Ruag_Munition_BRASIL_Front-1

Der Bundesbetrieb RUAG will im tötungsreichen Brasilien eine Munitionsfabrik bauen © cc

Die Schweiz will ausgerechnet in Brasilien Munition produzieren

Thomas Kesselring /  Herr Bundesrat, stellen Sie sich vor, in Langenthal würden jedes Jahr fünf Personen erschossen. Und Sie sorgen für die Munition.

Im Dezember 2017 wurde bekannt, dass der Bundesrat in Brasilien eine grosse Fabrik zur Herstellung von Munition plant. Es handelt sich um eine Tochterfirma der RUAG, die zu 100 Prozent der Eidgenossenschaft gehört. Wer Brasilien nur ein bisschen kennt und sich die verfügbaren Tötungs-Statistiken näher ansieht, kommt zum Schluss, dass bei diesem Plan selbst ein Minimum an ethischen Erwägungen ausser Acht gelassen wird. Rein wirtschaftlich gesehen, steht die Rentabilität dieser Firma wohl ausser Frage. Die Gründe dafür sind aber zynisch.

Eine Moralpredigt würde ihr Ziel wohl verfehlen. Deshalb schreibe ich eine Realsatire in Form eines offenen Briefes an Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Er führt im Bundesrat das entsprechende Dossier.
**********************************************************

Offener Brief vom 1. Juli 2018

Sehr geehrter Herr Bundesrat

Diverse Gründe sprechen für einen vermutlich blendenden Geschäftserfolg der in Brasilien geplanten Munitions-Firma RUAG Indústria e Comércio de Munições Ltda. – einer hundertprozentigen Tochtergesell­schaft des eidgenössischen RUAG-Konzerns. Acht solche Gründe will ich im Folgenden zur Sprache bringen. Sie sind allesamt unschön, teils sogar makaber. Sie zu explizieren, ohne gleich mit Kritik dazwischen zu fahren, geht wohl nur mit einer tüchtigen Portion Sarkasmus, für den ich mich an dieser Stelle entschuldige.
Für den Fall, dass Sie zum Schluss kommen sollten, die Gewinnaussichten des geplanten Unternehmens seien trotzdem wichtiger als die unerfreulichen Umstände, auf denen sie beruhen, möchte ich diesem Schreiben zwei Empfehlungen zur Qualitätsentwicklung dieser Munitionsfirma beifügen und Sie bitten, diese Empfehlungen gütigst abzuwägen.

DER AUTOR

Thomas Kesselring war bis 2013 Professor an der Pädagogischen Hochschule Bern und bis 2015 Dozent an der Pädagogischen Universität von Mosambik. Er ist auch Mitglied von Kontrapunkt und Actares.

Warum ein toller Geschäftserfolg zu erwarten ist
1. Eine attraktive Direktorin

Maria Vasconcelos ist eine hübsche, adrette Brasilianerin. In einem Video zur grössten lateinamerikanischen Sicherheitsmesse von 2017 sagt sie in charmantem, werbendem Tonfall Dinge, die einem das Blut in den Adern erstarren lassen: Weil mit der RUAG-Fabrik das brasilianische Munitions-Monopol gebrochen werde, könnten brasilianische Projektile nun qualitativ aufgepeppt und ihre Preise gesenkt werden1. Eine Engelsstimme frohlockt hier also: Das Töten soll in Brasilien künftig besser und billiger möglich werden!

