Strukturwandel in der Landwirtschaft: Vieles liegt im Argen © orell füssli
Jakob Weiss: «Die Schweizer Landwirtschaft stirbt leise» © orell füssli

Das Bauern wieder auf den Boden herunter holen

Hanspeter Guggenbühl / 11. Sep 2017 - Die Abkehr von der marktorientierten «Zero-Landwirtschaft» beginnt bei der Sprache. Das ist die These eines neuen Buches*.

«Am Anfang war das Wort», zitiert Jakob Weiss aus dem Johannes-Evangelium. Und im Vorwort seines neuen Landwirtschafts-Buches mit dem Untertitel «Lasst die Bauern wieder Bauern sein» warnt der Autor: «Wer Taten in jedem Fall den Worten vorzieht, sollte dieses Buch nicht lesen.» Es geht ihm also um die Sprache, ohne die wir, wie Weiss an anderer Stelle schreibt, nicht denken können. Zudem verrät die Sprache, wie wir denken, und dieses Denken wiederum prägt unser Handeln.

Bevor wir also die Landwirtschaft, bei der vieles im Argen liegt, verstehen und verändern wollen, müssen wir erkunden, wie wir über sie reden. Diese These vertritt der Autor und Soziologe, der während 20 Jahren als Teilzeitbauer tätig war. Schon das Wort Landwirtschaft ist trügerisch. Es impliziert, die Bearbeitung des Bodens sei die «ländliche Tochter» der industriellen Wirtschaft. Entsprechend verlangt die Schweizer Bundesverfassung (Art. 104 und geplanter Artikel 104a), die Landwirtschaft müsse sich «auf den Markt ausrichten» – als ob der Markt entscheidet, wie die Saat aufgeht, Pflanzen gedeihen, oder wie viel Fleisch oder Milch die Tiere im Stall und auf der Weide liefern.

Wie die Sprache die Konflikte ausblendet

Die heutige Sprachregelung blendet die Konflikte aus, die zwischen einer bäuerlich angemessenen Bodenbearbeitung und einer profitorientierten Wirtschaft bestehen. Das illustriert Autor Weiss in seinem Buch mit zahlreichen sprachlichen «Spatenproben». Begriffe wie Produktion, Markt, Innovation, In- oder Extensivierung, Wettbewerb, Strukturbereinigung etc., die im agrarpolitischen Diskurs leicht über die Lippen gehen, erweisen sich als Hülsen, solange ihr Inhalt nicht geklärt wird.

Die Anforderung etwa, die Landwirtschaft müsse «konkurrenzfähig produzieren», lässt Fragen offen: Konkurrenzfähig gegenüber wem – gegenüber dem Boden, dem Bauern auf dem benachbarten Hof oder in Neuseeland, gegenüber der Migros? Oder wettbewerbsfähig bei was – bei der Menge oder Qualität der Produkte oder bei der Minimierung von Schadstoffen? Ein schiefes Bild vermittelt schon der Begriff «landwirtschaftliche Produktion». Denn nicht die Wirtschaft oder die Bäuerinnen erzeugen die Nahrung, sondern Böden, Sonne und Regen; die Bauern können mit ihrer Arbeit oder dem Einsatz von Fremdenergie dieses Gedeihen lediglich beeinflussen.

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*Jakob Weiss: Die Schweizer Landwirtschaft stirbt leise, Orell Füssli, Zürich, 2017, CHF 22.90.

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Nicht nur in der Wortwahl, auch in der Realität folgt die Agrarbranche der Entwicklung in der industriellen Wirtschaft: Rationalisierung, vermehrter Einsatz von Maschinen, Fremdenergie sowie Chemie ersetzen bäuerliche Arbeit, und vor den Stalltüren lauern bereits die Roboter. Der Strukturwandel – das Synonym für Bauernsterben – wendet auch die Energiebilanz: Um eine Kalorie Nahrungsenergie auf den Schweizer Teller zu bringen, so zeigen mehrere Erhebungen, benötigt allein die Landwirtschaft zwei bis drei Kalorien Fremdenergie; dies für die Produktion und den Betrieb von Landmaschinen, die Herstellung von Düngern, importierten Futtermitteln, etc. (siehe auch: «Die Minus-Kalorien der Schweizer Landwirtschaft»).

Zusätzliche Fremdenergie verschlingen die Lebensmittelindustrie sowie das Gastgewerbe. Ebenfalls zugenommen haben die biogenen Energieverluste auf dem Weg von den Wiesen und Äckern über die verschiedenen Umwandlungs- und Verarbeitungsstufen auf die Teller der Menschen. Die Selbstversorgung der Schweiz mit Nahrungskalorien liegt darum seit Jahrzehnten weit unter Null. Weiss beschreibt diesen Sachverhalt mit dem – eher beschönigenden – Begriff «Zero-Landwirtschaft».

Ausbeutung – vom Boden bis zum Menschen

An Analysen über Ernährung und Landwirtschaft fehlt es in der Schweiz nicht. Speziell am vorliegenden Buch ist, dass der Autor das Thema aus sprachlicher Perspektive angeht. Zu empfehlen ist die Lektüre darum Medienschaffenden, die über die Landwirtschaft berichten und dabei die bäuerliche Tätigkeit in neue Worte fassen möchten. Das Buch verwöhnt auch die übrigen Lesenden mit linguistischen Leckerbissen und spöttischer Polemik, etwa wenn der Autor die Mast, der Konsumentinnen und Konsumenten im Supermarkt ausgesetzt werden, mit der Mast der Nutztiere vergleicht. Oder wenn er Parallelen zwischen geforderter Professionalität in der Landwirtschaft und eher zwiespältiger Professionalität in der Sexualität erkennt; in beiden Fällen geht es um Ausbeutung.

Rezepte zur Heilung bietet der Autor bewusst keine an. Aber er lässt immer mal wieder durchblicken, dass es ihm neben der Sprache auch um den Inhalt der bäuerlichen Arbeit geht. Im Schlusskapitel «Für eilige Leserinnen und zeitknappe Leser» formuliert er das dezidiert: «Eine natürlich-ökologische oder biodiverse Intensivierung der Lebensmittelproduktion» sei «dringend nötig, um die herrschende maschinell-industrielle Intensivierung mit ihren schädlichen Auswirkungen abzulösen». Dazu müsse jede agrarpolitische Massnahme und jede betriebliche Veränderung darauf zielen, die Abhängigkeit der Landwirtschaft von Fremdenergie zu verringern, denn: «Der bebaubare Boden ist da, um uns Energie in Form von Lebensmitteln zur Verfügung zu stellen, und nicht, um fossile Energie zu verschlingen.» Damit schwimmt Jakob Weiss auch politisch gegen die vorherrschende Strömung in der Landwirtschaft.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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DOSSIER: Landwirtschaft

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