US-Präsident Donald Trump und Irans Präsident Hassan Rohani. © RI

US-Präsident Donald Trump und Irans Präsident Hassan Rohani.

Tosende Stille am Persischen Golf

Erich Gysling / 09. Aug 2019 - Der Konflikt zwischen USA und Iran eskaliert schrittweise. Der neusten Entwicklung schenken grosse Medien zu wenig Aufmerksamkeit.

Es ist keine internationale Verschwörung, welche die Hochspannung zwischen den USA und Iran, die explosive Lage am Persischen Golf insgesamt, medial in den Hintergrund verdrängte. Trumps Währungskrieg gegen China, Johnsons No-Deal-Brexit-Wahn oder der vom indischen Hindu-Nationalisten Narendra Modi willkürlich angeheizte Kashmir-Konflikt: Das alles steht bei den Medien dieser Tage offenkundig mehr im Fokus als der Mittlere Osten. Dies obwohl dort die Lage täglich um ein oder zwei oder drei Grad (auf der, wie man früher sagte, nach oben offenen Richter-Skala…) eskaliert.

Ebenso wenig informierten westliche Medien über das intensivierte militärische Engagement Israels „im Vorhof“ Irans, also in Irak. Mit US-amerikanischen F-35-Jets attackierten die israelischen Streitkräfte innerhalb von zehn Tagen zwei Basen iranischer Milizen auf dem Territorium Iraks. Das Ziel der zweiten Attacke lag in gefährlicher Nähe zur iranischen Grenze. Bemerkenswert: die Regierung Iraks, die sich bisher als „neutral“ zwischen den USA und Iran profilierte, liess die Israeli gewähren. Verfolgt sie diese Linie weiterhin, wird sie zur Parteigängerin Jener, die von einem Krieg gegen Iran „den“ Befreiungsschlag erwarten.

Verhandlungen werden immer unwahrscheinlicher

Wenig journalistisch recherchiert wurde auch das Tauziehen um den iranischen Aussenminister Mohammed Jawad Zarif. Bis vor wenigen Wochen schien sogar die generell klobige Aussenpolitik der USA darauf zu setzen, dass, wenn überhaupt, Zarif DER Mann sei, mit dem man allenfalls verhandeln könne. Worüber, das blieb allerdings immer offen. Als Zarif als Vertreter seines Landes im Juli bei der UNO in New York war, ergriff der US- Senator Rand Paul die Gelegenheit zu einem Gespräch. Er lud, offenkundig im Auftrag des Weissen Hauses, Zarif zu einem Besuch in Washington ein. Wow, hätte das tolle Fotos ergeben: der „kleine“ Zarif beim „grossen“ Trump. Der US-Präsident hätte sich damit schmücken können, die Iraner zur Raison zu bringen. Klare Resultate hätte Trump gar nicht gebraucht – Fotos, Videos hätten genügt, um ihn vor seiner getreuen Anhängerschaft als Giganten der Diplomatie zu bestätigen. Hatte das nicht schon einmal funktioniert, bei Kim Jong-Un? Warum sollte es nicht wieder funktionieren?

Nun ist Iran eben nicht Nordkorea. Nicht nur Zarif, sondern auch die Oberen in Teheran Khamenei und Rohani stellten, anders als Kim Jong-Un, Bedingungen: Trump müsse zuerst zumindest einige Sanktionen annullieren, sonst gäbe es keine Begegnung. Das fiel in Washington auf taube Ohren, worauf das schon so schön angebahnte Treffen annulliert wurde. Nicht nur das: nun zeigte sich die Hardliner-Umgebung Trumps gekränkt und schritt zum Gegenangriff über: Zarif wurde persönlich mit Sanktionen belegt.

Spätestens jetzt stellt sich die Frage: wenn überhaupt, dann mit wem soll / könnte ein US-Unterhändler in Iran noch Kontakte anknüpfen? Da fällt kaum jemandem noch jemand ein. Woraus man folgern muss, dass sich die Krise willkürlich täglich oder wöchentlich verschärfen kann.