2. Der Standort Brasilien
Wenn man von Kriegsgebieten absieht, ist Brasilien das Land mit der grössten Zahl an zivilen Opfern durch Schusswaffen. Brasilien liegt diesbezüglich weit vor den USA – dem angeblich „wichtigsten Markt für Munition der Welt“. Die RUAG bedauert, dass „Nachfrage und Preise für Munition in den USA eingebrochen“ seien2. Und zwar wegen Hillary Clinton, deren Waffen-kritische Einstellung im Vorfeld der letzten Präsidentschafts­wahlen dazu führte, dass sich viele Leute „vorsorglich mit Munition eindeckten“, woraufhin die Kauffreudigkeit für Munition zurückging3.
Dabei leistet die National Rifles Association (NRA) seit fast 150 Jahren zynische Überzeugungsarbeit, und bei den häufigen Amokläufen wird regelmässig eine Menge Munition buchstäblich unter die Leute geschossen.
Das Brasilien-Geschäft ist geeignet, den Einbruch der Geschäfte in den USA mehr als nur zu kompensieren. Denn die Brasilianer sind um einiges schiessfreudiger als die US-Amerikaner. In den grösseren USA gibt es zwar mehr Waffen als in Brasilien. Doch in Brasilien ist der Umgang mit Waffen umso freizügiger: Während 2015 in den USA „nur“ 15‘696 Personen durch gezielte Fremdeinwirkung ihr Leben verloren 4, erlitten dieses Schicksal in Brasilien, trotz geringerer Bevölkerungszahl, fast viermal mehr Personen, nämlich 58‘489 (2016 sogar 61‘283/61‘619)5.
Auf hunderttausend Personen hochgerechnet, sind das 4,9 Getötete in den USA und 28,3 in Brasilien. Beschränkt man den Vergleich USA – Brasilien auf Tötungen mittels Schusswaffengebrauch, so liegen die Zahlen bei 4,6 für die USA und 23,5 für Brasilien.

Wer die letalen Waffeneinsätze in den USA und Brasilien hinsichtlich ihrer „Effizienz“ vergleicht, stellt also fest, dass der Einsatz pro Waffe 50-mal wirksamer ist als in den USA. Mit andern Worten: Gemessen an der Zahl registrierter Waffen werden in Brasilien 50-mal mehr Menschen zur Strecke gebracht. Schussverletzungen ohne Todesfolgen sind hier nicht berücksichtigt.

Stellen wir uns einen Augenblick vor, in Langenthal herrschten brasilianische Zustände. Langenthal mit seinen 15‘000 Einwohnern gilt als schweizerischer Durchschnitt, und Sie, Herr Bundesrat Schneider-Ammann, sind mit Langenthal ja sehr vertraut! Unter brasilianischen Verhältnissen würde in diesem „Dorf“ jedes Jahr im Durchschnitt eine Gruppe von fünf Personen niedergestreckt, unter amerikanischen Verhältnissen im Vergleich dazu eine einzige Person.

3. Zivile Bewaffnung hat in Brasilien eine hohe Akzeptanz
Als im November 2006 Präsident Luiz Ignacio Lula da Silva das Volk über ein von ihm angestrebtes Verbot zivilen Waffenbesitzes abstimmen liess, fiel er damit haushoch durch. Jetzt sitzt „Lula“ im Gefängnis und kann für die diesjährige Präsidentschaftswahl wohl nicht mehr kandidieren. Und der Kandidat mit den augenblicklich meisten Stimmen, Jair Bolsonaro, wäre der letzte, der den Waffengebrauch durch Zivilisten einschränken würde.

4. Besonders vielfältige Stakeholder garantieren ein Bombengeschäft
Offiziell will die RUAG nur für das brasilianische Militär und die Polizei Munition herstellen, sofern sie sie nicht auch an Drittländer verkauft (selbstverständlich nur an Länder, die auch von der Schweiz aus beliefert werden dürfen). Eine Verbilligung der Munition wird aber auch die zivilen Freunde des Schiesssports begeistern; und ferner die ominösen Gruppen, die sich um einen möglichst reibungslosen Transport und Verkauf von Betäubungsmitteln bemühen.
Dieses Geschäft ist so lukrativ, dass vielerorts selbst Polizisten daran partizipieren wollen. Andererseits gehen sieben von zehn Schiessereien in Brasilien auf diesen Geschäftszweig zurück, und das verleiht seinen Promotoren ein Drohpotential, mit dem sie staatliche Institutionen und die Polizei, aber auch Firmen erpressen können. Die RUAG Indústria e Comércio de Munições Ltda. dürfte also mit oder ohne Polizeihilfe einen zusätzlichen Kundenkreis gewinnen – einen recht aggressiven und kaufkräftigen…

