Umsteigen vom Bike aufs Fell: Autor Helmut Scheben auf dem Weg zum Pizzo Stella © Ret.
Wie eine Barkasse im Sturm Anfahrt zur Hütte © HS
Was weiss es schon © HS
Auf dem Weg ins weisse Nichts © ret
© HS

Anders reisen: Der Berg ruft

Helmut Scheben / 14. Jun 2019 - Eine Juni-Skitour mit ÖV und Velo. Abenteuer pur, aber Vorsicht! Lesen Sie die Packungsbeilage.

Red. Mit der Serie «Anders Reisen» weist Infosperber auf die Konflikte zwischen wachsendem Reisekonsum und Umweltbelastung hin und zeigt, wie sich diese Konflikte entschärfen lassen. Heute mit einer Reportage über eine Bergtour, die der Autor im Kombinierten Verkehr Bahn-Bike-Bus-Ski erfahren und dabei gelernt hat: Klimafreundliches Reisen bietet keine Garantie für freundliches Wetter.

Kurz vor Campsut im Avers hält das Postauto am Abzweig nach Val di Lei. Der Chauffeur wartet geduldig, bis wir Rucksäcke und Skier ausgeladen und die Velos hinten abgehängt haben. Ein paar Fahrgäste grinsen: Da sind zwei Typen, die im Sommer die Skier mitnehmen zum Velo fahren. Chli bireweich...

Eine schmale asphaltierte Strasse führt durch Arvenwald nicht weit den Berg hinauf bis an einen Tunnel. Am Eingang des Tunnels muss man im Winter einen Knopf drücken, dann öffnet sich das Tor. Im Sommer scheint das Tor immer offen zu sein, es hat aber ein Rotlicht, denn der Tunnel ist einspurig. Wir fahren die tausend Meter durch den Berg und kommen heraus am Staudamm im Val di Lei. Wir sind in Italien, aber die Staumauer steht auf Bündner Boden.

So will es der Staatsvertrag, der 1949 geschlossen wurde. Die Kraftwerke Hinterrhein haben den Tunnel und die Staumauer gebaut und Anfang der sechziger Jahre das lange Tal geflutet. Vor dem Bau des Tunnels waren die Alpen des Val di Lei nur von der Lombardei her zugänglich.

Eine Barkasse im Sturm

Auf der Staumauer packt uns der kalte, nasse Wind. Mit den am Rucksack fest gebundenen Skiern ist der Schwerpunkt weit oben. Man fährt langsam und unsicher mit dem Aufbau auf dem Rücken, eine schwankende Barkasse im Sturm.

Mit Ski auf Bike durchs Val di Lei. Bild: Helmut Scheben.

Mein Freund Reto hatte sich überreden lassen, eine Skitour mit Bahn, Bus und Velo zu versuchen. Schon auf diesem ersten kurzen Stück im kalten Regen befällt uns der Verdacht: Es wird vielleicht gar nicht so schön, wie man es von einer Öko-Wohlfühltour erwarten sollte. Aber für morgen hiess ja die Wetterprognose: ganze Schweiz schön.

Es geht über den Damm auf die andere Talseite zu unserer Unterkunft im Rifugio Baita del Capriolo. Dort wirtet Valentino Del Curto mit seiner Frau Rosella. Tochter Silvia bringt uns Veltliner Köstlichkeiten und einen einwandfreien Chianti. Wir sind nicht die einzigen, die auf die Idee kommen, eine Frühsommer-Skitour mit Velo im Val di Lei zu machen. Am Cheminee-Feuer hocken noch ein paar Gestalten, die ein Aroma von Abenteuer und Skisocken verbreiten.

Im Rifugio: Hüttenwart Valentino del Curto. Bild: Helmut Scheben

Valentino hat immer frisches Quellwasser. Aber 700 Meter Leitung verlegen, und das in mehreren Metern Tiefe: „Es hat Schweiss und Blut gekostet“, sagt Valentino. Er musste einen Bagger kaufen. Aber der Bagger ist nun unser Glück. Denn die Naturstrasse am See war noch nicht schneefrei. Der Patron ist mit dem Bagger durchgefahren und hat geräumt, wo Schneerutsche den Weg versperrten.

