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Wie ein Auslandjournalist auf Bahn und Bus kommt

Erich Gysling / 19. Jun 2019 - Selbst Ausland- und Reisejournalisten, die über ferne Länder berichten, reisen zuweilen mit Zug oder Bus. Manchmal unfreiwillig.

red. Mit der Serie «Anders Reisen» zeigt Infosperber, wie sich die Konflikte zwischen wachsendem Reisekonsum, Umweltbelastung und Klimawandel entschärfen lassen. Heute schreibt der Auslandjournalist und Reiseleiter Erich Gysling, der beruflich oft fliegt, über seine Erfahrungen beim Umstieg auf Bus und Bahn.

Meine jüngste Reise war privat. Meine Frau und ich wollten von Dublin aus Irland mit dem Mietwagen bereisen, zuerst nach Kilkee, einer kleinen Ortschaft im Westen der Grünen Insel, dann weiter entlang der Küste nach Norden. Ich buchte dazu einen Mietwagen – mit mässig schlechtem Gewissen.

Doch das sogenannte Schicksal wollte alles anders: Ich erhielt das Auto nicht. Begründung: Altersgrenze! Offenbar stand darüber etwas im Kleingedruckten des Mietvertrages, doch das Kleingedruckte lese ich nie und erfuhr es darum erst, als ich im Büro des Autovermieters stand, und dieser mein Alter auf dem Ausweis registrierte.

Bus statt Auto: Weniger Stress im Linksverkehr

Was tun? Im Terminal des Flughafens wusste niemand, wann allenfalls ein Bus bis Ennis fahren würde, wo ich für eine erste Nacht gebucht hatte. Da, schräg gegenüber, da sollten Sie Genaueres erfahren, sagten mir mehrere Leute. Aber beim kleinen Unterstand wusste auch niemand etwas Brauchbares über öffentliche Verkehrsverbindungen. Weit und breit gab es keinen gedruckten Fahrplan.

Ein Busfahrer, der zufällig auftauchte, wusste immerhin: Also, da kommt irgendwann ein grosser grüner Bus, mit dem sollte das klappen. Der "Grüne" kam tatsächlich, ein Doppelstöcker von Dublin Coach. Fahren Sie bis Ennis, fragten wir? Nun ja, indirekt, sagte der Busfahrer, Sie müssen umsteigen in Red Cow Luas. Wo, bitte?

Obwohl ich zuerst nur Bahnhof verstand, stiegen wir in den grünen Bus. Danach ging alles prima: Das Unternehmen hat einen Umsteigepunkt in einem Vorort von Dublin, eben der "roten Kuh". Da kreuzen die Buslinien einander. Die einen fahren nach Cork, die anderen nach Galway oder in eine andere mittelgrosse Stadt, und einer tatsächlich nach Ennis. Also stiegen wir um.

Als wir im Bus sassen, auf der Autobahn zunächst zwischen Dublin und Limerick, dankte ich dem Schicksal – all diese Staus, die ich im Linksverkehr hätte durchstehen müssen, waren jetzt bedeutungslos. Auch der Stress des Fahrens auf oft engen Strassen, die aber weitflächig 100 km/h erlauben, fiel weg. Und fast pünktlich, so gegen 20 Uhr, traf der „Grüne“ dann auch wirklich in der schönen Kleinstadt namens Ennis ein.

Weiter zu den kleinen Orten an der Küste geht's dann nicht mit der gleichen Bus-Unternehmung. Dort fährt man mit Bus Eireann (Bild oben). Geht auch und auch kaum länger, als wenn man die Strecke im eigenen Auto bewältigen wollte. Die Busfahrpläne, einsehbar im Internet, sind zuverlässig. Letzten Endes genossen wir die Woche in Irland mit öffentlichen Verkehrsmitteln intensiver als mit einem Mietwagen.

Wie es im konkreten Fall mit der Umweltbelastung steht, welche die Busse verursachen, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf den grossen Strecken waren sie immer fast ausgebucht, auf den kleinen blieben dann rund zwei Drittel der Plätze frei. Generell ist klar, und das gilt für alle Verkehrsmittel: Die relative Umweltverträglichkeit hängt zu einem wesentlichen Teil von der Auslastung ab. Wenn alle Leute wegen der Alters- oder einer andern Grenze vom Auto auf den Bus umsteigen müssten, sinniere ich auf einer Fahrt in einem ziemlich leeren Lokalbus, wäre dieser wohl überfüllt.

Zug statt Flug: Mehr Kontakt und Abenteuer

Ich bekenne. Ich bin inkonsequent, was das Reisen anbelangt. Meistens reise ich beruflich, als Auslandjournalist oder als Reiseleiter und Experte für gewisse Länder und Themen für ein Unternehmen (dessen Namen ich nicht nenne, um keine Schleichwerbung zu betreiben). Einerseits reise ich damit oft im Flugzeug kreuz und quer durch die Welt. Andererseits bevorzuge ich in den einzelnen Staaten, wo immer es geht, öffentliche Land-Verkehrsmittel.

Ich tue das nicht primär aus ökologischen Gründen, sondern weil ich die Erfahrung machte und mache, dass ich auf diese Art am besten und auf zwanglose Weise mit Menschen im betreffenden Land in Kontakt komme. So reiste ich schon mehrmals mit Kurszügen durch die Türkei und von dort weiter nach Iran oder andern Staaten in Zentralasien. Da kann man noch echte Reiseerfahrungen machen.