Eine weitere Gruppe von Stakeholdern sind ein paar kleine, verschwiegene Dienstleistungsfirmen, die sogenannten „Pistoleiros“. In der Regel handelt es sich um Ein- oder Zweimannbetriebe, die auf Wunsch und gegen ein angemessenes Entgelt jeden beliebigen angeblichen Störefried aus dem Weg räumen: Aktivisten beispielsweise, die die Verwandlung von Wäldern in lukrative Rinderfarmen torpedieren, oder Romantiker, die mit Menschenrechtsargumenten die freien Märkte verzerren wollen.

5. Standort Nordost-Brasilien
Die RUAG plant die Munitionsfabrik nicht irgendwo in Brasilien, sondern im brasilianischen Nordosten, wo die Frequenz von Tötungen mit Schiesszeug drei- bis sechsmal höher ist als im brasilianischen Durchschnitt. Während in Rio der Tötungserfolg bei Schusswaffengebrauch anno 2014 lediglich bei 13,6 Personen (pro 100‘000 Einwohner) lag, zeigen die Hauptstädte des Nordostens eine zwei- bis fünfmal höhere Bilanz – und dies zudem mit steigender Tendenz! Nicht weniger als siebzehn der fünfzig Städte weltweit mit den höchsten letalen Trefferquoten liegen in Brasilien, elf davon im Nordosten:

Die 17 Städte Brasiliens mit der höchsten Zahl an Tötungen in den Jahren 2014 und 2017. Anzahl Tötungen pro 100‘000 Einwohner. Letzte Kolonne: Anzahl Tötungen heruntergerechnet auf 15‘000 Einwohner (Grösse Langenthals)

*) NE: Nordosten, N: Norden, SE: Südosten, S: Süden. Angaben beziehen sich 2014 auf die jeweilige Stadt selbst, 2017 auch auf die umliegenden Satellitenstädte. Quellen: Zahlen von 2014 S. 41ff; Zahlen von 2017. Grössere Ansicht der Grafik hier.

Der Munitionsmarkt dieser Region profitiert auch davon, dass sich der weniger friedliebende Teil der kolumbianischen FARC-Kämpfer nach dem Friedensabkommen mit der kolumbianischen Regierung ins Ausland abgesetzt hat. Viele FARC-Kämpfer leben jetzt – so wie viele Venezuelaner – als Flüchtlinge im nördlichen Brasilien und sorgen für zuverlässigen Nachschub an Waffen. Das belebt den brasilianischen Markt und bereichert ihn mit ausländischen Modellen, einschliesslich sowjetischen.
Umgekehrt haben sich in jüngster Zeit auch brasilianische Protagonisten des Grosshandels mit Kokain in einigen Regionen Kolumbiens festgesetzt, die von den ehemaligen FARC-Rebellen verlassen worden sind. Davon dürfte das Munitionsgeschäft im Norden Lateinamerikas insgesamt profitieren.

6. Günstiger Zeitpunkt

In den letzten fünfunddreissig Jahren wurde in Brasilien der zivile Einsatz von Waffen kontinuierlich immer häufiger. Das belegen einmal mehr die Erfolgsstatistiken bei letalen Attacken. Sowohl die absolute Zahl solcher Attacken als auch der Anteil derjenigen Vorkommnisse, die mittels Schusswaffen bewerkstelligt wurden, sind enorm gestiegen. 1985 betrug dieser Anteil bereits 42,3 Prozent. Doch bis 2014 erhöhte er sich um 70 Prozent auf 71,7 Prozent:
Zunahme von Tötungsdelikten in Brasilien und Zunahme des Anteils von Tötungen mit Feuerwaffen:

Quelle: Mapa de Violência
. Grösseres Format der Grafik hier.
Preissenkungen und Qualitätssteigerungen bei den Projektilen dürften diesen Trend noch beschleunigen.