Um viertel nach vier am nächsten Morgen ist Valentino schon in der Küche und serviert uns Kaffee, heisse Milch, Brot, Butter und feine Konfitüre. Auch Tee für die Tour. Ein Patron von der Sorte, wie es sie bisweilen noch in Hütten und Berggasthäusern gibt: Hinter seinem rauen Ton und der grossen Moustache verbirgt sich eine herzliche Gastfreundschaft.

Wie die Ritter aufs Ross

Es wird gerade hell, als wir die Velos besteigen. So ähnlich muss es ausgesehen haben, wenn die Ritter in ihrer Rüstung versuchten, aufs Ross zu kommen. Der schwere Rucksack mit den Skiern drückt einen fest auf den Sattel. Nach den ersten Kilometern über den holprigen Naturweg am See entlang ist das Sitzfleisch abgenutzt, man hockt bald einmal auf den Knochen. So jedenfalls fühlt es sich an.

Dieses Tal gehörte fast 300 Jahre lang zu Graubünden. Erst 1797 kam es mit dem Verlust der eidgenössischen Gemeinen Herrschaft Chiavenna unter italienische Hoheit. Wir radeln nach Süden auf unser Ziel zu, den 3.163 Meter hohen Pizzo Stella. Er verbirgt sich hinter einer grossen Wolke. Wo es über Schnee geht, müssen wir absteigen.

Auf dem Weg ins weisse Nichts

Nach etwa neun Kilometern ist das Talende erreicht, wir stellen die Räder ab und legen die Felle auf die Skier. Es war nicht kalt genug in der Nacht, der Schnee ist im unteren Teil der Tour nass. Über eine Folge von Tobeln und Rücken geht es immer nach Südwesten, aber die Orientierung wird bald einmal schwierig, denn je höher wir kommen, umso dichter wird der Nebel.

Je höher wir steigen, desto dichter wird der Nebel. Bild: Helmut Scheben

Bei etwa 2650 Meter Höhe müsste laut Karte der Gletscher beginnen, aber wir wissen nicht, wie viel Eis überhaupt noch übrig ist. Der Schnee ist nun zwar pulvrig, der Untergrund ist fest, aber wir gehen ins weisse Nichts. Das GPS hilft, den Kurs zu halten, doch es gibt immer wieder Abbrüche und Löcher, die man erst bemerkt, wenn man unerwartet abrutscht oder das Gleichgewicht verliert. Wir sehen Spuren vom Aufstieg einer Gruppe, aber auch diese Spuren erscheinen uns merkwürdig mäandernd.

Ade Pizzo Stella

Die Wetterprognose war gut, und so graben wir uns an einem Felsen windgeschützte Sitzplätze in den Schnee: Abwarten und Tee trinken, bis es aufreisst. Es nützt aber alles nichts. Als nach langem Warten kein Loch in den Wolken erkennbar wird, sagen wir: ciao baby, ciao Stella. Es hätte, um Humphrey Bogart in Casablanca zu zitieren, der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein können.

Abfahrt im dichten Nebel. Unsere Haltung ist die von einem – sagen wir mal – etwas furchtsamen Motorradfahrer. Wo der Schnee einen gefrorenen Deckel gebildet hat („du carton“, sagen treffend die Welschen), sind die Skitouren nicht so romantisch, wie es in den Werbebroschüren der Outdoor-Branche dargestellt wird.

Die physikalischen Gesetze im Bruchharsch

In den Kurven brechen die Skier ein, und dabei kommen vor allem zwei physikalische Gesetze zur Geltung, die gleichermassen unerbittlich sind: das Gesetz der Schwerkraft und das Gesetz der Trägheit der Masse. Ersteres bewirkt die zentripetale Bewegung, also Richtung Erdmittelpunkt, und letzteres eine Art von Vorwärtsstreben des Oberkörpers, obwohl die Skier schon im Schnee feststecken. Beide Bewegungen resultieren in einem Ereignis, das in der Terminologie der Artillerie Sprengaufschlag heisst.

