Kim Jong-un Donald Trump © The White House/flickr/cc

Kim Jong-un und Donald Trump bei Treffen in Hanoi, Februar 2019

Nordkorea: Überleben mit «Wasser und Luft»

Peter G. Achten / 30. Mai 2019 - Jeden Frühling gibt es Hilferufe aus Pjöngjang wegen Nahrungsmittelmangels. Aber kann humanitäre Hilfe von Politik getrennt werden?

Die Versorgung Nordkoreas mit Lebensmitteln, so das UN-Welternährungsprogramm, sei so schlecht wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Die letzte Ernte sei durch Hitze und Dürre im vergangenen Sommer und den darauf folgenden Taifunen, Überschwemmungen und Erdrutschen stark beeinträchtigt worden. 2018 sind so rund 700`000 Tonnen zu wenig geerntet worden. Im laufenden Jahr setzten sich die natürlichen Kalamitäten fort. Zwischen Januar und Mitte Mai fielen gerade einmal 56 Millimeter Regen, das heisst nur 42 Prozent der üblichen Menge. Laut nordkoreanischen Medien sei dies letztmals 1917 der Fall gewesen.

Im laufenden Jahr, so UNO-Experten, fehlen 1,4 Millionen Tonnen Nahrungsmittel. Die Parteimedien schreiben von der «schlimmsten Trockenheit seit einem Jahrhundert», eine Einschätzung freilich, welche dieselben Medien bereits 2015 verwendet haben. Nordkoreas UNO-Botschafter Kim Song veröffentlichte bereits im Februar einen ungewöhnlichen Aufruf für Nahrungsmittelhilfe.

«Extreme Trockenheit»

Die Parteizeitung «Rodong Sinmun» spricht von «extremer Trockenheit»; die Frühernte von Weizen, Gerste, Mais, Kartoffeln und Bohnen im Juni sei ernsthaft bedroht. Das Parteiblatt ruft dazu auf, «alle Kräfte auf die Landwirtschaft zu bündeln» und die Verbundenheit der Partei mit Reis zu zeigen. Auch die UNO-Landwirtschaftsorganisation FAO und das UNO-Welternährungsprogramm (WFP) zeigen sich ob der aktuellen Lage tief besorgt. Für die Juni-Ernte seien die «Prognosen schlecht».

Das WFP macht sich «grosse Sorgen», seien doch rund 40 Prozent der Bevölkerung akut bedroht. Eines von fünf Kindern sei chronisch unterernährt. «Die weitverbreitete Unterernährung», so das WFP, «bedroht eine ganze Generation von Kindern».

Raues Klima

Das raue Klima Nordkoreas machte seit jeher Selbstversorgung unmöglich. Früher freilich konnten mit Devisen Nahrungsmittel aus dem Ausland zugekauft werden. Doch seit den frühen Neunzigerjahren fiel wegen der kollabierenden Sowjetunion die Haupthilfe weg. Dazu kamen die kollektive Landwirtschaftspolitik, Abholzung und Raubbau sowie Unwetter, welche zur grossen Hungersnot Mitte der Neunzigerjahre geführt haben.

Damals sind der Hungersnot, je nach Schätzung, ein bis zwei Millionen Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner zum Opfer gefallen. Seither herrscht chronischer Nahrungsmittelmangel.

Die Privilegierten

Noch immer hängt gut ein Viertel der Bevölkerung vom Verteilungssystem des Staates ab. Doch das funktioniert nicht mehr. Die Privilegierten, schätzungsweise zwei bis drei Millionen von insgesamt 25 Millionen Menschen, versorgen sich mit Lebensmitteln auf den illegalen, jedoch stillschweigend geduldeten freien Märkten. Wegen der UNO-Sanktionen seit 2016 – wegen der nordkoreanischen Atom- und Raketentests – fliessen selbst aus China und Russland nur noch spärlich Importe. Auch der Schmuggel an der nördlichen nordkoreanisch-chinesischen Grenze soll schwieriger geworden sein.