Munition wird ja nicht nur für den Ernstfall benötigt, sondern auch für Schiesskurse, Schiessübungen und Schiesswettbewerbe. Über die unterschiedlichen Munitions-Verwendungen existieren in Brasilien keine verlässlichen Statistiken. Eine vorsichtige Schätzung mag hier weiterhelfen: Angenommen, auf jedes Schusswaffenopfer kommen im Durchschnitt 150 verschossene Projektile: 80 zu Lernzwecken, 40 zu Trainingszwecken, 25 Begleitschüsse bei Tötungen mit automatischen Gewehren und je 5 wirkliche Treffer. Geht man von jährlich ca. 42‘300 Feuerwaffeneinsätzen mit letalem Ausgang aus (Suizide nicht eingeschlossen, vgl. Tabelle oben), so beträgt die zu ihrer Ermöglichung erforderliche Anzahl Geschosse 6‘750‘000.

Als kleiner „Schönheitsfehler“ mag die Abnahme der letalen Trefferquoten im brasilianischen Südosten erscheinen. Diese sind zwischen 2004 und 2014 um mehr als einen Drittel eingebrochen – und zwar ausgerechnet in der bevölkerungsreichsten Region mit den Megalopolen São Paulo und Rio! Aber erstens war dieser Einbruch zu gering, um die landesweite Zunahme des Schusswaffengebrauchs wirksam zu bremsen. Diese Zunahme beträgt im gleichen Zeitraum immerhin fast einen Viertel.

Veränderung der Anzahl Tötungen durch Feuerwaffen in den verschiedenen Regionen Brasiliens zwischen 2004 und 2014:

Quelle: Mapa de Violência. Grösseres Format hier.

Zweitens ist der erwähnte Rückgang womöglich bloss ein vorübergehendes Phänomen. Er trat ein, als sich die Polizei in den beiden Grossstädten mit den Kokainhändlern ernsthafter als zuvor anlegte, worauf diese die Koffer und Handfeuerwaffen packten und sich Richtung Nordosten absetzten, wo sie ihrem Geschäft zu neuer Blüte verhalfen. Ergebnis: Während anno 2014 in Rio „nur“ 13,6 Personen pro hunderttausend Einwohner dem Schusswaffengebrauch erlagen, zeigen die Hauptstädte des Nordostens eine zwei- bis fünfmal höhere Quote – mit steigender Tendenz! Brasiliens Nordosten bietet für Munition also einen sicheren Wachstumsmarkt!

Inzwischen sind in Rio neue Clans von Betäubungsmittelhändlern herangewachsen, die bereit sind, die Freiheit ihrer Märkte mit Waffengewalt zu verteidigen. Im Jahr 2017 kam es in Rio daher bereits wieder zu kleineren Strassenschlachten, und im Februar dieses Jahres brachte Präsident Temer in Rio die Militärpolizei in Stellung. Das Geknatter der Gewehre könnte also auch in Brasiliens grössten Städten wieder zur Normalität werden.

7. Brasilien befindet sich nicht im Kriegszustand

Zumindest nicht offiziell, und deswegen bedeutet der dortige Bau einer Munitionsfabrik keinen Verstoss gegen schweizerische Gesetze. In kriegführende Länder wie Syrien, Irak, Afghanistan, Libyen oder Yemen darf die RUAG von Gesetzes wegen nicht expandieren. Immerhin ist die Bevölkerung Brasiliens bedeutend grösser (220 Millionen) als die Bevölkerung der genannten fünf Länder zusammen (124 Millionen), und dass in Brasilien so fleissig herumgeballert wird, kommt den kommerziellen Interessen der RUAG wohl sehr entgegen.