Zunehmender Einfluss der Revolutionswächter

Diverse Kommandanten von iranischen Schnellboot-Einheiten im Persischen Golf erkennen jetzt ihre Chance, dem Feind respektive dem doppelten Feind USA und Grossbritannien Nadelstiche zu versetzen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein weiterer Tanker in der Region der Meerenge von Hormuz unter irgendeinem Vorwand gekapert wird. Navigationsfehler sind möglich, auch administrative Klein-Verfehlungen hinsichtlich der Ladung etc – Vieles können die iranischen Revolutionswächter als Anlass zumindest für eine Durchsuchung, wenn nicht gar für eine Festsetzung nutzen. Es gibt auch in den Seerechts-Konventionen noch ziemlich viel Spielraum – vor allem den, ob das Kriegsschiff einer anderen Nation sich bei den iranischen Behörden (und das sind im konkreten Fall im Golf die Revolutionswächter) anmelden muss oder nicht. Bisher legten die Iraner die Konventionen tolerant aus – selbst einen US-Flugzeugträger liessen sie passieren, ohne Nachfragen zu stellen.

Vieles deutet darauf hin, dass die Revolutionswächter, die direkt dem obersten geistlichen Führer unterstehen, einen Machtkampf gegen die „klassischen“ Diplomaten wie Mohammed Jawad Zarif führen. Sie haben ihn teilweise bereits gewonnen. Und ihr Einfluss wird umso stärker, desto mehr sich die wirtschaftliche Lage im Land zuspitzt, desto knapper Medikamente werden, desto mehr Inflation beim täglichen Einkaufen spürbar wird. Je brutaler der US-Wirtschaftskrieg die iranische Bevölkerung trifft.

Iran wird sich politisch, in absehbarer Zeit, so weiter verhärten. Der von den USA angeheizte Konflikt stärkt ausgerechnet die iranischen Revolutionswächter, welche die USA als Terroristen einstufen.

Eine friedliche Lösung ist bald nicht mehr vorstellbar.

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4 Meinungen

Ich versteh nicht, wie man so «sachlich» über einen möglichen, hundert Tausende von möglichen Opfern fordernden Krieg schreiben kann. Eine solche, anscheinend emotional unbeteiligte Darstellung der Lage, trägt dazu bei, einen solchen Krieg als «gegeben», als «Schicksal» hinzunehmen. Nicht schwierig, hier, in der sicheren Schweiz ...
bernhard sartorius, am 09. August 2019 um 14:52 Uhr
Der so «sachliche» Bericht schockiert in der Tat. Möglicherweise löst er aber beim lesen um so mehr Emotionen aus.
Urs Simmen
Urs Simmen, am 10. August 2019 um 10:00 Uhr
Die USA lancieren – derzeit finale Phase – Krieg, bis sie ihr Endsiegziel (seit mindestens 150 Jahren fixiert, gemäss Vorbild damaliger Genozid gegen die Native Americans, Oberinspektor Derrick würde es Raubmord nennen) Planetalleinherrschaft erreicht haben. Dass die Schweiz nicht Sanktionen gegen die USA fordert, dass die Schweiz nicht via UNO eine «Alternative UNO» initiiert (die allen Ländern der Erde Sicherheit/Frieden gewährt) und stattdessen für die bisherige Schein-UNO alias USA-Konstrukt sogar noch jährlich Millionen Mitgliedsbeitrag scheininvestiert für die Zukunft, das ist unser persönlicher Anteil am Skandal.
Wolfgang Reuss, am 10. August 2019 um 11:50 Uhr
Herr Sartorius, ihre Kritik am Bericht von Erich Gysling kann ich nicht nachvollziehen. Von Herrn Gysling bin ich mir sachliche, genaue, wahrheitsgetreue Analysen, vor allem über den Nahen Osten, gewohnt. Kritik daran sollte auch sachlich sein, dies vermisse ich bei ihrer Meinung. Zudem kennt Erich Gysling den Nahen Osten nicht nur von der Schweiz aus. Es ist zu bedauern, dass man einen der besten Nahostkenner aus der Schweiz nicht mehr bei der SRG hören kann. Dies galt in den letzten Jahren auch für den leider verstorbenen Arnold Hottinger. Nun spricht man am Radio halt lieber mit Stephan Grigat über den Konflikt oder im TV kann Michael Wolffsohn bei Erich Guijer kritiklos über den gefährlichen linken Antisemitismus fabulieren. Bei Markus Gilli konnte ich kürzlich dem Auftritt von Erich Gysling zuhören. Dem vielleicht besten Nahostkenner der Schweiz sollte man viel öfters zuhören können. Die sachliche Darstellung wird bei den meisten Lesenden Emotionen hervorrufen, die einen solch «gegebenen» als «Schicksal» hinzunehmenden Krieg eben nicht ermöglichen möchten.
Martin Kaufmann, am 10. August 2019 um 13:06 Uhr

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