In solchen Momenten geht einem vieles durch den Kopf. Zum Beispiel, dass man immer schon mal ein Buch schreiben wollte mit dem Titel „Zur Psychologie des blödsinnigen Bergsteigens.“

Der Berg kann auch ohne uns

„Der Berg ruft“, heisst es immer wieder in der Mythologie der alpinistisch Passionierten. Ja liebe Leute, was ruft er denn? Ich bezweifle, dass der Berg uns aus Sympathie zu sich ruft. Es ist ihm wohl eher ziemlich wurscht, ob wir kommen. Vielleicht ruft er aber auch: „Bleibt um Gottes Willen da unten, wo ihr seid, ihr traurigen Goretex-Kasperl.“

Wenn Luis Trenker schrieb, dass der Berg ihn rufe, dann meinte er natürlich seinen eigenen Trieb, Gipfel zu besteigen, um Flachlandtirolern in Kinosälen Höhenangst einzujagen.

Das sagte Trenker aber nicht. Er sagte, er ginge hinauf, weil er glaube, dass der Mensch dort oben Gott und dem Himmel näher sei. Dass aus diesem Glauben die milliardenschwere Outdoor-Industrie entstand, bestätigt die These, dass es keine Sorte Glauben gibt, die der Kapitalismus nicht profitabel machen kann.

Wer als Bergsteiger ehrlich ist, muss zugeben: Der Berg ist oft neblig und saukalt. Er besteht in weiten Teilen aus deprimierend endlosen Geröllhalden. Welche Sympathie soll ich denn empfinden für Orte namens Bös Fulen, Krottenkopf, Chrummenfadenfluhe, Windgällen, Finsterahorn, Schattenwand, Unghür? Da lacht der Berg. Er lacht sadistisch.

Gäbe es nur Tanzboden, Blüemlisalp, Jungfrau und Vrenelis Gärtli zu besteigen, das ginge ja noch. Aber bitte sehr: Teufelshörner oder Les Diablerets? Das klingt nicht vertrauensbildend, sondern eher düster nach Via Mala.

Was weiss denn schon ein Murmeltier vom klimakorrekten Reisen? Bild: Helmut Scheben

Die Rückfahrt auf dem Velo ist aber keine Via Mala, sondern eher eine Via Allegra: Wir bieten das willkommene Spektakel für alle Murmeltiere im Val di Lei. Alle paar Meter rennt eins über den Weg oder streckt den Kopf aus dem Loch. „Wieder so zwei Wahnsinnige“, denkt dann das Murmeli. Murmeltiere haben natürlich keine Ahnung von politisch korrektem Verhalten im Klimawandel.

Im Ristorante ist viel Volk. Einheimische aus dem Avers sitzen beim Mittags-Menü.„Wie war die Tour?“ fragt Valentino. „Ziemlich neblig.“ Zum Trost offeriert er selbstgemachten Kräuterlikör.

Vor einer Stunde fluchten wir noch im Nebel, und jetzt hocken wir nicht weit vom seelenheizenden Cheminee, und alles ist nur noch halb so schlimm.

„Alpinismus ist erst schön, wenn‘s vorbei ist“, sagte einmal der österreichische Spitzenkletterer Heinz Mariacher.

Aus der Küche kommen feine Gnocchi, und ein Glas Rotwein tut das seinige, um jene bekannte Erinnerungsdramaturgie in Gang zu setzen, die alles umschichtet und das unterste zoberscht kehrt:

„Am Schluss war es doch eine coole Tour“, grinst Reto. Wenn eine kalte, klare Nacht käme, meint er, und der ganze Pflotsch würde festfrieren, und dann käme ein sonniger Tag.... dann könnten wir ihn doch nochmal versuchen, den Pizzo Stella.

„Du willst sagen: Der Berg ruft?“

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine.

Weiterführende Informationen

Dossier: Anders Reisen - Umwelt schonen

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