8. Munitions-Nachfrage ist langfristig gesichert

Sämtliche Statistiken belegen: Der rekordverdächtige Schusswaffengebrauch in Brasilien verhinderte nicht, dass trotz allem die meisten Menschen überlebten. Die mögliche Befürchtung, der brasilianische Munitionsmarkt könne infolge allzu raschen Aussterbens der Waffenfreunde austrocknen, ist daher unbegründet! Sowohl was das „Angebot“ an weiteren Menschenleben als auch was die Gewinnchancen der RUAG betrifft, gibt es sogar, wie man so schön sagt, noch viel Luft nach oben!

Einzig die indigene Bevölkerung ist in einigen Regionen ernstlich gefährdet. Die rund 3500 Mitglieder der Guarani in den Dörfern westlich von Dourados (Mato Grosso do Sul) beispielsweise werden jedes Jahr durch planvolle Gewaltmassnahmen weisser Siedler um etwa 200 vermindert. Das ist zweifellos auch aus Langenthaler Sicht zuviel, denn auf die Bevölkerung Langenthals hochgerechnet wäre dies immerhin ein Bevölkerungsverlust von 850 Personen pro Jahr.

Umgang mit Anfeindungen
Die Rüstungsindustrie zieht seit Jahrzehnten Kritik auf sich. Liegt das nur daran, dass man ihr die Geschäftserfolge nicht gönnen mag? Schon vor 2400 Jahren geisselte Aristoteles (384-322 v.Chr.) die rein gewinnorienten Geschäfte: «… denn die Tapferkeit soll nicht Geld verdienen, sondern Mut erzeugen, und auch die Feldherrnkunst und die Medizin sollen das nicht, sondern Sieg und Gesundheit verschaffen. Doch jene machen aus alledem einen Gelderwerb, als ob dies das Ziel wäre, auf das hin alles gerichtet werden müsste».6
Aristoteles erwähnte nur die Kunst der Ärzte und Feldherren, nicht auch die der Waffenbauer, obwohl zu seinen Lebzeiten bereits Kriegsgerät hergestellt wurde. Die Argumente, es gehe bei vielen dieser Künste weniger um Gewinnmaximierung als um Arbeitsplatzbeschaffung und einen Beitrag zur Technologieentwicklung, waren Aristoteles noch unbekannt. Genau das aber sind die Argumente der RUAG!
Schaffung von Arbeitsplätzen
Die RUAG Brasil dürfte mehreren Hundert brasilianischen Arbeitnehmern und ihren Familien ein Auskommen bieten. Denkt man an die oben erwähnten Berufsstände, für die Munition zu den täglichen „Arbeitsmitteln“ gehört, so leistet die RUAG auch hier einen selbstlosen Beitrag zur Senkung der Arbeitslosigkeit.
Technologieentwicklung
Die Schweiz hat das jeweils modernste Kriegsmaterial so gut wie immer im Ausland gekauft. RUAG Brasil würde unserem Land die Chance bieten, in Eigenregie (mit brasilianischer Hilfe) neue Rüstungstechnologien zu erproben. Man könnte beispielsweise daran denken, eine Art Mini-Munition für auf Drohnen montiertes Schiessgerät zu entwickeln. Dies würde es erlauben, noch flexibler, individueller und effektiver zu töten! – Wollen wir das?
Korruption – ein möglicher Stolperstein
Die RUAG erhebt den Anspruch, vorgesorgt zu haben. Ihre Sprecherin versichert, die „RUAG vertritt gegenüber Korruption konzernweit eine Null-Toleranz-Policy mit allen Konsequenzen.“ – Wirklich mit allen? Die naheliegende Konsequenz lautet doch: Hände weg vom Brasilien-Geschäft!

Sehr geehrter Herr Bundesrat,
wir leben in einer Demokratie, und es ist wenig wahrscheinlich, dass die Mehrheit der Schweizer Bürgerinnen und Bürger dem Bau der geplanten Munitionsfabrik zustimmen würde, wenn sie über die geschilderten Umstände ausreichend informiert wären und befragt würden.