Humanitäre Hilfe

Von den UNO-Sanktionen ausgenommen ist humanitäre Hilfe. Bereits hat Südkorea mit Zustimmung der USA ein millionenschweres Hilfspaket in Aussicht gestellt. Humanitäre Hilfe ist freilich nicht unumstritten. Die Geberländer haben nämlich bei der Verteilung keinerlei Kontrolle. Ob die Hilfe tatsächlich den Bedürftigen und nicht den Militärs zugutekommt oder gar auf den freien Märkten landet, ist höchst ungewiss.

Dass humanitäre Hilfe immer politisch ist, zeigt schon Nordkoreas blumige Propaganda. So heisst es etwa, allein die Amerikaner seien an allem schuld wegen der Sanktionen. Ziel der USA sei es, «Nordkorea zu erwürgen». Nach dem erfolglosen Gipfel von US-Präsident Trump mit dem «Grossen Führer» Kim Jong-un im Februar in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi liess Nordkoreas Propaganda die Welt wissen, dass Pjöngjang dem internationalen Druck nicht nachgeben werde, sogar wenn das Volk «nur mit Wasser und Luft» überleben müsste. Bereits hat die Regierung Konsum-Restriktionen verfügt.

Der grosse Nachbar

Längerfristig ist aber der junge Marschall Kim Jong-un trotz extrem repressiver Politik gegenüber dem Volk auf eben dieses Volk angewiesen. Die Lösung des seit Jahrzehnten anhaltenden Nahrungsmittelproblems ist dabei zentral. Der grosse Nachbar China wird bei der Problemlösung, so Kim das überhaupt will, die entscheidende Rolle spielen.

Bereits Kims Grossvater Kim Il-sung und Vater Jim Jong-il hatten verschiedentlich Gelegenheit, das erfolgreiche chinesische Modell zu studieren: Wirtschaftsreform und Wohlstand ohne den absoluten Herrschaftsanspruch der Partei zu verlieren. Doch weder Kims Grossvater noch Vater zogen daraus Konsequenzen.

Status Quo

Der noch junge Kim hat sich zwar verbal für Reformen der Wirtschaft ausgesprochen, doch entscheidende Taten blieben bislang aus. Sollte Pjöngjang im Konflikt mit den USA erneut Atombomben und Raketen testen, wären chronischer Nahrungsmittelmangel, Unterernährung und Hunger gewiss. China, Amerika, Russland, Japan und Südkorea, die alle mit Nordkorea während Jahren an den Pekinger Sechsergesprächen verhandelt haben, sind der internationalen Stabilität wegen am Status Quo mit einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel interessiert.

Kim Jong-un gilt unter südkoreanischen Experten als rational, gut informiert und intelligent. Wird er andere Schlüsse ziehen als sein Grossvater und Vater?

PS.: Hunger in andern Ländern noch schlimmer

Nordkoreas Nahrungsmangel und Hunger sind in den Medien wegen der geopolitischen Lage des Landes in Nordost-Asien und der Atombomben immer wieder in den Schlagzeilen. Andere Länder, die noch mehr Hunger leiden, werden nur selten erwähnt. Nach dem globalen UNO-Hunger-Index liegt Nordkorea auf Platz 109 von insgesamt 119 Ländern. Noch schlimmer dran als Nordkorea sind (in dieser Reihenfolge) Timor-Leste, Afghanistan, Sudan, Haiti, Sierra Leone, Sambia, Madagaskar, Jemen, Tschad und auf Platz 119 die Zentralafrikanische Republik.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Dossier: Das Nordkorea von Kim Jung-un

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Eine Meinung

Wenn ich mir Herrn Kim Jong-un so anschaue, verstehe ich, warum in Nordkorea Hungersnot herrscht......
Franz Peter Dinter, am 30. Mai 2019 um 21:30 Uhr

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