Zwiespältige Erfahrungen beginnen manchmal schon bei der Planung der Reise – sofern man diese nicht von A bis Z selbst in der Hand hat respektive auf dem iPad verifiziert und bucht. Ich dachte ja, naiv, dass ein Reisepartner-Unternehmen in einem bestimmten Land mühelos das Richtige buchen könne – weit gefehlt. Meine Erfahrung besagt: Die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Agenturen begehen unglaubliche Fehler, weil sie selbst nicht mit der Bahn fahren.

Selbst Umwege können sich lohnen

Zwei Mal passierte es mir, dass mich eine Agentur in Istanbul auf Züge buchte, welche in die Irre führten. Beide Male ging’s darum, ab Ankara respektive ab Kayseri Plätze auf einem Zug nach Tatvan, in der Nähe der iranischen Grenze, zu reservieren. Beide Male landete ich respektive landeten wir (total 14 Personen) auf einem Zug nach Dyarbakir. Von dort aus mussten wir mit einem Bus quer übers Gebirge fahren, um dann doch noch nach Tatvan zu gelangen.

Dieser Umweg war nicht ganz risikofrei. Dyarbakir war schon damals (das liegt nun drei respektive vier Jahre zurück) eine Stadt mitten im Konflikt zwischen der türkischen Armee und den Kurden. Aber die Fahrt war schön, sogar spektakulär, und wir überlebten ja auch Alles ohne Probleme.

In Turkmenistan und Uzbekistan fuhren wir immer in der zweiten statt in der ersten Bahn-Klasse. Das war nicht so schlimm oder wäre nicht schlimm gewesen, hätten uns auf einer dieser Fahrten nicht ein paar Details irritiert. Es war im September, knallheiss in Turkmenistan, und der Zweitklasswagen hatte nur Fenster, die man nicht öffnen konnte. Kam dazu, dass es am Ende des Wagens, nahe unserer Abteile, auch noch eine Feuerstelle für Leute gab die sich während der Fahrt gerne einen heissen Tee zubereiten wollten.

Tee kochen wollten wir allerdings nicht, lieber etwas frische Luft. Also tat ich etwas, das man eigentlich nicht tun sollte: Ich öffnete, mit einem Schweizer Taschenmesser, zwei Schrauben an einem Gangfenster – und schon hatten wir Frischluft auf der Fahrt von Ashghabad nach Mari. Logischerweise riet ich einem Mitreisenden, Gleiches im Abteil zu versuchen – leider mit allzu durchschlagendem Erfolg. Die Scheibe sprang in tausend Scherbenstücke. Was zur Folge hatte, dass erst ein Bahnbeamter mit einem Stern auf der Schulterpatte (sah so aus, wie bei uns die Brigadiers), dann einer mit zwei Sternen kam und uns die Gewissensfrage stellte: Wer hat das getan? Ich lasse Details beiseite – das Ganze endete damit, dass ich für die zerstörte Scheibe in bar zahlte. Umgerechnet vier Franken fünfzig.

Wer mit der Bahn durch fremde Länder reist, hat viel zu erzählen. Und wenn er dabei auch seine Treibhausgas-Bilanz etwas vermindert – umso besser.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine. Erich Gysling ist Auslandjournalist, regelmässiger Mitarbeiter von Infosperber und leitet als Experte Reisen in West- und Mittelasien.

Weiterführende Informationen

Dossier: "Anders Reisen - Umwelt schonen"

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2 Meinungen

Traurig, wenn man schreiben muss: «selbst Auslandjournalisten reisen zuweilen in Zug und Bus». Ich war 1996, als totaler journalistischer Anfänger, in Bosnien unterwegs. Hatte weder ein Auto noch Geld für einen Chauffeur oder Dolmetscher. Also lernte ich serbokroatisch und fuhr Bus. Einmal sass ich im Bus mitten in einer Gruppe Frauen aus Srebrenica. Sie hofften noch, ihre Männer und Söhne seien gefangen genommen, nicht getötet worden. Sie sagten mir: Du bist Journalist, fahr hin und suche unsere Männer, wir können nicht. Das war beklemmend, ich war überfordert. Aber ich glaube, einiges verstanden zu haben, was viele der Journalisten nicht verstanden, die in Holiday Inn in Sarajevo wohnten und sich mit Chauffeur und Dolmetscher durchs Land bewegten.
Marcel Hänggi, am 19. Juni 2019 um 15:56 Uhr
Als überzeugter Nichtflieger bin ich im vergangenen April/Mai per Bahn/Bus/Schiff über Petersburg/Russland, Georgien, Armenien, Iran Türkei und Zypern nach Palästina gereist. Auch ich musste dabei über meinen Schatten springen, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: von Jerewan nach Teheran gab es ein «Visum on demand» nur am Flughafen in Teheran: also musste ich nach 40 Jahren ohne Flieger über meinen Schatten springen..... Allerdings war ich darauf vorbereitet, da ich von Zypern nach Tel Aviv bereits vorgesehen hatte, zu fliegen, da der Zugang durch den Irak/Jordanien sehr kompliziert geworden wäre. Wie Erich Gysling schreibt, kommt man dabei den einheimischen Menschen sehr nahe: da ich in den bereisten Ländern weder Sprache noch Schrift beherrschte, kam ich mir wie ein hilfloses, altes Riesenbaby vor und war immer und überall auf freundliche, hilfsbereite Menschen angewiesen. Ergebnis: fast jeden Tag hatte ich den Eindruck, dass es überall Menschen gibt, die nur darauf warten, bis ich komme, damit sie mir beistehen können. So leben nun Russen, Georgier, Armenier, Iraner, Türken, Zyprioten, Israelis und Palästinenser in meinem Herzen weiter. Für mich sind dies die wertvollsten Reiseerinnerungen.
matthias wegmann, am 22. Juni 2019 um 08:26 Uhr

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