Falls Sie bzw. unsere Regierung wirklich befürworten, dass die RUAG Brasil ihren „Erfolgspfad“ trotz allem einschlagen soll, dann sollen Sie dies bitte offen, transparent und konsequent tun!

Dazu abschliessend zwei von Sarkasmus wohl ebenfalls nicht ganz freie Empfehlungen

  1. Vorschlag für einen noch besseren Standort
    Als Standort der RUAG Indústria e Comércio de Munições Ltda. wird der Bundesstaat Pernambuco im Nordosten genannt. Der Bundesstaat Ceará wäre aber noch geeigneter. Denn Pernambuco wird, was den Waffengebrauch betrifft, von fast allen anderen Bundesstaaten im Nordosten getopt. In der Viermillionenstadt Fortaleza (Hauptstadt von Ceará) beispielsweise ist die Schiessfrequenz mehr als doppelt so hoch als in Recife (Hauptstadt von Pernambuco).
    Für Fortaleza verzeichnet die Statistik jährlich 83,5 tödliche Treffer auf hunderttausend Einwohner. Auf die Grösse von Langenthal bezogen sind das 13. Fortaleza belegt damit einen Rang nahe am Spitzenplatz in der globalen Gewalt-Hitliste. Einzig die Stadt Natal (= brasilianisch für Weihnachten!) schneidet noch „besser“ ab, nämlich mit jährlich 102 Toten auf hunderttausend Einwohner. In der Grössenordnung Langenthals sind das 15.
    Die World Champions im globalen Vergleich – Los Cabos in Mexico sowie Carácas in Venezuela – mit jeweils gut 111 oder sogar 120 Mordopfern auf hunderttausend Einwohner, je nach Jahr und Statistik – liegen nur unwesentlich höher als Fortaleza und Natal. Auch in anderen Ländern fallen, gemessen an der Bevölkerungsgrösse, noch mehr tödliche Schüsse als in Brasilien (vgl. Anhang, internat. Statistik). Auch die Hauptstadt von El Salvador (San Salvador) mit einer Rate von 108 und die zweit­grösste Stadt von Honduras (San Pedro Sula) mit einer Rate von 111,03 gehören zu den Spitzenreitern7. Diese Länder sind allerdings zu klein für eine Munitionsfabrik, weil sie dort kaum den nötigen Skaleneffekt erzielen könnte. Zudem sind in beiden Ländern die Tötungsstatistiken derzeit rückläufig. So gesehen ist und bleibt Fortaleza der beste Standort!
  2. Vorschlag eines dezentralen Munitions-Recyclings
    Artikel 4.1 bis des schweizerischen Munitionsreglements lautet8: «Munitionsrückstände sind sortiert und gereinigt an die Lieferstelle zurückzuschieben.»
    Diese Auflage gilt wohl auch für schweizerische Munition, die im Ausland hergestellt wird. Der Materialwert von Projektilen – Eisen, Blei, Messing, dereinst vielleicht auch seltene Erden – ist nicht zu unterschätzen, und es wäre unverantwortich, wenn man diese Materialien nach Gebrauch nicht an die Lieferstelle zurückschöbe. Die RUAG Indústria e Comércio de Munições Ltda. müsste in Brasilien also ein Recycling-System für Munition einführen.
    Dabei sollte die RUAG jedoch nicht dem schlechten Beispiel der Firma Nestlé Brasil folgen, die die nördlichste Recycling-Stelle für Nespresso-Kapseln in Brasilia angesiedelt hat. Wer im Nordosten des Landes (in Fortaleza oder Natal zum Beispiel) eine Tasse Nespresso trinkt, muss nachher bis zu 2300 km nach Süden reisen, um die Kapsel sachgerecht zu entsorgen! Der RUAG sei daher dringend empfohlen, Recycling-Stellen über das ganze Land zu verteilen, bis tief hinein in die Amazonas-Wälder – nach der Regel: Je schiessfreudiger eine Region oder Stadt, desto leichter erreichbar muss die Recyclingstelle sein.
    Dafür sind dann sämtliche Stakeholder zum „Zurückschieben“ der Munition zu verpflichten: Militär, Polizei, Schiess- und Übungsplätze, Drogenringe, Einbrecherbanden, aber auch Spitäler, Operationssäle, Leichenhäuser sowie brasilianische Gerichtsmediziner, soweit sie sich überhaupt mit der Aufklärung von Schiesserei-Szenen befassen. Eine Reise von Hunderten oder Tausenden von Kilometern für die Projektil-Entsorgung ist aber unzumutbar. Man müsste dazu fast zwingend das Flugzeug nehmen, und das wäre teuer und unökologisch.

