkenntnis, dass ein Wechsel der Landwirtschaft ohne Änderungen der sozialen, politischen, kulturellen und ökonomischen Bedingungen, die die Landwirtschaft bestimmen, nicht möglich ist.

Die Bauernorganisationen und die auf den Einheimischen basierten landwirtschaftlichen Bewegungen, wie zum Beispiel die internationale Bauernbewegung La Via Campesina und die brasilianische Bewegung Landloser Bauern (MST), haben schon lange damit argumentiert, dass Bauern Land für die eigene Lebensmittelproduktion ihrer Gemeinschaft und ihres Landes benötigen. Deswegen plädieren sie auch für echte Agrarreformen, die Zugang und Kontrolle zu Land, Wasser und Biodiversität schaffen und die von zentraler Bedeutung für Gemeinschaften sind, um der steigenden Nachfrage nach Lebensmitteln zu begegnen.

Via Campesina ist davon überzeugt, dass, um Lebensgrundlagen, Jobs, Ernährungssicherheit und Gesundheit zu erhalten und um die Umwelt zu schützen, die Lebensmittelproduktion in die Hände von nachhaltigen Kleinbauern gehört und nicht in die Hände der Agrarindustrie und der Supermarktketten. Nur durch den Wechsel weg von der exportorientierten, freihandelsbasierten industriellen Landwirtschaft grosser Betriebe kann die Abwärtsspirale von Armut, niedrigen Löhnen, Landflucht, Hunger und die damit zusammenhängende Zerstörung der Umwelt gestoppt werden. Ländliche Sozialbewegungen erfassen das Konzept der Ernährungssouveränität als eine Alternative zum neoliberalen Ansatz, der auf einen ungerechten internationalen Handel vertraut, um das globale Lebensmittelproblem zu lösen. Stattdessen fokussieren sie auf lokale Autonomie, lokale Märkte, lokale Produktions-Konsumations-Kreisläufe, Energie- und technologische Souveränität sowie auf Bauer-zu-Bauer-Netzwerke.

Weg von der Exportorientierung!

Die Grüne Revolution zu „begrünen“ wird nicht ausreichen, um Hunger und Armut zu reduzieren und die Biodiversität zu erhalten. Wenn die Probleme Hunger, Armut und Ungleichheit nicht an der Wurzel gepackt werden, werden die politischen Spannungen zunehmen und den Druck auf eine sozial gerechtere Entwicklung und auf eine ökologisch solide Erhaltung der Landwirtschaft erhöhen. Biologische Anbausysteme, die die vorherrschende Art der monokulturellen Bepflanzung aber nicht ablehnen und von externen Inputs abhängig sind oder auf fremde und teure Zertifikationssiegel und fairtrade-Systeme setzen, dabei aber exportorientiert bleiben, haben Kleinst- und Kleinbauern kaum etwas zu bieten. Diese werden damit erst recht von externer Unterstützung und ausländischen und volatilen Märkten abhängig.
Die Bauern müssen motiviert werden, ein landwirtschaftliches Ökosystem zu schaffen, das sie von externen Abhängigkeiten wegführt. Nischenmärkte für Reiche im Norden führen zu den gleichen Problemen wie die generelle Ausrichtung auf den Exportmarkt. Sie schaffen keine Ernährungssouveränität, sondern verlängern und festigen im Gegenteil die Abhängigkeit und den Hunger.

Ländliche Sozialbewegungen verstehen, dass der Abbau der industriellen Agrarwirtschaft und die Wiederherstellung lokaler Nahrungssysteme durch den Aufbau agroökologischer Alternativen so begleitet werden müssen, dass sie den Bedürfnissen der Kleinproduzenten und auch der armen nicht-bäuerlichen Bevölkerung entsprechen und sich der Kontrolle der Produktion und Konsumation durch Grossunternehmen entgegenstellen. In Anbetracht der Dringlichkeit der Probleme der Landwirtschaft braucht es Allianzen zwischen Bauern und zivilgesellschaftlichen Organisationen (unter Einbeziehung der Konsumenten) und es braucht auch relevante und engagierte Forschungseinrichtungen.

Die Entwicklung hin zu einer sozial gerechteren, ökonomisch profitablen und trotzdem umweltverträglichen Landwirtschaft kann nur das Resultat koordinierter Aktionen aufkommender ländlicher Sozialbewegungen in Allianz mit zivilgesellschaftlichen Organisationen sein, die sich für die Ziele dieser Bauernbewegungen einsetzen. Unter dem konstanten politischen Druck von organisierten Bauern und anderen Akteuren werden die Politiker – so die Hoffnung – offener und zugänglicher für die Entwicklung von politischen Richtlinien, mit denen die Ernährungssouveränität, die Erhaltung der natürlichen Ressourcen, eine höhere soziale Gerechtigkeit und eine ökonomisch lebensfähige Landwirtschaft garantiert werden kann.

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Die Übersetzung dieses Beitrags aus dem Englischen besorgte Stephan Klee. Herzlichen Dank!

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FUSSNOTEN:

21 ↩ P. Richards, Indigenous Agricultural Revolution (Boulder: Westview Press, 1985).
22 ↩ E. Holt-Gimenez, Campesino a Campesino (Oakland, Food First Books, 2006).
23 ↩ P. M. Rosset, R. Patel, and M. Courville, Promised Land(Oakland: Food First Books, 2006).

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Miguel A. Altieri ist Professor der Agrarökologie an der University of California in Berkeley und Autor zahlreicher Artikel und Bücher über Agrarökologie. Darüber hinaus hilft er, Programme für nachhaltige Landwirtschaft in Lateinamerika und anderen Regionen der Welt mit der UNO und mit engagierten NGO’s zu koordinieren und zu fördern.

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