Daher möchte ich Sie bitten, sehr geehrter Herr Bundesrat: Lassen Sie die Munitionsfabrik der RUAG, sollten Sie wirklich an ihr festhalten wollen, in Fortaleza bauen und nicht in Pernambuco! Und gewährleisten Sie funktionstüchtige, über ganz Brasilien verteilte dezentrale Sammelstellen für die verpuffte Munition!

Mit bestem Dank und freundlichen Grüssen

Thomas Kesselring

**********************************************************
FUSSNOTEN
1 https://www.youtube.com/watch?v=BTLCa8FyWnw
2 Christoph Schmutz: Ruag-CEO: Die Vorwürfe sind plausibel. NZZ, 23.03.2018: https://www.nzz.ch/wirtschaft/ruag-wir-haben-keine-scharfschuetzengewehre-geliefert-ld.1368761
3 https://www.youtube.com/watch?v=BTLCa8FyWnw
4 https://www.fbi.gov/news/stories/latest-crime-statistics-released
5 http://www.forumseguranca.org.br/estatisticas/tableau-ocorrencias. Höhere Zahl für 2016 aus: https://www.swissinfo.ch/por/investimentos-_balas-su%C3%AD%C3%A7as-para-o-brasil/43812518
6 Aristoteles: Politik, Erstes Buch, 1258a 14
7 https://www.news.at/a/die-gefaehrlichsten-staedte-weltweit
8 http://www.feldweibel.ch/wcms/ftp//f/feldweibel.ch/uploads/60_070_d_mun-d.pdf
9 Nach https://oglobo.globo.com/brasil/mapa-da-violencia-2016-mostra-recorde-de-homicidios-no-brasil-18931627
10 Inklusive Selbstmorde und Todesfälle durch Feuerwaffen, bei denen Selbstmord nicht ausge­schlossen wird.
Internationale Statistik der Anzahl Gewaltopfer pro hunderttausend Einwohner in ausgewählten Ländern:

Weltbank-Statistik (2015): Schweiz 1; Deutschland 1; Frankreich 2; Nigeria 10, Russland 11; Brasilien 27; Kolumbien 27; Südafrika 34; Jamaica 43; Venezuela 57; Honduras 64; El Salvador 109; Durchschnitt Welt 5

Statistik UNODC (United Nations Office on Drugs and Crime): Schweiz 0,5 [2016]; Deutschland 0,88 [2016]; Frankreich 1,23 [2016]; Kanada 1,68 [2016]; USA 5,35 [2016]; Mosambik 12,4 [2012]; Kongo 13,5 [2015]; Kolumbien 26 [2016]; Guatemala 27 [2016]; Brasilien 29,2 [2016]; Südafrika 31,0 [2012]; Venezuela 56 [2016]; Honduras 57 [2016]; El Salvador 83 [2016], Weltdurchschnitt 6,2 [2012]»>Weltbank-Statistik (2015):[1] Schweiz 1; Deutschland 1; Frankreich 2; Nigeria 10, Russland 11; Brasilien 27; Kolumbien 27; Südafrika 34; Jamaica 43; Venezuela 57; Honduras 64; El Salvador 109;
Durchschnitt Welt 5


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Thomas Kesselring war bis 2013 Professor an der Pädagogischen Hochschule Bern und bis 2015 Dozent an der Pädagogischen Universität von Mosambik.

Zum Infosperber-Dossier:

Fliegerabwehrkanone

Die Sicherheitspolitik der Schweiz

Wer und was bedroht die Schweiz? Welche Strategie braucht sie für ihre Sicherheit nach innen und aussen?

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden


Die Redaktion schliesst den Meinungsaustausch automatisch nach drei Tagen oder hat ihn für diesen Artikel gar nicht ermöglicht.

3 Meinungen

  • am 2.07.2018 um 12:11 Uhr
    Permalink

    Bravo, Thomas Kesselring, und Glückwunsch zur gelungenen Form …

    Da gibt es inzwischen ein kleines Problem: Der Bundesrat hat erkannt, dass er mit der RUAG zunehmend in Teufels Küche gerät, und will sie privatisieren.
    – Sie bleibt dann womöglich in Bundesbesitz, aber die Verantwortung für solche Übertaten wie vorliegend lässt sich so delegieren …
    – Irgendwie leben wir in einer Endzeit-Stimmung + jeder schaut nur noch auf sich selbst (seinen maximalen Profit). Da scheint sich kaum mehr jemand um die ethischen Aspekte dahinter kümmern zu wollen.

  • am 2.07.2018 um 13:13 Uhr
    Permalink

    Das ist doch nur noch peinlich.
    Ebenso wie die beschlossenen erleichterten Kriegsmaterial-Exporte der Schweiz in Bürgerkriegsländer.
    Gibt es bei unserer Regierung nur noch Profitüberlegungen wie bei Waffenhändlern oder gibt es da noch einen Rest von Moral und Menschlichkeit?
    Lässt die globale Art des Wirtschaftens Moral gar nicht mehr zu?

    Eine Politik der Gewaltfreiheit, strikte Neutralität, Vermittlung und Dialogangebote bei Konflikten wären die besten sicherheitspolitischen Massnahmen für einen Kleinstaat wie die Schweiz.
    Besonders in der heutigen Zeit.

    Nach Verkauf aller Rüstungsbetriebe und Auflösung der Armee, würde ein riesiger Gewinn auf seine sinnvolle Verteilung für die Schweizer Bevölkerung warten.
    Damit könnten problemlos die verlorenen Stellen kompensiert werden. Wir sind prädestiniert, der Welt zu zeigen, dass eine Volkswirtschaft auch ohne Rüstungsindustrie gut laufen kann.
    Ebenso prädestiniert sind wir, der Welt dabei zu helfen, dem UNO-Gewaltverbot von 1945 zum Durchbruch zu verhelfen.
    Wie Costa Rica, Liechtenstein und andere Kleinstaaten, könnten wir wieder aufrecht durch die Welt gehen und uns aufrichtig für eine gewaltfreie Welt einsetzen.
    Das wäre ein mutiges Zeichen unserer Regierung, auf das wir stolz sein könnten.

    http://www.friedenskraft.ch/

  • am 2.07.2018 um 14:47 Uhr
    Permalink

    Bravo! Genau solche Briefe an die «Exekutive» braucht’s. Oder aber eine Unterwanderung des Establishments durch selbstdenkende Menschen, denen Geldreichtum etwa so viel bedeutet wie der Privatssphärenschutz den SocialMedia-Plattformen. Ich hoffe trotzdem, dass auch die RUAG-Hitzköpfe den Brief zu lesen bekommen.

    Vielleicht könnten wir aber auch eine fesche Initiative lancieren, damit es der RUAG verboten wird, überall auf dem Globus – ausser in der Schweiz – Rüstungsmaterial und Munition zu produzieren…bei uns gibt’s nämlich so gut wie gar keine Tote durch Schusswaffengebrauch! Eine grosse Fabrik, vielleicht in Herrliberg oder so. Gut, wir produzieren halt auch zu wenig «Class A Narcotics», so dass weder die mit dem staatlichen Gewaltmonopol korrumpierten Kräfte noch die bösen Drogenbarone richtig an einem warmen Drogenkrieg verdienen könnten.

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...